Grüße von Amrum

Lieber Orthwien,
jeden Morgen, jeden Mittag, jeden Abend und meist auch in der Zeit dazwischen sitzt ein Austernfischer auf dem Dach unserer Pension oder dem First des Nachbarhauses und ruft: „Gehweg! Gehweg! Gehweg!“ Unermüdlich, ohne Rast, und nach vielen Stunden genauso lautstark wie zu Beginn. Gelegentlich jagt ein Trupp seiner Artgenossen knapp über die Dächer hin zum nahen Watt und schreit im Chor zurück: „Fick! Fick! Fick!“ Und so was steht unter Artenschutz.

PS. Wenn der Austernfischer doch mal eine Essenspause einlegt und zum Strand windsurft, stehen sogleich zwei Tauben auf seinem Stammplatz und – kein Witz! – turteln.

PPS. Ich bin mies in Nordfriesisch: Es mag also sein, daß die Austernfischergangs nicht „Fick! Fick! Fick!“ rufen, sondern „Fisch! Fisch! Fisch!“ (Könnten diese Krawallgeschwister aber gern leiser tun.)

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Lieber Orthwien,
das Watt am Steenodder Ufer ist breit gesäumt mit bunten, rundgelutschten Steinchen, die aussehen wie jene Bonbons, die man in den Souvenirläden als „Strandkiesel“ feilbietet. Das ist ziemlich verwirrend, und ich bin sicher, daß Herr Adorno daraus einen prima Aphorismus abgeleitet hätte.

Meine Schuhe sehn zum Glück bloß aus wie Schuhe.

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Lieber Orthwien,
vom Norddorfer Strand sah ich heute hinüber zu Sylts Südkap. Es berührte mich peinlich, wie nah dieser Toteseelenort wirkte, wie wenige Seemeilen mich vom Erzmakel der Nordsee trennten. Einen Windpark mit tausend Mühlen hätt‘ ich lieber angeschaut, ischwör!

Nun aber ein Mysterium. Obwohl die Luft klar war wie ein Aquavit, die Sonne strahlte wie ein Geburtstagskind und ich mir beim Knipsen alle Zeit der Welt nahm – erscheint der Zipfel der Narreninsel auf meinen Photos verschleiert, ja, verdunstet, wie eine Fata Morgana im Meer. Das wäre freilich was: Wenn das Lieblingsrefugium der Hamburger Ausbeuter, Couponschneider und Steuerhinterzieher, dieser Fleck in der See mit dem Umriß von Möwenkot auf der Heckklappe eines Porsche Cayenne – wenn dieses Sylt sich in Qualm auflöste, bevor der Blanke Hans es verschlingen kann! Wieviel Nippes und Mistarchitektur, wieviel „Menschenschrott“ (H. P. Piwitt) dem Ozean und zumal dem Watt dann erspart bliebe! Überdies das toxische Sediment aus hundert Jahren oligarchischer Eitelkeit, Eifersucht, Protzerei, Habgier, kurz: Soziopathie, das sich dort abgelagert hat wie unter den Gletschern der Eiszeit das Rote Kliff. Es wäre wahrlich besser, verginge dies alles in blassem Rauch, statt moderschwarz das Wasser zu verjauchen.

Sollte ich irgendwann mal wieder dort stehen, am Norddorfer Strand bei klarer Sicht, und mit der treuen alten Digicam wieder ein Bild von Hörnum knipsen, dann möchte ich hernach auf dem Photo nur mehr den Ozean sehen und ein paar Silbermöwen darüber, die sich gegenseitig mit ihren Jammerstimmen fragen, wo der Abfallhaufen geblieben sei, auf dem ihre Vorfahren sich einst fettfraßen (um zum Übernachten die Amrumer Odde anzusegeln).

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Lieber Orthwien,
hier meine Lieblingsansicht vom „Sommerfest“ in Norddorf. Beim Warten an der Fischbrötchenbude führte ich mit einer angesoffenen Gewitterziege hinter uns einen kerndeutschen Dialog. Sie: „Unglaublich, wie lange man hier anstehen muß!“ Ich: „Dann gehen Sie doch einfach weg, wenn es Ihnen zu lange dauert.“ Sie: „Ist aber der einzige Fischbrötchenstand hier!“ Das ist die Logik, aus der Weltkriege erwachsen.

