Eine Schanze für den Polizeistaat

Vorbemerkung: Wegen der ungeheuren Fülle des Materials und der sich täglich mehrenden Berichte über die Ungeheuerlichkeiten während der G20-Tage ist dieses Dossier weit über das geplante Maß hinausgewachsen, hat die Veröffentlichung dieses Blogposts länger gedauert, als ich es mir mal wünschte. Anläßlich der am heutigen Mittwochabend stattfindenden Demonstration wider die „Hetze gegen alles, was links ist“, habe ich mich entschlossen, zumindest die fertigen Passagen des Manuskripts im „Abfall“ zu plazieren und die Sache als Work-in-progress zu behandeln. Abonnenten des Newsletters werden automatisch über die Fortsetzungen informiert.
KS, 19.7.2017

§ 1 – In der Hetze der Nacht


„Hier ist die gesamte Gesellschaft gefragt: Niemand sollte sich mit Linksextremisten gemein machen, auch wenn es um die vermeintlich gleichen Ziele einer besseren Welt geht.“
Hamburgs Erster Bürgermeister Olaf Scholz,
Regierungserklärung, 12.7.2017

„Wer sich unsolidarisch mit seinem eigenen Stadtteil und den Bürgerinnen und Bürgern dieser Stadt verhält, der kann nicht immer wieder die Solidarität der Stadt und der Bürgerinnen und Bürger einfordern.
[Frage: War das jetzt an die Autonomen in der Roten Flora gerichtet?]
Ja.“
Hamburgs Zweite Bürgermeisterin Katharina Fegebank,
Welt.de
, 9.7.2017


Es läuft eine massive Kampagne, alle und alles links von Scholz und Fegebank als „-extrem“, „-radikal“ und – grotesker Höhepunkt des Revanchismus – „-faschistisch“ zu brandmarken. Diese Kampagne verfängt bei denen, die sowieso immer wußten, warum sie ihre Feinde „Zecken“ nennen, aber auch bei solchen, die das Interesse ihrer Klasse bedroht sehen von z. B. 76.000 Menschen,
die in allem Frieden ihrer Hütten den Palästen den Krieg erklärten.

76.000 Menschen! Und zwar nach Wochen, in denen die bewaffneten Diener der Obrigkeit den Insassen Hamburgs panzerglasklar gemacht hatten, wem jetzt die Stadt gehört, und daß es wehtun könnte, diesen Anspruch für eine Anmaßung und mindestens undemokratisch zu halten. Nach all den Kolonnen der Schutztruppen, die durch die City rollten wie eine Parade, nach dem Rechtsbruch in Entenwerder, nach der gewaltsamen Beendigung einer Demo, die noch gar nicht begonnen hatte, und besonders nach den Feuerteufeleien im Schanzenviertel und in Teilen Altonas gehörte Schneid dazu und tiefe Überzeugung, sich auf Straßen zu trauen, die die Polizei nicht eben volksnah sicherte:

[Jan Reinecke vom Bund Deutscher Kriminalbeamter] sprach von einer verordneten Priorisierung. Demnach sei die Polizei in „ein Dilemma geraten, das so nicht zu stemmen war“. Priorität eins sei gewesen, die Gipfelteilnehmer zu schützen, die Bürger der Stadt mußten sich hinten anstellen, sie hatten Priorität zwei.
Stern.de, 10.7.2017

Und auch der Spiegel hat etwas anderes erfahren, als von den Verantwortlichen für den Ausnahmezustand seit Wochen behauptet wird:

Ein internes Polizeidokument bringt Hamburgs Ersten Bürgermeister Olaf Scholz (SPD) in Bedrängnis. […] „Der Schutz und die Sicherheit der Gäste haben höchste Priorität“, heißt es im „Rahmenbefehl“ der Besonderen Aufbauorganisation „Michel“ zum Polizeieinsatz rund um den Gipfel in Hamburg […].
Spiegel.de, 14.7.2017

76.000 Menschen – so viele demonstrierten in Hamburg zuletzt vor drei Jahrzehnten. Von diesem immensen Erfolg soll die Schmutz- und Verleumdungskampagne ablenken, diese beeindruckende Manifestation der Kapitalismuskritik soll als Stelldichein von Staatszerstörern, Brandstiftern und Cop-Killern denunziert werden. Immer frech vorweg der Experte für gescheiterte Olympiabewerbungen und fragwürdige Polizeitaktik, Senator Andy Grote, hier in der Bürgerschaftssitzung am 12. Juli:

Mit Blick auf die massiven Ausschreitungen im Schanzenviertel und im Stadtteil Altona sagte er: „Es tut mir leid, daß wir die Hamburgerinnen und Hamburger in diesen Stunden nicht besser schützen konnten.“
Der Linken und deren Fraktionschefin Cansu Özdemir gab Grote eine Mitschuld an der Eskalation. Sie habe sich an der Durchsetzung von Protestcamps beteiligt, die später „ein maßgeblicher Ausgangspunkt für die Gewalt an den Gipfeltagen“ gewesen seien.
Hamburg.de, 12.7.2017

Das wird man im Oberverwaltungsgericht Hamburg, das an der Durchsetzung von Protestcamps ebenfalls beteiligt war, sicherlich mit Interesse hören. Die Linken-Fraktion hat schon reagiert und den Staatsanwalt eingeschaltet:

Die Abgeordneten der Fraktion DIE LINKE in der Hamburgischen Bürgerschaft haben heute [14.7.2017] Strafanzeige gegen Innensenator Andy Grote erstattet. DIE LINKE sieht in den Äußerungen Grotes mindestens die Straftatbestände der Beleidigung, Verleumdung und falscher Verdächtigung. Cansu Özdemir, Vorsitzende der Linksfraktion: „Grote unterstellt uns öffentlich die Beteiligung an schweren Straftaten. […] DIE LINKE hat während der Proteste gegen G20 eine ausschließlich friedliche und oft deeskalierende Rolle gespielt. Unsere Leute haben sich randalierenden Hooligans zum Teil aktiv entgegengestellt. Als Innensenator weiß Grote das sogar. Daß er uns dennoch in dieser herabwürdigenden und ehrverletzenden Weise angreift, ist um so verwerflicher.“

76.000 Menschen also, die den Bullshit der G20-Veranstalter nicht fressen mögen und sich sehr wohl eine Welt vorstellen können, in der Figuren wie Scholz, Fegebank, Grote und, eine für alle, Angela Merkel politische Verantwortung nur tragen dürften, wenn sie sie auch übernehmen. 76.000, von denen die wenigsten das System an sich bekämpfen, von denen die meisten schon zufrieden wären mit einem Grundgesetz in der Fassung von 1949, mit einer Regierung frei von Kreaturen des Kapitals und mit einem Leben, das wichtiger genommen wird als die Belange der Wirtschaft. Was diese 76.000 Menschen den Exekutivkräften mitzuteilen hatten, soll keiner hören, daher die Kampagne, soll nicht mehr gesagt werden, dafür die Kampagne.

Aber sie verfängt nicht bei jedem, verfängt allein bei denen, die den Kopf tief im eigenen oder in einem vorgesetzten Arsch stecken haben. In der herrschaftlichen Darstellung der G20-Ereignisse klaffen die Löcher der Logik und der Plausibilität so weit, daß sieben Wasserwerfer nebeneinander durchpassen würden. Das wissen zuerst jene, die Augenzeugen waren und zum Glück dank Smartphones und WLAN Aspekte der G20-Vorfälle, die es nicht in die „Tagesschau“ schafften, für die Welt dokumentierten. Eine Sammlung eindrücklicher Bilder und Berichte von den Ausschreitungen des Dudde-Blocks findet sich etwa bei G20 Doku – Der Gipfel der Polizeigewalt.

Doch sogar Medien, die auf der Titelseite an der Kampagne mitwirken, tragen gelegentlich zur Kolorierung eines Bildes bei, das Ideologen wie De Maizière oder Scholz bloß schwarzweiß zeichnen können. Bzw. müssen, wollen sie nicht vom Hof gejagt werden – und als Gesinde haben sie es sich doch so schön eingerichtet. Das Hamburger Abendblatt z. B. war richtig geil auf den Gipfel der Unverschämtheit, es fütterte Hunderttausende Hamburger Briefkästen mit einer unverlangten Sonderausgabe wie sonst bloß bei internationalen Fußballturnieren, und so ähnlich sah der Wisch auch aus:

Die Freude über all die Kriegsverbrecher und -treiber, die Schieber und Korrumpels, die in den Messehallen und der Elphilharmonie hauptsächlich Rüstungsgeschäfte und einen Ausbau der Ausbeutung verabredeten, ist aber auch beim Abendblatt nicht ungetrübt. Es gibt dort Journalisten, denen die offizielle Erzählung von der scheußlichen Linken, die eine Stadt in Geiselhaft nahm, stinkt, die auch Stimmen zuhören, die nicht an der Macht sind, Stimmen also, die, ginge es nach Olaf Scholz, ab sofort nichts mehr zu sagen haben sollen. Wie ein Kassiber rutschte in den YouTube-Kanal des Hamburger Abendblatts die Abrechnung des „Anwaltlichen Notdiensts“ mit den Methoden der Duddezei. Es spricht Gabriele Heinecke, eine Frau, die weiß, was Recht ist und was das Gegenteil davon:

Was wir hier sehen, ist eine Bürgerkriegsübung, eine groß angelegte Bürgerkriegsübung, eine Aufstandsbekämpfung ohne Aufstand.

So weit Heinecke am 7. Juli, ein paar Stunden, bevor die Herrschaft die Bilder bekam, die irgendwie nach Aufstand aussehen, sofern man nicht genauer hinguckt. Ein paar Stunden danach erklärte die Juristin:

Es kann nicht richtig sein, unter Hinweis auf Straftaten am Rande von Demonstrationen oder auf Krawalle im Schanzenviertel, die Unverbrüchlichkeit von Grundrechten in Frage zu stellen. Und es kann nicht richtig sein, jetzt unter dem Ruf nach hohen Strafen für Gewalttäter von den massiven Fehlern und Rechtsbrüchen der Polizei abzulenken.Wenn die Jugend massenhaft wütend ist, muß man sich über die Ursachen Gedanken machen.
„Festival der Grundrechtsverletzungen“,
Anwaltlicher Notdienst, 9.7.2017

Aber laß diese Winkeladvokaten doch reden, was sie wollen, sagt sich der polizeigläubige Schafskopf, der einige Tage zuvor erzählt bekam, daß der Republikanische Anwältinnen- und Anwälteverein (RAV), der den Notdienst organisiert, ein arg verdächtiger Haufen ist:

In einem verwaltungsgerichtlichen Verfahren vertritt die [Polizei] die Auffassung, die Mitgliedschaft von Rechtsanwälten und Rechtsanwältinnen im RAV sei Indiz für eine Gefährdung der öffentlichen Sicherheit.
Am 3. Juli 2017 hat die Behörde eine schriftliche Gefahrenprognose vorgelegt, bei der sie ausführt, die Antragstellenden und die genannte Studierendengruppe seien mit dem [RAV] verbunden. Außerdem seien die im Verfahren mandatierten Rechtsanwält_innen Mitglieder im RAV. Daher sei davon auszugehen, daß eine große Anzahl von Personen an Spontanversammlungen teilnehmen werde, so daß auch die Gefahr faktischer Blockaden bestehe.
Zum ‚Beleg‘ sind diesem Schriftsatz u. a. die Ankündigung einer Veranstaltung angefügt, auf der – organisiert vom RAV und dem HAJ/KSJ – über den „Kampf gegen die Straflosigkeit von Völkerrechtsverbrechen“ informiert wurde, sowie Auszüge aus dem RAV-Anwaltsverzeichnis mit den Daten der die Antragsteller vertretenden Rechtsanwält_innen.
Pressemitteilung des RAV, 4.7.2017

Von da an wußten neben der Demonstrationspolizei auch die Beamten in der Harburger Gefangenensammelstelle (GESA), welche Anwälte bei ihnen keinen Stich, aber Hiebe bekommen würden:

Einer unserer Anwälte des Anwaltlichen Notdienstes (AND) wurde heute, Samstag, 8. Juli 2017, gegen 1.30 Uhr, von mehreren Polizeibeamten gepackt, ihm wurde ins Gesicht gegriffen, der Arm verdreht und [der Anwalt wurde] dann aus der GESA geschleift. Zuvor befand er sich in einem Beratungsgespräch mit einem Mandanten, der sich nach dem Gespräch komplett entkleiden sollte. Leibesvisitationen werden aktuell vermehrt an den Gefangenen, sowohl vor als auch nach dem Kontakt zu AnwältInnen, vorgenommen. Die Polizei begründet diese Maßnahme damit, dass die AnwältInnen ihren MandantInnen gefährliche Gegenstände übergeben könnten.
Der Anwalt widersprach dieser Leibesvisitation entschieden und wurde dafür körperlich angegriffen.
Pressemitteilung des RAV, 8.7.2017

Eines der Mitglieder des vorgeblich staatsgefährdenden RAV heißt übrigens Olaf Scholz, doch nicht mal Polizisten können alles wissen. Diese und andere amtlich verübten Rechtsbeugungen anläßlich des G20-Rummels sind Scholz und seinen politischen Alliierten bis heute wurscht. Menschen hingegen, die wahrlich wissen, was ein Polizeistaat ist, wurde angst und bange schon vor der Eskalation:

Die deutsche Sektion des Internationalen Auschwitzkomitees – eine Vereinigung von Überlebenden der Konzentrationslager, ihrer Angehörigen und Freunde – hat den Umgang Hamburgs mit protestierenden Kritikern des G20-Gipfels in Hamburg kritisiert. „Unser Auftrag ist es, die Demokratie zu schützen“, sagte die Sprecherin Helga Obens gegenüber nd. „Was gerade in Hamburg passiert, ist aber ein eklatanter Rechtsbruch.“
Alle Mitglieder hätte es „sehr aufgeregt“, wie Polizei und Verwaltung in der Hansestadt gegen Demonstranten vorgehen würden. […]
Das Auschwitzkomitee forderte die Stadt Hamburg und den Ersten Bürgermeister Olaf Scholz (SPD) auf, „die ständigen Provokationen Andersdenkender zu unterlassen“, „Menschenrechte zu achten“, den Aktionskonsens der Demonstranten zu berücksichtigen und das künftige Miteinander in der Stadt nicht durch „übergriffige Polizeieinsätze zu gefährden“.
Neues Deutschland, 5.7.2017

Und so durften Auschwitz-Überlebende abermals die Gleichgültigkeit deutscher Polizisten für einfache menschliche Gesten erfahren:

In einer Pressemitteilung erklärte die Organisation, daß am Dienstag eine Helfergruppe von Polizisten am Betreten des Camps Entenwerder gehindert worden sei. Man habe Suppenterrinen vorbeibringen wollen.
a. a. O.

Denn eine schöne Suppe kann man sich einbrocken, z. B. als Bewohner eines Protestcamps, auslöffeln darf man sie allerdings nicht, denn ein bißchen Hunger hat noch keinem Staatsfeind geschadet, wie die Polizei ihn definiert.

Es läuft die übelste Propagandakampagne seit Durchsetzung des Jugoslawienkriegs 1999, ein Geheuchel und Gefuchtel und Gebrüll, wie man es sonst bloß aus dem Kinderhort kennt – Wolfgang Bosbachs Abgang aus Maischbergers Sendung war so albern wie es jeder Fünfjährige ist, der im Supermarkt vor der Kasse die Luft anhält und strampelt, weil eine kluge Frau ihm widersprochen hat. Die Lügen und Fake-news, mit denen die Rechte von Bosbach bis Scholz sich rechtfertigt, hat Jutta Ditfurth, die bei den Demos vor Ort war, anschaulich in der Luft zerrissen. Natürlich konnte Bosbach das nicht ertragen. Und fast hätte er es geschafft, sein Ideal von Gesprächskomment dem öffentlich-rechtlichen Fernsehen aufzuprägen, das in diesem Fall verkörpert ward von Sandra Maischberger, einer natural born Opportunistin. Als Bosbach, in jedem seiner „Argumente“ von Ditfurth und Jan van Aken widerlegt, einen Eklat simulierte, spielte Maischberger mit und forderte die Kontrahentin des Windbeutels auf, aus Gründen der „Parität“ nun bitte gleichfalls die Biege zu machen.

