Autorenarchiv

Schnipsel: Silvester 2019

Dienstag, 31. Dezember 2019 17:31


Gestern begriff ich, daß morgen ein neues Jahr beginnt.

Deshalb habe ich heute eine abgegrabbelte Kladde nach Texten durchgeflöht, die irgendwie zum Finis/Initium anni passen. Und, hallo!, ich fand einige Stückchen, die den Druck nicht verdient haben, aber hier, in dieser Art Notizbuch, eine passable Figur machen.

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Abteilung: Aphone Aphorismen, Aufgelesen, Bored beyond belief, Kaputtalismus, Lieder ohne Werte, Schnipsel, Selbstbespiegelung, Unerhört nichtig | Kommentare (5) | Autor:

Schlz der Retter (3/2 von 3)

Freitag, 27. Dezember 2019 23:59


[
Die Sozialdemokratie] wirkt fort als die staatlich konzessionierte
Anstalt für Verbrauch revolutionärer Energien.

Karl Kraus (1932)


Ich weiß nicht, ob die SPD noch zu retten ist. Aber ich weiß, daß ihr beim Parteitag am zweiten Adventswochenende nicht zu helfen war. Als die wackere Hilde Mattheis einen Initiativantrag zur sofortigen Auflösung der Großen Kotzalition vorstellte, geschah dies:

Buh-Rufe der Delegierten gehören nicht zu den gängigen Ausdrucksmitteln auf SPD-Parteitagen. Am Freitagnachmittag allerdings mußte Hilde Mattheis, seit vielen Jahren Vertreterin des linken Flügels in der Partei, Buh-Rufe ihrer Parteifreunde erdulden.
Handelsblatt, 6.12.2019

Wer immer da gebuht hat – hier blökt eine Stimme, die verstummen muß, will die Sozialdemokratie eine, irgendeine Zukunft haben.

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Abteilung: Kaputtalismus, Man schreit deutsh, Qualitätsjournalismus | Kommentare (9) | Autor:

Sail away, HLG

Dienstag, 24. Dezember 2019 15:46

Hermann L. Gremliza ist tot. Diesen Verlust fühlen nur jene nicht, die es sich gerichtet haben mit unserem Staat, seinen Einwohnern und Medien und anderen Anmaßungen, Belästigungen, Gemeinheiten.

Hermann L. Gremliza ist tot. Mit ihm geht der Welt ein begnadeter Stilist abhanden, ein Mann von echtem, gänzlich undeutschem Esprit. Ein dichtender Denker, der bei aller Verachtung für die Deutschen und ihr Tum seiner schönen Mutter Sprache viel Freude bereitete. Und der die mißratenen Blagen, die Edelfedern, die Stilblütenpresser, die Korrumpels für ihre Vergehen an der deutschen Sprache unermüdlich abwatschte, der Mutter zu Ehren.

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Abteilung: Per sempre addio | Kommentare (13) | Autor:

Schlz und der Wettkönig

Dienstag, 3. Dezember 2019 22:48


Die Aggressivität der Hauptstadtkorrespondenten wird immer irrationaler.
Sie haben ein anderes Ergebnis vorhergesagt. Und sie haben ein anderes gefordert.
Doch die Mehrheit der SPD-Mitglieder wollte nicht folgen. Dafür werden sie jetzt
mit „Analysen“ bestraft.

Timo Grunden via Twitter, 1.12.2019


Ich hab also recht behalten, mal wieder. Anders als meistens bin ich diesmal zufrieden mit meiner Rechthaberei. Der von allen Qual.medien ausgemachte Favorit und Retter Schlz samt seiner Alibifrau Geywitz haben es trotz einer konzertierten Kampagne der Seeheimer Kreisritter mit den staatstragenden Medien nicht gepackt, den SPD-Vorsitz an sich zu raffen.

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Abteilung: Kaputtalismus, Qualitätsjournalismus, Selbstbespiegelung | Kommentare (10) | Autor:

Schlz der Retter (3/1 von 3)

Montag, 25. November 2019 21:23


Gegen George habe ich also, daß er schlechte Verse macht;
gegen den Krieg habe ich den Krieg, gegen die Presse die Presse,
gegen die Sozialdemokratie: eben sie.

