Deutsche Leibkultur (2): Fladen der Freiheit

Pizza-Freiheit_Aufmacher

Vorgestern wurde hier geklärt, warum heute abend in Marseille die Deutschen gegen die Französlinge gar nicht unterliegen können (Seele!) bzw. wer schuld sein wird, sollte das Undenkbare Wirklichkeit werden (Rizzoli!). Vor dem „vorweg genommenen Finale“ (zit. n. so gut wie allen Qualitätsmedien) wollen wir uns schnell (na ja) um zwei der ragenden, wo nicht gar ragendsten Merkmale deutschen Wesens kümmern, die Toleranz und die Genußfreude.

Allein Spiel-, Spaß- und (es gibt kein anderes Wort dafür:) Volksverderber bestreiten, was seit dem Märchen vom Sommer 2006 die ganze Welt weiß, auch wenn sie‘s vielleicht nicht kapiert hat: Die größten Sportsfreunde aller Zeiten sind zwischen Rhein und Oder daheim. Ihrer reinen Liebe zu Fairness und/oder „Respect“ (UEFA) kommt allenfalls ihr guter Geschmack gleich (dazu Näheres unten).

Ausnahmen schänden wie immer die Regel. Einer, der in seinem antinationalen Selbsthaß schier fanatisch danach trachtet, allen, die fröhlichfriedlichfrommundfrei einfach nur gute deutsche Deutsche sein wollen, die Laune zu versauen, heißt Daniel Raecke und pestet folgendes in eine Kolumne für Spiegel online:

Gerade in der ARD sprechen inzwischen zahlreiche Kommentatoren und Moderatoren von „wir“, wenn es um die deutsche Nationalmannschaft geht. Das ist aus mehreren Gründen problematisch, auch weil jede Distanz aufgegeben wird, wenn Medien sich als Teil der deutschen Mannschaft begreifen, also als eingebettete Journalisten auftreten. Vor allem aber behauptet es eine schicksalhafte Übereinstimmung der deutschen Nationalmannschaft, ihrer Fans und aller Zuschauer von ARD und ZDF.

Solches Wortgift, verspritzt vor allem gegen den neben Béla Réthy Verdientesten, den ARD-Chefkommentator Steffen Simon, diesen in jeder Hinsicht (Durchblick, Ahnung, Wortwitz, Objektivität) legitimen, eingebettetsten Erben Heribert Faßbenders –: So etwas können und dürfen sich Deutsche nicht bieten lassen, denn sie – wir! – geben noch etwas aufs „Wir“, anders als die seelenlosen Geldverdiener, die … Aber das haben Sie bereits gelesen, man muß es nicht (haha:) wirdenholen.

In gerechtem Zorn merkt gleich der erste Kommentator des Raecke-Gemeckers deshalb an, was so nahe liegt wie die Willkommenskultur beim Gastrecht und/oder das Curry bei der Wurst:

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Denn Integration heißt „wir“, und „wir“ ist das Ganze, und das Gesindel, das nicht „wir“ sagen mag, gehört aus eigenem (bösen) Willen nicht zu „wir“. Q.ie.id.

Darum auch sollte Martin M., Kind einer deutschen Mutter und eines italienischen Vaters, sich mal nicht so haben und das Gejammer (für das die Söhne solcher Väter bei uns Deutschen bekannt sind) bittschön bzw. prego für sich behalten. In einem Gespräch mit der Taz  heult M. sich über Kleinigkeiten aus, die einem Deutschen dank der deutschen Weit- und Gesamtschau nicht mal auffielen:

Ein Typ neben mir fing an, mich bei jeder Aktion anzupöbeln, die irgendwie gegen Deutschland lief. „Der Scheiß-Itaker soll seine Fresse halten“, war noch eine der netteren Sachen. Er hörte gar nicht mehr auf und wollte, daß ich auf seine Provokationen eingehe.