Später sang auf der Sommerfestbühne ein attraktiver junger Klampfenmann, (begleitet von einem gemütlichen Handtrommler und einer umwerfend hübschen Violinistin) mit Inbrunst und etwas zuviel Tremolo „Sittin‘ on the dock of the bay“. Prompt rann mir die Zähre. Unweit hockte die besoffene Gewitterziege auf einer klappbaren Bierbank am klapprigen Biertisch mit ihren groben Gesellen und schenkte dem Trio nicht mal einen Blick. Wahrscheinlich ärgerte sie sich immer noch darüber, ihre Zombiezeit beim Anstehen verplempert zu haben. „Looks like nothing‘s gonna change / Everything still remains the same“.

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Lieber Orthwien,
am Rand der Straße, die hinauf zum Norddorfer Badestrand führt, kauert ein Fasan und wundert sich, scheint‘s, über gar nichts. Grad will ich der Gefährtin etwas Pseudokluges ins Ohr labern über den Humor der Evolution und weshalb sie ein so plumpes Tier in ein so schmuckes Kleid gesteckt hat – als ein Fettwanst in extra häßlichen Klamotten vorbeiradelt und blökt: „Der landet heut abend in der Bratpfanne!“ Ich blöke retour: „Aber nicht in Ihrer!“

Schlagfertiger kann ich nicht bei 30 Grad im Schatten. (Bei 20 aba ooch nich.)

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Lieber Orthwien,
wofür eine solide Bildung manchmal doch gut sein kann!

Wir latschten bei Beaufort 5 oder 6 durch den Kniepsand, die Teestundensonne im Rücken. Die Windsbraut brüllte in den Ohren und kämmte das Meer mit Myriaden Zinken. Unzählige Salzwassertröpfchen flogen auf und in ihnen brach das Licht sich wie in geriffeltem Glas.

Da verstand ich eine der schönsten Metaphern William Shakespeares. Obschon (in Richard II.) dem Eiland England gewidmet, paßten die Worte auf Amrum wie angegossen:

… dies Kleinod, in die Silbersee gefaßt …

Bzw.:

… this precious stone set in the silver sea …

Mir fiel also der unsterbliche Vers ein, und sogleich schimmerte und funkelte die Erscheinung vor meinen Augen noch prächtiger, verzauberter. Dafür ist eine solide Bildung gut!

PS. Auf dem Heimweg erinnerte ich mich an ein weiteres Gleichnis, und zwar eines, das mir vor Zeiten glücklich gelungen war. Es steht in einem epischen Fragment, an dem ich als 24-Jähriger fummelte, und geht so:

Von Westen, wo wie abertausend Scherben
das Meer in mildem Sonnenschein erglänzt …

Ich war zweifellos ein Riesenesel und -hornochse damals: Aber diese Blankverse finde ich noch 32 Jahre später tadellos und bedeutender als ihren Autor.

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Lieber Orthwien,
ich habe heute ein Erfrischungsgetränk erfunden: Pilsbier mit Limettenlimo. Unmittelbar nach dem ersten vorsichtigen Schluck fiel mir auch ein Name dafür ein: „Wattpisse“.

Ich erwäge, Rezept und Bezeichnung für theuer Geld an den Wirt der „Blauen Maus“ zu verscherbeln. Könnte der Renner der Saison werden, erfolgreicher (und ekliger) als „Sex on the beach“!

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Lieber Orthwien,
beim nachmittäglichen Strandspaziergang mit der Gefährtin liefen wir unseren Schatten hinterher, und ich dachte ein bißchen über Platos Höhlengleichnis nach.

Dann stellte ich mir vor, wie die Schatten in den Sand gemalt bleiben, bis alles vergeht: der Himmel, das Meer und das Ufer. – Und schon fiel mir Hiroshima ein.

Für den nächsten Urlaub nehme ich mir vor, alle Bildung daheim zu lassen.

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Lieber Orthwien,
ich vermochte mein Entzücken kaum zu fassen, als ich am Weg ein Relikt der Moderne entdeckte: eine Telephonzelle wie einst im Mai ‘99! Der scheußliche Telephonsäulenscheiß, der diese antiken Installationen mittlerweile überall ersetzt hat, dünkt mich wie eine Allegorie der Indiskretion, Exhibition, Supervision, der sich die Menschheit seit Machtübernahme der Mobilphone freiwillig ausgeliefert hat. Aber hier, auf Amrum, darf sie noch sein, die Privatheit der Kommunikation!

