Die G20-Penner

Am 7. und 8. Juli dieses Jahres wird in Hamburg der „G20-Gipfel“ hochgestapelt. Weil das Treffen der 20 mächtigsten Hackfressen der Erde auf dem Messegelände dieser Freier- und Handelsstadt stattfinden soll – und leider nicht auf einer jener Schwerölrußschleudern mit Plantschwanne, die am Kreuzfahrerkai festmachen –, muß die City der Cité hermetisch abgeschirmt werden. Die Kosten für den Spaß kann man nur ahnen. Jedenfalls hat die Bundesregierung schon mal 235 Millionen Euro zugesagt. Cansu Özdemir, die Fraktionschefin der Linken in der Hamburger Bürgerschaft, erinnert daran, daß der G20-Summit in Toronto 2010 nach Kehraus und Kassensturz 900 Millionen Euro verschlang.

In diesem Riesenhaufen aus Talern ist kein einziger Kreuzer vorgesehen für die Bürger der Gemeinde, und für deren schwächste eh nicht. Hinz & Kunzt, die Obdachlosengazette meines Heimatkaffs, informiert gemeinsam mit der Diakonie, daß die Berber in der Hamburger Innenstadt bereits heute, zwei Monate vor dem korrupten Event, von den Ordnungshütern aufgefordert werden, ihre Platte zu putzen und bloß nicht wiederzukommen. Aus einem Artikel von Benjamin Laufer:

Mehrere Obdachlose berichten in der Zeitung [Hinz & Kunzt] von Aussagen der Polizei, daß sie ihre Schlafplätze bis zum Gipfeltreffen räumen müßten. „Wir haben bereits jetzt den Eindruck, daß die Stadt für den Gipfel aufgeräumt werden soll“, sagt Sozialarbeiter Karrenbauer.

Wo die armen Schweine, die im G20-Saustall unerwünscht sind, unterkommen sollen, ist dem Leiter der Behörde, Falko Droßmann, ziemlich wurscht. Er hat eine Empfehlung an die Unerwünschten, wie sie nur einem einfallen kann, der in der SPD landet, weil es solche wie ihn bei CDU und FDP schon mehr als reichlich gibt: „Geht für ein paar Wochen in eine andere Stadt oder meidet zumindest die Messe, die City – überhaupt das Kerngebiet.“ Und merkt selbstverständlich nicht, dieser Droßmann, wie autoritär, wie putinesk er gerade redet. Ein gelungener Sproß seiner Klasse, und die seine ist bestimmt nicht die unterdrückte. – Die Hamburger Diakonie plädiert indes dafür, daß den vertriebenen Obdachlosen ein sicherer Platz angeboten werden muß für die Tage des Pharaonentreffens:

„Wenn die Stadt aus Sicherheitsgründen in bestimmten Gebieten während des G20-Gipfels keine Platten von obdachlosen Menschen dulden will, sollte sie den Obdachlosen möglichst bald sagen, wohin sie ausweichen können und entsprechend Unterkünfte oder Hotelzimmer zur Verfügung stellen“, sagt Dr. Dirk Hauer, Leiter des Fachbereiches Migration und Existenzsicherung im Diakonischen Werk Hamburg. „Je nachdem, wo und wie groß diese Gebiete genau sind, können nach unserer Erfahrung mehrere hundert Menschen betroffen sein.“

Aber eben nur entwürdigte, entwertete Menschen. Da kann sich der Droßmann gern den Scherz erlauben, einen Fortzug in die nächste Stadt zu empfehlen. Er hat ja nicht vor, die Fahrtkosten zu übernehmen.

Nein – ich werde jetzt nicht predigen über den Zynismus der Nomenklatura. Oder über die Verzweiflung der Plebs. Ich sag auch nix von wegen teure Hülle ohne Inhalt. Das sagen andere sachlicher als ich.

Ich möchte nur anmerken, daß jeder Politiker, der diesen Gipfel nicht für einen der Anmaßung, sondern eine gute Sache hält, tourismusmäßig undsoweiter, der mitmacht und nicht widerspricht – also, daß jeder Politiker, der Hamburgs OB Olaf Scholz (aka Scholzomat) unterstützt, vom Teufel heimgeholt werden soll, an den er sich verkaufte.

Und ich möchte darauf hinweisen: Wer bei der Bürgerschaftswahl 2015 für die SPD oder die Grünen gezeichnet hat, ist mitverantwortlich für diese Bande von Zombiedemokraten, denen es ganz leicht fällt, eine knappe Milliarde Euro für einen Propagandaakt zu genehmigen. Denen es aber gar nicht einfällt, an jene Menschen zu denken, die aus der Entität namens Stadt überhaupt erst ein Lebewesen machen (denn Leben beginnt immer im Dreck).