Was Martin M. verweigerte. Womit er sich als, entschuldigen Sie das harte, aber faire Wort: Drückeberger erwies, in altbekannt welscher Tradition. Gerade mal 80 bis 100 deutsche Sportsmänner um ihn rum, aber dieser Weichnudel fehlt der Mumm, sich ähnlich heiter, hübsch, herzwärmend zu verkleiden wie Die-Welt-zu-Gast-bei-Freunden-Deutschen:

Ich wollte einfach nur das Spiel gucken – es war ja auch total spannend. Aus demselben Grund hatte ich auch kein Italien-Trikot angezogen. Das mache ich schon länger nicht mehr: Ich habe einfach keinen Bock mehr auf die dummen Sprüche. Die kommen automatisch, wenn man ein Italien-Trikot trägt. Der Hinweg zur Kneipe wäre scheiße gewesen. Und der Rückweg sowieso. Egal, wie es ausgegangen wäre.

Blanke Unterstellung, freches Geschwätz, Rufmord an arglosen Sportsfreunden – dafür ist der unintegrierte Nicht-Wirsager berühmt! Und er kann‘s auch nicht unterlassen, von Leuten wie seinesgleichen zu schwärmen, die eben nicht die Seele besitzen, ihresgleichen so bedingungslos zu unterstützen wie das deutsche Wir es ohne Zögern tut, nötigenfalls bis zur letzten Patrone.

„No, no, padrone!“ jammert z. B. Leporello, dieser südländische Schisser, in Mozarts „Don Giovanni“. Ein Deutscher hätte das auf deutsch nie singen können. S. o.: Q. e. d. (Und so ein an den Haaren herbeigerissenes Zitat reicht doch als Beleg für alles in der Ära von Boris Johnson, Donald Trump und Frauke Petry. Oder etwa nicht? Na bitte.)

Ein deutscher Freund von mir hat das Viertelfinale witzigerweise in Italien gesehen. Der hat gesagt, daß selbst nach der italienischen Niederlage die Stimmung harmonisch war. Ich habe schon viele Spiele bei und mit Italienern, Türken, Kroaten oder auch Spaniern geguckt, bei denen es gegen Deutschland oder deutsche Teams ging. Da wurde immer respektvoll miteinander umgegangen und niemals die Mannschaft aufgrund ihres Deutschseins etwa als „Kartoffeln“ beschimpft.

Selbst schuld, wenn ihr dann ausscheidet resp. niedergerungen werdet!, möchte eins da brüllen, aber das würde Martin M. so wenig verstehen wie Daniel Raecke. Schließlich haben diese Nicht-Wirsager dort, wo beim ächten Deutschen eine Seele (mit Spuren zudem) sitzt, bloß Desintegration zu bieten:

Drei Typen kamen auf mich zu, wollten sich offenbar prügeln. Ich ging zügig weiter. Anschließend warfen mir die Jugendlichen Bierdosen hinterher.

Sie wollten ihn offenbar zu einem Getränk einladen. Aber er? Dieser Jammerlappen? Beschwert sich! Es sind Typen wie Martin M., die es den Deutschen so schwer machen, das seelenlose Gesocks zu integrieren, und noch schwerer, die Geduld zu wahren angesichts solcher Wir-Verweigerer. Denn was haben die Deutschen (= wir) nicht alles unternommen, um sie (= die Lumpen da) zu akzeptieren trotz ihren Macken, Meisen und Minderwertigkeiten! Sie können es bei vollintegrierten Volksgenossen wie Thilo M. Pirincci nachlesen, ich muß die Expertisen hier nicht wiederholen.

Das ebenso Ärgerliche wie Schmerzliche an den Ausführungen Martin M.‘s liegt eben nicht darin, daß ich haargenau das Gleiche wie er vor einem halben Menschenleben erfuhr, 1990, beim WM-Halbfinale Deutschland–England in meiner damaligen Stammkneipe „Schlag“ (die es schon lange nicht mehr gibt), im Billard- und Festraum, der voll war mit Tabakqualm (gibt‘s auch nicht mehr) und mit ächten, mehrheitlich dicken, ganzheitlich deutschen Sportsfreunden. Mein Herz klopfte für Paul Gascoigne und Gary Lineker, doch als ich meine Sympathie fürs perfide Albion und meine Abneigung gegen die deutschen Panzer (Brehme) zu erkennen gab, wurde es für mich ein richtig mieser Abend. Ich habe seither nie wieder außerhalb meines Wohnzimmers ein Spiel der deutschen Auswahl begutachtet; vielleicht verstehe ich deshalb so wenig vom Massenglück des Public Viewing.

