Eine Heldin unserer Zeit

Wenn in kommenden, hoffentlich aufgeklärten Geschichtsbüchern über die wahrhaft großen Menschen, die echten Helden und moralischen Autoritäten, die kompromißlosen Humanisten unserer Zeit geschrieben werden wird, dürften ihr Name und ihre Geschichte prominent erwähnt, ihre unfaßbare Courage und vorbildliche Tapferkeit endlich angemessen gewürdigt werden: Chelsea Manning.

Nach sieben Jahren einer politischen Haft, wie sie außerhalb von Diktaturen und Einparteiennationen eher unüblich ist, nach sieben Jahren Isolation, Demütigung, physischem und psychischem Terror wurde Obamas nobelste und vorletzte Amtshandlung, die „Begnadigung“ Mannings, am 17. Mai endlich exekutiert.

Für The Intercept hat Glenn Greenwald – selbst ein Held unserer Zeit und darum der ideale Autor dafür – ein bewegtes und bewegendes Porträt Mannings verfaßt, die er besser kennt als sämtliche Qualitätsmedien zusammen. Deren erbärmliche Rolle im Fall der Whistleblowerin, die Feigheit und Ignoranz der Presse beschreibt Greenwald mit bestimmt nicht zuviel Empörung. Hier ist ein Fleck, den hunderttausend „Russiagate“-Scoops nicht wegwaschen können, der nicht verschwinden wird, so lange die Journalisten, die Manning übel im Stich ließen, diese Schande nicht als Schande begreifen:

Though Manning’s case has been somewhat colored by the changing perceptions over time of Wikileaks, she actually first attempted to contact traditional media outlets such as the New York Times, the Washington Post, and Politico with her revelations, only to be thwarted by a failure to get their attention. In the online chats that she had with a deceitful individual who thereafter became a government informant and turned her in, she said her motive in leaking was solely to trigger „worldwide discussion, debates, and reforms,“ adding: „I want people to see the truth … regardless of who they are … because without information, you cannot make informed decisions as a public.“

Ich lege Ihnen die Lektüre des ziemlich langen, brillanten Stücks dringend ans Herz. Denn an und in das Herz geht sie, die finstere und zugleich strahlende Passionsgeschichte Chelsea Mannings, und es fällt nicht leicht, die Tränen zurückzuhalten beim Nachlesen. Greenwalds Pathos dürfte nur denen aufstoßen, die von Journalisten erwarten, keine Meinung noch Mitgefühl zu zeigen, oder jenen, die partout nicht begreifen, wie in den USA bereits lange vor Trump die Prinzipien des Rechtsstaats und die Freiheit der Meinung mit Springerstiefeln getreten wurden, und daß der Unhold im Oval Office eine direkte Konsequenz aus dem Justizskandal um Manning ist. Die überragende moralische Integrität der Heldin läßt erst erkennen, wie unerhört bigott die US-Außenpolitik auftritt, wenn sie ethisch tut und Menschenrechte einfordert – sogar dort, wo die eigenen Soldaten aus Daffke Menschenjagden veranstalten:

[One] could almost say that her 2010 leaking to Wikileaks has faded into the background when assessing her true impact as a human being. Her bravery and sense of conviction wasn’t a one-time outburst: It was the sustained basis for her last seven years of imprisonment that she somehow filled with purpose, dignity, and inspiration.

Was Chelsea Manning tat, war heroisch im schönsten, nämlich mitmenschlichen Sinn und ist heldenhaft erst recht durch die völlig uneitle, von jeder Ruhmsucht freie, die Zerstörung des eigenen Lebens ohne Gejammer in Kauf nehmende Haltung Mannings:

[She] did it all knowing that she was risking prison to do so, but followed the dictates of her conscience rather than her self-interest.

Und wie hoch der Preis mittlerweile auch im demokratischen Westen steht für ein Gewissen, das sich nicht versteckt, für den Widerstand gegen staatlich gedecktes Morden, gegen das Verbrechen, welches jeder Krieg ist – auch das hat Chelsea Manning uns demonstriert, auch dafür müssen wir ihr dankbar sein und den höchsten Respekt zollen:

Manning was being subjected to deliberately humiliating rituals in which she „was stripped and left naked“ in her cell „for seven hours,“ and „required to stand naked“ outside her cell during inspection. It was back then, in 2011, that the first report of Manning’s suicidal thoughts surfaced. Amnesty International denounced her detention conditions as a „breach of the USA’s obligations under international standards and treaties,“ and ultimately called for protests to demand a cessation of the abuse.

Das weitgehende Versagen der Öffentlichkeit angesichts dieser monströsen Beugung des Rechts, dieser systematischen Erniedrigung und Quälerei Mannings darf nicht vergessen werden; zum Glück hält Greenwalds Text vehement gegen die allgemeine Neigung zur Vergeßlichkeit:

It was nonetheless difficult to generate large amounts of public or journalistic support for Manning […].