Karl Kraus (1932)

Was bisher geschah: Zwei Wochen vor Schließung bzw. sieben Wochen nach Öffnung der Wahlliste fällt dem Bundesfinanzminister Olaf Schlz auf bzw. ein, daß er doch Zeit für einen Nebenjob hat, und er verkündet, sich um den SPD-Vorsitz bewerben zu wollen, unter anderem weil er, Schlz, so angesehen sei. Seine Selbsteinschätzung als „truly Sozialdemokrat“ wird allerdings nur von Leuten geteilt, die den Kopf brauchen, damit die Ohren nicht abfallen. Schlzens politische Bilanz weist weder soziale noch demokratische Erfolge aus, dafür enorme Defizite in Humanität, Solidarität und Integrität. Krumm wie sein Weg zur Kandidatur verläuft auch die Auswahl der Schlz-Komplizin resp. -Komparsin Klara Geywitz und die Nominierung des seltsamen Paars durch einen SPD-Kreisbezirksparteitag. Wer en détail betrachtet, wie Schlz sich innerparteiliche Erneuerung und Demokratie vorstellt, erhält hier eine Lektion, nach der man sich allerdings zu waschen hat.

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Abteilung: Man schreit deutsh, Qualitätsjournalismus | Kommentare (8) | Autor:

Schlz und die Wettquoten

Samstag, 16. November 2019 17:55



Ein Gastbeitrag von OldFart*

29. Oktober 2019
Okay, okay. Gut weisgesagt. Nostradamus und Pythia können aufs Altenteil und Sie übernehmen deren Job. Möglicherweise sogar bezahlt. Die „Wirtschaftsweisen“ liegen prognostisch eigentlich immer falsch, aber ich wäre überrascht, wenn die keine Kohle für ihre Expertise bekämen. Wofür eigentlich?

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Abteilung: Kaputtalismus, Man schreit deutsh, Schwammintelligenz, Selbstbespiegelung | Kommentare (0) | Autor:

Matinee mit Mozart

Freitag, 15. November 2019 17:51



Die folgende Liebeserklärung an den unvergleichlichen Filmkünstler Martin Scorsese erschien erstmals in KONKRET 5/2000, anläßlich der deutschen Premiere von „Bringing Out the Dead“. Aus Anlaß des neuen, vermutlich finalen Spielfilms des einzigartigen Kinogenies Scorsese, „The Irishman“, hat Kay Sokolowsky den alten Aufsatz aus dem Dateidschungel geborgen, durchgeflöht und (von Kleinigkeiten abgesehen) für sehr gut erhalten befunden.
Sokolowskys (selbstredend hymnische) Besprechung des „Irishman“ finden Sie übrigens im befreundeten Weblog „Die Nacht der lebenden Texte“.
Der Abfall-Admin

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Hüter des Schreins
Ich kann über Martin Scorsese nicht reden, ohne persönlich zu werden. Kein anderer Regisseur, dessen Werke mir ebenso viel bedeuten, dessen ästhetisches Programm mir gleich einleuchtet, dessen Blick auf die Welt und ihre Einwohner ich mir mit ähnlicher Passion angeeignet habe. Vor anderen, und gar nicht einmal wenigen, Regisseuren rutsche ich ehrfürchtig auf den Knien. Vor, mindestens, fünf liege ich anbetend auf dem Bauch. Mein Pantheon ist wirklich gut bestückt. Aber neben diesem kleinen, asthmatischen, freundlichen, wütenden Italoamerikaner schrumpfen all die Götterbilder, selbst Kubrick, Ford, Hitchcock, Spielberg und Eisenstein, zu Götzen. Ihn, Marty, liebe ich; ich liebe ihn wie, mindestens, Frau von Bingen ihren mystischen Bräutigam.

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Abteilung: Director's Cut, Moving Movies, Selbstbespiegelung, Sokolowsky anderswo | Kommentare (7) | Autor:

Im Glanze dieses Glückes

Samstag, 9. November 2019 15:44


[Das nachfolgende Memorabile verfaßte Kay Sokolowsky im November 2009 für „Jungle World“.

Der „Abfall“-Admin]

Meine Mutter, die in den 50ern aus Erfurt in den Westen türmte, hat sich über den Fall des antifaschistischen Schutzwalls sehr gefreut. Das durfte sie auch, denn sie ist meine Mutter und ihre Familie fehlte ihr. Ich habe mich nicht gefreut, nicht einmal für meine Mutter, doch zum Glück hat sie das nie gemerkt. Ich habe vor meinem Fernsehkasten gehockt, zwischen den Sondersendungen von ARD und ZDF hin- und hergeschaltet und zum ersten Mal in meinem Leben – ich war 26 Jahre alt – keine Lust mehr auf die Zukunft gehabt. Denn die Zukunft, die mir bevorstand, würde gewiß nicht die sein, die ich wollte, die eines globalen Sozialismus. Der Zug war gegen die Wand gefahren, und durch das große Loch, das er beim Crash gerissen hatte, strömten Menschen, die als einzigen Begriff für ihre Stimmungslage nur das Wort „Wahnsinn“ kannten.

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Abteilung: Kaputtalismus, Man schreit deutsh, Selbstbespiegelung | Kommentare (9) | Autor: