Die Spezies hat‘s verkackt (2)

Man möchte wahrlich sagen: die Menschen sind die Teufel der Erde,
und die Tiere die geplagten Seelen. […]
Die Welt ist kein Machwerk und die Tiere kein Fabrikat zu unserm Gebrauch.“
Arthur Schopenhauer,
Parerga und Paralipomena.
Zweiter Band, Kapitel 15:
Über Religion
(1851)

Beweisstück 2: Kronprätendenten der Schöpfung
Vor kurzem wurde der Konzernatlas 2017
veröffentlicht. Er widmet sich den Konzentrationsprozessen in der Landwirtschaft, der immer stärkeren Monopolisierung in Produktion und Vertrieb von Nahrung. Die Herausgeber – Oxfam, BUND, Germanwatch, Le Monde Diplomatique, Heinrich-Böll- und Rosa-Luxemburg-Stiftung – schreiben im Vorwort:

Die Agrar-, Lebensmittel- und Handelskonzerne treiben die Industrialisierung entlang der gesamten Wertschöpfungskette vom Acker bis zur Ladentheke voran. Sie fördern mit ihrer Verkaufs- beziehungsweise Einkaufspolitik eine Landwirtschaft, bei der die Steigerung der Produktivität im Mittelpunkt steht und der Kampf um Marktanteile häufig zulasten der schwächsten Glieder in der Lieferkette geht: der Bäuerinnen und Bauern sowie der Arbeiter und Arbeiterinnen.

Das ist der kapitalistische Lauf der Dinge, der – anders als die Herausgeber hoffen – nicht durch eine „sozial-ökologisch orientierte politische Regulierung“ aufzuhalten ist, sondern allein durch die Entfernung des Kapitalismus. Die Folgen einer auf Profitmaximierung und Shareholder-value getrimmten Agrarindustrie nicht bloß für die Bauern, sondern auch für die Kundschaft sind im Konzernatlas zum Entsetzen genau beschrieben. Doch weder die zuständigen Ministerien und Behörden noch gar die profitierenden Konzerne dürften sich von der Lektüre beeindrucken lassen; sie werden drauf scheißen, wie sie generell auf alles scheißen, was die Geschäfte oder die „Rahmenbedingungen“ stört. Und die Leute, die die Suppe auslöffeln? Die freuen sich über die scheingünstigen Preise im Supermarkt und fressen jeden Scheißdreck, den die Herren des Marktes ihnen servieren.

Dies schlimm zu finden, die Speisung der Massen mit Unrat, mangelt es mir mittlerweile an Kraft und Nerven, übrigens auch an Humanismus. Woher soll der denn kommen, wenn Menschen sich so etwas ausdenken, solche Perversionen wider das Leben an sich, solche Ausbeutung und Entwürdigung aller, wirklich aller Lebewesen, an deren Ausbeutung und Entwürdigung sich Geld verdienen läßt, bis eines Tages das Leben nur mehr im Labor „erfunden“ werden kann (Konzernatlas, S. 22 ff.):

Die Firma [Intrexon] im US-Bundesstaat Virginia […] hat Patente angemeldet, in denen manipulierte Mäuse, Ratten, Kaninchen, Katzen, Hunde, Rinder, Ziegen, Schweine, Pferde, Schafe, Affen und insbesondere Schimpansen als Erfindung beansprucht werden. Sie hat Firmen wie Trans Ova Genetics und ViaGen aufgekauft, die auf das Klonen von Zuchtbullen spezialisiert sind. Das von Intrexon übernommene britische Biotechnologie-Unternehmen Oxitec entwickelt Insekten mit erwünschten Eigenschaften und Äpfel, die nicht mehr braun werden. Intrexon ist weltweit die einzige Firma, die in nächster Zeit mit ihrem Turbo-Lachs tatsächlich ein gentechnisch verändertes Nutztier auf den Markt bringen könnte.

