Die Spezies hat‘s verkackt (9)

Mit jedem Eintrag in diese Abteilung des „Abfall“ bedrängt mich stärker die Frage nach dem Sinn vons Janze. Denn jeder neue Beleg für die Vernichtung der Biosphäre läßt mich weniger hoffen, es könnte sich je was ändern, läßt mich mehr daran zweifeln, es sei der Menschheit gegeben, sich zu besinnen. Ich frage mich, ob ich mit diesen Postings noch warnen oder bloß der Archivar sein soll, ob die Spezies zu retten oder der Appell an ihren Selbsterhaltungstrieb blanker Selbstbetrug ist.

Ich bestreite nicht, daß meine wachsende Skepsis, die Verhinderung des „Ökozids“ (Peter Bertholdbetreffend, auch biographische Motive hat. Ich bin nicht mehr der Jüngste, ich weiß über die flächendeckende Gemeinheit und Torheit des Homo s. mehr, als mir lieb ist, und ich habe leider auch tiefe Einblicke in die Erbärmlichkeit und die Endlichkeit menschlichen Seins nehmen müssen. Neulich las ich irgendwo, daß sich jedes Jahr rund 10.000 Deutsche das Leben nehmen, und mein erster Gedanke war: Wie, nur 10.000?

Pessimismus und Alter gehören zusammen wie Jugend und Zuversicht, das ist keine Neuigkeit. Altwerden heißt körperlich verfallen, und dieser Vorgang, der weder wegzulügen noch umkehrbar ist, verleitet den Alternden leicht dazu, jegliches Übel und jedes katastrophale Ereignis für irreversibel zu halten. Deshalb werden die meisten Menschen, die altern, immer härter, zynischer, reaktionärer und projizieren den Zorn, den sie über ihren biologischen Niedergang empfinden, auf jene, die im Aufstieg und vollen Saft sind. Die Alten gönnen den Jungen das Jungsein nicht, also geben jene sich alle Mühe, mit todöden Monologen, gräßlichen Lehrsätzen und schaurigen Schwänken aus der eigenen Jugend den Nachwachsenden den Spaß zu verderben. Behauptete ich, vor solcher Altersfiesheit gefeit zu sein, machte ich mir (und meinen Lesern) was vor.

Wenn ich also verkünde und Indizien dafür vorlege, daß die Spezies es verkackt hat, dann spielt die Verzweiflung oder Empörung über meine individuelle Verkacktheit stets eine Rolle. Ich verdränge das gern, deshalb erinnere ich mich nun öffentlich selbst daran.

Andererseits empfinde ich bei Meldungen über den desaströsen Zustand der Planetenoberfläche kein Quentchen Genugtuung und erst recht keine Schadenfreude. Sondern Mitleid mit allen Menschen, die nach mir auf diese defekte Welt kamen. Ich fühle mich, sicherlich zu Recht, mitschuldig an dem Grauen, das die Kinder von heute als Erwachsene erwartet. Obwohl ich meine Gene für mich behalten und nichts zum Fortwuchern der Spezies beigetragen habe.

Aber soviel evolutionärer Impuls ist schon in mir, daß mich die Aussicht auf das Aussterben der Menschheit, auf die Not der letzten Generation (die vielleicht bald geboren wird), die monströsen, unfaßbaren Grausamkeiten, die kommen werden, entsetzt. Es zerreißt mir schier das Herz, wenn ich die Kinder in der Kita gegenüber durch die kahlen Zaunhecken schleichen sehe und aufgeregt plappern höre, als wären sie in dem Dschungel, aus dem unsere Art mal kam, und den es in naher Zukunft nirgendwo mehr geben wird.

Warum also schreibe ich weiter an dieser Rubrik, wenn nicht aus Zynismus und Misanthropie? Weil es sein muß, aus moralischen, hygienischen, auch literarischen Gründen. Weil schweigen Resignation bedeutet, und so alt bin ich noch nicht, um klein beizugeben. Weil mir gar nichts anderes übrig bleibt, obwohl ich lieber alberne Gedichte schriebe oder von den zierlichen Tischsitten der Kohlmeise berichtete. Aber auch das wird wieder seine Zeit finden. So lange noch eine Zeit ist.

