Der verhexte Weihnachtsmarkt

Meinem Freund Sönke gewidmet, dessen Geburtstag gestern
in weiten Teilen der Welt festlich begangen wurde.
(Nie wieder will ich Dir vorzeitig gratulieren, o heilige Vielfaltigkeit!)

Aus_dem_Muensterland_Aufmacher_(c)_Kay_SokolowskyVielleicht hätte Richard nicht so spät die Betriebsfeier verlassen sollen. Vielleicht wäre es klüger gewesen, keinen Punsch zu trinken – jedenfalls nachdem Lehmann, der Witzbold, eine Buddel „Captain Morgan“ in die Schüssel gekippt hatte, „zum Nachwärmen, hrrrg, hrrg“. Und vielleicht sollte Richard es sich endlich angewöhnen, die Geschenke nicht erst an Heiligabend zu besorgen. „Nun“, murmelte er, etwas entsetzt sein Spiegelbild begutachtend, „man kommt aus seiner Haut nicht raus.“ Richard hätte freilich einiges dafür gegeben, aus dieser Haut, die nach Fuselöl und den Zigarren des Chefs stank, herauszukommen.

Eine Wechseldusche und zwei Aspirin später saß er in der U-Bahn und fragte sich, woher das lange blonde Haar auf seinem Pulli stammte. Yvonne? Katja? Tief in Richards schwerem Kopf steckte eine Erinnerung an Gefummel und Geknutsche, wollte aber nicht heraus. Richard wurde klamm zumute. Wahrscheinlich hatte er bloß eine oder beide Trainee-Tussis zum Abschied brav umarmt. Hoffentlich! Sonst könnte er sich im neuen Jahr auf ein Gerede gefaßt machen, das bis zur nächsten Weihnachtsfeier der Reederei nicht verstummen würde. Immerhin hielt der alte Scharnagel größere Stücke auf ihn als auf die eigenen Söhne.

Richard beschloß, eine Station früher auszusteigen, um sich auf dem Weihnachtsmarkt vorm Rathaus ein Katerfrühstück zu genehmigen. Er griff in die linke Manteltasche, in der die Geschenkliste steckte, und sah dann auf seinen Citizen-Chronometer (wasserfest bis 50 Meter). Ist noch Luft nach oben, dachte er, um sich selbst zu beruhigen, und dann, am Ausgang, sah er gleich gegenüber, über hundert Köpfe mit wechselnden Körpern hinweg, das Schild von „Christkindel’s Glühweinhaus“. Das falsche Apostroph störte Richard nicht. Er war in Rechtschreibung noch nie eine Leuchte gewesen.

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Am Tresen saß kein Mensch. Dabei herrschte drumherum bereits ordentlich Betrieb: Mindestens vier verschiedene Sohlenabdrücke waren auf Richards schwarzen Nubukstiefeln eingeprägt. Er seufzte und winkte dem Kellner, einem Herrn mit Nikolausmütze, Eulenbrille und prächtigem weißen Bart. Richard kam dieses Gesicht sehr bekannt vor. Es erinnerte ihn an einen Schauspieler namens Harry … Harry … Richards Gedächtnis war ein blasenwerfender Sumpf. Harry Rohkost? „Guten Morgen, junger Mann“, röhrte der Schankkellner mit einem Baß, der den Lärm des Marktes ohne Mühe überdröhnte, „was darf‘s sein?“

„Guten Morgen“, erwiderte Richard, sah sich um und fragte etwas hilflos: „Was ist denn ein ‚Weißer Glühwurm‘?“ – „Ha, ha“, sagte der Kellner mit einem brüderlichen Brummen. „Sie meinen wohl ‚Weißer Glühwein‘?“ Richard patschte sich an die Stirn: „O je! Ja, klar. Nicht mal lesen kann ich mehr.“ – „Na“, bollerte der Bärtige, „da hilft ein kräftiger Trunk!“ Er schob Richard einen dampfenden Becher zu. „Roter Glühwurm“, sagte er und zwinkerte. Schon recht, dachte Richard.