Gewiß, die Maische hat mittlerweile eine Entschuldigung abgesondert; doch der Eindruck bleibt: Wenn das systemkritische Element in der Debatte obsiegt, muß es verbannt werden. Die öffentlich-rechtlichen Politikvermarkter haben ein Problem mit der Meinungsfreiheit, das beinahe so groß ist wie die Lücke zwischen der Realität und dem autoritären Gefasel Bosbachs.

Es fällt schwer, nicht aus lauter Wut und Ekel und, ja, auch: Verzweiflung Wörter über die Anführer und Mitläufer der antilinken Kampagne zu schreiben, die ohne Umweg vor Gericht führen. Die Lage im Land ist seit dem 7. Juli so autoritär und antiaufklärerisch, daß vom linken Feind Gesten der Unterwerfung verlangt werden, bevor auch nur ein einziger Beweis für kriminelles Agieren auf dem Tisch liegt. Glauben Sie nicht? Dann hören Sie mal Andreas Dressel, dem Fraktions-Caudillo der SPD in der Hamburger Bürgerschaft, zu:

Das Umfeld der Flora und ihre Unterstützer müssen sich jetzt nach diesen Exzessen entscheiden, auf welcher Seite sie stehen – für oder gegen die Gewalteskalation.
Focus.de, 12.7.2017

Diese Kampagne rauscht durch alle Kanäle, aber sie stockt auch, sie flutet die Hirne nicht wie gewünscht; und darum beklagt sich der Profischwätzer Bosbach über Ditfurths Frechheit, seinem Hohelied auf polizeiliche Gewalt zu widersprechen:

Frau Ditfurth hat sich die ganze Sendung über bemüht, durch Mimik, Gestik und Dazwischenreden zu zeigen, daß sie von abweichenden Argumentationen überhaupt nichts hält.
Focus.de, 14.7.2017

Bosbach hat vor lauter Frust seine eigene beleidigte „Fresse“ (Ronald Pofalla), seine solariumbraune Unfähigkeit zum Diskurs vergessen. Wer seinen Exit aus der „Maischberger“-Show begutachtet, sieht einen Mann, der nichts Gescheites zu erwidern weiß, einen eitlen Einfaltspinsel, der die Schlauen dafür bestraft sehen will, daß sie seine Blödheit entlarven. Was Jutta Ditfurth als echter „Mensch bei Maischberger“ gegen den Politzombie Bosbach ausrichtete, was Millionen beobachten konnten bei der Konfrontation von erlebter und gefühlter Wahrheit – das geht jetzt rum, und Jutta Ditfurths Unerschrockenheit hat dem CDU-Propagandisten hoffentlich für immer den Nimbus genommen, ein echter Kerl zu sein.

Was jenen halben und ganzen Faschisten, die Bosbach bewundern, so schwer zu schaffen macht wie ihrem hohlen Idol, was sie so verstört, daß sie sich nicht mal mehr bemühen, ihren Haß auf die Denkende anders als mit Haß zu begründen. Am 14. Juli twitterte Ditfurth, die zur Zeit mehr aushalten muß, als man einem Polizisten zumuten möchte:

Bosbachs Fans kommentierten dies, gleichfalls via Twitter, in jenem Idiom, das der rechte Deutsche für seine Muttersprache hält:

– Sie treten gegen einen krebskranken Mann nach. Ihr Vater würde sich im Grabe umdrehen und für Sie in Grund und Boden schämen.
– Sie sind eine widerwärtige, niederträchtige Person.
– Böse alte dicke Frau! So peinlich.
– Na, Frau Ditfurth? Immer noch infantil oder bereits frühsenil? Was für ein trauriger Anblick Sie doch sind.
Nun ja, einer 65-jährigen bringt man offensichtlich keinen Anstand mehr bei …

Der „Anstand“, der hier gemeint ist, ist der von SS-Mördern.

§ 2 – Straße in Flammen

In der G20-Stadt Hamburg hat eine Bürgerkriegsübung stattgefunden, ein Kriegsspiel der Herrschaft gegen die Bürger. Die Einwohner der Gemeinde wurden vorab nie gefragt, ob sie das Spektakel wichtiger finden als die Beeinträchtigung ihres Lebens. Als sie, zum Auftakt des Ausnahmezustands, doch mal um ihre Meinung gebeten wurden, war die Antwort wenig enthusiastisch:

Insgesamt 74,3 Prozent finden es falsch, daß der Gipfel mitten in der Stadt ausgerichtet wird. Das ist das Ergebnis einer Umfrage des Instituts „mafo.de“ unter 500 Hamburgern im Auftrag der Mopo. Für die Mehrheit ist es also unverständlich, daß eine Großstadt als Austragungsort gewählt wurde, in der die Einschränkungen für die Bevölkerung enorm sind. Zudem sehen 87,1 Prozent der Befragten den Aufwand und die Kosten des Gipfels in keinem Verhältnis zu den Ergebnissen. Nur 18,5 Prozent der Befragten finden es richtig, dass der Gipfel direkt in Hamburg stattfindet.
Mopo.de, 6,7.2017

Diese Achtzehneinhalb von Hundert würden vermutlich auch einen Atomkrieg befürworten, wollten die Machthaber einen ausprobieren. Die zahllosen Straßensperren, die Blockade des Bus- und Bahnverkehrs, die hochgerüsteten Polizeibataillone im Weichbild der Stadt, der Dauerlärm der Überwachungshelikopter, die vernagelten Schaufenster, das feiste Stelldichein von Ausbeutern, Diktatoren und Postdemokraten – kein vernünftiger Hamburger wünschte das, und ich vermute, daß auch ein bedeutender Teil der „Sicherheitskräfte“ den Sinn der Sache nicht erkannte.

Dieser Widerwille der unmittelbar Betroffenen gegen den physischen und psychischen Zwang, dem sie wochenlang unterworfen wurden, mußte auf ein Objekt abgelenkt werden, das weit entfernt ist von irgendwelcher Macht, das in seiner Ohnmacht über wenig mehr als Worte verfügt. Zur Ablenkung dienten die gruseligen Szenen aus dem Schanzenviertel, und kurze Zeit lang funktionierte der Trick. Aber, wie schon gesagt, die Löcher in den Storys der Obrigkeit sind so enorm, daß eins schon ein Brett vorm Kopf haben muß, um sie nicht wahrzunehmen. Die Augenzeugen und die Journalisten vor Ort haben die frisierten Geschichten rund um „Welcome to hell“ und Schanzenrandale sofort durchschaut, und sie setzen dagegen, so gut sie können. Und da die Hetzkampagne gegen alles Linke auf den Horrorstorys über „Terror“ im Schanzenviertel gründet, ist es notwendig, diese Geschichten auseinanderzunehmen und die Lügner und Märchenerzähler im Saft ihrer Lügen und Märchen zu köcheln, so wie Jutta Ditfurth es mit Wolfgang Bosbach tat.

Die offizielle Darstellung der Vorkommnisse am Schulterblatt und drumrum hört sich so an:

Scholz betonte, es dürfe nicht bei Wut und Fassungslosigkeit über die Gewalttaten bleiben. „Wir müssen die Täter bestrafen.“ Verantwortlich für die Gewalttaten seien einzig und allein jene Straftäter, die mit einer unglaublichen Rücksichtslosigkeit und massiver krimineller Energie diese schweren Straftaten begangen hätten. Scholz sprach von einem „kriminellen Mob, dem die Menschen in unserer Stadt völlig egal waren, dem es nur um Gewalt und Zerstörung ging“. Er warf den Randalierern vor, sie hätten Tote in Kauf genommen.
Aber zur Wahrheit gehöre auch: Wer zu Demonstrationen aufrufe und dabei eindeutig auf eine Beteiligung des Schwarzen Blocks ziele, trage Mitverantwortung für das Handeln eben jener Kriminellen. Scholz übte scharfe Kritik an linken Abgeordneten. „Ich jedenfalls finde es unerträglich, dass sich sogar Mitglieder der Bürgerschaft bei Demonstrationen mit denen unterhaken, die am Abend vorher ganze Straßenzüge verwüstet haben.“ Noch schärfer wurde später SPD-Fraktionschef Andreas Dressel: „Die Linke ist der parlamentarische Arm des Schwarzen Blocks.“
Stern.de, 13.7.2017

So war das also nach Darstellung der Regentschaft: In der Schanze wütete der „Schwarze Block“, das heißt, die radikale/autonome Linke, räumte Läden aus, zündete alles Brennbare an und wollte jeden Polizisten steinigen, der sich in die Nähe traute, und die parlamentarische Linke sowie die Rädelsführer in der Roten [sic!] Flora klatschten dazu Beifall. So aber war es nicht.

Die Frage, die sich in Hamburg – und nicht nur hier – jeder Mensch, der bei Groschen ist, stellt, lautet: Warum dauerte es fast vier Stunden, bevor die Polizei die Plünderungen und Krawalle in der Schanze unterband? Weshalb taten die vielen Hundertschaften bis an den Scheitel gepanzerter Polizisten, die das Quartier lange vor Beginn der Ausschreitungen abriegelten, fast vier Stunden lang nichts, um die Plünderungen und Krawalle zu unterbinden? Wieso schlug die Polizei am Vorabend, bei der „Welcome to Hell“-Demo, brutal zu, noch ehe irgendwas strafrechtlich Relevantes passierte, und wieso tat sie überhaupt nichts, fast vier Stunden lang, als Plünderer, Brandstifter und Vandalen wüteten?

Die Ausrede des famosen Einsatzleiters Hartmut Dudde lautete so:

Kritik am späten Einschreiten der Polizei gegen die stundenlange Randale von Linksextremisten im Schanzenviertel in der Nacht zum Samstag wiesen die Sicherheitsbehörden zurück. Die Kräfte hätten zwar bereitgestanden, aber es habe einen Hinweis auf einen Hinterhalt am Schulterblatt nahe des Autonomenzentrums Rote Flora gegeben, sagte Polizeipräsident Ralf Martin Meyer. Vom Dach eines Hauses an der Straße sei mindestens ein Brandsatz hinuntergeschleudert worden. […]
Daher habe man aus Sicherheitsgründen auf Spezialeinheiten warten müssen, die das Haus stürmen konnten. Zudem hätten die Linksextremisten Zwillen mit Stahlkugeln eingesetzt.
Welt.de, 10.7.2017 

Nun kommt‘s:

Es war schier nicht möglich, an diese Einsatzorte zu kommen“, sagte Dudde. Die Polizei habe den Bereich zunächst für sich selbst sichern müssen. „Das war für uns eine neue Erfahrung … Irgendwie hatte ich das Gefühl, daß es so einen kleinen Konsens gibt, daß man mit lebensbedrohlichen Mitteln nicht auf Polizisten einwirkt – der ist zumindest jetzt im Verlauf des G-20-Gipfels in Hamburg deutlich durchbrochen worden.“
a. a. O.

Dies ist die Basis aller Hetze seit dem 8. Juli, hier sind die Elemente versammelt: „Linksextremisten“ wüteten im Schanzenviertel, sie waren bereit zu töten, ein Haus mit Baugerüst und potentiellen Cop-Killern darauf machte es „schier nicht möglich“ zu tun, wofür die Polizei normalerweise da ist, der Einmarsch der Ordnungskräfte verzögerte sich, weil zunächst die Sondertruppe herbeigeführt werden mußte. Damit auch klar werde, welche Opfer die Polizei bereits erbracht hatte, wie brutal der linke Protest agierte, fügte Dudde noch einige bestürzende Zahlen hinzu:

Bei den Ausschreitungen am Rande des G-20-Gipfels in Hamburg sind nach Angaben der Sicherheitsbehörden fast 500 Polizisten verletzt worden. 476 Beamte hätten bei den Krawallen rund um das Spitzentreffen Blessuren erlitten […].
a. a. O.

An Duddes selbstzufriedener Darstellung kamen ziemlich rasch Zweifel auf. Spontan die größte Irritation löste auch bei Nichtlinken des Strategen Erklärung für vier Stunden polizeifreie Verbrechenszone aus. Schließlich hatte Dudde in einer Pressekonferenz drei Wochen vor G20 u. a. dies versprochen:

geringstmögliche Beeinträchtigung des öffentl. Lebens

Wenn dies, vier Stunden Rückzug, das Beste sein sollte, was ein auf 21.000 Glieder angeschwollener Heerwurm für das öffentliche Leben zu leisten imstande ist, war es wirklich das Geringstmögliche. Diese Kapitulation von mehreren hochgerüsteten Kompanien samt sieben stählernen Wasserwerfern und zwei Räumpanzern vor einem Mob aus jungen Wilden passierte offenkundig zeitgleich mit dem obszönen Beethoven-Konzert in der Elbphilharmonie (plus An- und Abtransport jener Leute, denen Beethoven mit jeder Note ins Gesicht spuckt). Das paßte aber gar nicht zum großen Versprechen des OB vom 1. Juli:

Seien Sie unbesorgt: Wir können die Sicherheit garantieren. Wir werden Gewalttaten und unfriedliche Kundgebungsverläufe unterbinden.

Überdies hatte der wie üblich topinformierte Bundesinnenminister De Maizière am 2. Juli eindringlich vor

deutlich über 8.000 Extremisten aus dem In- und Ausland

gewarnt sowie vor „linken Gruppen“, die

die mit Gewaltaktionen den Ablauf stören wollen und dafür auch bereit sind, schwere Straftaten zu begehen.

Und nun, da viel weniger zum Äußersten entschlossener Straßenkämpfer in der Schanze den Ablauf störten, war die Polizei überrascht und überfordert? Was war aus De Maizières Gelöbnis geworden?

Gewalt, egal von wem, muß von Anfang an im Keim erstickt werden.

Wenn der Krawall vom Freitagabend kein Keim war, was war er dann, ein Blütenstempel? Und wieviel ist das Wort eines Ministers wert, der sein Wort nicht im Keim gehalten hat? Wie kann einer mit dem Schlimmsten rechnen, sich darauf vorbereiten und es dann einfach geschehen lassen? Wird die Polizei fortan nur noch dahin gehen, wo ihr Leben nicht bedroht ist? Diese Fragen haben sich alle Bürger mit Verstand gestellt, und die meisten beantworten sie so wie ein Leser von Zeit.de am 12. Juli (mit „der Herr“ ist Scholz gemeint, die Aussage paßt aber genauso gut auf De Maizière):

Thomas Hirschbiegel und Mathis Neuburger, Redakteure der dieser Tage erstaunlich kritischen Boulevardzeitung Hamburger Morgenpost kommentierten am 11. Juli gallig:

Auf die Mopo-Frage, ob die Polizei darauf eingerichtet sei, wenn Krawallos Bezirkszentren wie Bergedorf oder Harburg attackieren, entgegnete Andy Grote, darauf sei man vorbereitet. Vorbereitet war man dann nicht mal für Attacken in Altona oder Eimsbüttel.

An Duddes Darstellung der Vorfälle war etwas faul, viele Lokaljournalisten witterten das und benutzten ihre Spürnase. Schon einen Tag nach der PK des Einsatzführers wurde über das Cop-Killer-Haus am Schulterblatt dies bekannt, und zwar durch ein Blatt, dem man solche Enthüllungen noch weniger als der Mopo zugetraut hätte:

Laut Bild-Zeitung hatte der Besitzer eines im Zentrum der Krawall-Kundgebung am Schulterblatt gelegenen Hauses die Polizei frühzeitig darauf hingewiesen, daß ein Baugerüst um das Haus stehe und dies zu Problemen führen könne. Auch habe er der Polizei einen Schlüssel für das Haus überlassen.
Hamburgs Polizeisprecher Timo Zill bestätigte am Dienstag, daß die Polizei einen Schlüssel für das Haus gehabt habe.
SHZ.de, 11.7.2017

Weil damit die Begründung Duddes zerkrümelt war, dichtete Zill kurzentschlossen eine neue:

Zudem seien die Gewalttäter nicht nur in dem einen Haus auf dem Dach gewesen, sondern auf zahlreichen weiteren.
a. a. O.

Entweder also war Dudde am 10.7. schlechter informiert als der Pressesprecher oder Dudde hatte bewußt falsch informiert – beides Grund genug, die Auskünfte der Polizei mit äußerster Skepsis zu behandeln. Zumal gleichfalls am 11. Juli dies bekannt wurde:

Die gute Nachricht: Die Polizei konnte die Männer identifizieren und festnehmen, die am Freitagnacht von einem Haus am Schulterblatt aus Steine und Molotow-Cocktails auf Polizisten schmissen. Die schlechte Nachricht: Sie sind bereits alle wieder auf freiem Fuß. […]
Unter den Eingelieferten waren auch 13 Männer, die die Polizei in der Mob-Nacht um 23.26 Uhr am Haus Schulterblatt 1 in Gewahrsam genommen hatte – also bei jenem Haus, das die Polizei als Begründung angibt für das späte Eingreifen in den Gewaltrausch. […]
Mopo.de, „G20-Liveticker“, 11.7.2017, 19.41 Uhr

In der Folge hatte es die Polizei mit der Strafverfolgung nicht viel eiliger als Freitagabend:

Ingewahrsamnahmen dienen dazu, Straftaten zu verhindern und dürfen maximal bis Mitternacht des Folgetages dauern. Will die Polizei einen Störer länger unter Aufsicht behalten, muß ein Richter die Ingewahrsamnahme verlängern.
Im Fall der 13 Männer reichte die Polizei die Anträge auf Verlängerung jedoch erst am Sonnabend gegen 21.30 Uhr ein – damit hatten die Richter nur noch zweieinhalb Stunden Zeit.
In vier Fällen wurde die Fortdauer der Ingewahrsamnahme angeordnet (bis Sonntag, teilweise sogar bis Montag). Vier Männer wurden freigelassen, weil es „objektiv keine ausreichenden Anhaltspunkte für eine Beteiligung an den Gewalttaten“ gab. In fünf Fällen lief die Frist ab, bevor die Richter eine Entscheidung fällen konnten. Das bedeutet: Alle 13 sind wieder auf freiem Fuß.
a. a. O.

Vermutlich völlig verdattert von dieser Entwicklung, übersah der Mopo-Chronist einen gravierenden Widerspruch in seiner Meldung (und einen falschen Kasus):

Der [sic!] Gruppe, die im Hof und auf dem Dach angetroffen wurde, soll jedoch nicht zu den schweren Straftätern zählen.
a. a. O.

Die Polizei hatte also die Täter gefaßt, aber es handelte sich bei ihnen gar nicht um die Täter? Da überrascht es kaum, daß bis heute keine der Gehwegplatten vorgeführt worden ist, die angeblich auf Dach und Gerüst zur Steinigung der Polizei gestapelt wurden. Weshalb hat z. B. Hamburgs heldenhafter Polizeipräsident Ralf M. Meyer es sich nehmen lassen, Photos oder Videos von den Mordinstrumenten zu veröffentlichen? Bei früherer Gelegenheit war er doch viel zeigefreudiger:

Molotow-Cocktails, mit brennbarem Bitumen gefüllte Feuerlöscher, Kampfmesser, Handy-Störtechnik: [Meyer] zeigt dieser Tage ein Waffenarsenal, das Linksextremisten in Berlin, Hamburg, und Rostock gehortet haben sollen.
Die Presse, 5.7.2017

Aber es herrscht Bilderverbot, seit Duddes Phantasien als eben dies durchschaut wurden: reine Einbildung. Vielleicht mag die Polizei sich nicht mehr blamieren – der einzige visuelle „Beweis“, den der Superschupo am 10.iJuli der Presse lieferte, war dieser:

Tatsächlich [sic!] zeigen veröffentlichte Wärmebildaufnahmen eines Polizeihubschraubers, wie mehrere Personen vom [sic!] einem Dach aus Brandsätze und Steine auf Einsatzkräfte der Polizei schleudern.
Welt.de, 10.7.2017

Mit der Tatsache „Brandsätze“ war es nicht eben weit her, wie zwei Tage danach Mopo.de meldete:

Georg Dittié, Fachingenieur für Wärmebildtechnik und anerkannter juristischer Sachverständiger, kommt zu einem anderen Ergebnis. Seiner Einschätzung nach handelt es sich um einen Böller. „Die Infrarot-Emission auf dem Bild ist nur geringfügig höher als die der Personen“, so Dittié. „Ein brennender Stofflappen wie bei einem Molotow-Cocktail müsste eine viel höhere Infrarot-Emission abgeben. Die Kamera würde in die Sättigung gehen, das Bild wäre überstrahlt.“

Den beträchtlichen Mangel an Belegbildern hat die Polizei sogar gewollt. Bereits Freitagnachmittag twitterte die Einsatzzentrale:

Es ist nicht bloß grammatisch unklar, wen das Filmen/Senden denn nun gefährdet, die „Einsatzkräfte“ oder die „Medien & Privatpersonen“. Martin Jäschke, Videojournalist für Spiegel online, erfuhr jedenfalls am eigenen Leib (und beileibe nicht als einziger), wie gefährlich es werden kann, in der Nähe von SEK-Kampfmaschinen zu filmen/senden:

§ 3 – Wer Gewalt sieht

Wenn der Ordnungsmacht zu trauen ist, entging das Schanzenviertel in der Nacht vom 7. auf den 8. Juli nur knapp einem Blutbad. Die Polizei hätte freilich ihr Teil dazu beigetragen, wie Michael Zorn am 19. Juli vor dem Innenausschuß der Hamburger Bürgerschaft eingeräumt hat. Zorn koordinierte die Sondereinsatzkommandos in der Schanze und hatte klare Anweisungen vom Chef der Bundespolizei-Inspektion Hamburg, Norman Großmann:

Die Gewalttäter hätten Eisenstangen und Holzpaletten vom Dach geworfen. Die Beamten hätten daraufhin die Ziellaser ihrer Waffen auf die Täter gerichtet. Großmann habe [Zorn] zuvor gesagt, er befürchte mindestens Schwerstverletzte oder Tote und habe einen Schußwaffengebrauch nicht ausgeschlossen, sagte Zorn. Er sei der Ansicht, „daß wir um Haaresbreite an einer sehr, sehr schwerwiegenden Eskalation der Lage vorbeigeschrammt sind“.
NDR.de, 20.7.2017

Die SEK-Polizisten standen also kurz davor, alles vom Gerüst zu ballern, was sich nicht sofort ergeben wollte. Den Abwurf von schweren Gegenständen hat zwar niemand gesehen, aber es war ja auch reichlich Qualm in der Luft, fast so viel wie in den Darstellungen der Obersten HeeresEinsatzleitung. Sven Mewes, der das schwerbewaffnete SWAT-Team anführte, erzählte am 13. Juli zwar von „extremer Gewalt“, die seiner Truppe „entgegengeschlagen“ sei, berichtete jedoch weder von Eisenstangen noch Holzpaletten. Frank Jansen, der für den Tagesspiegel unmittelbar vor Ort war, entging gleichfalls, was Großmann, der ganz woanders hockte, den Abgeordneten erzählt hat. Jansen fiel nur auf, „wie die Elitepolizisten mit Maschinenpistolen im Anschlag heranstürmten“.

Zorns Schauergeschichte erscheint nicht eben glaubwürdiger, wenn sie neben den Bericht des SEK-Manns Mewes gehalten wird:

[Wir] haben Ablenkungspyrotechnik in den Gebäuden eingesetzt und geschlossene Türen mittels Schußwaffen mit spezieller Munition geöffnet. Alle, die wir angetroffen haben, haben wir sofort auf den Boden gelegt, gefesselt und anschließend abführen lassen. […] Es hat überhaupt keine Gegenwehr gegeben. Wir haben in den ersten beiden Gebäuden auf dem Dach Straftäter stellen können, die sich, als sie uns sahen, sofort ergeben haben. Insgesamt haben wir sechs oder sieben Häuser durchsucht. Es gab nach meiner Erinnerung 13 Festnahmen.
Mopo.de, 13.7.2017

Und zwar jener Leute, die noch vor dem Interview mit Mewes aus der GESA entlassen worden waren, u. a. weil es „objektiv keine ausreichenden Anhaltspunkte für eine Beteiligung an den Gewalttaten“ gibt. Sie, die Polizistenmörder in spe, wehrten sich ja nicht einmal, als der „Hinterhalt“ gestürmt wurde. Mewes prahlt:

Nachdem wir das erste Haus durchsucht hatten, war es mein Gefühl, daß absolute Stille im Schanzenviertel vorherrschte. Wir haben keine Steinwürfe mehr wahrnehmen können. Wir haben keine Randalierer mehr feststellen können. Die ganze Situation hat sich – auch in der Nachbetrachtung – mit unserem Einsatz äußerst beruhigt. Auf jeden Fall war die Dynamik der Straftäter absolut raus.
a. a. O.

Die Videos vom Einmarsch der Sonderpolizei zeigen, warum es in der Schanze plötzlich so leise wurde: Hier wurden die Kanonen aufgefahren, mit denen auf Spatzen geschossen werden soll, und die Staatsmacht führte vor, warum sie so heißt:

Die Invasion der SEKler mit ihren fetten Wummen, Blendgranaten, Körperpanzern und allem, was sonst so gebraucht wird, um in einen Krieg zu ziehen, war unstrittig sehr effektiv. Aber war sie auch nötig? Wie viele Verletzte und Tote hätte es gegeben, wären die Randalierer im Schanzenviertel tatsächlich so militant gewesen, wie Bundespolizist Großmann vor dem Innenausschuß behauptete?

Verdeckt im Einsatz befindliche Beamte hätten gemeldet: „Das Schanzenviertel ist zur Festung ausgebaut.“ Es hielten sich demnach dort rund 1.500 zu allem bereite Personen auf.
NDR.de, 20.7.2017

Die echten Zivilisten, die den Krawallen ungewünscht beiwohnten, sahen was anderes. Via Facebook berichteten am 12. Juli zahlreiche Gewerbetreibende, was sich vor ihren Läden und Lokalen abspielte:

Zum Höhepunkt dieser Auseinandersetzung soll in der Nacht von Freitag und Samstag nun ein „Schwarzer Block“ in unserem Stadtteil gewütet haben.
Dies können wir aus eigener Beobachtung nicht bestätigen, die außerhalb der direkten Konfrontation mit der Polizei nun von der Presse beklagten Schäden sind nur zu einem kleinen Teil auf diese Menschen zurückzuführen.
Der weit größere Teil waren erlebnishungrige Jugendliche sowie Voyeure und Partyvolk, denen wir eher auf dem Schlagermove, beim Fußballspiel oder Bushido-Konzert über den Weg laufen würden als auf einer linksradikalen Demo.
Es waren betrunkene junge Männer, die wir auf dem Baugerüst sahen, die mit Flaschen warfen – hierbei von einem geplanten „Hinterhalt“ und Bedrohung für Leib und Leben der Beamten zu sprechen, ist für uns nicht nachvollziehbar.
Überwiegend diese Leute waren es auch, die – nachdem die Scheiben eingeschlagen waren – in die Geschäfte einstiegen und beladen mit Diebesgut das Weite suchten.
Die besoffen in einem Akt sportlicher Selbstüberschätzung mit nacktem Oberkörper aus 50 Metern Entfernung Flaschen auf Wasserwerfer warfen, die zwischen anderen Menschen herniedergingen, während Herumstehende mit Bier in der Hand sie anfeuerten und Handyvideos machten.

Kurz: ein Mob auf weichen Knien, mit dem die vorm Schulterblatt stundenlang verharrende Schutzpolizei spielend fertig geworden wäre, hätte sie es nur gewollt. Der schreckliche Schwarze Block hingegen übernahm die Arbeit, die Duddes Leute stundenlang verweigerten:

Wir haben neben all der Gewalt und Zerstörung an dem Tag viele Situationen gesehen, in denen offenbar gut organisierte, schwarz gekleidete Vermummte teilweise gemeinsam mit Anwohnern eingeschritten sind, um andere davon abzuhalten, kleine, inhabergeführte Läden anzugehen. Die anderen Vermummten die Eisenstangen aus der Hand nahmen, die Nachbarn halfen, ihre Fahrräder in Sicherheit zu bringen und sinnlosen Flaschenbewurf entschieden unterbanden. Die auch ein Feuer löschten, als im verwüsteten und geplünderten „Flying Tiger Copenhagen“ Jugendliche versuchten, mit Leuchtspurmunition einen Brand zu legen, obwohl das Haus bewohnt ist.

So perfide täuscht der Linksextremist die arglose Öffentlichkeit – verhindert, was er, frag die Zivilfahnder, angezettelt hat! Der Linke tut auch sonst lauter Tückisches, für das er ins Halseisen oder wenigstens in eine Fußfessel gehörte. Polizeipräsident Meyer klagt an:

Außerdem hätten „permanente Kleidungswechsel“ der Gewalttäter die Einsatzführung der Polizei durch mangelnde Erkennbarkeit geschwächt.
NDR.de, 20.7.2017

Es scheint die Masche der G20-Zwingherren zu sein, das Publikum für noch dümmer verkaufen zu wollen, als sie selber sind. Doch es gibt sogar in der Dummheit Grenzen nach unten. Denn „Gewalttäter“, die das T-Shirt wechseln und dadurch unkenntlich werden, beenden (in der Logik Meyers) auch das Gewalttun. Wo also lag das Problem fürs Bataillon, das sich auf der Altonaer Straße vier Stunden lang die Füße platt trat? Zumal die Schutzpolizei sonst nie einen Unterschied kennt zwischen „Vermummten“ und „Normalen“ und vorsorglich auf alles einknüppelt, was nicht schnell genug wegrennt.

Das Problem lag in der Truppe selbst, wie der Schlau-Meyer am 15. Juli im Interview mit Spiegel online einräumte:

Als die ersten Feuer brannten, hat Einsatzleiter Hartmut Dudde die Einheiten planmäßig aufgefordert, auf das Schulterblatt vorzurücken. Aber es waren verschiedene Einheiten, die gesagt haben: Da besteht Lebensgefahr. […] Darum weigerten sich die Einsatzkräfte, vorzurücken.

Diese verschiedenen Einheiten haben also, „es gibt kein anderes Wort dafür“ (John Wayne): gemeutert. Was Meyer jedoch, der zur Wahrheit ein Verhältnis pflegt wie der Schwarze Block zum gewaltfreien Protest, nicht als Aufstand gegen die Kommandantur erkennen mag:

Natürlich ist das ein Konflikt, wenn der Einsatzführer sagt, wir müssen da jetzt rein. Und die Einheiten sagen: Ja, aber nicht wir. Die Gefahren, die dort nicht nur für die Polizeibeamten, sondern für alle Menschen in der Schanze drohten, waren, ohne daß die Angreifer von den Dächern geholt werden, nicht zu kalkulieren. Dieses Ausmaß an Gewalt haben wir alle noch nicht erlebt.
Spiegel online, 15.7.2017

Dieses Ausmaß an Vergeßlichkeit auch noch nicht, jedenfalls nicht, seit die letzten Naziverbrecher im deutschen Staatsdienst pensioniert wurden. Das ARD-Magazin „Panorama“ hat ein bißchen im Archiv gestöbert und für die Ausgabe vom 20. Juli ein Potpourri aus Krawall-Events der jüngeren Vergangenheit montiert, welches das parteiübergreifende Gejammer über „nie dagewesene Gewalt“ als Lügengeheul bloßstellt und die Riots in der Schanze auf mittlerer Tumultklasse einordnet:

Die große Frage, die sich die Bewohner des Schanzenviertels seit zwei Wochen stellen – „warum hat die Polizei vier Stunden lang zugeguckt statt einzugreifen?“ –, diese Frage beantwortet der sonst sehr markige Meyer, der polizeiinterne Kritiker als „Leichtmatrosen“ verhöhnt, mit einem Offenbarungseid:

Daß die sich dann schon unterwegs in kleine Gruppen aufteilen, zum Teil randalieren, sich immer wieder umziehen, hat etwas von einer Guerilla. Mit den Mitteln, die uns heute zur Verfügung stehen, ist so einer Taktik schwer beizukommen.
Spiegel online, 15.7.2017

Polizeikräfte in Regimentsstärke, hemmungsloser Knüppeleinsatz, Straßensperren und Schikanen noch und noch, „vorsorgliche“ Festnahmen, mehr Helikopter am Himmel als Wolken, die City Tag und Nacht unter flächendeckender Überwachung – und die Duddezei kommt trotzdem einer „Taktik“ nicht bei, die seit Jahrhunderten steinalt ist? Wer‘s glaubt, wird selig, denn er ist im Geiste arm. Die Polizei hat als Polizei versagt, die Einsatzleitung auf die Not der Bürger gepfiffen, und alle Ausreden, die von den Herren des Feldes angeführt werden, sind Zeugnisse ihrer Inkompetenz. Frank Jansen vom Tagesspiegel bringt die PR-Konstruktion Meyers, Duddes, Großmanns und anderer Sicherheitsarchitekten auf den Punkt, an dem es knackt:

Doch wie plausibel ist eine Argumentation, in der wenige Gewalttäter auf einem Dach als fast unüberwindbares Hindernis gelten für einen Einsatz gegen zahllose Chaoten, die auf der Straße toben?
Tagesspiegel.de, 9.7.2017

Im Schanzenviertel waren am 7. Juli bestimmt einige hartgesottene Autonome unterwegs. Die üblen Dinge aber, die vorfielen und nun zum Anlaß einer Hetzkampagne gegen alles links vom Scholzomaten genommen werden, gingen sehr wahrscheinlich nicht auf deren Konto. Wie auch dieser Augenzeuge, der ordentlich bourgeoise Torben F., bestätigt:

Wenn [er] schon in der Schanze sei, könne er nicht mal ein paar Fotos oder Videos „von der Front“ machen? Vielleicht könne man die ja für die Zeitung gebrauchen […].
„Man konnte sehen, daß am Neuen Pferdemarkt etwas brannte, es liefen Autonome und Partyvolk wild durcheinander, hier und da klirrten Flaschen“, berichtet F. „Trotzdem waren dort auch jede Menge normale Leute unterwegs.“ Diese Schilderung deckt sich mit der Beobachtung anderer Reporter und Augenzeugen – und sie läßt sich auch auf Bildern wiederfinden. Autonome, Junggesellenabschiede, G20-Gegner, Anwohner, Vorstadt-Jugendliche, Krawalltouristen und Partygänger treffen aufeinander – und auf die Polizei.
Tagesschau Faktenfinder, 21.7.2017

Hier, weit weg von den Feuern und Flugflaschen am Schulterblatt, wurde die Polizei tatsächlich aktiv und nahm sich vor, was auch immer ihr in die Quere kam:

Nach seiner Darstellung wird [Torben F.] plötzlich von einem Polizisten am Kragen gepackt und aus dem Hauseingang gezogen. Er nimmt nach eigenen Angaben die Hände hoch, leistet keinerlei Widerstand und ruft den Beamten zu, daß er nur Fotos gemacht habe. Doch F. wird zu Boden gerissen, seine Brille fliegt weg und geht zu Bruch. Anschließend schlagen und treten angeblich mehrere Beamte auf ihn ein.
„Die sind über mich hergefallen wie die Tiere“ […]. F. schildert Tritte und Schläge gegen den Kopf sowie den ganzen Körper. Als einer der Beamten „verpiß dich“ gerufen habe, habe er aufstehen wollen, doch sofort sei wieder auf ihn eingetreten worden.
a. a. O.

Man muß sich ja irgendwie die Zeit vertreiben, als Bereitschaftspolizist, wenn da, wo eins wirklich gebraucht wird, aus trüben Gründen eine Zone entsteht, die so fern von Recht und Gesetz ist wie Torben F.s Mißhandler:

Als die Prügelorgie vorbei ist, wird F. weder verhaftet noch in Gewahrsam genommen. Er bleibt am Boden liegen und schleppt sich schließlich zurück Richtung Dönerladen im Schulterblatt, wo er an der nächsten Ecke zusammenbricht. […] Schließlich habe er seine Frau erreicht, „die mich eingesammelt und ins Krankenhaus gebracht hat“.
a. a. O

Es verfestigt sich der Eindruck, daß die Duddezei nur dort ganze Arbeit verrichten mochte, wo bestimmt keine Gefahr für die Beamten bestand außer der, sich die Faust am harten Kinn eines Unschuldigen zu lädieren:

[Die Ärzte attestieren] eine Schädelprellung, eine Prellung der Hand sowie Schürfwunden im Gesicht und an anderen Stellen. Mit Schwindel und Kopfschmerzen und dem Verdacht auf eine leichte Gehirnerschütterung wird F. nach Hause geschickt. F. zählt selbst später elf Hämatome an Rücken, sowie ein geschwollenes Nasenbein, Beulen an Hüfte, Kiefer, Schläfe und am rechten Knie. Seine rechte Hand ist bis heute sichtbar dick und schmerzempfindlich. […] F. erstattet Strafanzeige gegen Unbekannt.
a. a. O.

Die so ausgehen wird wie alle Strafanzeigen gegen unbekannte Polizisten. Doch immerhin darf F. die uniformierten Sadisten anzeigen, so frei ist Deutschland noch. Oder hält Justizminister Heiko Maas für solche Fälle bereits was in petto, vom dem sogar das Putin-Regime lernen kann, so wie beim „Netzwerkdurchsetzungsgesetz“? Garantiert.

Torben F. jedenfalls hat für sein Leben gelernt, z. B. daß in der Musterdemokratie BRD Abstand zu halten ist von der Polizei und von bürgerlicher Courage:

Ich dachte bislang, so was gibt es vielleicht in der Türkei oder in Nordkorea, aber doch nicht bei uns“, sagt F. […] „Wenn man sowas hört, denkt man immer: ‚Na ja, der wird schon irgendwas gemacht haben.‘ Das dachte ich bisher auch.“ Das sei auch der Grund, warum er anonym bleiben wolle: Er habe noch mehr als 20 Berufsjahre vor sich und wolle nicht, „daß irgendwas hängen bleibt“.
a. a. O.

Die Furcht des Durchgewalkten ist berechtigt. Denn die Herren des Staates lassen auf die Leute, welche im Auftrag der Herrschaft knüppeln, nichts kommen. Sie genehmigen Droogs und Hooligans wie denen, die Torben F. aus reinem Daffke zu Brei schlugen, Privilegien, wie sie in einem echten Rechtsstaat kein Mensch genießen sollte. Kurz nachdem Torben F. – und mit ihm Hunderte andere unbescholtene Bürger – der Polizei als Punchingballs gedient hatten, beschloß die tatenfrohe CDUFDP-Regierung von Nordrhein-Westfalen, in trauter Allianz mit der AfD, die Kennzeichnungspflicht für Polizisten, die dort erst im Dezember 2016 eingeführt worden war, wieder abzuschaffen. Innenminister Herbert Reul hat dafür eine Begründung, die so grotesk und dumm ist wie nahezu alles, was aus seinem Brägen tropft:

„Damit werden die Kollegen unter Generalverdacht gestellt“, sagte Reul der in Düsseldorf erscheinenden Rheinischen Post.
Presseportal.de, 10.7.2017

Ein Generalverdacht ist nämlich nur gestattet gegen linkes Pack. Die „Kollegen“ Herrn Reuls sollen tun und lassen können, was sie wollen, Hämatome und Knochenbrüche verteilen, wie sie lustig sind, denn einem erzautoritären Musterexemplar wie Reul werden die nimmer was antun. Daß auch Olaf Scholz sich nicht als disziplinierender Dienstherr, sondern als „Kollege“ von Schlagstockartisten versteht, hat er klargemacht, als sämtliche Medien solche Fälle wie den Torben F.s im Schock dokumentierten und Scholz trotzdem blökte:

Polizeigewalt hat es nicht gegeben, das ist eine Denunziation, die ich entschieden zurückweise.
Tagesschau.de, 14.7.2017

Einer dieser wahrlich heldenhaften „Denunzianten“ heißt Matt Penz. Er hat auf dem Videochannel Vimeo eine Parallelmontage der Regierungserklärung Scholz‘ vom 12. Juli und der Ausschreitungen der G20-Polizei veröffentlicht, die dem Zuschauer eindrucksvoll darbietet, wer in der laufenden Hetzkampagne gegen alles Linke die wahren, die feigen Denunzianten sind, eine reale Gefahr für die Demokratie:

Intermezzo: Eine Dämlichkeit in Nöten

Von einem Bürgermeister verwaltet zu werden, der sich prügelnde Polizisten als „Helden“ vorstellt und Kritiker der Polizei als „Denunzianten“, ist eine Schmach für jeden intelligenten Bewohner Hamburgs. Daß es von denen laufend weniger gibt, dafür sorgt unter anderem ein „Schlagermove“ genanntes Massenbesäufnis auf der Reeperbahn, nur sechs Tage nach Abflug der „Gäste“ abgehalten unter reger Beteiligung von 400.000, seufz, Menschen. Daniel Haas von der Zeit hat die Botschaft verstanden und trägt sie brav weiter:

Statt den Schlagermove also niederzumachen, als kapitalistische Enthemmungsorgie nach den ach so politisch motivierten Gipfelprotesten, sollte man lieber dankbar sein. Die Souveränität, mit der Bürger und Behörden das Event gemeistert haben, ist beachtlich. Und nach den schweren Schäden, die Einzelhändler und Gastwirte durch G20 hinnehmen mußten, ist der Move auch eine wirtschaftliche Wiedergutmachung vom habituell verteufelten Schweinesystem.
Zeit online, „Schlager statt Schläger“ [ sic!], 24.7.2017

Darauf muß einer erst mal kommen, auf diese Perspektive zur Realität! Von den „ach so politisch motivierten“ Demonstranten über die Insinuation, die Protestler hätten dem Einzelhandel und der Gastwirtschaft geschadet und nicht viel mehr die diktatorische Sperrung der City, bis hin zum Jubelgesang auf ein System, das solche Zustände wie am langen G20-Wochenende erst in die Welt gebracht hat – es ist alles dabei, um sofort, bei wem auch immer, Regierungssprecher zu werden; bei Haas leuchtet die volle Pracht der Propaganda.

Zur gleichen Zeit, da die lebenden Toten zu entsetzlicher Musik über den Kiez wankten, führten 10.500 Ehrgeizlinge beim „Hamburg Triathlon“ vor, wie sich der Insasse des habituell verteufelten Gottesreichs namens Kapitalismus ideal verhält: leistungsfähig, leistungsbereit, leistungswillig bis zum Umfallen; die Lokalpresse schweigt vornehm darüber, wie viele Schaulustige sich an der Strecke einfanden, es waren also eher wenige.

Man sollte nämlich nichts übertreiben, beim Austernschlürfen so wenig wie beim Bespaßen des Pöbels. Was der Verantwortliche für die Terminplanung, Innensenator Andy „Ich habe die Olympiabewerbung verratzt“ Grote, natürlich nicht wußte. Viel zu spät und erst nach massiven Beschwerden der von Verkehrssperren, Fast-food-Müll, Werbelautsprechern, Polizei- und Pressehelikoptern im Rundflug abermals ungefragt Betroffenen, räumte Andy „Das war bestimmt nicht das letzte Mal“ Grote ein,

daß „die Kombination der beiden Veranstaltungen an einem Wochenende ungünstig“ sei.
Das sei vergangenes Jahr auch schon mal so gewesen. „Das war trotz aller Bemühungen in diesem Jahr nicht möglich zu entzerren“, so Grote. In den kommenden Jahren werde man es aber versuchen.
Mopo.de, 15.7.2017

[Exkurs. Demselben Artikel ist übrigens zu entnehmen, wie Brigitte Engler vom City-Management Hamburg, einer Interessenvertretung von mehr als 800 bedeutenden Handelstreibenden im engeren Kreis der Innenstadt, am Tag vor dem „Doppel-Event“ (Hamburger Morgenpost) prognostizierte: „‚Daß nach G20 gleich zwei parallele Veranstaltungen stattfinden, ist für den innerstädtischen Einzelhandel nicht positiv‘ […]. Vor allem die für die Events notwendigen Straßensperrungen würden viele Kunden abhalten, in die City zu kommen.“ – Guten Morgen, Herr Haas! Exkurs-Ende.]

Wenngleich die Berichterstattung über den Hamburger Triathlon einiges zu wünschen übrigläßt, verabsäumte die gehorsame Presse nicht, folgendes Wunder, gewirkt von unserer Heiligen Mutter Angela durch Handauflegen und Worte der Leere, folgendes überirdische Begebnis dem gerührten Volke zu übermitteln: Es hatte nämlich die fleißige Magd Laura Lindemann aus P. bei der Konkurrenz der Frauen einen ordentlichen dritten Platz errungen. Und das verdankte die Maid nicht etwa ihren starken Muskeln, sondern der sanften Herrscherin im großen B.:

Und das nur einen Tag, nachdem sie einen letzten Motivationsschub von niemand geringerem als Angela Merkel bekommen hatte. Spontan wurde Lindemann von der Kanzlerin zum Gespräch für den Bundestags-Podcast nach Berlin eingeladen.
Die Einladung hatte sie trotz der Wettkampfvorbereitung angenommen – und noch viel besser: Merkel scheint bei der jungen Triathletin Kräfte freigesetzt zu haben.
Mopo.de, 15.7.2017

Tom Kirsten heißt der Apostel, der uns vom Mirakel kündete, und zu wissen tat er auch dies:

Angela Merkel gab ihr den letzten Schub – Laura versetzt Hamburg in Ekstase
a. a. O.

Aber was nützt es, die Huld der Regentin zu beschwören, wenn sie zur nämlichen Zeit im „ARD-Sommerinterview“ bekanntgibt, über die Interessen der Regierten bloß müd zu lächeln und von ihnen ein Opfer zu verlangen? Das nun wirklich nicht so groß ist wie jenes der gehorsamen Selbstschinderin Lindemann:

„Es war klar, es muß in einem Ballungsgebiet stattfinden“, sagte sie. Und in Übereinstimmung mit dem Ersten Bürgermeister Olaf Scholz hätten sich alle Beteiligten für die Stadt ausgesprochen. „Ich habe mich gefreut, daß Olaf Scholz Ja gesagt hat“, so Merkel.
Tagesschau.de, 16.7.2017

Und weil die marktkonforme Demokratin weiß, wem allein sie Rechenschaft schuldet, stellt sie auch klar, wer für sie „alle Beteiligten“ sind und wer beim Jasagen stumm zusehen soll:

Eine Entschuldigung bei den Bürgern der Hansestadt, wie sie Scholz geäußert hatte, gab es von ihr nicht.
a. a. O.

Dabei stimmt der Herrscherin Diktum, ihre G20-Sause hätte in einem Ballungsgebiet stattfinden müssen, so nicht. Es gab und gibt berufenen Widerspruch zu dieser Doktrin, und zwar von Leuten, die sich mit der Verfassung erheblich besser auskennen als eine geborene Funktionärin, die sich im Betrieb vom Grundgesetz eher belästigt fühlt. So erklärte der Jurist Gerhard Strate, als Anwalt u. a. Carsten Maschmeyers und Ferdinand Piëchs irgendwelcher Sympathien fürs linke Lager gänzlich unverdächtig, jedoch im klassischen Sinn ein Liberaler, der die Verteidigung der Bürgerrechte so ernstnimmt, daß er Gustl Mollath unentgeltlich aus der Verwahrungspsychatrie holte – dieser Dr. Strate also klärte neulich einen baffen Interviewer von der Welt darüber auf, wie leger Merkel und Scholz mit den Grundrechten der Hamburger umgingen. Es mußte in Hamburg sein?

Der Gipfel hätte natürlich nicht in Hamburg stattfinden dürfen, wenn die Sicherheit der Bürger nicht gleichrangig zu der der Gäste zu garantieren war.
Welt.de, 23.7.2017

Und was hat das mit dem Grundgesetz zu tun?

[Die] „höchste Priorität“ gilt im Staat des Grundgesetzes allen, nicht nur seinen Gästen. […] Im Befehl jedoch wurde die Priorität dann ganz anders ausgelegt. Die Folgen sind bekannt. Noch nie waren so viele Polizisten in einer Stadt, um so wenig zum Schutz ihrer Bürger zu tun.
a. a. O.

Sie sagen, daß Sie Olaf Scholz „sehr schätzen“. Welches Versagen werfen Sie ihm dennoch vor?

Er hat sich böse verkalkuliert. Heute will er, der auch einmal Innensenator dieser Stadt war, nicht einmal den Einsatzbefehl der Polizei gekannt haben. Das ist schwer vorstellbar. Ein Beispiel: Im Juli 2016 machte Scholz noch die Fortführung der „Cyclassics“ öffentlich zur Chefsache. Und die Vorbereitung des G-20-Gipfels will er nicht genau verfolgt haben, das war keine „Chefsache“? Das ist entweder unglaubwürdig oder fahrlässig.
a. a. O.

Strate setzt seine Hoffnung in den Sonderausschuß der Bürgerschaft, der allerdings viel weniger Möglichkeiten zur Wahrheitsfindung hat als ein Parlamentarischer Untersuchungsausschuß, den die Opposition, vor allem die Linke, zwar fordert, welcher aber an den sozusagen mitregierenden Grünen scheitert. Deren Justizsenator Till Steffen erklärte dem Spiegel:

Es gibt noch sehr viele offene Fragen zum Polizeieinsatz im Rahmen des G20-Gipfels […]. Es ist wichtig, daß wir den erhobenen Vorwürfen nachgehen und die Situation genau analysieren.
Spiegel.de, 26.7.2017

Doch bloß nicht zu genau. Die Verrenkungen und Windbeuteleien der Fegebank-Fraktion fügen sich zu allem, was sie um des Koalitionsfriedens und der Pensionsansprüche willen schweigend hinnahm, was sie demütig abnickte und jetzt wie ein faules Ei behandelt, das irgendwer anderes gelegt hat. Eine vorbildliche Truppe von politischen Triathleten, sprich, Leistungsträgern, die sich keinem Sponsor verweigern und hoffen, daß die Fans schon nix peilen. Damit könnten die Grünen richtig liegen. Andererseits ist es ein seltsames Zeichen, daß eine Alarmsitzung der Partei am 10. Juli unter Ausschluß der Medien vor gerade mal 130 Getreuen stattfand, die nicht daran dachten, den Opportunisten in der Führung, also gleichsam sich selbst, einen Tritt zu verpassen:

Direkte Kritik an Fegebank wollte jedoch niemand äußern, obwohl sie als Senatsmitglied hinter der Ausrichtung des Gipfels stand.
Mopo.de, 11.7.2017

Welch zierliche Tanzschritte diese Fegebank hinlegte, um sich aus der Verantwortung zu schleichen, erzählte jüngst der Spiegel:

Beim G20-Gipfel sollte Hamburgs Zweite Bürgermeisterin Fegebank den türkischen Präsidenten Erdoğan begrüßen. Nach SPIEGEL-Informationen umging die Grünen-Politikerin das Treffen – aus Angst vor negativer Presse. […]
Allerdings waren Fotos zu erwarten, die Fegebank Seit‘ an Seit‘ mit dem Verächter der Menschenrechte gezeigt hätten. […] Und so begrüßte Fegebank am Vorabend des Gipfels erst acht Gipfelgäste auf dem Airport, legte dann eine kurze Erdoğan-Pause ein und empfing anschließend drei weitere G-20-Teilnehmer. Fegebank will den Vorgang nicht kommentieren.
Spiegel.de, 21.7.2017

Der kommentiert sich schließlich selbst. Doch diese Finte, diese Simulation von Widerständigkeit, diese PR-Stümperei hilft Fegebank und ihren Mitläufern nicht aus der Bredouille: Sie sind mitverantwortlich, ohne Abstriche, für solche Szenen aus dem Präfaschismus, wie sie der „Abfall“-Leser Jan V. in einem Kommentar schildert. Diese grünen Heilsarmisten, die mit den Zuhältern zocken und dabei fromme Lieder singen, tragen ihr Teil Schuld an jeder Prügelorgie der Polizei, an jeder willkürlichen „Ingewahrsamnahme“, an jeder Verhöhnung der Grundrechte während der G20-Tage, und jeder und jede, die diesen Haufen trotzdem noch wählen wollen, können gleichfalls nicht länger den Anspruch erheben, zu den intelligenten Mitgliedern der Gemeinde zu zählen. Ohne die Grünen hätte es beispielsweise das hier nicht gegeben:

Ein Fotograf des Stern schilderte auf Facebook, wie seine Ausrüstung durch einen Wasserwerfer zerstört und er im weiteren Verlauf des Tages von der Polizei verletzt worden sei.
Tagesschau.de, 15.7.2017

Auch folgendes konnte nur geschehen, weil die Hamburger Grünen sich nicht gegen G20 wehrten, sondern devot auf staatstragend machten:

„Massenanfall von Verletzten“, mit diesem Funkspruch wurde die Feuerwehr am 7. Juli zum Rondenbarg (Bahrenfeld) gerufen. 14 Personen waren bei einem Polizeieinsatz verletzt worden, elf davon schwer. Die Betroffenen sagen: „Die Polizei hat uns absichtlich von der Mauer gestoßen.“ […]
[Augenzeuge] David S. sagt: „Die Polizisten haben gegen den Zaun getreten und gedrückt, bis er einstürzte.“ Obwohl zwei Meter tiefer Leute mit offenen Brüchen lagen, hätten die Beamten dann weitere Personen die Mauer runtergestoßen. „Sie schrien: ,Antifa-Schweine. Das ist euer Frühstück!‘“, sagt S.
Mopo.de, 13.7.2017

Und weil Büttel wie Fegebank oder Steffen jeden Mist fressen, um ihre lukrativen Posten zu behalten, mußten sogar die eigenen Parteigänger mit der Schnabeltasse Bekanntschaft machen:

Der Photograph und Grünen-Politiker Erik Marquardt sagte dem NDR, es seien von Polizisten gezielt Journalisten angegriffen worden. Ihn selbst hätten Polizisten am Freitagabend aufgefordert, sich „zu verpissen“, nachdem er seine Presseakkreditierung gezeigt habe. Im Weggehen habe ein Polizist ihn dann noch getreten. Tags drauf habe […] ein Polizist versucht, [ihm] die Kamera aus der Hand zu reißen.
Tagesschau.de, 15.7.2017

Wer sich auf jeden Fall verpissen sollte, ginge es nach den verbliebenen intelligenten Bürgern der Stadt, dürfte mittlerweile klar geworden sein. Aber da können wir noch lange warten, und bis zur nächsten Bürgerschaftswahl haben die Deppen, die Fegebank ermöglichten, sowieso alles verdrängt. Auch dies hier, ein Interview mit Demo-Sanitätern über ihre Erlebnisse beim G20-Happening:

[Elisa:] In Hamburg ist vorübergehend viel medizinische Infrastruktur einfach zusammengebrochen. Bei kleineren Demos in Berlin kriegst du überall einen Krankentransport hin, Rettungswagen, Notarzt, was halt sein muß. In Hamburg war das nicht möglich. Man konnte noch nicht mal 112 rufen und irgendwen alarmieren. […]
[Kiko:] In Hamburg sind auch erprobte Notärzte an ihre Grenzen gekommen. Man kann nur froh sein, daß das alles glimpflich ausgegangen ist und daß es keine Toten gab.[…]
[Kiko:] Ich kann mich zum Beispiel nicht mehr an eine so gezielte Massenpanik erinnern, wie sie auf der „Welcome to Hell“-Demo zu beobachten war. Dabei haben sehr viele Leute Prellungen und Quetschungen erlitten, weil die Polizei mit Wasserwerfern, Tränengas und massivem Schlagstockeinsatz in die Seite der Demo reingedrückt hat – an einem Ort, wo es keinen Ausweichkorridor gab, außer eine Kaimauer hinaufzuklettern. Dabei ist es zu Armbrüchen und Brustkorbquetschungen gekommen. Das sind keine schlimmen Verletzungen, aber wenn dann eine Kreislaufinstabilität dazukommt, wird es lebensbedrohlich. Und wenn man dann als Sanitäter 112 nicht mehr erreichen kann, bekommt man Angst.
Neues Deutschland, 24.7.2017

Katharina Fegebank und Erdoğan sind einander viel näher, als jene sich einredet, als ihr albernes Versteckspiel am Flughafen weismachen sollte. G20, diese „kapitalistische Enthemmungsorgie“ (Haas), war scho‘ farbenfroh, vom blauen Fleck bis zum Blutpurpur. Doch erst der grüne Anteil machte die Sache bunt.

§ 4 – Die Chorknaben

Ich nehme an, daß einige Leser dieses Blogs in den vergangenen Monaten auf eine Fortsetzung meines G20-Dossiers gewartet haben, mit wachsender Enttäuschung. Immerhin versprach ich beim bislang letzten Kapitel, daß es hier weitergehen soll. Dies geschah in einer Zeit, als wir alle glaubten, der Sommer würde noch kommen. Und nun ist tiefer deutscher Herbst.

Die Sache blieb durchaus nicht liegen. Ich hätte zwar Anlaß gehabt, vor der Dreistigkeit der Polizeistaatler und der Stumpfheit des – pardon für die Vokabel – Volks zu resignieren, ich hatte genug gute Gründe, die Brocken hinzuschmeißen und vor der Macht des Status quo zu kapitulieren.

Doch als Insasse der Stadt, die zum Schauplatz einer Polizeistaatsübung wurde, habe ich die monströse Story nicht aus den Augen verlieren können; ich habe sie bloß an anderem Ort fortgeschrieben. Der folgende Text ist zuerst im Septemberheft der Zeitschrift KONKRET erschienen. Er beschäftigt sich mit dem Wesen der Polizei und mit der sklavischen Mentalität jener Leute, die sogar beim Nachweis staatlicher Kriminalität den Ankläger für ein größeres Übel halten als den Verbrecher.

Der Artikel wurde für den „Abfall“ überarbeitet und um ein ausgreifendes Postskriptum ergänzt, das belegt, was ich bei Verfertigung des KONKRET-Manuskripts, vor gut zwei Monaten, über die Schauergeschichten der Duddezei nur als Verdacht äußern konnte.
KS

***

I‘d rather spend 16 hours stuck in an elevator with a couple of crooks than even say hello to a fucking policeman. You don‘t help the police, they‘re not on your side. Don‘t you understand this shit yet? They work for the state. They plant fake evidence, they put a loaded gun in the hands of an unarmoured they shot to death. They harass minorities, they brutalize people, they deny people their rights, and they lie about it all accord. […]. But they don‘t squeal on each other. They‘re not rats. So take a page from their book, but never ever help them. And above all – don‘t plea bargain by turning in a friend. […]
Even God hates a rat.
George Carlin


Eine Organisation, die sich seit 1937 als „Dein Freund und Helfer“ verkauft, wird‘s schon nötig haben. Denn geduzt wird nur von ihrer Seite, der Hilfsbedürftige sollte sich bloß kein „du“ erlauben, wenn er den „Freund“ anspricht. Der Polizist darf eine gleichberechtigte Beziehung mit Untertanen gar nicht eingehen, so lange es Untertanen gibt. Im besten Fall kann er sie wie Menschen mit Rechten behandeln, doch in der Regel verführt die Macht, die ihm der Staat verliehen hat, den Polizisten dazu, sich für Überstunden, Nachtschichten und miese Bezahlung an denen zu rächen, die ihm in die Quere kommen.

Der Begründer der Kriminologie (und der Sûreté) Eugène Vidocq erläuterte das Verhältnis der Hüter zur Herde so: „Die einzigen Gefühle, welche die Menschheit in Polizisten jemals erweckt hat, sind Gleichgültigkeit und Hohn.“ Wer für einen Staat arbeitet, der wenigen gehört, muß sich freilich gegen das Mißtrauen und die Feindseligkeit der vielen panzern, der kleinen Sünder und armen Schweine, die froh sind, wenn der Streifenwagen das Viertel verläßt.

Polizisten sehen Dinge, die einem das Herz entweder brechen oder steinhart werden lassen. Die meisten von ihnen wurden nicht Polizisten, weil sie schlechte Menschen sind. Doch irgendwann sieht selbst ein Idealist in den Bürgern nur mehr Schlechtes und hilft ihnen nie ohne Schikane. Der rauhe Ton, in dem „Tatort“-Cops mit Verdächtigen, aber auch Zeugen reden, ist noch zu freundlich. Ich hab James Ellroy gelesen und Joseph Wambaugh – mir ist ein abgebrühter, zynischer Bulle nicht unsympathisch. Allerdings nur als gebrochener Charakter, als tragische Figur. Polizisten haben keine Freunde außer Polizisten. Wer sich bei ihnen einschleimt, weiß George Carlin, den verachten sie.

Seit dem G20-Demokratiefestival in Hamburg findet eine gleichermaßen groteske wie schamlose Propaganda zugunsten der Ordnungsmacht statt. Sie soll vom Versagen des Einsatzführers Hartmut Dudde ablenken, von den Gewalttaten und Eskalationen der Polizei, von den Drangsalierungen, die sie einer Millionenstadt auferlegte, wochenlang. Tausende Bürger flohen aus dem inneren Bezirk der Stadt, unter anderem, weil sie das unablässige, zu nichts als Einschüchterung nütze Geknatter der Überwachungshelikopter nicht länger ertrugen. Ein besonders genervter Familienvater zückte in Altona den LED-Pointer, um einen knapp überm Hausdach herumröhrenden Hubschrauberpiloten zum Abdrehen zu bewegen. Tagelang wurde die allenfalls lästige Attacke als terroristischer Mordversuch, wurden die schwach geblendeten Piloten als „Verletzte“ ausgeschrien.

Zum Motto des Wochenende wurde für nicht wenige derer, die in der Sperrzone bleiben mußten: „Ganz Hamburg haßt die Polizei!“ Auch gegen diese matte Renitenz kämpft die PR-Nummer von den Superschupos an, die angeblich unter Lebensgefahr „Chaos“ verhinderten, das wider die berühmte hanseatische „Weltoffenheit“ auf den Straßen entfesselt worden sei. Von „Linksextremisten“, wenn nicht gleich „Linksfaschisten“ wird geheult, die mit Gehwegplatten und Zwillen „unsere“ Demokratie zerstören wollen, woran allein die Polizei sie hindere.

Dieser Propaganda ist nichts zu blöd, und ihr Wortführer muß daher Olaf Scholz sein. Mehrmals nannte der erste Büttel der Gemeinde die Duddezei „heldenhaft“, das Sachwort „Polizeigewalt“ denunzierte er als „Denunziation“. Da lagen zwar bereits Beweise en gros für die Gewalt der Polizei vor. Doch immer noch keine für die Todesschwadronen am Schulterblatt oder für die Notwendigkeit, eine Demo zu sprengen, die ohne besondere Auflagen genehmigt worden war und noch nicht mal begonnen hatte. Papiere waren aufgetaucht und wiesen nach, daß die Einwohner der Stadt für weniger schutzwürdig erachtet wurden als die zugereisten Potentaten. Aus der Gefangenensammelstelle im öden Harburg wurden jeden Tag mehr Geschichten über Willkürjustiz, Entwürdigung und Tortur bekannt, Photos und Videos von brutalen Übergriffen der Polizei liefen zu Hunderten auf, während das Oberkommando Zahlen verbreitete, an denen mächtig was faul war.

476 Polizisten seien während der G20-Tage „verletzt“ worden, verlautbarte Polizeidirektor Dudde beim Abschlußpresseappell am 9. Juli. „Buzzfeed“ kam auf die gute Idee, sich die Summe von den zuständigen Behörden auseinanderrechnen zu lassen. Die Hälfte der Fälle stammte aus den vierzehn Tagen vorm Ernstfall. Ein Großteil der Beamten mußte wegen Dehydrierung behandelt werden. Eine andere große Fraktion geriet in die Schwaden des eigenen Pfeffersprays. Nur 21 Polizisten waren länger als eine Nacht dienstunfähig. „Buzzfeed“ bewies nebenbei, daß ein einziger Redakteur effektiver arbeiten kann als die gesamte Hamburger Innenbehörde.

Hier nämlich war noch gar nicht bekannt, daß sich die „verletzten“ Polizisten wundersam auf 743 vermehrt hatten; Dudde war erst bei 592 angekommen, in einer äußerst bizarren Fragestunde vor dem Innenauschuß der Bürgerschaft. Der Senat korrigierte die Zahl mehrere Tage später auf 709. Da lag endlich die Opferstatistik der eigenen, famos organisierten Polizei vor. Nicht korrigiert aber wurde der falsche Eindruck, alle diese Polizisten seien durch Aktionen von Demonstranten „verletzt“ worden. Mit Aplomb wurde übergangen, wie überwältigend hoch der Anteil der Einsatzleitung am Leid der Schutzleute gewesen war – die miserable Unterbringung, der Saufraß, die viel zu warme Montur, die schlaflosen Nächte, die ewige Rumsteherei. Die Weichgeschwitzten und Verschnupften, die Fußlahmen und die mit den tränenden Augen werden von der Propaganda kurzerhand dem „linken“ Feind angelastet; ein Verfahren, mit dem die Polizei sich auskennt.

„Bild“ rief eine Art Sommernothilfe für die Märtyrer aus: „Sie kämpften unermüdlich – und hatten teils trotzdem keine Chance gegen die aggressiven Demonstranten“, dichtete das Drecksblatt (das zugleich auch Hilfspolizei spielte, mit Fahndungsphotos auf der Titelseite). „Wollen Sie die verletzten Polizisten unterstützen, wieder zu Kräften zu kommen? Dann überweisen Sie einen Betrag Ihrer Wahl“, in Klammern: „jeder Cent zählt!“ Mehr als Kleingeld scheint der Tagesbefehl des Gossenblatts in der Tat nicht eingespült zu haben. Jedenfalls wollte die mit „Bild“ verbündete Gewerkschaft der Polizei (GdP) in ihrer Pressemitteilung vom 7. August das exakte Spendenresultat nicht ausplaudern. Stattdessen pushte die GdP eine andere „traurige Bilanz“ und erhöhte auf „weit über 800 … Kolleginnen und Kollegen“, die an der Front versehrt worden seien. Diese Zahlenmystik mochte kein seriöses Medium mehr kolportieren.

Denn es spielen längst nicht alle Journalisten bei der Propaganda mit. Zu viele erlebten vor Ort, was die Rolltrupps von der Pressefreiheit halten, haben gesehen, was die Regentschaft nicht wahrhaben will. Wer sich über die Rechtsbrüche und die Polizeistaatsübungen Anfang Juli in Hamburg informieren will, kann dies umfassend tun, ohne das bürgerliche Kontinuum verlassen zu müssen, etwa auf der Website der „Zeit“. Wachen Beobachtern öffnen sich rasch die Augen für alternative Fakten, und in den Kommentarsektionen verhehlen altgestandene Bourgeois nicht ihre Wut auf eine Staatsmacht, die so mit Bürgern umspringt, sie bedroht, beschimpft und beschwindelt und dafür auch noch angebetet werden will. Es gibt erfreulich viele von ihnen, aber noch mehr von den Autoritären, wahre Rudel.

Für sie gilt das Wort Duddes, hat die Polizei alles richtig gemacht und das Demonstrantenpack jede Strafe verdient, vornehmlich physische. Ihre Ergebenheitsadressen an die Staatsgewalt parken die Kriecher am liebsten unter kritischen Artikeln, und sie äußern dabei eine Unempfindlichkeit für die Realität, eine Unfähigkeit zu denken sowie eine Herrchenmoral, ohne die kein Polizeistaat funktionieren würde. In den Online-Foren der „Zeit“ geht es zwar halbwegs gesittet zu, weil die Moderatoren meistens aufpassen, doch die Diederich Heßlings des 21. Jahrhunderts kommen derzeit überall durch mit ihren Beobachtungen aus der Käseglockenwelt, ihrem gräßlichen Deutsch und ihren selbstentlarvenden Pseudonymen.

Ein „sat“ etwa weiß, was die Polizei muß: „Die Polizei muß Gewalt anwenden.“ Sie muß das, weil Eigentum verpflichtet: „Nur die Polizei besitzt das Gewaltmonopol.“ – Einer, der „undübrigens“ genannt werden will, sieht im Film, wie ein Polizist sein Monopol mißbraucht, und nach der unumgänglichen Verschwörungstheorie („das absichtlich stark gekürzte Video bei Maischberger“) hat der Stiefellecker eine Züchtigungsphantasie: „Wer so um polizeilichen Körpereinsatz bettelt, soll nicht heulen, wenn er ihn bekommt. Ich selbst konnte die Polizisten nur bewundern ob der Geduld, die sie aufgebracht haben. Ich hätte das nicht gekonnt.“ Leute, die „ob“ statt „wegen“ schreiben, mögen meistens Klingelschilder in Frakturschrift, und hauen prinzipiell nur Menschen aufs Maul, die sich nicht wehren.

Interessant ist, wie weiträumig die Hooligans vom Polizeifanclub den Begriff der Gewalt fassen, wenn es um die rote Gefahr geht: Ein „ING-HH“ zum Beispiel „kann nicht ganz nachvollziehen, daß sich Leute bei Sitzblockaden beschweren, daß sie sich beim Wegtragen wehtun. Erst selber Gewalt in Form einer Blockade anwenden und dann jammern, wenn eine entsprechende Reaktion stattfindet.“ Dieser unangenehme Zeitgenosse, der garantiert nicht aus Hamburg kommt, jammert an anderer Stelle: „Die Flora denkt, das Viertel gehört ihr und jeder Andersdenkende wird mit Gewalt terrrorisiert. Das habe ich selber erlebt und Freunde von mir, die dort leben. Die Flora-‚Aktivisten‘ sind Terroristen, sonst nichts.“ Und „ING-HH“ nichts als ein Aufschneider, denn Kreaturen wie er haben keine Freunde, in der Schanze sowieso nicht.

Wie wenig andererseits die Gewalt der Polizei als Gewalt zu betrachten sei, hat „Schnorg der Große“ sich zusammengesponnen: „Das Schleifen bewußtloser Menschen [durch die Polizei, KS] ist übrigens in der Situation schmerzfrei, weshalb das Schleifen von Menschen bei vollem Bewusstsein beklagenswerter ist.“ Der Knüppel, der das volle Bewußtsein einkassiert, fühlt sich übrigens nur an Köpfen schmerzhaft an, in denen ein Verstand nistet, da haben Polizeifans kaum was zu fürchten. Der ragenden Dummheit der Autoritären entspricht ihre Ignoranz für Recht und Gesetz. Je lauter einer vom „starken“ bzw. „wehrhaften Rechtsstaat“ plärrt, desto inniger ersehnt er die Diktatur; je hysterischer das Untergangsgeschrei wegen brennender Autos, desto höher die Akzeptanz für Lynchjustiz und Standgerichte.

„Wenn … die Polizei hier nachgeben sollte, um eine Eskalation zu vermeiden, führt das staatliche Gewalt, insbesondere auch der Polizei, und einem verfassungsrechtlich verbürgtem [sic!] Demonstrationsrecht ab absurdum!“ Behauptet ein „RAKoenen“, und sollte dies wirklich ein Rechtsanwalt gestammelt haben, geht es der Klassenjustiz prächtig, von der Grammatik abgesehen. Daß dem Vierwinkeladvokaten staatliche Gewalt niemals absurd vorkommen wird, darauf ist Verlaß. Er hat sich mit Haut und Haar dieser Gewalt ergeben und will Teil von ihr sein, sie spüren bis ins Mark.

„Die Haltung, zu der jeder gezwungen ist, um seine moralische Eignung für diese Gesellschaft immer aufs neue unter Beweis zu stellen, gemahnt an jene Knaben, die bei der Aufnahme in den Stamm unter den Schlägen des Priesters stereotyp lächelnd sich im Kreis bewegen.“ So Max Horkheimer und Theodor W. Adorno 1947 in Dialektik der Aufklärung. Die bürgerlichen Tugenden, von denen einige durchaus was taugten, liegen ebenso in Trümmern wie die Selbstachtung: „Jeder muß zeigen, daß er sich ohne Rest mit der Macht identifiziert, von der er geschlagen wird.“

So wie es der „Zeit“-Leser „tommy555“ inklusive Idiotensprache vorführt: „Gerade die Ermittlungen gegen Polizeikräfte belegt [sic!] doch, dass unser Rechtsstaat funktioniert.“ Daß bei derlei amtsinternen Ermittlungen das Recht abseits steht, weiß „tommy555“ eventuell sogar. Aber es stört ihn nicht. Ihm reicht‘s, wenn die Herrschaft zufrieden ist. Er zeigt ein Lächeln, wird die Peitsche gezückt. Bekommt Bullshit zu fressen und verlangt einen Nachschlag. Der rechte Staat funktioniert.

Postskriptum zu den Chorknaben

Nach einer Kleinen Anfrage der Linken-Abgeordneten Christiane Schneider mußte der Hamburger Senat am 5. Oktober zugeben, daß er und seine Polizeiführung zum Krawall im Schanzenviertel Fake-news verbreitet hatten. Die stundenlange Untätigkeit der aufmarschierten Schutzstaffeln hatten die Verantwortlichen nämlich mit Lebensgefahr für ihre Untergebenen begründet.

Man habe Erkenntnisse gehabt, wonach sich Gewalttäter auf Dächern in der Straße Schulterblatt versammelt hätten, um die Polizei mit Steinen, Gehwegplatten, Eisenstangen und Molotowcocktails zu bewerfen.
Auf die Frage, wie viele dieser Gegenstände als Beweismittel gesichert wurden, teilte die Behörde nun mit: „Nach derzeitigem Kenntnisstand keine“.
Spiegel online, 6.10.2017

Polizeisprecher Timo Zill hält dennoch an der Gruselgeschichte fest, die ihm und seinen Bossen den Arsch retten soll:

„Es hat massive Angriffe gegen Polizeibeamte gegeben. Es gab Bewurf von Dächern mit Steinen und Molotowcocktails.“ Das hätten Bilder aus der Überwachungskamera eines Hubschraubers gezeigt. Bei dem Einsatz der Spezialeinheiten sei es vor allem um Lagebereinigung gegangen, so Zill. Die Beweissicherung sei erst später erfolgt, die Ermittlungen dauerten noch an.
a. a. O.

Und sie werden zweifellos andauern, bis der fabelhafte Innensenator Grote, der vorbildliche Polizeipräsident Meyer und der unvergleichliche Einsatzführer Dudde längst zu höheren Aufgaben berufen worden sind. Denn Apostel der Wahrheit wie sie bringen es in dieser Republik der Ehrenwortwarte und brutalstmöglichen Aufklärer weit. Die detektivischen Bemühungen der Polizei, die Mär von den linksextremen Todesschwadronen mit Beweisen zu untermauern, wirken derweil wie Treatments für einen neuen Inspektor-Clouseau-Film. Fünf Wochen nach den Ausschreitungen meldete die Hamburger Morgenpost:

[Noch] immer ist die Polizei auf Spurensuche.
Haben die Täter vielleicht irgendwo versteckt liegende Lager für Pyro, Böller oder Steine hinterlassen? Für Bekleidung oder anderes? Die Ermittler gehen davon aus.
So durchsuchten Beamte der Sonderkommission „Schwarzer Block“ etwa die Parkanlagen rund um das Altonaer Rathaus an der Max-Brauer-Allee.
Mopo.de, 17.8.2017

Ich bin kein Kriminalist, ich habe kaum eine Ahnung davon, wie es in einem „Schaufenster moderner Polizeiarbeit“ (Andy Grote) aussehen sollte. Daß nach derart vielen Tagen die Spurensuche im öffentlichen Raum völlig idiotisch ist und die Resultate auf keinen Fall juristisch verwertbar sind, das weiß jedoch sogar ein Laie wie ich. Der blinde, blöde Aktionismus, den die Gerüchteköche der Hamburger Innenbehörde hier veranstalteten, führte denn auch zu einem Ergebnis, für das die Beamten, die zum Dreckwühlen am alten Rathaus von Altona verdammt wurden, als letzte verlacht, die Planer der Aktion aber umgehend frühverrentet werden sollten:

Nach Mopo-Informationen entdeckten sie dort Pyro-Teile in einem Gebüsch.
a. a. O.

Sie fanden also Reste von Feuerwerkskörpern. Was an dieser Stelle, einem der verkehrsreichsten Orte der Stadt, etwa so überraschend ist wie das Nullgeschwätz des Polizeisprechers:

„Wir erhoffen uns durch den Fund von Beweismitteln neue Erkenntnisse.“
a. a. O.

Und da dachte man, sie hätten „erhofft“, vergessene Ostereier zu finden.

Die „Öffentlichkeitsarbeit“ des Senats und des Polizeipräsidiums ist geprägt von Blödmacherei und Schwindel. Keine Falschmeldung allerdings war, was kurz nach dem Fiasko vom 7. Juli in den Zeitungen stand:

Während der schweren Ausschreitungen beim G20-Gipfel haben Polizeieinheiten nach Angaben des Hamburger Polizeipräsidenten einen Einsatz in dem von Randalierern dominierten Schanzenviertel zunächst verweigert.
Hamburger Abendblatt, 15.7.2017

Um diesen Aufstand des Fußvolks kleinzureden, behauptete Polizeichef Meyer, was inzwischen als übles Gerücht aufgeflogen ist:

„Als die ersten Feuer brannten, hat Einsatzleiter Hartmut Dudde die Einheiten planmäßig aufgefordert, auf das Schulterblatt vorzurücken.“ Aber verschiedene Einheiten hätten gesagt, da bestehe Lebensgefahr. „Da mußten Spezialeinheiten her, um die Angreifer von den Dächern zu holen.“
Es sei natürlich ein Konflikt, „wenn der Einsatzführer sagt, wir müssen da jetzt rein. Und die Einheiten sagen: Ja, aber nicht wir“, erklärte Meyer.
a. a. O.

Das war kein „Konflikt“, Herr Meyer, sondern eine Meuterei. Doch selbstverständlich will bis heute keiner aus der Führungsriege Konsequenzen aus diesem ziemlich beispiellosen Vorgang übernehmen. Lieber eröffneten die Polizeistaatsfunktionäre eine ebenso dumme wie dreiste Kampagne gegen „mörderische“ Autonome und die „Terrorpaten“ in der Roten Flora.

Es fällt nicht schwer, zum Aufstand der Bereitschaftspolizisten eine plausible Vermutung anzustellen. Die Truppen waren vom pausenlosen Einsatz aufgerieben und wehrten sich gegen die Schinderei auf die einzige gewaltfreie Weise, die einem Geschundenen bleibt: Streik. Beamte aber, die streiken, müssen mindestens mit Disziplinarverfahren, schlimmstenfalls mit der Kündigung rechnen. Wie freilich hätte es ausgesehen, wenn mehrere hundert Polizisten wegen G20 suspendiert oder gar entlassen worden wären? Und was hätten die bestraften Männer und Frauen womöglich erzählen können über den Schindluder, den Dudde, Meyer und Grote mit ihnen während der G20-Tage trieben?

Also erfand die blamierte Führungsriege das Gerücht von den Todesfallen am Schulterblatt und kam mit der miesen Masche durch. Ein Sündenbock, zumal wenn er rot angemalt wird, hilft in solchen Fällen immer.