***

Von der iberischen Halbinsel wird berichtet:

Es will nicht regnen in Spanien und Portugal. Nur der äußerste Nordwesten kann nun etwas aufatmen, da eine Atlantikfront etwas Regen bringt. Das ändert aber in weiten Teilen beider Länder nichts daran, dass die Lage so besorgniserregend ist, daß vor allem in Portugal schon stark über Wasserrationierungen nachgedacht wird. In Portugal, das wegen der Dürre schon einen schrecklichen Brandsommer mit mehr als 100 Toten erlebt hat, sind schon 94 Prozent des Landes von einer „extremen Dürre“ betroffen, erklärt der Staatssekretär für Umwelt Carlos Martins.
Telepolis, 25.11.2017

Viehherden verenden, Weiden versteppen, Flüsse versiegen, und weil die trocken fallenden Wasserkraftwerke immer weniger Elektrizität erzeugen, verbraucht Portugal weit mehr fossile Brennstoffe als in früheren Jahren. So wird ein Loch gestopft, indem anderswo ein noch viel größeres gerissen wird. Das niemand mehr zunähen kann:

Klimaforscher sagen voraus, dass es […] 2050 nur noch in wenigen Regionen Olivenbäume, Orangenbäume und Weinanbau geben wird.
a. a. O.

Von Menschen nicht zu reden. – In Spanien sieht es kein Deut freundlicher aus:

So mancher Stausee ist längst zum Tümpel verkommen, umgeben von riesigen Schlammflächen. Die Seen am Oberlauf des Tajos speichern gerade noch 9 Prozent ihrer Kapazität. […]
Zwei Drittel des Landes leiden laut staatlichem Wetterdienst […] seit nunmehr drei Jahren darunter, daß Niederschläge ausbleiben. […]
Laut Regierung ist die Wasserversorgung bis zum Jahresende gesichert; danach wird dann der Verbrauch eingeschränkt werden müssen.
Taz.de, 24.11.2017

Es gibt natürlich auch in Spanien und Portugal sehr viele Menschen, die nicht wahrhaben wollen, daß die Verwandlung ihrer Landschaften in Wüsten eine Folge der Klimaerwärmung ist. Die mit einer Leidenschaft, die etwas Wahnsinniges hat, bestreiten, es gäbe diese Erwärmung, obgleich sie unmittelbar von ihr betroffen sind. Die die Klimaanlagen höherdrehen, während ihre Umwelt buchstäblich verbrennt:

Schon lange wüteten nicht mehr so viele Feuer wie in diesem Jahr. In den ersten drei Quartalen fielen [in Spanien] 106.000 Hektar den Flammen zum Opfer. Im benachbarten Portugal waren es dreimal so viele.
a. a. O.

Was weitere Megatonnen CO2 in die Atmosphäre schleudert, weitere Wälder, die Kohlendioxid binden könnten, vernichtet. Doch was beschäftigt die Spanier derzeit am meisten? Ein „Unabhängigkeitsreferendum“, das nie die geringste Chance hatte, in die Tat umgesetzt zu werden, das einen Klowisch wert sein wird, wenn erst mal, in spätestens 30 Jahren, die iberische Halbinsel zur Sahelzone Europas geworden ist. 

***

Anderswo sind die Menschen nicht klüger, Dummheit, Ignoranz und Schizophrenie nicht geringer. Jeffrey St. Clair schrieb am 24. November in „Counterpunch“ über einen gigantischen Waldbrand im US-Bundesstaat Oregon, ausgelöst von einer Gruppe Teenager, die in ihrer Facebook- und Instagram-Bescheuertheit einen Spaß daran fanden, in einem zundertrockenen Urwald mit Knallfröschen zu werfen:

Within hours, the Eagle Creek Fire had raced across 3,000 acres of old-growth forest, stranding more than 100 terrified hikers on the Pacific Crest and Eagle Creek Trails. By the next day, the river town of Cascade Locks was under evacuation orders.
Three days later, I awoke to a sickly-sweet smell in Oregon City, 70 miles west of the Gorge fires. Outside, a gray scrim of ash coated the porch and my ancient Subaru. Our house was enshrouded in a pall of smoke so thick I could barely detect the vague outlines of the house across the street. […] In three weeks, the Gorge fires had burned nearly 50,000 acres.

Die Erhitzung der Erdatmosphäre manifestiert sich in der Zunahme von Häufigkeit und Dauer der Waldbrände:

The wildfire season in Oregon has expanded by 75 days since 1980. In the 1970s, the average Oregon wildfire burned for about a week before petering out. Now, forest fires here in the Northwest rage for an average of 56 days, until they are extinguished by the fall rains and snows, which come later and later each year. The number of acres burned in Oregon each year has more than doubled since 1980.

Aber das ist ja kein Grund, die Vernichtungsmaschine Kaputtalismus zu stoppen, bewahre! Als Rezept gegen die Brände empfiehlt die zuständige Behörde, die verbliebenen Wälder massiv zu roden; denn wo kein Holz ist, kann auch nichts mehr brennen – Marktwirtschaftslogik in Aktion:

Sonny Perdue and his wrecking crew at the Agriculture Department […] are portraying old-growth trees as standing weapons of mass destruction. Taking the Vietnam approach to the National Forests, which Perdue calls the „woodbasket of the world“, Perdue intends to save the forest by clearcutting it, without any restraint from troubling environmental laws. „We’re not going to roll over at every ‚boo‘ from the environmentalists“, he vowed in Montana in July. How convenient for the timber industry.

