Archiv für die Abteilung 'Erzählungen'

Timmi und die Arkonigel (5)

Mittwoch, 11. Juli 2012 21:00

Was bisher geschah.

Zweites Kapitel
In dem Marion sich sorgt, Robert einen Rat und Eddie Sprachunterricht erteilt

Timmi zuckt im Schlaf und plustert die Fellstacheln auf. Er grunzt und schnaubt, dann wälzt er den Wanst so heftig herum, daß es im Laubhaufen raschelt wie eine Windbö. Vielleicht träumt der Igel etwas Aufregendes? Von Weltraumraketen, die einen Schweif aus Atomfeuer hinter sich herziehen, und von Monddünen, die im Sternenlicht glitzern? Möglich. Es kann jedoch genauso gut sein, daß er eine nicht so gesunde Kellerassel gefressen und deshalb Bauchschmerzen hat. Wir werden es nie erfahren. Weil Igel hauptsächlich im Dunkel leben, können sie zwischen Traum und Wirklichkeit noch schlechter unterscheiden als Menschen. Wenn man sie fragt, was sie neulich geträumt haben, dann antworten sie meistens: „Wie bitte? Geträumt?“

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Timmi und die Arkonigel (4)

Montag, 2. Juli 2012 14:22

Was bisher geschah.

Zum Glück war die Wunschfee noch nicht erwacht. Hätte sie mitgekriegt, was Timmi begehrte, und ihn auf den Mond gezaubert, es wäre dem Igel schlecht ergangen. Denn dort oben braucht man besondere Kleidung – einen sogenannten Raumanzug –, um atmen zu können und nicht zu erfrieren und um sich auf den spitzen Kratersteinen keine Schrammen in die Pfoten zu laufen. Diese Grundkenntnisse eines Weltraumreisenden fehlten Timmi noch. Major Rhodan und seine Mann-
schaft saßen ja in der „Stardust“-Rakete und fragten sich, was soeben mit ihnen passiert war. Hätte Timmi weiterblättern und von dem ersten Ausflug der Astronauten in die Mondwüsten lesen können, wäre er viel schlauer gewesen.

   Der Amselmann pfiff jetzt ein furchtbar kompliziertes Thema aus „Aaron und Moses“. Das war über die technische Meisterschaft hinaus um so erstaunlicher, weil der Vogel diese Oper von Arnold Schönberg gar nicht kannte. Timmi versagte dem Amselmann allerdings die Bewun-
derung. Er knurrte statt dessen ein schlimmes Wort, das ich nicht weitersagen darf, weil ich mir sonst Ärger mit euren Eltern einhandle. Timmi schmerzten die Öhrchen von den Zwölftönen, und weil es rasch heller wurde, immer mehr auch die Äuglein. Für einen Moment gab er dem grell gellenden Vogel in seiner Eiche die Schuld daran, daß die Sonne aufging. „Wie soll sie gemütlich liegenbleiben“, dachte der Igel, „wenn dieser Schreihals dermaßen rumkrakeelt?“ Dann merkte Timmi, daß er Quatsch zusammendachte, und kümmerte sich um die Dinge, die rasch getan werden mußten.

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Director’s Cut (3): Mein schönstes Endspiel

Sonntag, 1. Juli 2012 19:00

Die Serie „Director‘s Cut“ versammelt Texte von mir, die bereits vor Jahren, aber nie in ihrer ursprünglichen Form erschienen sind. Hier sind sie endlich so zu lesen, wie sie mal gedacht waren, bereichert um Szenen oder Exkurse, die einst an den Grenzen des Layouts scheiterten, beschnitten um Sätze und Formulierungen, die dem Autor heute eher peinlich sind. Für jede Neupublikation gibt es einen Grund – heute ist es das Endspiel um die Europameisterschaft 2012.

 

DER BESSRE GEWANN!
WM-FINALE 1986 – EINE EPOPÖE

  

ERSTER GESANG
Singe den Sieg, o Göttin, der
argentinischen Stiere,

Stimme uns ein mit Lauten der
Freude auf das Versagen,
Kläglich, verdient und allen
willkommen, die Schande der
deutschen
Truppgurken, wie sie sich zutrug
im Endspiel der Weltmeister-
schaft im
Jahre Acht-Sechs zu Mexiko-Stadt,
der sonnenerhitzten
Herrlichen Perle des Hochlands!
Und singe, o Göttin, vor allen
Lob dem begnadetsten Spieler, so
jemals gelebt und getreten
Und wie der Sturmwind getragen
den Ball übers Feld, ach, Diego,
Strammester, ach, aller Strammen, Gewitztester, ach, der Gewitzten,
Ach, Maradóna! Nicht wen‘ger denn drei teutonische Klötze
Band jenen Tages, es war Ende Juni, Dein magischer Fuß, Dein
Unwiderstehlicher Antritt, und ihre Namen verwehte,
Bliese hinweg der Wind der Geschichte, wären sie nicht durch
Dich für immer verewigt: Matthäus und Förster und Jakobs.

