Die Spezies hat‘s verkackt (4): Epitaphe

Keine Klageschrift heute, auch keine Strafmaßnahme. Bloß einige Zitate, die zum Untergang der Welt passen wie Grabinschriften. Denn daß die Verhältnisse, über die besonders die Bürger der westlichen Welt seit fast 200iJahren leben, sehr bald schon ein Ende finden werden – ob durch ökonomischen Zwang, atomaren Suizid oder den Kollaps der Biosphäre –: Dasesteht fest wie die Unmöglichkeit, eine Spezies zu retten, die sich ums Verrecken nicht helfen lasseniwill.

Epitaphe also, nicht gesucht, sondern zugefallen. Zum Beispiel aus dem Guardian vom 27. Januar 2017. Der Reporter Ed Pilkington war im „Rust belt“ von Michigan unterwegs und wollte von Trump-Wählern wissen, was sie an dem Unhold so toll finden. Im Grunde wenig, antworten die meisten. Aber sie hoffen sehr, daß Trump die Öl-Pipeline Keystone XL mit aller Macht und Gewalt weiterbauen läßt, denn von diesem Wahnsinnsprojekt erhoffen sie sich Wohlstand und Glück. Es spricht Wallace Kotharz, 74, Einwohner des Städtchens Macomb:

I believe in the pipeline; I also believe in global warming but you can’t have everything.

Ja, man kann nicht alles haben. Und eben deshalb wollen Menschen immer alles, zumal das, was niemand, der bei Verstand ist, haben wollen würde. Zum Beispiel wollen viele Mitglieder des Stuttgarter Gemeinderats freie Fahrt für egalwelche Dreckschleudern, obschon die, hüstel, Atemluft am Neckartor einem Kettenraucher zu schmutzig wäre. Also fordern jene Kannmichmalpolitiker, daß der Schmutz bittschön unterm Teppich bleibe, daß er nicht mal genannt werde. In einem vorzüglichen Stück für die Zeit berichtet Rüdiger Bäßler am 24. Februar 2017:

Die Rathausfraktionen von CDU, Freien Wählern und FDP wollen per Ratsbeschluß das Wort Feinstaubalarm abschaffen. Es schade dem Tourismus und halte Arbeitswillige und Studenten vom Zuzug in die Stadt ab, behauptet beispielsweise der CDU-Fraktionschef

(kein Satiriker hätte einen treffenderen Namen erfinden können:)

Alexander Kotz

Was ohne sofortigen U-Turn aus uns und dem Planeten wird, hat am 17.iFebruar 2017 – halb verzweifelt, halb flehentlich – Stan Cox für das Weblog Green Social Thought aufgeschrieben. Es wird weder Tourismus noch Arbeit, weder Studium noch Zuzug mehr geben, sollten solche marktwirtschaftlich Hirngewaschenen wie Kotz oder Trump oder Merkel das Sagen behalten. Nicht mal ein „wird“ wird es geben. Wir sollten also aus den folgenden Sätzen eine Konsequenz ziehen – oder sie vormerken für den Grabstein der Spezies:

It has been obvious for more than four decades that we can have either capitalism or a livable planet but not both. We’ve known even longer that we can have either capitalism or economic and social justice but not both.

So einfach ist das. Aber dem ordinären Menschen, diesem Kotz und Klotz, viel zu hoch.

Deshalb wäre das Epitaph der Gattung nicht von ihr selbst, die es verkackt hat, zu stanzen. Die anderen Gattungen drücken, obzwar sprachlos, ihre Qual und das Leid, das wir über alles bringen, weit beredter aus. Wir müssen nur mal hinhören.