Perdue dürfte sich bestens mit Bundeslandwirtschaftsminister Schmidt verstehen, der gestern die EU-Kommission ermächtigte, das Gift Glyphosat weitere fünf Jahre zur Verheerung der Ackerflächen freizugeben. Die Maschine muß halt laufen. Sie ist der Gott, dem geopfert werden muß, und über die Folgen reden wir nur leise, weil die Hohenpriester Bayer und Monsanto es nicht so gern hören. Auch wenn die Folgen solchen Wachstumsaberglaubens bald jedes biologische Wachstum abwürgen werden und die Chemikalisierung der Biosphäre schon heute die Ausmaße einer globalen Intoxikation angenommen hat.

***

Ebenfalls in „Counterpunch“ bemerkt Robert Hunziker am 30. Oktober:

Each and every year an avalanche of toxic chemicals, amounting to 250 billion tonnes, drips over Earth, which, over time, will sanitize all life, turning the planet into a massive gooey glob that glistens dazzlingly orange, not vividly blue. Already, scientists categorize Earth as a „toxic planet“.

Der orangefarbene Planet – nun, das paßt immerhin zu dem Helden aller Umweltfeinde, Klimawandelleugner und Plünderer, dem besten Buddy der Schmutzkonzerne, dem Gangster und Idioten Donald TrumpHunziker hat Beispiele, die einem den Hals zuschnüren:

Mercury is found in Arctic polar bears. Honeybees are dropping like flies. […] And, drumroll please, Mt Everest’s snow is so polluted it doesn’t even meet EPA drinking water standards, absolutely true. Dangerous levels of arsenic and cadmium have been found in snow samples taken every 1,000 feet up […].

Aber ohne all das Gift ließe sich die Weltbevölkerung doch nicht ernähren! wenden die Proselyten der Industrie an dieser Stelle gern ein. Von wegen:

However, according to a UN study, it’s a myth that pesticides are essential to feed a fast-growing population […]: „Pesticides cause an array of harms. Runoff from treated crops frequently pollute the surrounding ecosystem and beyond, with unpredictable ecological consequences. Furthermore, reductions in pest populations upset the complex balance between predator and prey species in the food chain, thereby destabilizing the ecosystem. Pesticides can also decrease biodiversity of soils and contribute to nitrogen fixation, which can lead to large declines in crop yields, posing problems for food security …

Kurz: Nach einigen Jahren hoher Erträge folgen Jahre, Jahrzehnte ohne irgendeine Ernte. Das finden marktkonforme Demokraten wie Schmidt und Perdue und der Großteil der Menschheit freilich okay, denn sie alle sehen nicht weiter als bis zur Nase, die sie in den eigenen Arsch gesteckt haben.

Einstweilen funktioniert die Maschine ja noch. Einstweilen hat der Dreck, den sie produziert, das Getriebe noch nicht verstopft und den Motor nicht implodieren lassen. Einstweilen gibt es noch Flecken auf der Erde, die sich verdrecken lassen.

Aber wofür das alles? Zum Wohl der Menschen, zur Prosperität der Gattung? Natürlich nicht. Sondern einzig für die Anhäufung toter Arbeit, toten Werts, toter Macht – dafür:

Billionaires increased their combined global wealth by almost a fifth last year to a record $6tn [5,05 Billionen Euro] – more than twice the GDP of the UK. There are now 1,542 dollar billionaires across the world, after 145 multi-millionaires saw their wealth tick over into nine-zero fortunes last year […].
The Guardian, 26.10.2017

***

Nein, es ist nicht erfreulich, über die Menschheit zu schreiben. Und ja, ich würde mich lieber mit den zierlichen Tischsitten der Kohlmeisen befassen. Aber beide – der törichte Mensch und der gewitzte Vogel – treiben mir Tränen in die Augen, aus demselben Gefühl. Es ist eins.

Ich kann nicht sehen, wie alles wird, ob etwas wird. Darum kommt es auf die Jungen an, auf die Kinder, die nach uns alten Drecksäcken kommen. Sie haben vielleicht noch den klaren Blick trotz Facebook und Instagram. Mehr sind von ihnen da, als sie selber glauben. Ihr Unmut gärt, das Regime fürchtet sie und hofft, daß sie nicht von ihren Smartphones aufblicken und die Welt betrachten, wie sie ist: verkommen. Die Jungen sollten uns, die Altersmächtigen, auf der Stelle entmachten; ohne Rücksicht auf Verluste und Verwandtschaft. Wenn nicht heute, dann, bitte, morgen früh. – Denn danach ist alles zu spät, daran besteht kein Zweifel, siehe oben.