Das Leben wird aus der Natur entfernt und mit ihm die Natur aus der Welt. Die Laboratorien liefern Lebenssurrogat, ein patentiertes Machwerk aus den Wahnträumen der Doktoren Frankenstein und Moreau. Und der Philosoph mit seinem zornigen Wort vom Tier als „Fabrikat“ bekommt so recht, wie er es sich nie vorzustellen vermochte:

Alsbald wird auch Recombinetics in der Lage sein, Anträge auf Zulassung zu stellen. Diese Firma aus Minnesota, einem Zentrum der US-Fleischindustrie, hat bereits Patente angemeldet. Recombinetics arbeitet an Tieren, die mehr Milch und mehr Fleisch produzieren, an Kühen ohne Hörner – um sie einfacher halten zu können – und an Rindern, die nicht mehr geschlechtsreif werden. Die „Terminator-Tiere“ würden nur gemästet, wären aber unfruchtbar.

Die Kreatur ist nur wert, was sie nach der Schlachtung erbringt. Ethischen Wert hat sie keinen für das einzige Tier, das über Ethik redet, obwohl (oder weil) es über eine Moral verfügt, für die ein Virus sich schämen würde. Was Jahrhundertmillionen der Evolution formten, wird im Handumdrehen Verfügungsmaterie für megalomane Pfuscher, und der Mensch, der Teufel der Erde, der sich freilich für einen Gott hält, erschafft die armen Seelen mittlerweile selbst, auf daß er sie noch perfider quälen, sie bereits in vitro verdammen kann:

Im Mittelpunkt der Forschung steht das Gen-Editing. Die Erbsubstanz DNA wird im Labor neu zusammengesetzt und mithilfe von sogenannten DNA-Scheren (Nukleasen) an bestimmten Stellen im Erbgut eingebaut. […] So orientiert sich Recombinetics an genetischen Varianten, die auch in der konventionellen Zucht vorkommen, und will so die Muskelmasse von Schweinen, Rindern und Schafen erhöhen. Die Vorlage dazu liefert die Rinderrasse „Weißblaue Belgier“, die wegen eines Gendefekts ein so übermäßiges Muskelwachstum aufweist, daß die Kühe regelmäßig Schwergeburten erleiden – etwa 90 Prozent der Kälber werden per Kaiserschnitt entbunden. Bei Schweinen führt Gen-Editing ebenfalls zu erheblichen gesundheitlichen Problemen. Viele Tiere sterben schon bei der Geburt oder bald danach, andere erleiden als unerwartete Folge des Umbaus im Erbgut Schäden an Organen und Gelenken, weil niemand alle Wechselwirkungen voraussehen kann.

Und weil niemand weiß, was passieren kann, wird es halt gemacht: So tickt die Spezies, so foltert sie das Leben an sich, so verkackt sie alles, was sie beginnt. Denn an ein Ende denkt sie allenfalls am Ende.

***

Strafmaßnahme 2: Stroke
Die Massenfabrikation von Fleisch durch die Massenquälerei von Tieren dient Freßgewohnheiten, die nichts als selbstmörderisch sind. Das Viehische aber, das wir dem Schlachtvieh angetan haben, ist mit dem Tod der Tiere nicht vergangen; wir tun es uns nämlich selber an. Die Website des ORF berichtete am 10.1.2017:

Wissenschaftler der medizinischen Universität Karolinska Institutet in Stockholm untersuchten über einen Zeitraum von 16 Jahren bei 74.645 Personen unterschiedlicher Altersstufen die Auswirkungen des Fleischkonsums auf die Lebenserwartung. Dazu erhoben sie zu Beginn die Ernährungsgewohnheiten dieser Personen und unterteilten sie je nach Durchschnittsmenge an täglich konsumiertem Fleisch in fünf Gruppen.
„Am Ende des Beobachtungszeitraums stellte sich heraus, daß die Sterberate in der Gruppe mit dem höchsten Fleischkonsum (über 117 Gramm pro Tag) um 21 Prozent höher lag als bei der Gruppe mit dem niedrigsten Fleischkonsum (unter 46 Gramm pro Tag)“, erläuterte Kurt Widhalm, Präsident des ÖAIE. „Insbesondere Todesfälle durch kardiovaskuläre Erkrankungen wie Herzinfarkt und Schlaganfall traten bei Personen mit hohem Fleischkonsum deutlich häufiger auf.“

