A Spark

So nervös war ich seit der Umtopfung unserer Westminister-Cathedral-Rose nicht mehr. Es vibrrriert. Von allen Seiten fliegt in der und durch die Tiefe der Nacht die Eilmeldung: Corbyns the man! Das Ergebnis ist knapp, fast gleichauf, sitzt auf der Schneide!

Das kann ja wohl nicht wahr sein. Kann das denn wahr sein?! Nach den ersten Prognosen steht fest: Keine Parlamentsmehrheit für die Tories, no, no, never. Wie schön ist allein das schon, wie tröstlich! Und es geht immer noch mehr.

Und das neoliberale Schleimgesocks zumal der Qualitätsmedien kann die ersten Hochrechnungen nicht fassen, es stammelt auf den diversen Frequenzen, wie erwischte Heuchler stottern. Herrliche Studioszenen, riesige Sträuße aus Blüten der Lüge!

Und plötzlich fühl ich sie ganz nah und wahr: eine Kehrtwende der Politik nach drei Jahrzehnten des neoliberalen Kehraus. Eine echte Alternative zur angeblich alternativlosen Politik, ich riech sie. Die ihr immer verleumdet habt, ihr Politexperten. Gut möglich, daß ihr demnächst fortgejagt werdet – niemand dürfte euch vermissen! (Außer euren Adepten in den Qualitätsmedien.) – (Und so was Entgeistertes wie die ca. tausendjährige Dolmetscherin bei Phoenix gerade habe ich in Sachen Propaganda selten gehört – welch eine arrogante Konterrevolutionärin!)

Wie auch immer: Theresa May wird wohl keine legislative Mehrheit im Unterhaus erhalten: Ich kann wieder träumen. Wir können wieder, endlich wieder träumen! Battersea is won!

(Und ich geh hastig zu Bett, bevor ich erwache.)

(Kann nicht einschlafen. Träume offenen Auges. Sehe fern. Das kann doch nicht wahr sein!)

(Sehe soeben, wie der Kotzbrocken Nick Clegg sich einen Amoklauf mühsam verkneift, nachdem er seinen Sitz im Parlament an einen Labour-Mann verloren hat. O wut a nite!)

Photo: „Jeremy Corbyn 2“, by JJARichardson
(Eigenes Werk) [Public domain],
via Wikimedia Commons

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13 Kommentare

  1. 1

    Dein Wort in Gottes Ohr …

    Wir Materialisten reden lieber von des „Weltgeists“ Ohr. Und ich muß jetzt echt schlafen, bevor der Morgen graut. KS

  2. 2

    Der Morgen ist schon sehr blau inzwischen, und es sieht nicht so aus, als ob er doch noch Lord High Chancellor werden könnte, der nette alte Jeremy Corbyn. Aber daß die widerliche alte Thatcher-Wiedergängerin derart an Zustimmung verloren hat: allein das ist ein Grund zu großer Freude. Und natürlich, daß sich die Widerlinge von der UK Independence Party ganz genau die Anzahl an Parlamentssitzen erkämpft haben, die ihnen zusteht: null.
    You can fool all the people some of the time, and some of the people all the time, but you cannot fool all the people all the time: Der das gesagt hat, war zwar kein Brite, aber Mrs May und das Gesindel, zu dessen Nutzen sie jahrelang gelogen hat – und sicher weiterlügen wird, denn was andres hat sie nun mal nicht gelernt –, können sich das jetzt trotzdem fein hinter die Ohren schreiben. Die Herren Nutall und Farage müssen sich diese Mühe nicht mehr machen, denn die sind bzw. haben sich erledigt. Cheerio!

    Der Untergang der UKIP ist in der Tag ein rarer Grund zur Freude. Wird leider wieder einkassiert durch die kommende Regierungsbeteiligung der nordirischen Protofaschisten. KS

  3. 3

    Fein, nicht? Bloß daß Corbyn wohl auch keine Mehrheit bekommen wird.