Von wegen:

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Lieber Orthwien,
ich habe zwei sehr gute Motive, lieber am Meer als im Gebirge den Urlaub zu verbringen – den Ozean (logo) und das Abendrot. In den Bergen fällt die Nacht auch sommers viel zu hastig herab, und der Himmel tut dort dauernd so, als wäre er zum Greifen nah, wie eine Kulissenmalerei. Hier im endlos Flachen hingegen feuerwerkt die Sonne stundenlang, und sogar lange noch, nachdem sie den Horizont unterquert hat. Wenn überdies Wolkenkarawanen das gewaltige Gewölbe der Atmosphäre durchwandern und in allen 5.000 Schattierungen zwischen Fuchs und Purpurschnecke changieren, eine bunte Rorschachkleckserei nach der anderen hintupfen –, wenn der Luftozean großmütig seine Pracht verschenkt und dazu die Möwen windjammern und die Uferschwalben kunstrascheln –, wenn also die Welt sich über dem Wanderer ins Kosmische weitet und trotzdem eine warme Verheißung scheint –: Bin ich seelig, und nicht satt wollen die Augen mir werden. Vom Gebirge hingegen habe ich schon nach ein paar Minuten genug (was, zugegeben, auch mit meiner Höhenangst zu tun hat).

Gestern abend spazierte ich mit der Gefährtin den Wattküstensaum entlang, und der Himmel über Amrum erglühte in einer Glorie wie am fünften Schöpfungstag, als der HErr alles geregelt hatte und noch keine Menschen unterwegs waren, die Vollkommenheit zu ruinieren. Ich begann zu photographieren, um wenigstens den Abglanz zu konservieren (und selbstverständlich war nicht eines der Lichtbilder imstande, dieses Licht, diese Illusionen angemessen zu bewahren).

Kurz bevor wir in unsere Pension zurückkehrten, drückte ich noch einmal auf den Auslöser, und im selben Moment sprach mich von hinten Herr A. an, ein Nachbar auf unserer Etage und Hamburger überdies; ein groß gewachsener Mann mit vorzüglichen Manieren und einem vorbildlich getrimmten Bart. „Ist schön, das Abendrot, auch wenn‘s der reine Kitsch ist“, sagte Herr A. und gönnte mir ein freundliches Lächeln. Ich erwiderte höflich: „Kitsch? Nein, da bin ich anderer Meinung. Kitsch muß man wollen. Aber die Natur will nichts. Die Natur ist einfach.“ Er lachte leise, ich ebenfalls, und dann wünschten wir uns herzlich eine gute Nacht.

Einige Tage später reisten Herr A. und seine Gefährtin in den Morgenstunden ab; leider konnten wir uns nicht verabschieden. Aber der nette Feriennachbar hatte ein Servus auf Papier hinterlassen und diskret unter der Tür hindurchgeschoben. Es ist dies eines der herzwärmendsten und liebenswürdigsten Souvenirs, die ich je von einer Reise mit nach Hause brachte, und ich bedauere sehr, Herrn A. meinen Dank für dieses Kleinod nicht gesagt haben zu können:

Allerdings – Hamburg ist das größte Kaff der Republik, deshalb hege ich Hoffnung, dem Künstler, der uns dies zueignete, irgendwann über den Weg zu laufen. Hoffentlich fällt mir bis dahin ein angemessenes Dankeswort ein!

2 Kommentare

  1. 1

    Lieber Kay Sokolowsky, es war mir Freude und Vergnügen Ihren ‚herzerwärmenden und liebenswürdigen‘ Text zu lesen. Danke und Grüße mit Rum

    Und ich danke für Ihren Kommentar – von so was kriegt kein Autor je genug. KS

  2. 2

    Lieber Herr Sokolowsky,
    vielen Dank für Ihre schönen Urlaubskarten!
    Es ist immer wieder schön, auch außerhalb von ‚konkret‘ etwas von Ihnen lesen zu dürfen.
    Beste Grüße!
    Kai J.

    Und für mich, lieber Kai J., ist es immer wieder schön, auch jen- oder diesseits von KONKRET verständige Leser zu finden. Danke für Ihr Kompliment! KS

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