Er roch die Brühe und hätte am liebsten alles erbrochen, was er seit dem Kindergarten gegessen hatte. Aber weil der Kellner ihn beobachtete, hielt Richard die Luft an, nippte … schlürfte … Und beim dritten Schluck war das Gebräu gar nicht mehr so scheußlich. Eine Wärme wie von trocknendem Gips breitete sich in seinem Bauch aus, und Richard stellte ein bißchen erstaunt fest, daß der Becher schon leer war. Er wollte dem Zapfmeister winken, doch ein schwerer Zimt- und Nelkendampf ließ ihn innehalten. Vor ihm stand bereits ein frisches Glühweinkrüglein. „Tut gut, was?“ sagte der Kellner und ließ in seinem Bart ein rauchgelbes Grinsen erscheinen. Richard nickte brav und trank.

„Muß mal was essen“, sagte er mit echtem Bedauern, als der Kellner einen dritten Becher vor ihm abstellte. „Gute Idee“, erwiderte der Bärtige, „eine vernünftige Grundlage hat noch keinem geschadet. Sie können zahlen, wenn Sie wiederkommen.“ Richard glaubte nicht, daß er dafür Zeit haben würde – es war schon fast zwölf! –, aber er traute sich nicht, dem Kellner zu widersprechen. Mit etwas weichen Beinen rutschte er von der Tresenbank und suchte nach einer Lücke im Verkehr. Zwischen den Marktbuden herrschte mittlerweile Gedrängel wie nach einem Länderspiel. Hätte Richard sich weniger darauf konzentrieren müssen, in der wogenden Menge nicht unterzugehen, es hätte ihm wohl zu denken gegeben, daß die Menschen um ihn herum kein Wort redeten und dennoch ein Rauschen wie von zehntausend flüsternden Stimmen die Luft erfüllte.

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Am „Tiroler Bauernstandl“ bestellte Richard eine Bratwurst, der man die weite Reise über den Brenner leider anmerkte. Das Matjesbrötchen, das er fünf Minuten später in der „Sylter Stube“ gegen den Majorannachgeschmack einnahm, machte die Sache kaum besser und ihn außerdem schrecklich durstig. Er wollte eine Limo bestellen, als ihm auffiel, daß er die ganze Zeit einen – mittlerweile handwarmen – „Christkindel‘s“-Glühwein mit sich getragen hatte. „Schau an: Richards Weihnachtswunder“, murmelte er und trank, bevor die Gedächtnisstörungen ihm Sorgen bereiten konnten.

„So fängt das immer an“, hörte er sagen. Ein kleiner Mann mit einem Gesicht, das lange nicht mehr gelächelt hatte, sah zu ihm auf. Auch dieser Kerl erinnerte an einen berühmten Schauspieler. Joachim … Joachim … Richards Hirn war wie aus Matsch. Joachim Kohl? „Was fängt immer so an?“ fragte Richard mit zäher Zunge, doch nun schob sich ein Haufen Marktbesucher zwischen ihn und den Fremden. Du liebe Zeit – er mußte los! Gleich würden die Kaufhäuser schließen, und er hatte noch nicht mal angefangen, Geschenke zu suchen. Er knallte den Becher aufs Tischchen und rempelte sich in den Menschenstrom hinein.

Er kam durch eine „Kaufmannsgasse“ und eine „Spielzeuggasse“, durch eine „Spezialitäten-“ und eine „Handwerkergasse“ – und dann stolperte er wieder durch die „Kaufmannsgasse“. Einen Ausgang hatte er nirgends gesehen. Er lief den Weg zurück, und nach vielen Stupsern und Fußtritten stand er erneut in der Straße der Kaufleute. Vom Gewühl war Richard außer Atem, aber nicht nur deshalb fühlte seine Kehle sich eng an.