Mir ist, wie Sie wohl merken, die Menschheit, dieses Pestizid der Welt, immer noch nicht egal. Kein Schimmer, warum. Eine Art Egoismus, vielleicht.

Photo: „Incendio de Arenas de San Pedro 2009“,
by Elvira S. Uzábal – elbeewa (Flickr: [1]) [CC BY-SA 2.0],
via Wikimedia Commons

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Dienstag, 28. November 2017 17:21
Abteilung: Die Spezies hat‘s verkackt, Kaputtalismus

14 Kommentare

  1. 1

    Was tun.
    Wer sich mit dieser Frage nicht beschäftigt, mit dem lohnt es kaum zu reden. Sie beantworten zu können, dafür geht man zur Schule. Dort wird gelehrt, wie das geht. Meine Schulzeiten liegen zu lange zurück, ja früher, würde mir vorgehalten, aber heute doch nicht. Es war vor wenigen Jahren, ein Freund unseres Sohnes hielt ein Referat über Lobbyismus. Es war hervorragend, unser Sohn hat bis dahin viele gehalten und immer mit Bestnote, er wußte, wie das geht, was gefordert wird, er konnte das beurteilen. Standing ovations von der ganzen Klasse, alle fanden es sehr gut. Aber: Note 6. Wie kann das sein? Wegen seines Schlußsatzes, so etwas darf man nicht sagen, damit begründete die Lehrerin ihre Bewertung. Die meisten Politikerinnen und Politiker seien keine Interessenvertreter der Bürgerinnen und Bürger mehr, sondern den Lobbyisten zuzurechnen.
    Gestern läßt die „Tagesschau“ eine CDU-Frau sprechen, Glyphosat sei für den Menschen völlig ungefährlich, die und der und das, sie nennt zum Beweis Institute mit lauter Schlachtworten im Namen, Ehrfurcht und Respekt gebietend, europäisch, international, unabhängig, EZIBG, wie, kennen Sie nicht? Was wollen Sie überhaupt hier mitreden. Warum nur 5 Jahre. Warum nicht gleich 50. So spricht eine Christin von heute. Klar, Bayer will Monsanto übernehmen, je größer die Schlachtschiffe, desto unangreifbarer, das geht nicht ohne Politik.
    Nehmen wir einmal an, es stimmt, was die Frau da behauptet. Dann darf ich auch annehmen, die Nachrichten werden von Psychologen gemacht. Bei der Wettervorhersage, zumindest bei der längerfristigen, bin ich mir da sicher, da haben die Meteorologen nicht das letzte Wort. Damit wird Stimmung gemacht. Zum weiter so, war doch alles nicht so schlimm, schon wieder eine Katastrophe überstanden, was wollt ihr denn.
    Um die Zulassung für ein Mittel wie Roundup (Glyphosat) zu bekommen, muss nur die Unbedenklichkeit für den Menschen nachgewiesen werden. Dafür gibt und gab Monsanto sehr viel Geld aus. Kein Problem für einen Weltmarktführer. Das Problem ist nur, es gibt leider noch ein paar andere Hersteller von Fungiziden und Pestiziden. Was nämlich nicht nachgewiesen werden muß, ist, was passiert, wenn der Herr Landwirt auf die Idee kommt, sei es aus eigenem Forschungsdrang, sei es aus Geldnot, Weltmarktführer diktieren die Preise, solche Mittel zu mischen. Ich denke da an ein paar tote junge französische Bauern, ja, von unbedenklich zu tödlich, geht ganz schnell und unsichtbar. Habe ich auch aus dem Fernseher, kann keiner sagen, es wird uns etwas verschwiegen.
    70 Milliarden kosten uns die Folgeschäden ungesunder Ernährung im Jahr, spricht der Mann von der AOK, ist es noch die „Tagesschau“ oder ein anderer Sender? Da geht es um Zucker und dergleichen unbedenkliche Gifte. Bitte mach die Kiste aus, genug Empörung für heute.
    Ich warte seit ein paar Jahren auf die Erfolgsmeldung von Monsanto: Wir haben es geschafft! Das Supergift gegen die Superweeds ist gefunden! Etwa seit zwölf Jahren forscht Monsanto, unter Hochdruck und dem Einsatz aller mobilisierbaren Mittel, heißt es, und hat die harte Nuss immer noch nicht geknackt. Sie hoffen, so vermute ich, es innerhalb der nächsten 5 Jahre zu schaffen. Dann können sie Roundup vom Markt nehmen, dann sind alle wieder beruhigt, es wird dann durch ein noch besseres Gift ersetzt werden, keine Zeit, wieder keine, eventuelle Folgeschäden abzuwägen oder gar zu untersuchen, versteht sich. Da die Nachrichten solche Meldungen ja nicht bringen, wie viele tausend Hektar an fruchtbarem Boden, in Gegenden, in denen es noch pünktlich regnet, diese Woche wieder an die Superweeds verloren gegangen sind – nicht daß dafür keine Zeit wäre, aber man berichtet lieber über die Stimmung an der Börse – hier eine veraltete Zahl: 250.000.000.000 Quadratmeter, das sind 250.000 Quadratkilometer (ganz Deutschland beansprucht rund 357.386) sind es bereits in den USA, aufgegeben oder gefährdet. Einfach nicht mehr spritzen, wieder jäten hilft da gar nichts. Gegen Pflanzen, die 6-7 cm pro Tag wachsen, bis zu 3 m hoch werden und 1 Million Samenkörner produzieren kommt der fleißigste Bauer nicht an. Die überwuchern einfach alles, da wächst nichts anderes mehr.
    Bis zum Abitur kam auch ich in den Genuß unseres Bildungssystems, das mich zu besserem, überlegterem Urteilen und Handeln befähigen sollte. Mit einer jahrelangen Unterbrechung zwar, aber vielleicht war sie es, die mir, auch erst nach Jahren, ich denke langsam, den Gedanken eingegeben hat: Was, wenn die Lehrerin mit ihrer Benotung klug und richtig gehandelt hat? Wenn sie gedacht hat, genau so ist es, wie es der Knabe da erzählt hat, aber meine Schülerinnen und Schüler hören sich das an, applaudieren, stimmen also zu, dann aber verlassen sie den Unterricht, gehen aber nur auf die Straße, um nach Hause zu gehen. Ich gebe ihnen einen Grund, sich noch mehr zu empören, das sollen sie so schnell nicht vergessen. Dafür mache ich mich unbeliebt bei Ihnen, das ist es mir wert, ich bin doch nicht hier, um gemocht zu werden. Ich bin sie so leid, diese portionierte Empörungskultur, diese Zuteilung und Aneignung der Themen an die passenden und unpassenden Gruppierungen, wenn die Jungen nicht aufstehen und sich auflehnen gegen dieses System, wer dann.