Die einzigartige Courage Chelsea Mannings, die schier übermenschliche Kraft und Würde dieser Frau, erwies sich abermals beim Outing ihrer Transsexualität. Greenwald erinnert erschütternd auch daran:

Less than 24 hours after she learned that she had been consigned to spend the next 35 years in the custody of a military prison, she publicly identified as the trans woman she is and demanded the medical therapy to which she was legally and ethically entitled.
[It‘s] almost impossible to be more isolated, more cut off from society, than Chelsea Manning was. Coming out as a trans person, and embarking on the transition process, is extraordinarily difficult even under the best of conditions. Trans people still face incomparable societal hurdles — including an epidemic of violence — even when they enjoy networks of support in the middle of progressive cities. But to do that while in a military brig, in the middle of Kansas, where your daily life depends exclusively upon your military jailers, is both incomprehensibly difficult and incomprehensibly courageous.

Glen Greenwald feiert das Außergewöhnliche, Bewundernswerte, Ergreifende und Ermutigende in Mannings Geschichte mit Worten, die in den Chroniken der Zukunft hoffentlich zitiert werden, die jeder Mensch, der an den Weltverhältnissen irre wird, weil er bei Verstand ist, kennen sollte. Denn das Leben und die Taten Chelsea Mannings sind ein Beweis dafür, daß die Menschheit noch nicht völlig verkommen ist, daß moralisches Handeln der Conditio humana durchaus nicht widerspricht, daß eine Welt, in der Chelsea Manning ein Leitstern wäre, zwar recht utopisch anmutet, doch hat unsere Epoche solche Utopien nötig wie der Verhungernde den Bissen Brot:

Ultimately, what makes Chelsea Manning unique is not so much her political heroism but rather the way she has personally navigated her life after that. […] [She] never displayed or even seemed to share any of that anger, instead often defending even those who wronged her by empathizing with their own predicaments and mitigating their behavior.
[Manning] is one of the most intelligent, engaging, and inspiring people one could ever hope to meet. […]
It is rare, especially lately, to find inspiration in any political stories. But the last decade of Chelsea Manning’s life, and the potential it now holds for the future, is one of those cases. One shouldn’t idealize what happened to her: There is a lot of injustice, harm, and outrage in her story. But the way she has inspired so many, and the fact that today she is truly free, is a cause for real celebration, and a valuable reminder of how human beings, through pure acts of conscience and determination, can singlehandedly change the world for the better.

Kurz vor Ende seiner Hommage zeigt Greenwald das erste Photo, das Chelsea Manning nach der Freilassung über Instagram und Twitter verbreitete. Manning merkt in ihrem Tweet mit atemabschnürender Lakonie an, dies seien die „ersten Schritte der Freiheit“. Zu sehen ist kein gewöhnliches Selfie, zu sehen sind die Hose und die Turnschuhe Mannings.

Vor soviel Bescheidenheit, Humor und stillem Glück konnte ich dann nicht mehr die Tränen halten. Auch dies gehört in die Annalen der Zukunft:

Screenshot: Chelsea Manning/Twitter, 17.5.2017

Photo (Aufmacher): „C Manning Finish-1”, by Alicia Neal
(Chelsea Manning Support Network)
[Public domain], via Wikimedia Commons

Ein Kommentar

  1. 1

    Ich habe diesen Beitrag gerade gelesen, wie überhaupt Ihre Beiträge ich erst jetzt zu lesen bekomme, nach dem ich Sie entdeckt habe. Und auch mir steckt der Kloß im Hals. Einen ebensolchen Helden, nämlich Manning in seiner erfrischenden Bescheidenheit so ähnlich, wenn auch vermutlich in der Person bei weitem nicht so komplex wie tragisch, sehe ich selbstredend in Snowden. Hier einer meiner Beiträge: http://blog.herold-binsack.eu/2014/01/haben-wir-die-schwelle-zur-barbarei-schon-ueberschritten/.

    Lieber Herold Binsack, vielen Dank für Ihr schönes, angenehmes Lob!
    Ihr Engagement für Snowden teile ich uneingeschränkt. Meines Erachtens ist der Mann eine der beeindruckendsten Erscheinungen der letzten Jahrzehnte, in seinem Mut, seiner Unbestechlichkeit und seinem politischen Scharfsinn ein Kandidat für den Friedensnobelpreis wie aus dem Musterkatalog. Aber da kann man natürlich lange warten. (Und Snowden, dieser überaus nüchterne, dezente Mensch, der für Pathos rein gar nichts übrig hat, würde auf meinen Vorschlag wahrscheinlich erwidern: „That’s fucking ridicolous.“) KS

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