Übrigens hat der Unwille von Landes- und Bundesregierung, das Versagen der Polizei ernsthaft zu analysieren, auch praktische Folgen für die Aufarbeitung der Vorfälle während des G20-Gipfels. Man scheint sehr viel Peinliches, vielleicht auch Illegales zu verbergen zu haben. Die Mitglieder des Sonderausschusses sehen daher bei Betrachtung der Behördenakten vor allem schwarz. Christiane Schneider, Bürgerschaftsabgeordnete der Linken, geht mittlerweile sogar von Sabotage aus:

Nach eigenen Angaben hat sie am Montag [dem 2. Oktober; KS] eine neue Fuhre mit G20-Ordnern studiert und dabei viele unleserliche Seiten entdeckt. „Im Ordner für den 2. Juli wurden 73 von 88 Seiten entfernt. Im Ordner für den 6. Juli waren es 60 von 87 Seiten“, so Schneider. Außerdem seien knapp 16 Seiten geschwärzt, darunter auch die Seiten zur Eskalations-Demonstration „Welcome to Hell“.
Hamburger Morgenpost, 4.10.2017

Am Rande ist dem Artikel – der die Verachtung der Regentschaft und ihrer Büttel für die Demokratie so gründlich belegt, wie diese Schergen und ihre Herren Belege vertuschen – zu entnehmen, daß die Verwüstungen durch angeblich linke Brandschatzer maßlos übertrieben wurden:

Unterdessen sind die Schäden der G20-Krawalle geringer als bislang angenommen. Vom 40-Millionen-Euro-Hilfsfonds werde voraussichtlich nur „ein mittlerer einstelliger Millionenbetrag“ in Anspruch genommen, so der Senat. Bislang wurden rund 406.000 Euro für materielle Schäden bewilligt.
a. a. O.

Wenn aber in den ersten drei Monaten nach den Zerstörungen nicht mal eine halbe Million beansprucht wurde, wird auch in drei oder 300 Jahren kein „mittlerer einstelliger Millionenbetrag“ zusammenkommen. Die Phantasie des Scholz-Senats ist seiner Liebe zur Wahrheit weit überlegen, und man kann es nur mehr pathisch nennen, wenn der Scholzomat, wie am Abend der Bundestagswahl in einer Schwatz-Show geschehen, seinen politischen Gegnern von der Linken „Verschwörungstheorien“ vorwirft. Der Mann, der Prügelbullen „Helden“ genannt hat, der vorwegpreschte beim Verbreiten antilinker Propaganda, der sich für frei von irgendwelchen Fehlern hält, ist eben jener Lapsus, den das waltende Quatschsystem braucht, um zu funktionieren.

Zum Glück gibt es, anders als im Hamburger Senat, sogar bei der Polizei noch denkende, couragierte Leute. Der Berliner Kriminalhauptkommissar Oliver v. Dobrowolski, der wegen seiner Erfahrung als Konfliktmanager bei Großdemonstrationen zum G20-Treffen beordert worden war, bloggte eine Woche nach dem heißen Freitag in der Schanze über die Situation der Kameraden an der Front:

Die durch die (sozialen) Medien gegangenen Fotos und die von den Gewerkschaften verlautbarten Zustände sind wohl Fakt. Dies ist gerade in Hinblick auf die immens lange Vorbereitungsphase ein Unding und indiziert eine falsche bis desaströse Gewichtung der Planungsbemühungen. Daß Polizeikräfte aufgrund falscher Versorgungsdienstleistungen hungern und Durst haben, teils ununterbrochen im Einsatz waren, dort dann zusammenbrachen und in den winzigen Ruhepausen in kompletter Montur auf irgendwelchen Fußböden schlafen mußten, ist ein Skandal erster Güte [Fettung im Original; KS].
Damit verglichen hatten meine Kolleg*innen und ich schon beinahe Glück. Wir waren in einem Hotel untergebracht. […] Zudem mußte das Hotel einmal gewechselt werden und die Transfers von außerhalb der Stadt in die City hinein gestalteten sich schwierig, da wir keine festen Fahrzeuge zur Verfügung bekamen. Teilweise wurden die Strecken mit dem ÖPNV zurückgelegt. Die Versorgungsbeamten konnten die Verpflegung teilweise nicht durch die Stadt transportieren, da angeblich kein Durchkommen war.
Fazit: Da war leider viel Luft nach oben. Und da Defizite in diesem Bereich unmittelbar als ausbleibende Wertschätzung empfunden werden, war die Wirkung fatal.
Der G20 in Hamburg aus Sicht eines Polizisten“, 14.7.2017

Wie aber Lohnabhängige auf solche Zustände und „ausbleibende Wertschätzung“ am Ende reagieren, ließ sich am 7. Juli, als ganze Hundertschaften die Arbeit verweigerten, exemplarisch beobachten – sofern meine Spekulation mehr ist als nur dies. Sie hat jedenfalls mehr Fakten für sich als der hysterische Quatsch von den „Mordbrennern“ (Bosbach et. al.) am Schulterblatt. In den vergangenen Monaten traten so viele Widersprüche in der amtlichen Darstellung zutage, daß ich eher einer Spam-Mail betr. Penisverlängerung glauben schenkte als Grote, Meyer oder Dudde.

Die Polizei, die mit einer Armee – wie man erst Monate nach dem Spektakel erfuhr – von 31.000 Mann die Stadt belagerte, war nicht in der Lage, ein paar hundert Krawallbrüder in die Schranken zu weisen. Die Entschuldigung für dieses Versagen war aus den Fingern gesogen. Es gab einmal Zeiten, da wurden Leute, die ihren Posten so schändlich ausüben wie Grote/Meyer/
Dudde, an Orte verjagt, wo die Sonne nicht scheint. Aber es gab ja auch mal Zeiten ohne G20-Operationen im Herzen einer Millionenstadt.

Wie aber die autoritären Schwachköpfe, die in meinem Artikel im September-KONKRET vorkommen, auf die eklatanten Nachrichten der vergangenen Wochen reagierten, auf diesen Einsturz einer Hochstapelei, kann nur den überraschen, der die Dummheit und zugleich Bosheit der Faschistoiden für Affekte hält, nicht für Dispositionen. Diese deformierten Charaktere sind keine armen Verführten, die anhand von Argumenten und Tatsachen den Pfad zum Licht wiederfinden könnten. Sie sind Humanoidenschrott, auf den Propagandisten dreckiger Gerüchte wie De Maizière, Scholz, Grote, Meyer und Dudde spekulieren – Feinde der Vernunft, der Demokratie und der Humanität.

Unter die Meldung der Hamburger Morgenpost, es gebe keinen einzigen Beweis für Gehwegplatten und Sprengkörper auf den Dächern am Schulterblatt, bellt einer, der den Charakter eines geprügelten Hundes hat und sich trotzdem mit dem Nickname „der sich was traut“ schmückt, ins Leserforum:

Sorry, aber mir kommt die Galle hoch! Polizisten tun ihren Job – das erwarten die anständigen Bürger! Beim nächsten G20 – sofern noch mal einer stattfindet, nicht nur Polizei, sondern auch Bundeswehr! Und dann alle – ausnahmslos – einsammeln, die vermummt sind, einen Stein werfen oder anderweitig randalieren. Sofortige Verurteilung durch Schnellgerichte.
In Nachhinein haben hier alle gut reden – aber selber mal radikale Demonstranten aufhalten, das wird hier keiner tun. Das sollen die anderen machen …
Und nun geht das Pöbeln los … Mir völlig egal – ich halte nach wie vor zur Polizei, weil ich vor diesen Randalebrüdern, die alles kaputt machen, geschützt werden möchte.

Sorry, aber vor soviel Blödheit, Ignoranz und Speichelleckerei kommt mir die Galle nicht mehr hoch. Solche „anständigen Bürger“ ohne Empathie, ohne Hirn, ohne Selbstrespekt sind nicht mal meine Wut wert. Da fühle ich lieber mit Polizisten, die sich von dergleichen Wichsern anschleimen und von Typen wie Dudde/Meyer/Grote verheizen lassen müssen.

Photo: „Uetersen SEK Einsatz 03”,
b
y Huhu Uet/Frank Schwichtenberg (Own work)
[GFDL
or CC BY 3.0],
via Wikimedia Commons


Wird fortgesetzt.


Aufmacher-Photo: „BarrikadeG20“,
by JouWatch [CC BY-SA 2.0],
via Wikimedia Commons

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Samstag, 14. Oktober 2017 22:15
Abteilung: Kaputtalismus, Man schreit deutsh

20 Kommentare

  1. 1

    Hätte ich genauso selber schreiben wollen. Danke.

    Wenn Sie es genauso geschrieben hätten – nun, ich hätte es genauso veröffentlicht und mir vergnügt viele Stunden Plackerei erspart. Aber beim nächsten Anlaß … nehmen Sie mir das alles dann ab? Wär so COOL! KS

  2. 2

    Hallo, Herr Sokolowsky!
    Stammt das Grundgesetz nicht aus dem Jahr 1949?
    Gruß, Rainer Beckmann

    Ja, völlig richtig. Und ich hab mich verschrieben. (Ändert aber, hoffe ich, nichts am Inhalt.) – Danke für Ihre Korrektur, Herr Beckmann! KS

  3. 3

    Moin!
    Wenn man weiß, daß es ein Haus mit Baugerüst gibt und gleichzeitig erzählt, daß demnächst 8000 kampfbereite Schwarzblöckler sich drumrum tummeln werden, um dann danach erstaunt zu tun, daß man von dort aus angegriffen wird, handelt es sich um komplettes Versagen. Dieses Versagen scheint mir so unglaublich groß zu sein, daß ich schon kaum mehr glauben mag, daß es sich um ein Versagen handelt, sondern eher, daß die Steineschmeißer des eingerüsteten Hauses bestellte Provokateure waren, die auf magische Art und Weise ja alle schon wieder frei gelassen werden mußten. So’n Mist.
    Oder der Dudde und seine Helfer sind strunzdumme Hirnies, die nicht von 12 bis Mittag denken können.
    Beide Varianten wären ein Skandal.
    Immer frohen Mutes:
    Daniel Lüdke

    Ob der frohe Mut Dir bleiben wird? Denn wart’s nur ab – die richtig schönen Geschichten habe ich noch gar nicht erzählt. „Skandal“ ist ein viel zu kleines Wort für das, was in Hamburg vorfiel. KS

  4. 4

    Um den Herrn Scholz zu zitieren: Es gab ihn tatsächlich, den „kriminellen Mob, dem die Menschen […] völlig egal waren“. Bloß trug er nur ganz selten krawallschwarz. Meist trug (und trägt er) Anzug, Damenjackett oder Uniform.
    Und noch ein Zitat, eins von Eva Strittmatter: „Das, was wir alle Tage hören in Rundfunk und Fernsehen, ist für mich allein faszinierend durch die Verwebung von Lüge und Wahrheit. Die Lüge ist gigantisch.“ Ich hab das hier vor zwei Jahren schon mal zitiert, zu einem andern Thema. Hier paßt es fast ebenso gut, finde ich.
    Einen großen Dank jedenfalls auch von mir für deine genaue Bestandaufnahme dieser monströsen Schweinerei. Auch dafür, daß sie nicht bloß deprimierend ist, sondern zeigt, daß es immer mehr Leute gibt, die sich nicht (mehr) für blöd verkaufen lassen!

    Zumindest in Hamburg sind es mehr geworden. Jedenfalls haben Scholz, Grote und Dressel ihr Gehetz stark zurückgefahren, seit ihnen dämmert, wie wenig die Stadtuntertanen ihnen glauben. Aber dazu in diesem Posting bald Näheres. – Das Strittmatter-Zitat ist wie ein Motto für die ganze Epoche. KS

  5. 5

    Zum Thema „Polizeistaat“ finde ich gerade auf Spiegel Online einen erschütternden Bericht:
    http://www.spiegel.de/panorama/justiz/berlin-falscher-haftbefehl-mann-springt-von-balkon-und-stirbt-a-1159180.html
    Da stirbt ein fälschlich als zu verhaftend angenommener Mann auf der Flucht vor der Polizei, und alle (auch Spiegel Online) sehen das Ganze als einen „Irrtum“ an.
    Als wäre der Tod des Mannes hinnehmbarer, wenn wirklich ein Haftbefehl gegen ihn vorgelegen hätte.

    Dies ist übrigens auch ein hervorragender Beleg für die Klassengesellschaft, in der wir leben. Hätte es sich um, sagen wir, Uli Hoeneß gehandelt, die verantwortlichen Polizisten, vielleicht sogar der Innensenator hätten sich von ihren Jobs verabschieden dürfen. KS

  6. 6

    Eva Strittmatter, des Weiteren: „Und leider scheint die Lüge zur Zeit allmächtig siegreich zu sein. Triumphal grinst sie einen tagtäglich an und rät: Sieh ein, die Aufklärung ist gescheitert, die Ideale sind hinüber, Karl Marx ist tot!“
    Stimmt, das Zitat könnte das Motto unserer Epoche sein. Aber noch ist nicht ausgemacht, wer zuletzt grinst – vielleicht wird Hermann Gremliza recht behalten mit dem, was er besagten Lügnern jüngst in KONKRET prophezeite: An ihrer Dummheit werden sie ersticken. Wir müßten allerdings schwer aufpassen, daß sie dabei nicht auch allen andern die Luft abdrehen. Versuchen tun sie’s ja tagtäglich.

    Das ist in der Tat die größte Gefahr – daß die herrschende Klasse bei ihrem Untergang alles mit ins Verderben reißt. Kreaturen des Kapitals wie Trump oder Erdogan, aber auch Scholz und Merkel wirken auf mich, als sollten sie schon mal demonstrieren, was die Beherrschten der Einen Welt in den kommenden Jahren zu erwarten haben. KS

  7. 7

    Ich fürchte ja, es gibt eine internationale Doppelstrategie. Selbstverständlich nicht im Sinne einer Verschwörung oder Absprache, sondern in dem Sinne, daß die De Maizières und Scholzens dieser Welt mit großer Genugtuung registrieren, was die Erdogans und Kaczinskis veranstalten.
    Einerseits können sie sich prima davon distanzieren und sich so als wahre Demokraten legitimieren. Andererseits werden sie genau registrieren, wie leicht sich Demokratien unter dem Jubel einer Mehrheit in ihr Gegenteil verwandeln lassen und darüber nachdenken, wieviel davon auch zuhause geht.
    Und Aktionen wie in Hamburg senden vor dem Hintergrund der Geschehnisse in der Türkei oder Polen auch die unterschwellige Botschaft an alle, die es betrifft: „Macht euch keine Illusionen. Wir können auch den Erdogan machen, wenn es drauf ankommt. Und es wird völlig rechtsstaatlich aussehen. Und ihr werdet die Terroristen und Terrorunterstützer sein.“
    Preisfrage: Wie viele der Politiker, die seit einem halben Jahr so lauwarm, wie es nur irgend geht, die Freilassung von Deniz Yücel fordern, lachen sich insgeheim ins Fäustchen, daß der im Knast vermodert?

    Der Preis für die richtige Antwort dürfte eine elektronische Fußfessel sein. KS

  8. 8

    Danke für diese sehr gute Dokumentation. Ein Lesegenuß jenseits der Mainstreampropaganda nebst sorgfältiger Rechereche.
    Ich wünsche mir, daß dieser Text mit seiner Veröffentlichung in einer der nächsten Konkret-Ausgaben einen größeren Wirkungsgrad erreicht.

    Ich danke Ihnen für das große Lob. – In KONKRET werde ich tatsächlich was über die G20-Hetze schreiben, aber einen Originaltext. Was ich hier blogge, sprengt einfach den Rahmen des gedruckten Magazins. KS

  9. 9

    Ich weiß nicht, wie es bei Uli Hoeneß gelaufen ist, aber an Klassengesellschaft mußte ich auch denken, als ich mich an die biederen Fernsehkrimis („Der Kommissar“, „Derrick“) erinnerte, die ich in meiner Jugend gesehen habe.
    In einem Milieu wie an der Elbchaussee wird da bei einer des Mordes Verdächtigten höflich an der Tür geklingelt und dann darf sie im Wohnzimmer ihr Geständnis ablegen, bevor der Oberbulle ihr den Arm bietet, um sie zum Wagen zu führen.
    In Steilshoop wären die Waffen gezückt und würden Türen eingetreten, wenn nur ein kleiner Kiffer dingfest gemacht werden soll.