    Lieber Udo Theiss, Ihr Kommentar ist eigentlich zu schade für eine Kommentarspalte. Ich hoffe, daß er trotzdem viele Leser findet. Er hat’s verdient. KS

  2. 2

    Nun, der vielleicht wichtigere „Telepolis“-Artikel findet sich nicht weit entfernt von dem über die Sahelisierung der iberischen Halbinsel. Er handelt von der Entwicklung der neuen Generation von Interkontinentalraketen, die wohl in weniger als einer Generation dann nukleare Nutzlasten mit 20 Mach ins Ziel führen und auf die es keine menschliche Reaktionsfähigkeit und vielleicht auch keine Abwehrmöglichkeiten mehr geben wird. Also Erstschlagswaffen.
    An sich ist das noch nicht sooo bedrohlich, nach heutigen Die-Welt-geht-unter-Standards jedenfalls. Doch wenn die einzige realistische Hoffnung darin bestünde, die fossile Wirtschaft mitsamt Kapitalismus und Welthandel zu beerdigen bzw. wie auch immer kontrolliert oder unkontrolliert crashen zu lassen, dann haben wir ein Problem mehr. In so einer Welt, die nicht mehr durch Handel und wechselseitige Interessen und Abhängigkeit bestimmt wird, werden Kriege zwischen Großmächten wieder reale Szenarien, insbesondere da das nicht hübsch vonstatten gehen kann. Und das dann mit von Computern delegierter Mutual assured destruction á la 5 Minuten bis zum Weltuntergang. Hätte in den Achtzigern ein Computer und kein Mensch entschieden, den „Gegenschlag“ lieber sein zu lassen, wären wir alle schon tot. Da das irgendwie auch einleuchtet, wird niemand ernsthaft in Erwägung ziehen, das alternativlose Weltsystem crashen zu lassen, woraufhin uns dann langfristig der Klimawandel auslöscht.
    Aus einer technischen Logik gesehen, ist die Menschheit ein Todeskandidat, und das wissen oder spüren die allermeisten irgendwie, inwieweit da menschlich noch was geht, werden wir ja sehen. Der Gläubige hofft dabei auf den technischen Fortschritt oder irgendwelche diffusen von Unten-nach-oben-„einmal alle Kumbaya“-Szenarien als Lösung.
    Das Schöne dabei ist: Es spielt keine Rolle. Weltuntergang ist keine Handlungsoption, egal wie wahrscheinlich, es wäre bescheuert, sein Handeln danach auszurichten. Also immer fleißig den Stein den Berg hochrollen, und wenn er einen am Ende überrollen sollte, na ja, daß wir alle sterben müssen, wissen wir und „das Überleben der Menschheit“ schert mich am Ende unendlich weniger als Leben und Überleben des konkreten einzelnen Menschen aus Fleisch und Denken.
    Die einzige Frage, die sich mir stellen würde, ist, ob es die Menschheit denn wert ist, die Okosphäre eines ganzen Planeten aufs Spiel zu setzen. Das ist dann die Frage der Misantrophie, und ihr Ausdruck ist der schiere Zynismus, der heute bei vielen klugen Leuten gegen ihre Mitmenschen vorherrscht. Das finde ich schade und könnte am Ende vielleicht der entscheidende Punkt sein, der uns als Spezies tatsächlich umbringt – unser Selbsthaß. Denn dann akzeptieren, ja wünschen wir uns den Untergang irgendwann. Da wird dann eben nicht mehr im Brechtschen Sinn für ne bessere Welt gekämpft, sondern nur noch verspottet, gehöhnt oder still und heimlich abgekehrt.