Je deutschem Kopf und Freßorgan werden durchschnittlich pro Tag 164 Gramm Fleisch in sämtlichen Formen vertilgt, je US-Amerikaner sogar 337. Im globalen Mittel liegt der Verbrauch bei 116 Gramm täglich – nur ein Gramm weniger als in der schwedischen Testgruppe mit der höchsten Sterberate. Die Aussichten, daß die Spezies an ihren Fraßvorlieben und Terminator-Tieren erstickt, stehen gut.

Denn eh es ans eigne Sterben geht, ist Menschen erst mal alles wurscht.

Photos:
Chicago meat inspection swift co 1906“,
by By H. C. White Co [Public domain],
via Wikimedia Commons

BrillenschweinTrastevere 2197“, © Túrelio (via Wikimedia-Commons), 2010
[ Lizenz: CC BY-SA 3.0 DE ],

via Wikimedia Commons

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6 Kommentare

  1. 1

    Moinsen!
    Soweit ich weiß, kommen zu den jährlich durchschnittlichen 60 kg Fleisch pro Bundesbürger auch noch 16 kg Fisch dazu. Freitags muß es ja auch noch tüchtig Fisch geben, wo kämen wir sonst hin! Und für die Kleinen zwischendurch immer mal wieder lecker Fischstäbchen, egal, ob diese blöden Fische bald aussterben, oder nicht. Mjam, lecker! Das macht dann also 76 kg bedenkliche Nahrung pro Bundesbürger pro Jahr, sind dann also summa sumarum über 200 Gramm täglich für jeden, egal, ob Säugling, oder Erwachsener.
    Man könnte also fast sagen, daß jeder Bundesbürger sich durchschnittlich jeden Tag so was Ähnliches wie ein Trucker-Steak reindonnert.
    Schlimm, schlimm, schlimm…
    Einen trotzdem schönen Tag wünscht
    Daniel Lüdke

    Und so lange es Deppenmagazine wie „Beef“ oder das Kilo Gehacktes bei Lidl für 2,99 gibt, wird sich daran auch genau gar nix ändern. KS

  2. 2

    Danke für den Link.
    Bitte als nächstes wieder mal eine (z. B. Musik betreffende) Lobhudelei, ich muß mich nach solcherart „Lesegenuß“ mit Schönem betäuben.
    Zum Tage:
    He made steaks great again.
    Trump Steaks …, world’s greatest …“

    Eine neue Musik-Schwärmerei habe ich z. Zt. nicht auf Lager; aber vielleicht kennen Sie ja die hier noch nicht (für die betr. Sätze bitte scrollen bis zum letzten Absatz vor dem Video):
    „Du bist der Boß!“
    KS

  3. 3

    Auch widerlich: fistulierte Kühe.

    https://schrittanleitungen.de/wp-content/uploads/2016/11/16-4.jpg

    https://www.youtube.com/watch?v=nS3jLXTe2jI

    Widerlich ist noch freundlich ausgedrückt. Mein Abendessen hat kurz überlegt, ob es in mir bleiben will. – Der Milchbauer im Video könnte eine Fistulierung vielleicht auch vertragen. Ist ja schmerzfrei! KS

  4. 4

    Wir töten an jedem Tag mehr Tiere als in allen bisherigen Kriegen Menschen getötet wurden: 619 Millionen fühlende Wesen werden täglich industriell verwurstet. Ich bin schon seit langem davon überzeugt, daß der Mensch sich jede Entwicklung zum Höheren, Besseren verbaut, solange er dieses Verbrechen nicht aus Einsicht beendet.
    Es scheint mir ohnehin keine Hoffnung mehr für das Überleben der Spezies Mensch zu geben. Man muß das nüchtern betrachten. Auschwitz ist geschehen und wir haben keine allgemeine Erschütterung, keine Einsicht, kein unablässiges Trauern auf der Welt. Das ist ernüchternd, desillusionierend. Hölderlin sah das Rettende wachsen, wo Gefahr ist. Ich denke, das war schon zu seiner Zeit eine leichtsinnige Äußerung.