Nun wußte jeder, der dem Scholzomaten das Kreuz kratzte, daß er für ein neoliberales Männchen stimmte und für eine Politik, die sich einen Scheiß um die Erniedrigten und Beleidigten kümmert, sie behandelt wie alles, was der größten der Parteien einst heilig war und heute nur noch peinlich ist. Folgerichtig wurde eine Frau, die dafür praktisch keine Eignung noch Erfahrung nachweisen kann, Melanie Leonhard, auf den Sessel der Sozialsenatorin gesetzt, damit halt irgendwer da thront. Leonhard hält es nicht für nötig, irgendwas über die G20-Pennerpläne zu sagen. Man hört generell so wenig von dieser Frau, daß der Verdacht entsteht, es gäbe sie gar nicht, sondern nur ihre Website bei Hamburg.de. Den Leuten, die dem Scholzomaten ihr Vertrauen schenken, wird auch das egal sein; so wie schon lange das Soziale im Demokratischen.

Richtig geleimt hingegen sollten sich die Wähler der Hamburger Bündnis90-Grünen fühlen. Nein: richtig mies sollen sie sich fühlen. Denn sie haben mit ihrer Stimme für eine Partei, die das Wort Korruption ganz neu definiert, eine Zweite Bürgermeisterin installiert, deren Intelligenz sich kaum von der einer Topfpflanze abhebt. Die seit ihrer Installation noch keinen Satz von sich gegeben hat, der sie als etwas anderes denn die Privatsekretärin des Scholzomaten auswiese.

Vielleicht haben die Wähler dieser Grünen geglaubt, sie könnten die Rechte der Rechtlosen in der Stadt ein bißchen stärken, wenn sie Homunculi wie Fegebank oder Kerstan zu phantastischen Pensionsansprüchen verhelfen. Die Wahrheit aber ist: Wer sich die Stadt nicht leisten kann, der hat sich zu verpissen; und die Fegebank, der Kerstan und das weitere Geschwörl finden das völlig in Ordnung.

Solche Leute habt ihr gewählt, ihr verblasenen Studenten, ihr blasierten Studienräte, ihr bigotten Pfaffen! Leute, die im Herbst 2015 vor den Kameras behaupteten, sie flössen über vor Empathie für die Heimatlosen, die in Hamburg angespült wurden. Und die heute das Maul nicht auftun, wenn eben diese Heimatlosen aus dem Quartier gefegt werden, weggewischt wie überall, wo für aseptische Nachrichtenbilder das Weichbild retuschiert wird. Es ist kein Deut anders als 2016 bei Olympia in Rio.

Die Schande, daß es eine Schmach wie die Fegebank und ihre Hamburger Grünen gibt, liegt allein bei deren Wählern. Das feudale Regiment, das die Polizei zur Zeit an den Obdachlosen einstudiert, haben diese Wähler erst ermöglicht. Und daß die Gemeinheit, die den Ärmsten der Stadt widerfährt, sich bald gegen noch viel mehr Hamburger richten könnte, entnehme ich dem lokalen Anzeigenblatt:

Seit 2006 hat sich die Netto-Kaltmiete um rund 50 Prozent erhöht – von 8,61 auf fast 13 Euro. „Die Mieten sind in diesem Zeitraum dreimal so schnell gestiegen wie die allgemeinen Lebenshaltungskosten“, rechnete Mietervereinsvorsitzender Siegmund Chychla vor.
[ElbeWochenblatt 18/2017]

Wer dies weiß und jenes und die Grünen trotzdem wieder wählen will: darf gern an seinem Quinoa oder der eigenen Dummheit ersticken. Wegen Sterbebegleitung bitte Anja Hajduk fragen (s. o.).


Samstag, 6. Mai 2017 21:30
Abteilung: Kaputtalismus

Ein Kommentar

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    In meiner Grundschulklasse war ein bedauernswertes Mädchen, dessen Mutter ihr einen Stiefvater ins Haus holte, der das Kind bei jeder sich bietenden Gelegenheit schlug. Die Gründe dafür waren banal und beliebig. Unter den Ungeheuerlichkeiten, die sie von ihm erzählte, war die Perversion, daß er sie in eine Kammer schickte, wo sie sich unter verschiedenen Utensilien dasjenige „wählen“ durfte, mit dem er sie dann unbarmherzig schlug. Die Kenntnis dieser Geschichte hat wohl gehörig dazu beigetragen, daß ich noch nie in Versuchung kam, an einer „demokratischen Wahl“ teilzunehmen. Das ist nämlich genau dieser Vorgang und ich bin nicht bereit, das Verfahren durch meine Teilnahme zu legitimieren.

    Lieber Andreas Schmid, das ist die beste (und schrecklichste) Begründung für Wahlabstinenz, die ich seit Erich Mühsam gelesen habe. Danke dafür! KS

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