Elegie vom letzten Apfel

Letzter_Berlepsch_01_(c)_Kay_Sokolowsky


Voller Laub noch, doch fruchtlos glaubt‘ ich die Äste,
Die den welkenden Garten, das Gras zart beschatten.
Wochen erst ist es her, da die Erde bedeckt war,
Wespen und Schnecken zur Freude, mit Fallobst.

Wochen, Epochen der Wandlung, ein Neigen zum Ende,
Epilog eines Sommers, der ein Lob wohl verdient hat.
Weißgoldlicht glüht, als der Herbst sich verbeugt,
Gleichsam entsagend und seufzend: ein Kuß durch die Luft.

Berlepsch, der Fürst, er lispelt mit zehntausend Lippen.
Herab stürzt das letzte Juwel seiner Krone.
Rotgrün schimmernd liegt dort ein Apfel, sein schönster.
Ich begreif ihn als Gruß einer scheidenden Zeit.

Letzter_Berlepsch_02_(c)_Kay_Sokolowsky


Samstag, 31. Oktober 2015 19:52
Abteilung: Lieder ohne Werte

3 Kommentare

  1. 1

    Man hebt ja immer wieder Schätze in den Tiefen des Abfalls. Welch wunderbare Hymne auf den Berlepsch! Wie der Berlepsch muß ein Apfel duften. Unvergessene Kindheitserinnerung. Hatten meine Großeltern im Garten in Plön, nicht weit vom Seeufer. Wer weiß, vielleicht hatte mein Opa den Baum ja 1941 gepflanzt, um die 80.000 RM zu feiern, die ihm gerade für den Kauf eines kleinen Forschungsschiffs genehmigt worden waren, auch im Hinblick auf „die Zusammenarbeit, die sich … zwischen der Kriegsmarine und dem Institut für Meereskunde in Kiel schon bei mehreren Gelegenheiten ergeben hat.“

    Ihr Opa ist ein interessanter Fall. Wollen Sie diesen Fall nicht mal aufschreiben, in größerem Zusammenhang? Ich bin sicher, daß Sie das viel besser können, als Sie selber glauben.
    Ihr Kompliment an meine Elegie hat mich außerordentlich gefreut, und zwar, weil es verdient ist. Seit Veröffentlichung hatte ich das Stück nicht mehr gelesen und so gut wie vergessen; aber nun, beim Wiederbegucken, dachte ich, nahezu frei von Eitelkeit: „Das ist
    echt von mir?!“ KS

  2. 2

    In der Tat ein ganz interessantes Thema, mein Opa. Wobei er in der Familienüberlieferung natürlich kein Nazi war. Die Informationen, wieweit er es eben doch war, habe ich aus dem äußerst empfehlenswerten Buch „Biologen unter Hitler“ von Ute Deichmann (überarb. und erw. Ausg., Ffm 1995). Nicht schön. Wirklich schlimm ein Brief vom Mai 1942, den er als Vorstandsmitglied der Deutschen Zoologischen Gesellschaft mitunterzeichnet; in diesem setzt sich der DZG-Vorstand für die Weiterbeschäftigung des an der Münchner Uni als „Vierteljude“ und penetranter Nichtnazi von Entlassung bedrohten Karl v. Frisch ein – pünktlich zwei Wochen, nachdem ebenjene Weiterbeschäftigung gesichert war, und nicht ohne zu betonen, man tue das „in voller Würdigung 1.) der ungeheuren Schärfe des Kampfes des Judentums gegen das deutsche Volk 2.) der grundlegenden Bedeutung aller Maßnahmen unseres nationalsozialistischen Staates für die Erhaltung und Förderung unseres Volkstums und 3.) der Notwendigkeit der aktiv nationalsozialistischen Haltung des deutschen Hochschullehrers .“ Deichmann S. 277.) Aber nicht vergessen: mein Opa war kein Nazi, gell?
    Was für mich persönlich interessant ist: Warum mein Vater immer darauf bestanden hat, daß seiner kein Nazi war. Er war nämlich selber erfreulicherweise ehrlich darüber, daß er selber glühender Hitlerjunge war, darunter gelitten hatte, daß sie ihn, weil zu kurz und zu kurzsichtig, kurz vor Kriegsende mit gerade 16 nicht noch eingezogen hatten. Was für einen Grund hatte er, seinen Vater zu verteidigen? Vielleicht hatte der ihm aber auch einfach Stuß erzählt und er hat es ihm geglaubt? Das sind so Fragen …

    Nämlich genau die Fragen, die die meisten Deutschen sich bzw. ihre Familiengeschichte betreffend bis heute nicht beantwortet haben. – Ach, ich läse WIRKLICH gern einen längeren Text von Ihnen, lieber Peter Remane, über Ihren Opa und seine Hinterlassenschaften!
    Bis dahin danke ich für die interessante Anekdote und für Ihre Bereitschaft, das Familienschandbuch zu öffnen. Das ist nämlich gar nicht so leicht (an die Leser unter 50 gesprochen). KS

  3. 3

    Sooo viel kann ich von meinem Opa gar nicht erzählen. Er ist gestorben, als ich zehn war, und es gibt nicht viele Begegnungen, an die ich mich bewußt erinnern kann. Ihre Anregung, über ihn zu schreiben, ist trotzdem – nun ja – anregend, und ich habe schon zweidrei Seiten aufgeschrieben. Spannend, was das mit mir macht.
    Und wo ich jetzt schon beim Thema Lebensgeschichten in der Nazizeit bin, gebe ich kurz meinen Senf zu zwei damit befassten Büchern, die ich letztens gelesen habe: Seethalers „Trafikant“ ist ein unsäglich trivialer Käse, der es wahrscheinlich deshalb zur Schullektüre gebracht hat. Was man dagegen lesen MUSS: „Am Seil“ von Erich Hackl, die wahre Geschichte eines Handwerkers, der in Wien eine Jüdin und ihre Tochter vor den Nazis rettet. Wie Hackl präzise und nüchtern wiedergibt, was ihm die Zeitzeugen*innen erzählt haben, ist atemberaubend.

    Und deshalb habe ich Hackls Buch auf meine To-read-list gesetzt – danke für die nachdrückliche Empfehlung! KS

Kommentar abgeben (Kommentare unter Moderation - Regeln siehe HIER)