    Meinen Sie mit den letzten Absätzen mich? Dann haben Sie mich gräßlich mißverstanden. – In einem Punkt irren Sie sich sehr: Die Abschaffung des Kaputtalismus bedeutet überhaupt nicht die Abschaffung von Handelsbeziehungen und allem, was damit zusammenhängt. Der Handel fände allerdings nicht mehr unter dem Primat der Wertakkumulation statt. Was wiederum dazu führt, daß zum ersten Mal seit Äonen auf Augenhöhe und mit Vernunft gehandelt wird. Oder können Sie sich so was gar nicht vorstellen? – Vielen Dank jedenfalls für Ihren interessanten Kommentar! KS

  3. 3

    Wie wahr, wie wahr.
    Ich fürchte das wird nix mehr.
    Man muß sich die Frage stellen, wieviel Lebensraum für Flora und Fauna verlustig gehen, für das Leben eines Menschen.
    Irgendwelche Schwachköpfe behaupten, 10 Mrd. Menschen ernähren zu können.
    Das kann nicht funktionieren, da der Rest des Planeten öde und kahl sein wird.
    Grüße

    Mit Ihnen verglichen bin ich ja fast ein Optimist. KS

  4. 4

    Das ist deprimierend und gleichzeitig macht mich die Gleichgültigkeit der Menschen meiner Generation wütend. Gestern erst mußte ich mir eine Bemerkung meiner Nachbarin anhören, unsere Enkelkinder hätten es besser als wir, denn sie wüchsen ja mit dem Klimawandel auf und könten sich so ganz allmählich an nächtliche Temperaturen von nicht unter 30 Grad gewöhnen.
    Rainer Trampert hat auch einen interessanten Text verfasst, der zum Thema passt:
    http://www.rainertrampert.de/artikel/kann-man-mit-der-marktwirtschaft-die-umwelt-retten
    Ein Lesegenuß. Versprochen.

    Sie haben recht, das ist in der Tat ein brillantes Stück. Ich empfehle es gleichfalls weiter. – Ihre Nachbarin ist ein guter Grund, die Menschheit für irre zu halten. KS

  5. 5

    Antonio Gramsci meinte, zur Verbesserung der Welt bräuchte es vor allem zweierlei: einen Pessimismus des Verstandes und einen Optimismus des Willens. Ersterer ergibt sich angesichts der weltzerstörenden menschlichen Dummheit, Gier und Ignoranz praktisch von selbst. Was den Optimismus des Willens angeht: den zu entwickeln, und sei es erstmal bloß als Theorie, ist unendlich viel schwerer.
    Ich glaub, das schaffen tatsächlich nur ziemlich junge Menschen oder vielleicht auch ziemlich alte. Dazwischen liegt eine riesige Fraktion, die man komplett vergessen kann, jedenfalls soweit sie gut und gern in der hiesigen Konsumhölle lebt. Diese Leute kennen nämlich nur die Gegenwart bzw. die armseligen Abbilder, die ihre Smartphones daraus filtern. Die Vergangenheit interessiert sie nicht, und was die Zukunft angeht, so denken sie – wenn sie überhaupt was denken – wahrscheinlich so was wie „Alles, was nach mir geschieht, ist, als geschähe es nicht“. Und dann gehn sie los, sich das neueste Smartphone kaufen.
    Der zitierte Satz stammt aus dem „Untergang des Egoisten Fatzer“, einem frühen Text von Brecht, mit dem er nie fertig wurde. Vielleicht auch deswegen, weil er dafür einfach kein optimistisches Ende hinkriegen konnte.

    Nach solch einem großen Satz kann ein Stück einfach auch mal Fragment bleiben. Zumal ein solcher Satz das Fragmentarische geradezu erzwingt, ästhetisch. – Ach, danke für dieses Zitat, ich kannte es noch nicht! KS

  6. 6

    Das Problem heißt nach wie vor „Überbevölkerung“.