Wohl – ein Tor, Maradóna, war Dir nicht vergönnt in dem Glanz des
Estadio Aztéca vor einhundertzehntausend Menschen, frenetisch
Alles bejubelnd, was Du nur tatest, und wie erst ein Goal von
Dir, ach, Diego! Dumm aber, taub und wahrscheinlich auch blind sind
Jene, die meinen, Du habest rein gar nichts gerissen an diesem
Tage. Vergessen, verleumdet haben die dreisten Idioten
Dein berückendes Zuspiel, den tödlichen Paß auf, Moment, auf
J. Burruchága, acht Minuten vor Abpiff, der Schuß und
Drei-Zwei! Der Titel! Die Krone der Welt! Doch Einhalt, o Göttin,
Sprich Deiner Laute und meiner! Uns fehlet die Stimme des Mannes,
Welcher vom Klappstuhl, geklemmt zwischen Mikro und Ohrknopf,
erbebend
Aussprach die Schmach der germanischen Elf. Wir rufen Rolf Kramer.

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Timmi und die Arkonigel (3)

Dienstag, 26. Juni 2012 18:01

Was bisher geschah.

Die Neugier ließ Timmis Stacheln geradezu bibbern. Deshalb war er gar nicht beleidigt, als Konrad – dem gute Manieren, wie gesagt, abgingen – ein „Tschü“ pfiff, die Nagezähne in den Stinkekäse bohrte und mit seinem Festmahl davon-
tippelte. Timmi sagte, kaum höflicher: „Man sieht sich.“ Er sah dem Mäuserich aber nicht mal hinterher, und er hörte auch nicht das Schmatzen und die Laute des Behagens, die bald darauf aus der Matschecke bei der Regentonne ertönten.

   Timmi wollte nichts dringlicher, als mit der Lektüre zu beginnen. Nun fragt ihr euch sicherlich, wie Igel es fertigbringen, in der Dunkelheit zu lesen. Für euch ist das kein Problem: Ihr habt eine Nachttischleuchte und für ganz spät, wenn Mama einen Gutenachtkuß auf die Backe gedrückt und das Licht gelöscht hat, eine Taschenlampe. Aber so ein Igel besitzt ja nicht mal eine Steckdose! Dazu müßt ihr wissen, daß die kleinen Schnief-
nasen im dunkeln viel besser sehen können als wir. Das ist auch gut so, denn im hellen tun ihnen die Augen weh wie unsereins bei Neuschnee in der Antarktis. Und weil es für Igel keine Sonnenbrillen gibt, wachen sie am liebsten bei Nacht und schlafen am Tag.

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Director’s Cut (1): Das letzte Bild

Sonntag, 24. Juni 2012 23:30

Die Serie „Director‘s Cut“ versammelt Texte von mir, die bereits vor Jahren, aber nie in ihrer ursprünglichen Form erschienen sind. Hier sind sie endlich so zu lesen, wie sie mal gedacht waren, bereichert um Szenen oder Exkurse, die einst an den engen Grenzen des Layouts scheiterten, beschnitten um Sätze und Formulierungen, die dem Autor heute eher peinlich sind. Für jede Neupublikation gibt es einen Grund – heute lautet er selbstverständlich Europameisterschaft.

 

Für Fynn

Oma Heidi hatte Martin heimlich 20 Euro für die Kirmes zugesteckt. Doch außer einer Fahrt mit dem Autoscooter und einem großen Erdbeersofteis gönnte er sich dort nichts. Er brauchte das Geld für etwas Wichtigeres – wichtiger sogar als die Wilde Maus und das Augenschmelzen. Dabei foppte man mit Sonnenblitzen aus kleinen Spiegeln die Leute am Schießstand: ein Heidenspaß, auf den Martin sonst nie verzichtet hätte. Zumal an diesem Nachmittag keine Wolke am Himmel stand. Aber in gewisser Weise ging es um Leben und Tod, und damit spaßt ein Zehnjähriger ebenso wenig wie ein Erwachsener. Während seine Freunde Sven und Jens-Peter nach taktisch günstigen Plätzen suchten, huschte Martin durchs Gewühl davon.