    Deswegen bin ich rechtzeitig vorm Endergebnis schlafen gegangen. Sonst hätte ich ziemlich schlecht (statt zufrieden) geträumt. Der Tag begann dann freilich mit einer gewissen Enttäuschung. KS

  4. 4

    Sanders, Corbyn … der Herr gibt das Träumen nicht auf. Wenn solche Leute mit Versprechungen an die Macht kommen, sagt man ihnen am nächsten Tag, was sie tatsächlich zu tun haben und wofür sie das schöne teure Geld ihrer Herrschaft ausgeben dürfen. Dann überfallen sie Jugoslawien, danach zerstören sie den Sozialstaat und nach vollendetem Abriß alles Guten gehen sie in die Industrie als hochdotierte Frühstücksdirektoren. Corbyn wäre u. a. für Israel eine schlechte Wahl.
    Die Schadenfreude über die Niederlage der Tory-Ganoven lasse ich natürlich gelten. In diesen Zeiten ist Schadenfreude ein Lebenselixier.

    Ob Corbyn für Israel schlechter wäre als Trump es mit seiner idiotischen Außenpolitik im Nahen und Mittleren Osten bereits ist, lasse ich mal offen … Jedenfalls hinkt der Vergleich Corbyns mit solchen Opportunisten wie Schröder oder Tsipras auf beiden Beinen. Wenn einer etwas auf Prinzipien gibt, dann Mr Corbyn, der ewige Lümmel von der letzten Parlamentsbank. Überdies hätte eine Labour-Regierung im Rahmen des Möglichen durchaus dies und das für die armen Schlucker im Land verbessern können; das werden nicht mal Sie bestreiten können. Oder etwa doch? KS

  5. 5

    Das bestreite ich. Die Labourparty ist im Kern rechts und neoliberal aufgestellt, wie fast alle „sozialistischen“ Parteien in Europa. Der Gegensatz Tories/Labour ist so unwesentlich wie der zwischen Republikanern und Demokraten in Gottes eigenem Land. Tony Blair hat das ein für allemal klar gestellt. Auch wenn ein Corbyn nicht annähernd dieser zutiefst verdorbenen Charaktermaske ähnelt, würde ihm seine Partei den rechten (!) Weg schon weisen. Selbst seine aufrichtigsten Bemühungen müßten an den wahren Machtverhältnissen verpuffen. Substantielle Systemkritik kann ihm auch nicht nachgewiesen werden, seine Kritik an Erscheinungsformen des Kapitalismus á la Wagenknecht wird als Stimulanz verarbeitet, folgenlos wie Kabarett.
    „Es rettet uns kein höh’res Wesen… uns aus dem Elend zu erlösen … “ Naja, usw.

    Sie vergessen, daß Corbyn durch seinen Wahlerfolg die Neoliberalen in der Partei marginalisiert und den linken Flügel enorm gestärkt hat. Dies ist nun nicht mehr die Partei des Lügners und Kriegsverbrechers Blair. – Über die Unmöglichkeit, den Kapitalismus mit seinen eigenen Mitteln zu humanisieren, müssen wir freilich nicht streiten.
    Aber so lange die Weltrevolution nicht und nicht ausbrechen mag, sind eine Menge Leute, auch in Großbritannien, über etwas weniger Existenzangst wahrscheinlich recht froh: Das, immerhin, hätte ein Premier Corbyn ihnen geben können. Ich bin nicht zynisch genug, um den armen Schluckern massenhaft Not und Elend zu wünschen, auf daß sie den Klassenkampf motiviert in die Faust nehmen. KS

  6. 6

    Die „armen Schlucker“ brauchen nicht Not und Elend, um widerständig zu werden, sondern (politische) Bildung und daraus resultierend ein Bewußtsein ihrer tatsächlichen Lage und ihrer Stärke. Die Parteien, die die Abgehängten nicht organisieren, repräsentieren sie auch nicht. Wenn sie sich selbst organisieren, können sie auch von der Politik etwas erwarten, wie z. B. in den Siebzigern in Chile (mit bekanntem Ende). Wenn Corbyn es ernst meint mit seinen Forderungen, ist er in der Opposition so lange besser aufgehoben, bis die Unterstützung einer tragfähigen Menge der Bevölkerung die Umsetzung sozialer Ideen ermöglicht, weil dann und nur dann, wie Sie selbst sagen, die Herrschaft zum Profitkalkül gezwungen wird.
    DIE LINKE und namentlich Frau Wagenknecht haben mich diesbezüglich positiv überrascht, mit ihrer Absage an eine Regierungsbeteiligung aus genau diesen Gründen.
    Ich teile Ihre Ungeduld und Hoffnungen, lieber Herr S., bin aber zu alt, mich Illusionen hinzugeben.
    Freundschaftliche Grüße von einem Unbeugsamen.

    Gut, daß ich Sie, lieber Herr Schmid, habe, um meine Illusionen nicht zu bunt werden zu lassen. KS

  7. 7

    Lieber Herr Schmid,
    schon C. Cardew ließ seine Chöre ja singen: „Liberal, Labour, Tory: all the same. They play the part of monopoly capitalist hacks / No matter if they call us ‚brother‘, They want the price of the crisis to be laid on our backs.“ Und ich fürchte fast, daß er recht behielt. Aber lesen Sie doch mal die offenen Briefe, die Zeitungsbeiträge, in denen neoliberale Labour-Parteigranden vor Corbyn dienern und sich für alle Kritik der vergangenen Monate entschuldigen. Da bekommen Sie genug von ihrem Lebenselixier. Schon dafür ist Corbyn zu danken, auch wenn ich ihn tatsächlich ungern Außenpolitik machen sähe.

    Lieber Fabian – was stört Sie denn am außenpolitischen Programm von Labour? Das hier z. B. (aus dem Wahl-„Manifesto“) klingt doch recht vernünftig: „Labour is strongly committed to reducing human suffering caused by war. We will publish a strategy for protecting civilians in conflict, setting out detailed plans for work on conflict prevention and resolution, post- conflict peacebuilding, and justice for the victims of war crimes. Labour has created a Minister for Peace and Disarmament to lead this work.“
    Schauen Sie doch mal in die Broschüre und zeigen Sie mir, was an Corbyns Außenpolitik Sie ungern sähen; ich bin gespannt. KS

  8. 8

    Lieber Fabian,
    fürchten Sie nun, daß Cardew recht hat, oder doch nur fast? Ich sehe, daß er die traurige Wirklichkeit besingen läßt, bin aber jederzeit bereit, freudig meinen Irrtum einzugestehen, wenn sich die Dinge dahin entwickeln sollten. (Dank übrigens für den musikalischen Hinweis, das kannte ich noch nicht.) Als Lebenselixier habe ich die Schadenfreude etwas leichtfertig dahinschwadroniert. Sie ist mir eher wie ein Glas Wein am Abend von mäßiger Qualität. Viel lieber hätte ich den reifen, grandiosen, tröstend zurüstenden Schoppen der Freude über eine Entwicklung oder Erscheinung, die meine dystopischen Erwartungen als Irrtum entlarvt. Die Beschäftigung mit dem Parlamentarismus halte ich jedoch für ungeeignet, um der Menschheit eine Zukunft anzudichten. Frank Zappa hat die Politik als Entertainmentabteilung des militärisch-industriellen Komplexes bezeichnet. Wer bin ich, daß ich einem Zappa widersprechen dürfte?

    Zappa hätte vielleicht geantwortet: „Wer Sie sind? Sie sind am Leben.“ KS

  9. 9

    Interessante Lektüre!
    Besonders süß finde ich übrigens, daß der rechte Labour-Flügel folgenden Passus durchgedrückt hat: „We will always stand up for the rights, interests and self-determination of Britain’s overseas territories and their citizens, whether protecting the sovereignty of the Falkland Islands against anyone who would seek to challenge it, or supporting the right of the Chagos islanders to return to their homelands.“ Aber halten wir uns an die Hauptthemen. Und da erkenne ich an, daß Ihr Zitat gut klingt, sehr wichtig ist auch das klare Bekenntnis zur Beachtung von Menschenrechten im Kampf gegen den Terrorismus.
    Der Israel-Passus klingt aber weit weniger vernünftig, und die Rolle der Londoner Regierung als Vermittler in Nordirland wäre gefährdet, wenn dort ein eindeutig pro-katholischer Premier die Fäden in der Hand hätte. Andersherum ist es in dieser Hinsicht für den Friedensprozeß fatal, dass sich die Tories von der Zustimmung der DUP abhängig machen.