    Und wer so was kritisiert, ist ein Denunziant. Daß übrigens ein SPD-Politiker moralisch so verkommen könnte, dergleichen in die Welt zu lügen, hätte ich übrigens nicht erwartet. Das nicht. KS

  10. 10

    Lieber Kay,
    Du hast (http://www.kaysokolowsky.de/g20-splitter-und-kehraus/#more-12874) darüber geschrieben, daß Du zum Glück nicht allein bist mit Deiner Fassungslosigkeit und Deiner Empörung und daß sich in den Online-Foren der Hamburger Morgenpost auch Leute vernehmen lassen, „die kapiert haben, wer sie in die Not gebracht und dann im Stich gelassen hat“.
    Soweit könnte man optimistisch sein wie Daniel Lüdke, der „Immer frohen Mutes“ zeichnet (siehe oben).
    Da stellst Du natürlich die Frage, ob der frohe Mut ihm bleiben wird.
    Mir bleibt er oft genug nicht.
    Es gibt niederschmetternd viele Beispiele für andere Kommentatoren, die so faschistoid klingen, wie Deine Beispiele eben nicht.
    Zum Beispiel auf YouTube zu dem von Dir oben verlinkten Video (https://www.youtube.com/watch?v=dDMT0K107QQ) von einem „Johannes Frank“: „auf diese krawallmacher gehört scharf geschossen. was anderes ist zwecklos“.
    Oder ein anderer (auch auf YouTube) zu Jutta Ditfurth bei Maischberger: „Ich würde diese linke Terroristenschlampe mit den Füßen aus dem Studio treten.“
    Man könnte eine sehr lange Liste mit solchen Kommentaren erstellen.
    Aber das sind ja nur die „faschistoiden“.
    Das seit dem Gipfel tägliche Herumhacken und Denunzieren von allem, was sich selbst als links versteht oder von anderen bezeichnet wird, findet seine repräsentative Wirkung in einem Kommentar auf Spiegel Online, den ich hier ganz zitieren will, weil er komplett darstellt, wie schwierig die Situation inzwischen geworden ist.
    Zum Artikel „Kanzleramt droht mit Schließung der Roten Flora“ (http://www.spiegel.de/politik/deutschland/rote-flora-in-hamburg-peter-altmaier-droht-nach-g20-krawallen-mit-schliessung-a-1159286.html) kommentiert ein „fridolingaertner“:
    „Ein weiterer Schritt in die richtige Richtung wäre nun, aufzuhören, von ‚linksextremer‘ Gewalt zu sprechen. Linkssein ist nicht nur in der ‚extremen‘ Form, sondern per se eine auf Gewalt hinauslaufende Ideologie, da es auf eine Umstürzung der Verhältnisse ausgerichtet ist. Es hat nie und es wird nie nichtterroristische linke Regime gegeben, die ohne Stacheldraht auskommen. Wir müssen dahin kommen, den Rechten und Linken, die uns weismachen wollen, sie seien Gegensätze, sie haßten einander, nicht länger auf den Leim zu gehen. Denn der Haß, den Linke und Rechte gegen anderen Menschen empfinden, ist nicht der Gegensatz, sondern die Gemeinsamkeit, das Merkmal des Ideologen. Gerade in diesen Zeiten, in denen Rotbraun – vom NSU bis zur Linkspartei – in Putin ein gemeinsames Idol erkennen und sich die Haßobjekte – Menschen, also Ausländer/Bürgerliche/Kapitalisten, Institutionen wie EU und NATO, Völker wie die Juden/Israelis oder US-Amerikaner – bis auf das I-Tüpfelchen ähneln, muß endlich wieder das ‚Nie mehr wieder‘ gelten, daß uns unsere rotbraune – national-sozialistische – Geschichte aufgibt. Einen Nazitempel abzufackeln ist aus meiner Sicht genauso historische wie moralische Verpflichtung wie das Abfackeln einer „Roten Flora“. Nein, falsch – hören wir auf, hier begrifflich einen Unterschied zu machen, denn genau das will sie doch, die Propaganda.“
    Es wird an diesem Kommentar auf erschütternde Weise sichtbar, wie sehr das Linken-Bashing funktioniert und wie viel wirklich anstrengende Arbeit zu tun ist, dem entgegenzuwirken.
    Und genau in diesem Zusammenhang muß ich mich auch auf die Gefahr hin, mich zu wiederholen (was heißt Gefahr? – ich wiederhole mich offensichtlich) sehr, sehr, sehr für Deine Texte hier bedanken.
    Deine Zusammenfassung der Ereignisse ist eine hervorragende!

    Um solche neoliberalen Ideologen und Geschichtsfälscher wie den oben zitierten werde ich mich bald kümmern. Wie sagt Jake La Motta in „Raging Bull“? „Ihr kommt alle noch dran, einer nach dem andern.“ KS

  11. 11

    „Aber sie [die Kampagne der G20-Veranstalter] verfängt nicht bei jedem, verfängt allein bei denen, die den Kopf tief im eigenen oder in einem vorgesetzten Arsch stecken haben. In der herrschaftlichen Darstellung der G20-Ereignisse klaffen die Löcher der Logik und der Plausibilität so weit, daß sieben Wasserwerfer nebeneinander durchpassen würden.“
    Danke speziell für das Zitierte und den erhellenden Bericht der Ereignisse.

    Ich freue mich, wenn es gelesen wird; ist schon eine Viechsarbeit. KS

  12. 12

    Hübsch gesagt, das mit der Fußfessel – und erschreckenderweise schon von der Wirklichkeit überholt. Zumindest in Bayern könnte einem für die Äußerung gefährlicher Gedanken direkt ein Dauerplätzchen in der Freistaatspension blühen, wie ich (mit Umweg über Stefan Gärtners unverzichtbares Sonntagsfrühstück) erst heute erfahre:
    „Der Freistaat Bayern weitet die Rechte der Polizei gewaltig aus. Am Mittwoch beschloß das Parlament eines der schärfsten Gesetze zur Überwachung von gefährlichen Personen. Dabei geht es um Personen, die keine Straftat begangen haben, aber im Verdacht stehen, dies zu tun – wie sogenannte Gefährder. In Bayern können sie in Zukunft sogleich bis zu drei Monate präventiv in Gewahrsam genommen werden. Bisher galt eine Höchstdauer von zwei Wochen, die nun völlig aufgehoben ist. Alle drei Monate muß die Haft von einem Richter überprüft werden. Theoretisch können Betroffene so jahrelang im Gefängnis sitzen, ohne ein Urteil.“ (http://www.sueddeutsche.de/bayern/bayern-gefaehrder-gesetz-verschaerft-1.3595274)
    Daraus ergibt sich eine neue Preisfrage: Ist nun nicht die Türkei rechtsstaatlicher als Bayern? Deniz Yücel wird immerhin vorgeworfen, ein Verbrechen begangen zu haben, nicht, evtl. eines begehen zu wollen. Und die Dauer der Untersuchungshaft ist auf fünf Jahre beschränkt. Ich möchte mir den Preis für die korrekte Beantwortung dieser Frage bitte nicht ausmalen müssen. Mir ist gerade der Humor ausgegangen.

    Dieses nicht bloß verfassungswidrige, sondern gegen die UN-Menschenrechts-Charta verstoßende Gesetz aus Bayern wird im Schanzen-Posting noch eine Rolle spielen; gut, daß Sie schon mal drauf hinweisen. Es ist dies alles wirklich nicht mehr zum Lachen. KS

  13. 13

    Ich bin an dem betreffenden Freitagabend gegen 22 Uhr aus Richtung Kiez, wo auch viele Demonstranten waren, es aber völig friedlich zuging, in Richtung Schanze gelaufen. Am Neuen Pferdemarkt stand eine riesige Armada von Polizei, die die Straße gesperrt hatte. Ich und meine Begleiterin gingen davon aus, daß die Schanze abgeriegelt sei, was in Anbetracht der Lage nachvollziehbar gewesen und logistisch ja auch nicht besonders schwierig wäre. So viele Zufahrtsstraßen gibt es da ja nicht.
    Wir liefen dann die Stresemannstraße entlang. Die Lerchenstraße war auch gesperrt. Zu unserer Überraschung war aber die Juliusstraße komplett frei, da war nicht ein Polizist zu sehen. Man konnte völlig ungehindert ins Auge des Orkans vorstoßen. Wir hielten uns dann die ganze Zeit in und vor dem Pizzaladen „Pizza Pazza“ an der Ecke Juliusstraße/Schulterblatt auf, während auf der Kreuzung ein großes Feuer brannte.
    Warum gingen wir nicht noch weiter durch die Schanze? Weil es normalerweise keine 15 Minuten dauert, bis die Polizei das Schulterblatt geräumt hat, sobald dort irgendwas brennt. Diesmal ließ die Polizei sich aber noch stundenlang Zeit, obwohl die Wasserwerfer bereits in Sichtweite waren.
    Großes Lob übrigens an „Pizza Pazza“, die waren superkorrekt. Auch in brenzligen Situationen haben sie immer die Tür aufgemacht, wenn Leute rein wollten oder Hilfe brauchten. Verletzte oder auch Leute aus dem Schanzen-Party-Publikum, die völlig fertig und von der Situation absolut überfordert waren. Gleichzeitig waren wir dort sicher, als z. B. draußen Tränengas eingesetzt wurde.
    Im Zuge der Räumung des Schulterblatts wurden wir dann auch dort von der Polizei vertrieben. Juristisch ja durchaus heikel, Stichwort Hausrecht. Der Wirt kann entscheiden, wer sich dort aufhält und wer nicht. Die Polizisten sahen allerdings nicht so aus, als ob sie gerade Bock auf ’ne juristische Debatte hätten.

    Das haben sie von Einsatzleiter Hartmut Dudde gelernt; der sah noch nie so aus. KS

  14. 14

    Das alles ist allerdings nicht mehr zum Lachen. Denn so sieht, man kann’s schwerlich anders nennen: die schleichende Rückkehr zum Faschismus aus. Daß es (auch) deutsche Sozialdemokraten sind, die den Weg dafür ebnen, ist mindestens so ekelhaft wie die Tatsache, daß es Politiker der Grünen waren, welche die 1999er Bombardierung von Serbien rechtfertigten. Und wenn ich mich recht erinnere, fanden die regierenden Sozen diese völkerrechtswidrige Aggression damals auch völlig in Ordnung. Paßt soweit.

    „Realpolitik“ schweißt halt zusammen. KS

  15. 15

    Für die bei den G20-Protesten entstandenen SACH-Schäden stellen der Bund und die Stadt Hamburg insgesamt rd. 40 Mio Euro Entschädigung bereit.
    Die Hinterbliebenen der NSU-Opfer wurden von der Bundesregierung mit insgesamt 900.000 Euro entschädigt.
    Da bleibt mir die Spucke weg.

    Ja, Ihnen. Und mir und allen fühlenden Menschen. Aber die Kanzlerin tät, früge sie denn einer danach, vermutlich sagen: „Menschen sind auch keine Sachen, nicht nach unserem abendländischen Werteverständnis.“ Und käme damit durch. KS

  16. 16

    @Karsten Wollny
    Der Kommissar hätte aber total klassenlos sowohl an der Elbchaussee als auch in Steilshoop zusammen mit seinen Helfershelfern ungefragt mit nichtausgezogenen Schuhen den Teppich betreten und die komplette Bude ketterauchig zugequarzt!
    Mit cinéastischem Gruß, Daniel Lüdke

    Und die Hausbar geplündert. KS

  17. 17

    „Daß übrigens ein SPD-Politiker moralisch so verkommen könnte, dergleichen in die Welt zu lügen, hätte ich übrigens nicht erwartet. Das nicht.“
    Das enttäuscht mich, da ich vermutlich von Ihren ansonsten scharfen Analysen verwöhnt bin. Meine, die Funktionsweise deutscher Mainstream-Parteien im Laufe der Jahre erkannt zu haben: Wo die Schwarzen Skrupel zeigen, haben die Sozis keine und umgekehrt. Angepaßtes bequemes Politikerleben eben.

    Es tut mir leid, Sie enttäuscht zu haben. Aber vielleicht vergeben Sie mir, nachdem Sie das neue Kapitel meines G20-Dossiers gelesen haben. KS

  18. 18

    Ich möchte mich ganz parasitär den Danksagungen für Ihre Darstellung der Ereignisse und der luziden (ich mag dieses Wort!) Kommentierung anschließen.

    Lieber Andreas Laaß, „parasitär“ ist das wirklich nicht. Sondern eine große Freude und Bestätigung für den Autor. Vielen luziden Dank dafür! KS

  19. 19

    Es grenzt tatsächlich an ein Wunder, daß es bei der G20-Menschenhatz „nur“ verletzte Demonstranten gab. Hätte es Tote gegeben: ich kann ich mir recht gut vorstellen, wem Scholz, Fegebank & Co die Schuld gegeben hätten. Ganz bestimmt nicht sich selbst oder den von ihnen losgelassenen Knüppelgarden.
    Zur Sache fällt mir übrigens ein anderer preußisch-hanseatischer Juli ein, der von 1932. Seinerzeit gab’s noch keine moralisch verkommenen Grünen-Senatorinnen, Oberpolizisten mit SPD-Parteibuch aber schon: der Polizeipräsident, der den Altonaer Blutsonntag mitzuverantworten hatte, war Sozialdemokrat. An jenem Sonntag ging’s – ein Schelm, der Ähnlichkeiten zum unnützen Stelldichein der G20er zu sehen meint – um die Sicherung einer Veranstaltung, die keiner der Ortsansässigen brauchte bzw. vor seiner Haustür haben mochte: ein SA-Massenaufmarsch. Resultat des ungebetenen braunen Besuchs im roten Altona: zwei tote Nazis, erschossen von Kommunisten, und 16 tote Altonaer, erschossen von der Polizei. Von Altonaern erschossene Polizisten: keine.
    Eins kann man wenigstens einigen der sozialdemokratischen Staatsdiener unserer Tage nicht vorwerfen: daß sie ihre lokalen Traditionen verraten würden. Denn schon damals schritt so mancher beamtete SPD-Genosse Seit‘ an Seit‘ mit jenen, die mit ruhig festem Schritt in Richtung Faschismus marschierten. Als man dann dort angekommen war, was bekanntermaßen nicht mehr allzu lange dauerte, war Schluß mit dem Absingen der alten Lieder: Weniger als ein Jahr nach dem Massaker von Altona sahen sich auch etliche deutsche Sozialdemokraten mit „Ingewahrsamnahmen“ konfrontiert, die durchaus ein paar Jahre andauern konnten. Wenn sie Glück hatten; nicht wenige von ihnen erlitten in den Lagern dasselbe Schicksal wie die 16 Altonaer Arbeiter. So auch Otto Eggerstedt, der eingangs erwähnte Altonaer Polizeipräsident, den die SS Ende 1933 im KZ Esterwegen ermordete.
    Undank ist der Welt Lohn. Der, wie der Fall Eggerstedt zeigt, gelegentlich auch Opportunisten ausgezahlt wird.
    Bitte mich nicht mißzuverstehen: Ein Ende, wie es Otto Eggerstedt nahm, wünsch ich niemandem, noch nicht mal Scholz, Dudde & Co. Was ich mir allerdings wünschte: daß diese Figuren sich diese gar nicht so alte Geschichte hinter die Ohren schrieben. Denn daß sie nicht sehen mögen, daß die Reise inzwischen schon wieder der altbekannten braundeutschen Blutspur folgt und daß sie bei den Reisevorbereitungen emsig mittun: das zeugt von fataler Vergeßlichkeit. Oder von Dummheit. Oder wirklich doch einfach bloß von moralischer Verkommenheit?
    Ich hab echt keine Ahnung. Möglicherweise gibt’s da eine Schnittmenge.

    Ich danke Dir für den Hinweis auf die Heldengeschichte der Hamburger Sozialdemokratie! KS

  20. 20

    Vielen Dank für die Fortsetzung dieser Dokumentation. Unangenehme Fleißarbeit, wirklich schön, daß das jemand macht!

    Und für mich ist es schön, daß jemand dieses unangenehme Zeug liest. Dank retour! KS

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