Ich wollte sowieso auf etwas ganz Anderes hinaus. Nämlich auf den schmerzlichen Ärger, den jeder Deutsche, der ein Deutscher ist, kennt, sobald ihm ein Deutscher, der nur dem Papier nach einer ist, unterstellt, er, der Deutsche, habe ein Problem mit Fremden bzw. Papierdeutschen. Es ist so diffamierend, so degoutant und ignorant gegen die vielen, vielen Bemühungen der rechtmäßig Eingeborenen, die mehr und/oder minder rechtens Eingewanderten einzugemeinden. Was können die Deutschen denn dafür, daß sie so einzigartig sind? Richtig.

Trotzdem werden diese einmaligen Menschen, obzwar angefeindet von Gestalten wie Martin M. und Daniel Raecke, nicht müde, sich zu öffnen für die Herrlichkeiten der Außenwelt; auch das macht ihnen (uns) keiner nach, nirgendwo. Wer denn außer den Deutschen käme auf die Idee, einen Pizza-Lieferservice so zu nennen –

Logo_Pizza-Fabrik-Liberta

– und dort, bei einer Fabrik statt bei einer herkömmlichen Küche, was zu bestellen? Und aufzufressen? Ein Italiener ganz gewiß nicht: Südlich der Alpen glaubt man immer noch, das Menü müsse in Handarbeit entstehen, nicht am Fließband oder in der hydraulischen Surrogatstoffteigpresse! Kein Wunder, daß im Land, „wo die Zitronen blühen“ (Göthe), die Wirtschaft verwelkt: Die sollten sich mal ein Beispiel am nimmermüden deutschen Erfindergeist nehmen, an unserem ehernen Willen und unseren eisernen Mägen!

Die sogar mit dergleichen – vom Lieferdienst „Pronto“ – fertigwerden:

Pizza_Hong-Kong_Zutaten

Gewiß, in „bella Italia“ würde man mit solchem Schweinkram nicht mal die Schweine füttern und schon vom Hinsehen das kalte Kotzen kriegen –

Pizza_Hong-Kong_Ansicht

– aber wer steht jetzt im Halbfinale? Hm? Ecco!

Überhaupt ist die deutsche Küche mindestens so experimentierfreudig wie Jogi Löw bei der Mannschaftsaufstellung; davon können auch die Franzosen, diese vermeintlichen Weltklasse-Gourmets, sich mal eine dicke Scheibe abschneiden und runterschlucken (was sie heute abend auf jeden Fall verlieren ließe, hihi). Am 19. Juni vermeldete die Online-Ausgabe der Frankfurter Rundschau folgende Sensation aus den World-class-Laboratorien deutschen Food-Engineerings:

Zentnerschwerer Knödel bricht entzwei – Weltrekord-Versuch
Aldersbach – Bruchlandung für den dicksten Knödel der Welt aus Bayern: Beim Ablegen mit einem Kran ist der exakt 208,7 Kilo schwere Koloß auseinandergebrochen. Die Veranstalter des Knödelfestes im niederbayerischen Aldersbach bei Passau müssen nun bangen, ob sie auch mit dem Bruchstück ins Guinness-Buch der Rekorde kommen. […] Schon um 4.00 Uhr morgens hatten zehn Helfer die Rohmasse aus rund 1.500 Eiern, 70 Litern Milch, 60 Kilogramm Mehl und 100 Kilo Semmeln geformt.

Kommt ihr „monsieur et mesdames“ uns also bloß nicht mit Paul Bocuse! Wenn jemand etwas vom Kochen (bspw. vor Wut) versteht, dann die Deutschen; und sollte das Guinness-Buch den Rekord nicht anerkennen, werden die Brexit-Verhandlungen, das ist mal sicher, noch schwieriger werden als sowieso, da ist auf die Bayern Söder und Seehofer Verlaß wie … wie … Wie auf Bild.de, wenn es um tadellose, vorbildliche Sportberichterstattung geht. Dort findet sich, gleich neben der furchtbar komischen Schlagzeile „Finaldo! Portugal-Star schädelt Wales raus“ folgendes:

Pogba-Giroud_Bild-de_07-07_16

Screenshot Bild.de, 7.7.2016

Der Mann auf dem Photo heißt zwar Olivier Giroud, aber was soll das einem deutschen Fansportredakteur Schädelweh bereiten: Sehen doch eh alle gleich aus, diese Franzacken! Die bringen es – mit Unterstützung durch Rizzoli – garantiert fertig, Pogbas Haut zu bleichen und ihm einen Bart um die Backen zu kleben, nur um unsere Jungs zu verwirren. Aber das können sie vergessen, die Froschfresser! Allez les blöd, ‘ö, ‘ö!