    Das „weit weniger vernünftig“ begründen Sie leider gar nicht. Ich lese in der Broschüre, daß Labour für eine Zwei-Staaten-Lösung eintritt, und die wird als Ziel auch von der israelischen Regierung verfolgt, wenngleich mit wenig Überzeugung. – Aber vielleicht meinen Sie etwas, das ich übersehen habe? Dann wäre eine Begründung erst recht hilfreich. (Daß es einen Haufen antizionistischer Labour-Funktionäre gibt und Corbyn denen nahesteht, weiß ich schon. Aber mit ihren Boykottforderungen haben diese Leute sich im Programm nicht durchsetzen können. Oder? Ich bitte um Aufklärung!) KS

  10. 10

    Ich finde die Beschreibung „blockade, occupation and settlements“ schon ziemlich eindeutig, und von einer diplomatischen Anerkennung Palästinas verspreche ich mir nichts Gutes für den Friedensprozeß, solange dort die Fatah an der Macht ist.

    Lieber Fabian, ich laufe Gefahr, wie ein glühender Labour-Verteidiger, der ich gar nicht bin, zu klingen; darum betrachten Sie mich lieber als Advocatus diaboli. Sie machen es sich etwas zu einfach, und das lasse ich Ihnen nicht durchgehen. „Ich finde die Beschreibung ‚blockade, occupation and settlements‘ schon ziemlich eindeutig“ – das ist ohne Begründung kein Argument (um das ich bat), sondern eine Behauptung. Was am Wort „settlements“ verwerflich ist, interessiert mich besonders.
    Außerdem haben Sie den Broschürentext etwas zu hastig gelesen, fürchte ich. Da steht unmißverständlich, daß die Zwei-Staaten-Lösung erst einmal gefunden sein, also Israel den neuen Nachbarstaat anerkennt haben muß, bevor eine Labour-Regierung gleichfalls anerkennt.
    Es is völlig richtig, die Haltung von Labour gegenüber Israel argwöhnisch zu beobachten. Aber Corbyn et al. zu unterstellen, was die gar nicht vorhaben, hilft nicht bei einer politischen Auseinandersetzung. KS

  11. 11

    „Settlements“ ist ein völlig korrekter Begriff, ich weiß nur nicht, was er in obiger Aufzählung verloren hat.
    Und ich habe das Maifest tatsächlich so verstanden, daß Palästina jetzt schon als Staat gesehen wird, den man anerkennen sollte. Wenn das tatsächlich anders gemeint ist, nehme ich diesen Vorwurf zurück.

    Und ich denke, daß wir diesen nicht sehr ergiebigen Austausch über die Außenpolitik von Labour nun beenden können; ist ja bloß Gerede um ungelegte Eier. – Falls Sie aber wissen wollen, warum Mr. Corbyn mir trotz seinen heiklen Ansichten zu Israel ganz schön sympathisch ist, klicken Sie bitte hier. KS

  12. 12

    Ich hab mir grad die beiden Fotos angesehn, auf die dein Link verweist. Was immer Jeremy Corbyn über was immer denkt und meint, er ist ein Mensch. Mrs May ist ein Etwas, das man bestenfalls mit „das Mensch“ umschreiben könnte. Ein simples „Unmensch“ täte es auch.

    Die herrschende Klasse hat stets die Repräsentanten, die sie verdient. Die Überlebenden vom Grenfell Tower werden von Frau May jedenfalls nicht repräsentiert. KS

  13. 13

    Er kann so sympathisch sein, wie er will. PM des UK zu werden, ist nichts, was ein sympathischer Mensch überhaupt anstreben sollte. Ihr erinnert euch an die „Gretchenfrage“, die sich so Leute anhören müssen (zum Beispiel in UK wie F). Wie hältst du’s mit der Bombe. Charaktermaske May, natürlich, stolz verkündet sie’s, würde „nicht zögern“, eine Atombombe zu zünden (Bravo! Wie tough! wie hart, that’s Frauenpower!), dito wohl Macron. (Eine entsprechende Ergebenheitsadresse an Madame H wie zuletzt von Hollande steht, glaub ich, noch aus. Denn welche „Bedenken“ äußerte etwa ein DLF Fatzke angesichts B. Hamon? „So einem“ kann man doch nicht die Verfügung über die franz. Atomwaffen anvertrauen. NEIN, das sollte man auch nicht. Ein Sympath eignet nicht zum Vollstrecker des letzten Sachzwangs, an dem Tage, an dem es heißt: Beste aller Zivilisationen, Nimm den Strick & verfüge dich gen Dachboden!)

    Wer ist „Madame H“? KS

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