   In der Tankstelle an der Möllner Landstraße schob sonntags Herr Beltz Dienst, ein grimmiger alter Mann mit pechschwarzen Haaren und Spitzbart, vor dem Martin normalerweise gehörig Schiß hatte. Aber nicht heute: Mit einem Vermögen von 17 Euro im Brustbeutel kam der Junge sich unantastbar vor. Martin baute sich vor der Kasse auf, Beltz schaute herab und fragte: „Schon wieder Sammelbilder?“ Martin nickte, und der Tankwart reichte ihm den Karton mit den Stickertüten herunter: „Ist ja hoffentlich dein Geld, das du verschwenden willst.“

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Bored beyond belief (3): Endlich Sommer!

Freitag, 22. Juni 2012 15:28

Beim Wettsingen an diesem Mittag hatte Dagmar den Amselmann mit seinem Fimmel fürs Atonale und Lothar, das Rotkehlchen, das lieber Robin genannt werden wollte, eindeutig in die Schranken verwiesen. Nein – sie hatte sie fertig gemacht. Plattgebügelt. Zer-schmet-tert! Ein Bad in der Sonne hatte sie sich mehr als verdient.

   Eine Weile plierte die Singdrosselin aus dem nackten Geäst der schiefen Kiefer nach dem nettesten Platz auf dem Rasenfleck. Dann flatterte sie hinab aufs Gras, dem es leider gar nicht gut ging, weil die Kiefer tod-
krank war und pfundweise saure Nadeln abwarf.

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Timmi und die Arkonigel (2)

Sonntag, 17. Juni 2012 0:15

Was bisher geschah.

Etwas ärgerlich weckte ihn Konrad. „Du bist mir ein feiner Komplize“, sagte er, und seine Piepsstimme klang erschreckend. (Nun ja, vielleicht für eine andere Maus.) „Was hast du mitgebracht?“ fragte Timmi, blitzschnell hellwach. – „Erst den Käse!“ – „Nein“, sagte Timmi, „erst das Buch!“ – „Den Käse!“ – „Das Buch!“

   So ging es einige Zeit und immer lauter hin und her, bis der Amselmann, der in der alten Eiche an der Straße wohnte, sich mit einem Zorngesang meldete, weil die Kraucher einen solchen Krach veranstalteten. Andere, ernsthafte Bürger müßten früh raus und hätten ja wohl verdient, in der Nacht ruhig schlafen zu dürfen! Konrad und Timmi pfiffen beziehungsweise schnauften zurück, der feine Herr solle bloß den Schnabel halten, es sei ja kaum auszuhalten, was er in letzter Zeit gesungen habe. Denn der Amselmann hatte kürzlich ein Faible für die Zwölftonmusik entdeckt, und mit solchen Tönen sind einfache Säugetiere maßlos überfordert.

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Timmi und die Arkonigel (1)

Samstag, 9. Juni 2012 13:00

Erstes Kapitel
In dem Timmi mit Konrad verhandelt und einige Störungen passieren

Wie jedermann weiß, können Igel von Geburt an lesen, und sie tun das sehr gern. Sie haben auch viel Zeit dafür, denn mit dem Schreiben tun sie sich schwer. Manche sagen, das liege an der Phantasielosigkeit der Igel, aber das ist eine Lüge und außerdem eine Gemeinheit. Es ist vielmehr so: Igel haben sehr dreckige Pfoten, das kommt von ihrer Jagd auf Würmer und Käfer, und außerdem liegen an den unmöglichsten Stellen Mäuseköttel. Sobald sie etwas niedergeschrieben haben, schämen sie sich gleich, weil überall auf dem Papier Flecken von Graswurzeln und faulem Laub zu sehen sind. Dann knüllen sie den Fetzen schnell zusammen und fressen ihn auf. Igel haben ziemlich oft Bauchschmerzen.

   Warum Igelbabys kaum die Äuglein öffnen und sogleich jeden Buchstaben lesen können – sogar die Hieroglyphen aus China, die aussehen, als würden sich in ihnen weitere geheime Zeichen verstecken, die allein dem Kaiser in Peking und seinen Mandarinen bekannt sind –, weshalb also die stachligen Gesellen ein Naturtalent für Lettern haben, ist nicht bekannt. Die Igel könnten vielleicht was dazu sagen. Aber sie reden eher selten, und wenn doch, dann klingt das wie ein dicker Mann, der mit einem Sonntagsbraten im Bauch auf dem Sofa eingeschlafen ist und bei jedem Atemzug schnorchelt vor Behagen. Mit solchen Geräuschen können Tierforscher nicht viel anfangen. Darum zucken sie etwas beleidigt mit den Achseln, wenn einer sie nach den kleinen Leseratten, Entschuldigung: -igeln fragt.

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