So wie Bernie Krause. Dieser große Amerikaner ist ein Pionier der elektronischen Musik, ein begnadeter Toningenieur und Begründer einer neuen naturwissenschaftlichen Disziplin, der Bioakustik. In seinem zutiefst rührenden, inspirierenden Buch Das große Orchester der Tiere erzählt Krause:

Die allertraurigsten Laute, die ich je von einem Tier vernommen habe, stammen aber nicht von einem Primaten. Sondern von einem Biber. Vor ein paar Jahren schickte mir ein Kollege aus dem Mittleren Westen einen Audiomitschnitt von einem Vorfall [an] einem abgelegenen, kleinen See in Minnesota. Als er sich an einem Frühlingstag mit seinem Aufnahmegerät postiert hatte, beobachtete er fassungslos, wie zwei Jagdaufseher auftauchten, Sprengstoff legten und einen Biberdamm am Abfluß des Sees in die Luft jagten […]. In der Nähe gab es weder Häuser noch Äcker, die man hätte schützen müssen, die Sprengung war also offenbar ein willkürlicher Akt der Gewalt. Das Weibchen und die Jungen der Biberfamilie starben, als der Damm in die Luft flog. […] Nach Einbruch der Dämmerung zog das überlebende, wahrscheinlich verwundete Männchen seine Kreise durch den See und schrie voller Schmerz nach seinem Weibchen und den Jungen. […] Ich hoffe, nie mehr Zeuge solcher Schreie von einem lebenden Wesen zu werden. Die ergreifendste menschliche Musik, die ich kenne, reicht da nicht heran.
[Übersetzung: Gabriel Gockel u. Sonja Schuhmacher]

Auf der Website des Verlags Antje Kunstmann können Sie die Aufnahme nachhören, sofern Sie den Mumm dazu haben (unter Kapitel 5, Punkt 6) – wahrlich, ein Totenlied sondergleichen, der konzentrierte Jammer dieser Welt.

Hätte ich irgendwas zu bestimmen, dann müßten sämtliche Radiostationen der Erde diese grauenhafte Minute als Signal vor den Nachrichten senden, täglich. Stündlich. Dieses Elend, diese Not ist, was wir allem Leben antun. Das ist die Schande unserer Art, ist einer entmenschten Menschheit Abgesang. Ein Amen, das widerhallt von Ewigkeit zu Ewigkeit.


Illustration: „The Piker and World’s fair guide […] (1904)
(14595066810) Funsten Bros. & Co.“,
by Internet Archive Book Images [No restrictions],
via Wikimedia Commons


Freitag, 24. Februar 2017 23:57
Abteilung: Die Spezies hat‘s verkackt, Ironie off, Kaputtalismus

3 Kommentare

  1. 1

    Wohl ad in­fi­ni­tum, aber den Meisten, denen dadurch „Dieses Elend, diese Not ist, was wir allem Leben antun“ mal kurz vor Augen geführt wird, gehen Hunger, Kriege sowie das tägliche Menschenübel leider trotzdem am Sonstwas vorbei. Ein ersoffenes Kind am Strand, ein kleiner verelendeter Eisbär, die Sympathiebekundung für ein Flüchtlingskind, sowie dieses – ich nenne es mal – „auch-Deutsche-unter-den-Opfern-Syndrom“ gepaart mit Kranz-Blumen-Orgien sind schließlich genug für die moralische Selbsterhöhung.
    Soll keiner sagen, der Kampf gegen die Aufklärung sei vergebens.

    Und soll keiner sagen, der Kampf für die Aufklärung sei nicht eben deshalb notwendig! Manchmal dringt man auch zu den Indifferenten durch. Glaubt: KS

  2. 2

    Hoffentlich! Sorry, no offense meant.

    Ich hab Ihren Kommentar gar nicht als Angriff empfunden – im Gegenteil! Eine Entschuldigung wäre allenfalls meinerseits fällig, weil ich mich wohl im Ton vergriffen habe. Venceremos! KS

  3. 3

    Kunstmann-Link leider kaputt.
    Danke für die Serie.

    Gern geschehen. – Aber ich wüßte gern, welcher Link kaputt ist. Vielleicht mögen Sie mir an meine Admin-Adresse schreiben? Danke! KS

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