Der schrecklich kluge Iwan

Eddie versucht vergeblich, wie Putin auszusehen (kein Symbolphoto)

Als einsame Stimme der Vernunft unter lauter Eiferern fiel Iwan Rodionow, Chefredakteur der russischen Nachrichtenagentur Ruptly, vor einigen Tagen in der Krawall-Show Hart aber fair angenehm auf. Konfrontiert mit diesem ebenso unaufgeregt wie durchdacht argumentierenden Mann, erwies Frank Plasberg sich als ein Moderator, neben dem Markus Lanz geradezu wie ein Moderater wirkt. (Das „Propagandaschau“-Blog des Freitag hat die Fisimatenten und Fiesheiten der Sendung ordentlich detailliert und außerordentlich angeekelt beschrieben.)

Plasberg jemals wieder für einen objektiven Journalisten zu halten, sollte spätestens jetzt jedenfalls nur noch anderen objektiven Journalisten gelingen. Solchen etwa wie dem Lakaien von Bild.de, der seine Sendungskritik derart überschrieb: „Russen-Journalist blamiert sich bei Plasberg“. (Rodionows „Blamage“ bestand darin, die Begeisterung der Krimbewohner für einen Anschluß an Russland mit dem Ruf der Ostdeutschen 1989 nach der Wiedervereinigung zu vergleichen. Es gehört sich natürlich nicht, slawische Untermenschen mit unsereins zu vergleichen.)

Der kluge Iwan hat nun der Tageszeitung junge Welt ein Interview gegeben, in dem er die Propagandagesänge westlicher Politiker und Medien auseinandernimmt „wie eine Geometrie-Aufgabe“ (Frank Miller). Ich empfehle dringend die Lektüre des kompletten Gesprächs. Meine Lieblingsstellen verrate ich aber jetzt schon.

Rodionow über die Sezession der Krim:
Das Referendum … war eine sehr voraussehbare Reaktion auf die Ereignisse in Kiew und auf die Machtergreifung durch Elemente, die im Grunde die eigene Bevölkerung hassen …

Rodionow über die Einmischung westlicher Politiker in die ukrainische Politik:
Wenn man wie US-Diplomatin Victoria Nuland Kekse an Teilnehmer eines Aufstands verteilt oder ein deutscher Außenminister unter den vermeintlichen Revolutionären auftaucht und ihnen gleichsam den Rücken stärkt, ist das schon ein drastischer Ausdruck der doppelten Standards in den internationalen Beziehungen. Angenommen, ein Sergej Lawrow begäbe sich zur Roten Flora nach Hamburg oder am 1. Mai nach Kreuzberg – was gäbe das für einen Aufschrei!

Rodionow über die Verharmlosung von Swoboda:
Also, mit Verlaub, drei Minister in der neuen Regierung und ein Generalstaatsanwalt von der Partei Swoboda, der ukrainischen Version der NSDAP – ist das eine zu vernachlässigende Größe? Das überlasse ich den grünen Politikern.

Rodionow über die Voreingenommenheit deutscher Medien:
Die Einseitigkeit ist einfach nur grotesk. Jetzt sehen wir Demonstrationen in Charkow oder Donezk, wo die gleichen Polizisten, die in Kiew im Namen der Janukowitsch-Tyrannei auf Demonstranten eingeknüppelt haben, auf prorussische Demonstranten einprügeln. Und auf einmal gilt das als notwendige Ordnungs- oder Sicherheitsmaßnahme. Und die Demonstranten heißen Krawallmacher, nicht freiheitsliebende Bürger, und natürlich ist alles von Rußland geschürt und gesponsert.

Rodionow über die Zukunft der Ukraine:
Ich glaube, die Spaltung der Ukraine war in dem Moment besiegelt, als am 22. Februar Janukowitsch verjagt wurde und die Putschisten sich in einer Nacht-und-Nebel-Aktion zu einer Regierung aufgeschwungen haben. Was dann vom Westen auch weitgehend gebilligt und akzeptiert wurde – mit dem Resultat, daß es jetzt nicht einen Staat Ukraine mehr gibt, sondern zwei. … Die Zusammenstöße in der Ostukraine werden noch eine Weile andauern, und die neue „Regierung“ wird vor nichts Halt machen, um die Proteste dort niederzuschlagen. Natürlich unter Duldung und mit großem Verständnis seitens des Westens.


Samstag, 22. März 2014 2:00
Abteilung: Kaputtalismus, Man schreit deutsh

Ein Kommentar

  1. 1

    Der Unterschied zwischen Russkij und Ukrainskij besteht schlicht in der Anzahl. Viel gegen wenig. (Es gibt auch noch Tartarskij – aber den lassen wir hier lieber. Denn er ist ein Turk).
    SOKOLOWSKY bedeutet übrigens Falke. Auf Russkij.

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