Ein Merci an Sie


Heute vor fünf Jahren ist dieses Blog zur Welt gekommen, und obwohl mir seitdem öfters danach war, die Brocken hinzuschmeißen, hab ich‘s gelassen. Vielleicht um mir selbst etwas zu beweisen, vielleicht weil mir hier keiner dreinredet. Ziemlich sicher aber wegen mancher Rezipienten. Denn wenngleich ich öfters behauptet habe, mir sei es schnurz, ob irgendwer außer mir diese Notizen wahrnimmt, freue ich mich doch jedesmal, wenn sie nicht nur gelesen, sondern sogar verständig kommentiert werden.

Kein Autor mag dauernd ohne Publikum sein. Das Publikum, das ich über den „Abfall“ gefunden habe, ist gewißlich nicht groß, aber angenehm, ein Trost in einer Welt voll Trottelei, und ich wäre verächtlich, würde ich die Zeit und die Aufmerksamkeit, die mir und meinen Blogposts gewährt wird, nicht achten und wertschätzen.

Vor einigen Tagen bat ich die lieben Leserinnen und Leser, mir anläßlich des kleinen Jubiläums zu verraten, welches Posting ihnen bisher am besten gefiel. Zwar mochte bloß einer das ausplaudern, aber es sind noch einige andere Gratulationen eingetroffen, und keine davon läßt mich ungerührt.

Ich danke von Herzen für diese und fast alle anderen im Lauf der Zeit gesendeten Kommentare; und herzlich danke ich ebenfalls jedem, der sich für meine Art Notizbuch schweigend interessiert! Bleiben Sie mir, bitte, gewogen, auch wenn Sie mir nicht immer folgen mögen, weil Sie von meiner Neigung zum Quatsch oder von meinen Launen erschöpft sind. Es hat in den fünf Jahren „Abfall aus der Warenwelt“ reichlich Tage gegeben, an denen ich selbst mein Zeug überhatte. Doch für Beiträge wie den (siehe unten) gerühmten hat sich das Bloggen allemal gelohnt und für aufmunternde Grußworte wie die nun folgenden sowieso. Habe die Ehre!

_________________________________


Mein Lindwurm
ist schon elf und kommt in die Pubertät. Ein schwieriges Alter. Und er ist muffig, weil er meint, ich würde den flüchtigen Glitzer von Facebook ihm vorziehen. Was auch wahr ist.

Bernhard Torsch

***

Ihren Blog habe ich entdeckt, als ich mich noch in der zweiten Hälfte meiner 20er befand. Damals hatte ich meine Fühler noch ins linksautoritäre Milieu ausgestreckt, vor allem, weil mir die Jugoslawienthematik, auch aus persönlichen Gründen, ziemlich am Herzen lag. Wie schlecht es trotzdem um mein Oberstübchen bestellt war, läßt sich am besten damit illustrieren, daß ich damals, z. T. aus Unkenntnis, Jürgen Elsässer für irgendwie diskutabel hielt.

Daß einer sich über die Schlechtigkeit dieser Welt keine Illusionen macht, aber trotzdem das Gute und Schöne in gebührender Weise zelebrieren kann und dies dankenswerterweise umsonst mit seiner Leserschaft teilt, hat mit Sicherheit zu meiner, zumindest partiellen, Genesung beigetragen.

Dafür und für die Milleniumsentdeckung Ndidi O tausend Dank und herzliche Grüße aus Novi Sad,

Benjamin Schett

***

Leider bin ich erst recht spät auf diesen Blog aufmerksam geworden, so daß ich frühere Posts nur aus Stippvisiten kenne. Mir fehlt auch die Zeit, mich hier so gründlich einzuarbeiten, wie es die Aufgabenstellung erfordert.

Ich habe aus Gründen ähnlicher Veranlagung die größte Freude an den zornigen, empörten, mühsam aber gekonnt gebändigten Invektiven. Sei es die ewige Kanzlerin, herzlose Behörden oder schamlose Höllenkandidaten der schreibenden, singenden oder tanzenden Zünfte – wo der „Zorn der Vernunft dienstbar zur Hand geht“ (Papst Gregor I.), lade ich am liebsten meine Batterien auf und hoffe, daß die anderen Blogteilnehmer die Wiederholung entsprechender Preziosen stellvertretend für mich einfordern.

Viel wichtiger ist mir, daß Sie, lieber Herr Sokolowsky, sich weiterhin hier mitteilen, denn ich erfahre viel Anregung und Bekräftigung, auf die ich nur ungern verzichten würde.

(Daß gelegentliche Meinungsverschiedenheiten dafür Voraussetzung sind, braucht man unter eloquenten Weltbürgern wie unsereinem ja wohl nicht zu erwähnen.)

Andreas Schmid

***

Nachträglich, mein lieber Kay, alles Gute zum Geburtstag – Deines Blogs, versteht sich. Etwas allzu Schlaues, das der Veröffentlichung bedarf, fällt mir gerade nicht ein, aber ich wollte es nicht versäumen, Dir zu Deiner unermüdlichen Wühlarbeit im Abfall dieser schnöden Warenwelt zu gratulieren. Mach weiter so! Und danke für den arte-Dokutipp zum Thema GWOT – das zieh ich mir gleich mal rein.