    Wenn Sie die Bevölkerung der industrialisierten Staaten meinen: einverstanden. Sollten Sie aber die armen Teufel meinen, auf deren Kosten wir unsere Fettlebe betreiben: dürfen Sie gern für immer von meiner Seite verschwinden. KS

  7. 7

    Das ist erst mal irrelevant. Als ich 1974 den Bericht vom „Club of Rome“ gelesen habe, ist mir das klargeworden.
    Zumal sich eigentlich alles bewahrheitet hat, was die damals so eruiert haben.

    Ähm … Was ist erst mal irrelevant? KS

  8. 8

    Glücklicherweise bin ich, mit einem diesbezüglich engeren Kreis, im Reinen, daß da nix mehr geht, was natürlich eine, auch ansonsten unsichere, Emotion/Hoffnung auschließt. „I felt a lot better when I gave up hope.“ (W. Allen)
    Das klingt ziemlich dark, aber der diesbezüglich kontinuierliche als auch weitere Verlauf dieser menschlichen Realität, läßt kaum Positives erwarten.
    Ich war vor 30 und davor Jahren auch/noch, durchaus euphorisiert, auf allen möglichen Pro-Umwelttrips.
    Was mir, außer dem anhäufenden Destruktivwissen, ebenso kontinuierlich auf den Arsch ging, daß mir jeder, bis zu den einflußreichsten Politikern&Co nichts anderes erklärt, als daß wir diesen Planeten unbedingt vor uns selbst retten müssen. … und das, ständig, praktische Gegenteil dessen. Primitivste, verheuchelte Verdummung etc.
    Mir sagte vor einigen Jahren mein weiser Datenscheich Achmed anhand meiner Ausführungen: „Realismus klingt oft wie ein trauriges, pessimistisches Lied“ … Leider.
    Kyle

    Über den „Datenscheich Achmed“ sollte mal jemand eine Geschichte schreiben. Welch ein poetischer Name! KS

  9. 9

    Die Probleme sind, ich wiederhol mich: Dummheit, Gier und Ignoranz. Vor allem in der „ersten“ Welt. Und „Überbevölkerung“ ist eine urkapitalistische Vokabel, aus der die modernere, faschistische folgt: Selektion. Nach kapitalistischer Logik ist überflüssig, wer in der Wertschöpfungskette weder als Produzent noch als Konsument zu gebrauchen ist. Wird er dazu noch als Konkurrent beim Zugriff auf Güter und Ressourcen wahrgenommen, als „unnützer Fresser“, ist er zu selektieren. Die Vernichtungslager der deutschen Faschisten waren ja keineswegs ein Rückfall in die Barbarei oder in irgendein finsteres Mittelalter, sondern bloß die bisher konsequenteste Umsetzung der Logik des Kapitals. Der industriell organisierte Massenmord war eher ein grausiger Fortschritt in die Richtung, in die wir uns nach wie vor bewegen.
    Solange es uns nicht gelingt, diese Richtung radikal zu ändern und uns von ihrer höllischen Logik zu befreien, und solange wir die eingängige Lüge „Es ist nicht genug für alle da“ akzeptieren, wird weiterhin fleißig selektiert werden. Und solange wir unsere geliebten vierrädrigen Dreckschleudern in geheizten Garagen unterstellen, während wir Abertausende vor den Ufern unserer Wohlstandsinseln verkommen und verrecken lassen, inzwischen auch schon wieder in von uns finanzierten Lagern, hat unsere Spezies das Überleben nicht verdient.
    PS. Seh ich die feisten Wänste und die leeren Gesichter vor den vollen Schaufenstern der hiesigen Einkaufsmeilen, dann wünsch ich mir manchmal, daß am besten schon morgen kommt, was ohnehin bald kommen wird: daß die Massen der Aussortierten die Mauern niederreißen und den satten Sortierern den Garaus machen. Von letzteren gibt es nämlich, da geb ich dem Herrn des „Abfalls“ recht: zu viele.
    Daß auch ich dann bangen müßte – ich gehör ja zu den Wenigen, die auf Kosten der Vielen einigermaßen fett leben dürfen – ist mir bewußt. Auch wenn ich kein Auto hab und stattdessen eine Fördermitgliedschaft bei einer NGO, die sich wenigstens um ein paar von den armen Teufeln kümmert. Bloß wird die Spendenquittung, wenn’s erstmal soweit ist, für einen überzeugenden Ablaß wohl kaum reichen, fürchte ich. Ich muß mir wohl noch was anderes überlegen. Meine kleine Hoffnung ist, daß andere Leute das auch tun.

