Indian Summer, c/o Hamburg (3): Traum

Was bisher geschah.

Robin fiel noch früher in Schlaf als der General und der Oberst. Das Abenteuer der Reise, der endlose Gesang und die Geborgenheit am Herzen seines Abgottes hatten das Rotkehlchen so müde gemacht wie nicht mal eine Tirade von Dagmar, der Drosselin. Zum Glück wimmelten die Äste des Ahorns von Spinnen. So hatte Robin es nicht schwer, sich den Magen vorm Schlafengehen vollzuschlagen. Er bedankte sich für das fette Mahl mit einem Abendlied, das Robins Mutter oft gesungen hatte, bis er und seine Geschwister tief ins Nest sanken, die Köpfchen voll von künftigen Heldentaten.

Mitten in der dritten Strophe, der Tag war kaum verdämmert, klappten dem Vogel der Schnabel und die müden Augen zu. Doch statt Schwärze sah er etwas Buntes:

Aus dem Herbstwäldchen rauschte ein Mauscheln und Tuscheln, ein Zischeln und Säuseln, ein Lispeln und Wispern wie von tausend Stimmen. Robin konnte zunächst nicht verstehen, was da geflüstert und gehechelt wurde. Das beunruhigte ihn aber nicht, denn er merkte sofort, daß es freundlich gemeint war. Die Stimmen erinnerten ihn an seine ersten Tage im Nest – da waren gleichfalls zahllose Geräusche gewesen, die er nicht kannte, und trotzdem hatten sie ihm lauter nette Dinge mitgeteilt.

Dann ver-
wandelte der glühende Wald sich in etwas anderes, das sehr ähnlich war. Das Rieseln und Rascheln tönte nun deutlicher. Irgendwas mit: „… Schau an, schlau, schlau … Zwerglein schnorchelt und schnuffelt jetzt …“ Robin stopfte den Schnabel noch tiefer ins Rückengefieder, denn sogar im Traum war es ihm peinlich, daß man ihn schnarchen hören konnte. Wieder wandelte sich der Ausblick:

Seltsamerweise war bloß ein schwaches Prasseln zu hören wie von einem Feuer in der Ferne. So klingt es wohl, wenn Bäume in Flammen stehen, ohne zu brennen, dachte Robin. Und dann fiel ihm ein, was sein Vater mal erzählt hatte: Daß viele MENSCHEN Rotkehlchen für Geschöpfe aus Feuer und Blitz halten, der glutroten Brust wegen. Und da wurde es Robin sehr warm, obwohl der Wind sich seit Sonnenuntergang scheußlich abgekühlt hatte. Der Vogel spürte eine Verbundenheit zu den kalt lodernden Bäumen, als seien sie seine Brüder. Fast wäre er wach geworden vor Freude über seine neue Familie, als sich ein Riese aus Purpur in seinen Traum schob:

Der hatte zwar einen Sprachfehler wie alle Laubgewächse, aber seine Worte konnte Robin deutlich verstehen: „Scho, Kleiner, dasch hascht du endlisch kapiert. Bischt nischt allein! Bischt ab jetscht nie mehr allein!“ Robin dachte: „Weil ihr Bäume in Flammen stehen könnt, ohne zu brennen? So wie ich?“ Und der Riese erwiderte: „Tscha, dasch auch. Esch ischt aber noch mehr.“ Und wieder wechselte die Szene in Robins Kopf.