Eberhard Kehrer

***

Wie vor einem Jahr um diese Zeit geht grad ein lauer Wind über den Saronischen Golf. Vielleicht tut er das auch ein bißchen weiter südlich, wo das Mittelmeer immer noch ein gut gehender Menschenfriedhof ist. Unten auf der Hotelterrasse gibt’s aber grad keine bunten Cocktails mehr. Dafür dehnen sich gleich nebenan ein paar mittelalte Engländerinnen auf ihren Yogamatten und summen innig in sich hinein, so als ob sie keine Angst vor dem Echo hätten …

Eigentlich hat sich auch sonst nichts Wesentliches geändert. Abgesehen davon, daß die Seeigel so gut wie verschwunden sind; ich hab vorhin beim Badengehn bloß ein einziges Exemplar gefunden, und das war tot und ausgeweidet. Entweder sind die Tierchen übers Jahr allesamt zu Vorspeisen verarbeitet worden, oder vielleicht ist auch nur das Wasser ein bißchen schmutziger geworden: Seeigel haben ihr Wasser am liebsten kristallklar.

Trotzdem freu ich mich an der wunderschönen Aussicht übers Meer. Und freu mich darüber, daß der „Abfall“ nicht bloß ein paar Wochen im Netz war – dann hätt ich ihn niemals gefunden –, sondern immer noch da ist. Ich hab vom Blog und seinem Herrn und auch von einigen Kommentierern nämlich so einiges gelernt, und zwar nicht bloß, wie man sich richtig ausdrückt, wenn man richtig verstanden werden will.

Einer meiner Lieblingseinträge in Deinem Blog ist übrigens – ich mach‘s mir leicht – der zweite, den Du in „Quinquennium ante portas“ verlinkt hast. Erstens, weil mir Dein Gedicht zur Lage im letztjährigen Mai immer noch ziemlich gut gefällt und zweitens – soviel Eitelkeit erlaub ich ich mir –, weil ich meinen Kommentar dazu immer noch genau so hinschreiben würde wie vor einem Jahr. Ohne Geschwafel, ohne Schachtelsätze, ohne endlose Gedankenstricheleien.

Tja, es ist offensichtlich, daß es mir immer noch verdammt schwerfällt, Überflüssiges wegzustreichen, wenn ich was aufschreibe; denn dieser Kommentar sollte eigentlich nur ein ganz kurzer Glückwunsch zum fünfjährigen „Abfall“-Blogfeiertag werden. Aber daß ich das überhaupt versuche – das Aufschreiben und das Wegstreichen – das verdanke ich bestimmt auch Deinem „Abfall“. Dem verdanke ich auch einige Einsichten, die ich sonst nicht gehabt hätte.

Insofern hätte ich eigentlich gar nichts dagegen, wenn aus der Gratiskiste gelegentlich eine „Abfall Plus“-Kiste würde. Was würde die exklusive Mitgliedschaft denn kosten, und wohin müßte ich meinen Betrag überweisen, damit ich hier bei Dir auch zukünftig keine BMW-Werbung sehen muss? Smiley!

Kai Pichmann

_________________________________


Zur Lage im Mai (und auch sonst)

Man hat ja so viel zu sagen
so viel zu sagen zu melden
Man steckt so voll mit Wörtern und Worten
mit Bildern so nett und mit Witzen aha
Man denkt so tief oder krumm vielleicht schräg
so um sich rum um Kragen und Kopf

Und dann sitzt man so da mit den Gedanken
mit den Witzen den Bildern den Wörtern den Worten
Man sitzt oder kauert so da und man sucht
nach Ecken gut zum Verstecken
Vor den Sätzen den langen den kurzen vorm Setzen
vor der Not des Notats

Man sitzt ziemlich viel und man liest ziemlich viel
so wie man denkt – durcheinander
Man weiß aber nicht was das soll dieses Sitzen
und dies Lesen dies Denken was soll‘s
Man weiß es nicht weiß nichts weiß rein nichts
ohne Pause

Man merkt einen Klumpen ein dumpfes Gelumpe
aus halben Ideen
Man spürt einen Druck zwischen Herz und
man weiß nicht der Leber
Man will reden und singen und der Mund
geht immer nur zu immerzu

Das ist im Mai die Lage im Kopf und im Mund
und auch sonst
Es gärt und es sprudelt versickert
so fort
Die Welt ist ein Traum ist ein Wort
aus der Welt
Und man ist auf der Welt
nicht von dieser

Share

2 Kommentare

  1. 1

    Geburtstagen und Jubiläen mißtraue ich aus alter Tradition, aber wenn es einen Grund gibt, zu loben und zu gratulieren, dann für dieses Lied ohne Wert, das aich aus Grübeleien zwischen Tiefe und Belanglosigkeit, aus Zorn und Selbstmitleid zu einem Pathos aufschwingt, das nicht ungenau wird, und damit ein Gleichnis von dem gibt, was ich an diesem Weblog so schätze. Prost!

    Auf ihr Wohlergehen retour! Und herzlichen Dank für Ihr herrlicbes Lob betr. meines hingekritzelten Gedichts. Aber … – Es sind Zeilen darin, die haben ein Lob verdient!
    Ich kann mich zum Glück postwendend revanchieren für Ihre kollegiale Verbeugung, und zwar mit einer ehrfürchtigen vor Ihrer großartigen Übersetzung des Modeworts „hektisch“. Und nicht vergessen will ich mein Compliment ans Layout Ihrer Website: Wenn das Internet bloß immer so konzentriert wäre wie bspw. Ihr Stil! KS

  2. 2

    Wie sagte Piet Klocke einst: „Das Leben ist wie Bluesmusik: Ohne Text wissen die anderen nicht, worunter du leidest.“
    Danke für den Text.
    Ihr Bourgeois

    Das schätze ich an den Bourgeois: Sie haben gute Manieren. Also – Sie jedenfalls. Merci auch Ihnen! KS

Kommentar abgeben (Kommentare unter Moderation - Regeln siehe HIER)