Er versuchte jetzt eine andere Tour, ausgehend von der „Spielzeuggasse“. Er prägte sich den Startpunkt ein, eine Bude mit dem Schild „Geduldspiele“. Paßt ja wie Faust auf Deckel, dachte Richard. Eine gute Viertelstunde später spuckte der Menschenstrom ihn vor demselben Stand wieder aus. Richard hätte am liebsten geweint, aber mit seinen dreißig Jahren wußte er nicht mehr so genau, wie das geht. Dann hatte er eine Idee: Statt auf eigene Faust nach dem Ausgang zu suchen, wollte er sich von den Massen mitziehen lassen.

Einige Zeit später stand er wieder vor den Geduldspielen. Erschöpfung kroch von seinen Füßen hinauf bis zur Stirn. Krumm trabte er weiter. Als er eine Bude mit angeblich schlesischen Spezialitäten passierte, sah er den kleinen Mann mit dem traurigen Gesicht in eine Hartwurst beißen. Doch bevor Richard zu ihm laufen und fragen konnte, was das Männlein vorhin, vor einer Ewigkeit, gemeint hatte, wurde er weitergedrückt. Ihm war eiskalt, sein Blick wurde trüb. Es kam ihm vor, als gehörten die Köpfe und Körper der vielen Menschen nicht zusammen, als hüpften die Schädel von Hals zu Hals, während die Leiber darunter auf der Stelle liefen. Dann wurde ihm schwarz vor Augen.

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Richard erwachte in einer winzigen Bude auf einem morschen Sessel. Über ihm schüttete eine Lampe mit einem Violinschlüsselrücken Funzellicht durch einen Troddeltrichter. „Sä sänd gäsund?“ fragte eine Frau, die ihn aus dunklen Augen musterte. Auch sie erinnerte ihn an eine Berühmtheit. Martina … Martina … Sein Gedächtnis war ein Schlammfeld. Martina … Besteck? An der Budenwand hing inmitten eines Kranzes aus Maria-hilf-Kitschkarten ein Zettel: „Handlesen 15 €“. Richard krächzte: „Sie sind Wahrsagerin?“ Die Frau funkelte ihn an und schwieg. „Ob Sie mir vielleicht wahrsagen können, wie ich hier rauskomme?“

Sie ließ sich viel Zeit mit der Antwort. Richard hatte den Hintern schon halb aus dem Sessel gehoben, als sie rief: „Wenn Sä wollä zu Hausä, dann Sä müssä wissä, wohär kommt – das!“ Ihre Hand zuckte vor wie eine Schlange und riß von seinem Pulli ein langes blondes Haar.

„Ich hab doch keine Ahnung!“ wimmerte Richard. „Katja – Yvonne – meine Güte, die knutschen doch jeden, der …“ Mit einem Wink ihrer langen Finger brachte die Wahrsagerin ihn zum Schweigen. „Sä nächt västähä“, sagte sie. „Nächt dänkä an wän! Dänkä an was! Was! Das Sä müssä lärnä. Bittä gähän jätz.“ Richard wollte protestieren, aber aus seinem Mund kam kein Ton.

Draußen vor dem Zelt war es bereits Abend, Heiliger Abend. Immer noch schoben sich unzählige Menschen durch die Gäßchen. Niemand sprach ein Wort. Trotzdem rauschte es in der Luft wie von zehntausend flüsternden Stimmen. Richard reihte sich in den stummen Zug ein. Es wunderte ihn gar nicht, als zu seiner Linken der rauschebärtige Kellner und rechts der kleine Mann auftauchten. Untergehakt torkelten sie in die „Handwerkergasse“ hinein, vorbei an einem Eckstand namens „Treibgut“.


Zuerst in einer Art Reader’s Digest-Version am Heiligen Abend 2012 auf der „Wahrheit“-Seite der Taz
veröffentlicht.


Donnerstag, 25. Dezember 2014 1:00
Abteilung: Adventskalender, Director's Cut, Erzählungen

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