Der Vogel überlegte lange, bevor er einen Gedanken fand: „Ihr seid nicht nur einzeln einer! Ihr seid alle zusammen einer!“ Er bekam keine Antwort, aber das war so viel wert wie ein „Ja“. Robin faßte Mut und dachte drauflos: „Manchmal hocke ich nachts mit vielen anderen Rotkehlchenjungs im Gebüsch – dreißig sind wir mal gewesen! –, und da vergesse ich ganz, wer ich bin. Und wenn mich einer von denen Lothar nennen sollte, dann wäre mir das gleich!“ Bevor der Vogel sich für dieses Geständnis schämen konnte, schnaufte der Purpurriese ein „Tscha, tscha“, doch er sah plötzlich viel zierlicher und zarter aus:

„Dasch ischt mein Vetter, eine Schumpf-
schypresche“, sagte die Stimme, „und in gewischer Weische hascht du recht, Lothar.“ Robin proteschtierte … Entschuldigung: protestierte nicht gegen die Anrede. Er hatte genug damit zu tun, die eigenartige Aussprache zu entschlüsseln. Das war jedenfalls keine Esche, so gut kannte der Vogel sich mit Bäumen aus. Weil jedoch in seiner Gegend nirgendwo Zypressen wuchsen und Sümpfe sich ebenfalls rar machten – jedenfalls außerhalb der Villen und Protzpalais –, kam er einfach nicht drauf, wie dieses anmutige Gewächs wirklich hieß. Doch schon erschien ihm wieder etwas anderes, das fast dasselbe war. Viel grüner, kein Zweifel, doch ein Baum, der bald zu einer Flamme werden würde, ohne zu verbrennen.

„Der ischt genauscho wie du“, sagte die Stimme, „alsch du noch ein grüner Bengel warscht.“ Robin überlegte wieder eine lange Weile. Dann dachte er: „Wenn ich dich richtig verstehe, sind wir alle eins? Und wir sehen Gemein-
samkeiten nicht, weil wir immer nur auf die Unterschiede achten?“ – „Meine Güte“, sagte die Stimme in Robins Traum, „demnäscht wirscht du ein rischtiger Philoschoph!“ Da mußte Robin über sich selbst lachen, und so was war ihm noch nie paschiert … Passiert!

Während er noch kicherte, wucherte ein Ahorn vor ihm auf, der als Rotkehlchengott ebenfalls eine gute Figur gemacht hätte, und die Stimme fragte: „Hascht du mal von Indianern gehört? Von Kanada?“ Robin schüttelte im Schlaf den Kopf. Weil seine Nackendaunen ihm dabei die Nase kitzelten, mußte er niesen, und er wäre davon wohl aufgewacht, wenn ihm der Traum nicht so gut gefallen hätte. Die Stimme, die aus so vielen Stimmen, aus so viel Tuscheln und Rascheln und Zischeln zusammengesetzt war wie es Blätter gibt und Äste mit Blättern und Bäume mit Ästen – diese Stimme schien zu seufzen. Dann sagte sie: „Isch nischt scho schlimm. Dasch holen wir nach. Gute Nacht, mein Blutschbruder!“

Als Robin am nächsten Morgen erwachte, fehlten seinem neuen besten Freund ziemlich viele Daunen. Der Herbstwind hatte in der Nacht pfundweise Laub von den Zweigen gerissen. Das Rotkehlchen dachte nicht lange nach. Es pflückte die schönste Feder aus seiner Brust und steckte sie zwischen zwei unversehrte Blätter des Ahorns, bevor es sich auf den Heimweg begab.

Auf halber Strecke flogen der Oberst und der General an ihm vorbei. Sie taten so, als würden sie Robin nicht kennen. Er grüßte trotzdem mit einem herzlichen Triller. Die roten Augen der Tauben gefielen ihm so gut wie nie zuvor.

 


Sonntag, 28. Oktober 2012 12:40
Abteilung: Erzählungen, Timmis Freunde

Ein Kommentar

  1. 1

    Welch wundervoll romantische, bezaubernde und alberne Geschichte.
    Und obendrein bekommt man noch die schönste Erklärung des Wortes NACHDENKEN.
    Ich empfehle mehrmaliges Lesen aller drei Episoden! Ein Wundermittel gegen Herbstgrauen.

    Der Autor dankt und fühlt sich geschmeichelt. KS

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