    Über die Hölderlin dann auch verrückt wurde. KS

  5. 5

    Eine Liste verschwundener Spezies der freundlicheren Art erstellen? Ich fürchte, das schaff‘ ich echt nicht. Aber ich kann ja immerhin mal anfangen, und zwar mit der: Riesenseekuh oder Stellerschen Seekuh (Hydrodamalis gigas).
    Welche zu den größten Säugetieren gehörte, die je das unverdiente Pech hatten, ihren Lebensraum mit uns Menschen teilen zu müssen. Und sie war ganz bestimmt eins der freundlichsten: Sie schwamm immer schön langsam von hier nach dort und wieder zurück, sie ging den benachbarten Spezies niemals auf die Nerven und schon gar nicht an den Kragen – sieht man von Seegras und Algen ab, wovon sie so viel vertilgte, dass sie ausgewachsen ein Gewicht von zehn Tonnen erreichen konnte. Was – neben seiner Behäbigkeit und Arglosigkeit – dies gemütliche Ungetüm für die eingeborenen karnivoren Jäger an den Küsten des Nordpazifik natürlich besonders interessant machte.
    Gänzlich und quasi im Handumdrehn ausgerottet wurde die Art allerdings erst, nachdem gegen Mitte des 18. Jh.s ortsfremde Forschungsreisende sich in der Gegend aufgehalten hatten: Die ihnen nachfolgenden europäischen Tötungsspezialisten brauchten nur noch wenige Dekaden, um Hydrodamalis gigas restlos zu Pfannengerichten, Lampenöl und Stiefelsohlen zu verarbeiten und ihm so seinen Platz im Register der ausgestorbenen Spezies zu sichern. Womit sie eine Geschichte beendeten, die lt. Wikipedia vermutlich so um die 20 Millionen Jahre gewährt hatte.
    Kleiner Trost für alle bis dato noch nicht ausgelöschten Arten: Homo sapiens wird es mit Sicherheit auch nicht ansatzweise so lange machen. Wenn er so weitermacht wie bisher – und das wird er ja wohl –, dann wird er einst bestenfalls als Fußnote in irgendeinem galaktischen Wikipedia auftauchen, etwa in der Kategorie: „Besonders unfreundliche Spezies im Orion-Spiralarm“, Unterkategorie: „Prädatoren, die so dämlich waren, sich selbst auszurotten“.
    Einige interessante Details zu Leben und Sterben der freundlichen Riesenseekuh finden sich übrigens hier: http://www.tierdoku.com/index.php?title=Stellersche_Seekuh

    Ein schöner (und schrecklicher) Anfang vom Ende – Dank dafür, lieber Kai! KS

  6. 6

    Auf die Liste gehört unbedingt das Quagga.
    Mir erscheint das Quagga nämlich als besonders schöner Beleg für die Selektionsmechanismen der Evolution: Von Norden her kommend hatten die Pferdeartigen in der Heimat der Tsetsefliege keine Chance – bis sich die Streifen der Zebras durchgesetzt haben. Ab da konnte die Tsetsefliege (Überträgerin der Schlafkrankheit) die Equidae nicht mehr erkennen.
    Als die Pferdeartigen allerdings den Süden Afrikas erreichten, wurde die Streifenfärbung wegen größerer Raubtiere insgesamt wieder zu gefährlich, also verlor sie sich. Übrig blieb Streifenfärbung an Hals und Beinen, die irgendwelchen sozialen Erkenungsmustern diente. Ja, alles Theorie und vielleicht umstritten. Trotzdem denke ich manchmal, der Typ, der Ende des neunzehnten Jahrhunderts das letzte Quagga abgeballert hat, hat muß ein Kreationist gewesen sein.

    Auf jeden Fall ein Durchschnittsvertreter der Spezies. – Vielen Dank für diesen Kommentar; und wenn es so weitergeht mit den Nachrufen auf verschwundene Arten, wird hoffentlich doch noch ein Blogpost daraus. KS

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