So viel vorerst vom „Wir“. Und ich? Ich zieh jetzt mein Weltmeistertrikot von 1998 an, brat mir ein Omelett und hoffe auf mindestens vier Buden von Griezmann, Payet, Pogba und Giroud (Reihenfolge wurscht).


Donnerstag, 7. Juli 2016 19:36
Abteilung: Man schreit deutsh, Qualitätsjournalismus, Schwammintelligenz

4 Kommentare

  1. 1

    Puuh, da war aber Dampf dahinter. Großartig, vielen Dank!
    Drei Anmerkungen:
    1) Ist es nicht furchtbar, daß keiner der deutschen Qualitätsjournalisten Werbe-/Propagandaphrasen wie „Das Wunder von Bern“ oder „Sommermärchen“ mehr in die gebührenden Anführungszeichen setzt?
    2) Gute Nachricht: Auch bei der Zeit gibt es einen Nestbeschmutzer wie den Daniel Raecke, den Oliver Fritsch, der über die deutschen Fans sowas schreibt:
    Nie aus der Mode kommt ihr Schlachtruf „Sieg“. Wir wollen doch nicht hoffen, dass es stimmt, was die überempfindlichen Gutmenschen sagen. Die glauben nämlich, das „Heil“ wird nur verschluckt. Solche, also die Siege, würdigt der deutsche Fan mit heinoesker Heiterkeit. Dann erklingen die unsterblichen Schunkler und Trampler: Oh, wie ist das schön! und So ein Tag, so wunderschön wie heute!
    Hoffentlich weiß niemand, wo sein Auto steht. Für die Kommentare braucht man, versteht sich, starke Nerven und Magen.
    3) Natürlich hoffe ich auch, daß Frankreich heute abend gewinnt. Andererseits wäre es Cristiano Ronaldo nach all dem, was der deutsche Qualitätsjournalismus so über ihn abläßt, von Herzen zu gönnen, die deutsche Mannschaft in einem EM-Finale mit drei Traumtoren demütigen zu dürfen.

    Mir genügt die Zwei-zu-null-Demütigung von soeben. Darauf habe ich seit 34 (!) Jahren gewartet, seit dem Hooligan-Fußball der Knüppelgermanen gegen die filigranen Franzosen um Battiston. – Ich werde heute nacht in meinem 98er-Weltmeistertrikot schlafen. Ich schwebe ein paar Millimeter über dem Boden. Es ist einfach wunder-, wunder-, wunderbar! Merci, Didier! KS

  2. 2

    Und dann alle nach dem Spiel: „Wir haben sie beherrscht, wir haben sie dominiert.“ (O-Ton Biermann, so ähnlich Neuer und Kroos.) Wie können die dann so unverschämt sein und gewinnen?!

    Das ist eben das Betrügerische an diesen Franzosen: Ganz Deutschland erwartet, daß sie verlieren – und dann hauen die uns zwei-null vom Acker! Ich werde morgen zum Frühstück jedenfalls kein Croissant essen. (Tu ich sonst aber auch nicht.) KS

  3. 3

    Tja, siegreich wollten sie Frankreich schlagen. Aber dann starben sie bloß, als Maulhelden.
    À bonne fin, tout est bien. Und zum Frühstück gibt’s gleich ein Gläschen Pastis und eine Gauloise Brune sans filtre – À la vôtre!

    Schön war aber auch, gestern um 23 Uhr auf den Balkon zu treten und in eine nachgerade tosende Stille „Allez les bleus!“ zu brüllen. Es lebe die deutsch-französische Freundschaft! KS

  4. 4

    Danke!

    You’re welcome. KS

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