    Daß die anderen Leute was tun? Sich etwas anderes überlegen – oder eine NGO fördern? – Übrigens hast du schon lange einen Ablaß, vom HErrn persönlich. (Auch wenn es bloß der HErr des Abfalls ist.) KS

  10. 10

    Es gibt diejenigen, die sagen, es sei zu spät (‚they are fucking up the place anyway‘), und es gibt andere, die noch Hoffnung haben. Ich gehöre zu Letzteren, weil ich nicht anders kann. Weil ich die unzähligen Initiativen, die überall auf der Welt an einer Veränderung arbeiten, nicht übersehen kann, obwohl die Medien diese tunlichst totschweigen möchten. Es gibt massenhaft und überall Beweise dafür, daß die Menschheit nicht nur nicht ohne konventionelle Landwirtschaft ernährt werden kann, sondern daß dies im Gegenteil nur mit nachhaltiger Produktion von Lebensmitteln möglich ist. (Die Urheber vieler dieser Initiativen sind übrigens Frauen, was ich bezeichnend finde, und den Erfinderinnen der bescheuerten Sexismusdebatte gern als sinnvolle Alternative für ihre Profilneurose vorschlagen möchte.)
    Die Vertreter und Nutznießer des industriellen Anbaus werden freiwillig nichts ändern. Das müssen wir selbst tun, indem wir dafür sorgen, daß diese auf ihrem Fraß sitzen bleiben, und die Nachfrage nach Bioprodukten steigt. Darüberhinaus geht es vor allem um Aufklärung.
    ‚Wo aber Gefahr ist, wächst das Rettende auch‘, das ist hier nicht die Frage. Die Frage ist, wer den Wettlauf mit der Zeit gewinnt.

    Hätten Sie vielleicht ein paar Internetlinks für mich und andere Neugierige, die Frauen-Initiativen für vernünftige Landwirtschaft betreffend? Wenn’s keine Mühe macht. KS

  11. 11

    KS
    Er schreibt schon lange seine eigene.
    http://www.buch-der-synergie.de/index.html
    Kyle

    Au weia. Vielleicht sind Sie doch nicht so gut hier aufgehoben. KS

  12. 12

    TV-Tipp: Montag, 21.00 Uhr ARD „Hart aber fair“ mit dem Träger der goldenen Labertasse Frank Plasberg.
    „Der stille Tod der Bienen – wer vergiften unsere Natur?“. Gast ist unter anderem Bundesagrarminister und Glyphosatfan Christian Schmidt, CSU.
    Beim Thema „Muß das Auto an den Pranger!“ haben sich die 4 Gäste der Autolobby nur arrogant über Tempo 120 km/h auf Auobahnen lustig gemacht. So in dem Sinne: Nicht wert, überhaupt diskutiert zu werden.
    Deshalb gilt, vorsorglich das Kotztütchen neben das TV-Gerät stellen.

    Oder zu Stein werden, wie beim Erich Fried. KS

  13. 13

    Während man noch am Überlegen ist, was eventuell anders zu machen wäre, kann man ja immer schon mal eine vernünftige NGO unterstützen. Wenn ich hier Werbung machen darf: Mit Pro Asyl macht man bestimmt nichts falsch.
    Und ich danke herzlich für deinen Ablaß! Auch wenn du lediglich der Herr des Abfalls bist. Von dem ich aber immerhin sicher bin, dass er existiert. Dem HErrn – sollte er wider Erwarten doch existieren und irgendwas damit zu haben – sei ebenfalls Dank, gegebenenfalls!

    „Pro Asyl“ zu unterstützen ist bestimmt nicht verkehrt! Mach ich ja auch seit Jahren. Und SIE? KS

  14. 14

    Bei „Hart aber fair“ habe ich erstmalig von der Krefelder Insektenstudie erfahren, nach der in den letzten 27 Jahren 75 % der Insekten-Biomasse verschwunden sind.
    https://www.nabu.de/news/2017/10/23291.html
    Heute lese ich auf „Spiegel online“, daß jährlich über 8 Mio. Tonnen Plastikmüll in den Weltmeeren landen. Ein Wissenschaftler prophezeit, daß im Jahr 2050 hochgerechnet genauso viel Plastikmüll in den Meeren schwimmt, wie Fische und andere Meereslebewesen.
    Woher also die Hoffnung auf positive Veränderung nehmen, wenn der destruktive Trend in vielen Bereichen (CO2-Ausstoß) zunimmt, obwohl er längst irreversibel ist? Individuelle Verhaltensänderungen bewirken daher nichts oder so gut wie nichts. Die Faktenlage erlaubt es auch nicht, noch weitere wissenschaftliche Forschungen zu betreiben, sondern erfordert sofortige politische Entscheidungen.
    Ich bin nun mal gespannt auf den „Spezies-Text“ Nr. 10.

    Ich auch. Ich würde wirklich viel, viel lieber etwas anderes schreiben. KS

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