Kreatiphe Orthogravie (2): Kartenjammer

Abgekatert_Aufmacher_(c)_Kay_SokolowskySprachen, die von Laien gesprochen werden und nicht allein von Schriftgelehrten, heißen lebende Sprachen, und das mit Recht. Denn was lebt, das hat und begeht Fehler, aber diese Fehler erst gestalten das Leben; vom evolutionären Überbau usw. nicht zu reden.

Was immer an Regel-
werken hochgestapelt wird – ob in Grammatiken oder Wörterbüchern –, ist bloß ein Versuch, dem wüsten Treiben der lebenden Sprache ein Korsett zu verpassen, damit nicht binnen weniger Jahrzehnte 3.000 Regionaldialekte in Deutschland gleichberechtigt durcheinanderquatschen und die Ansagen im Interregio selbst für trainierte Reisende unverständlich werden.

Ältere und alt gewordene Sprecher einer lebenden Sprache neigen allerdings dazu, diese Regelwerke, den Duden zumal, wie Naturgesetzbücher zu benutzen. Sie wollen, mit diesen vermeintlich kanonischen Schriften wedelnd, abwehren, was sich so wenig aufhalten läßt wie irgendeine andere Neuerung, die das Leben nun mal mit sich bringt.

Letzteres endet jedoch, wenn seine Mutationen ausgemerzt werden. Deshalb darf jeder verknöcherte Studienrat, der sich ehrenamtlich dem Ziel verschrieben hat, Neologismen, Lehnwörter, „Denglisch“, „Kanak-Sprak“ oder falsch gesetzte ie-s (wie in dem immer beliebteren, geradezu hegelianischem „unwiederstehlich“) aus dem Sprech- und Schriftdeutsch zu vertreiben – es darf, sage ich, so ein moralisierender Klugscheißer getrost als Feind der Sprache betrachtet werden.

Er hat sie und ihr Wesen – das Verb „wesen“ bedeutete, gebt acht, ihr Sprachverweser!, im Mittelhochdeutschen „sein, sich aufhalten, dauern, geschehen“ – nämlich weder verstanden noch will er was kapieren. Er kennt bloß das Skelett des Sprechens und ist damit zufrieden. Wäre er tatsächlich mit der Sprache vertraut, intim, in Liebe, sie wäre ihm wirklich eine Mutter. Er würde die Pickel auf ihrer Haut ebenso hingerissen studieren wie die Runzeln, die nicht ausbleiben, und er wüßte die offenbaren Dummheiten und Schludrigkeiten sehr wohl zu trennen von jenen Fehlern, die das enorme Potential einer linguae vitae überhaupt erst demonstrieren.

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Sprachkritik, die sich auf offizielle Regelwerke beruft, ist keinen Cent wert. Sie hat nichts von der Sprache begriffen, sie kennt bloß Begriffe. Wer Sprachkritik ernsthaft betreiben will, der sollte aufgeschlossen sein für alles, was die „gewöhnlichen“ Sprecher so treiben. Es ist da zweifellos mehr, sehr viel mehr Elend als Reichtum. Aber wenn einmal was Diamantenes zum Allgemeingut wird – wie das unwiederstehliche (hihi) „Was geht?“, das die unter Teens und Twens unsereiner Generation verbreitete Begrüßung „Alles klar?“ klar überholt und an bei den Amis abgelernter Lässigkeit („Whassup?“) weit übertrifft –, wenn also aus einem Unfall, nein: einer spontanen Mutation der Rede zu Recht ein pandemischer Erfolg wird, dann sollte der Liebhaber der Sprache diese Neuerung an sein Herz drücken und studieren, bis er eventuell etwas dazugelernt hat über die Sprechenden.

So ähnlich verhält es sich mit der kreativen Orthographie. Sie unterscheidet sich von der schlicht scheißegalen Rechtschreibung wie die genialisch neugeprägte Floskel „Was geht?“ von dem grauenerregenden Gestotter, das mittlerweile eine ganze Menge Hamburger mit ihrem altehrwürdigen Abschiedsgruß veranstalten, wenn sie statt kernig „Tschüs!“ ein windelweiches „Tschü-tschüs“ entbieten. Hie Anarchie, vermengt mit Inspiration – dort Langeweile, gepaart mit Einfallsarmut. Es genügt ein bißchen Sprachgefühl, um die Fälle auseinanderzuhalten.

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Seit das Internet jedem, der eine Tastatur und eine Datenleitung hat, erlaubt, sich schriftlich über die Welt zu verbreiten, bedeutet es nur noch wenig Aufwand, dem Volk aufs Maul bzw. die Buchstaben zu schauen. Wer interessante Sprachmutationen studieren möchte, der sollte einfach die Online-Foren jener Zeitungen im Auge behalten, in denen die intelligenteren Exemplare der Spezies unterwegs sind (also nicht Bild.de). In den Homo-halbwegs-sapiens-Spalten von Zeit online oder SZ-online prallen Ausdruckswille, Empörung, Klugscheißerei und der Wunsch, für originell gehalten zu werden, meistens zusammen wie Motorradfahrer mit den Realitäten des Straßenverkehrs
.

Aber manchmal, manchmal! wird aus dem, was einer sagen und was er darstellen will, eine Utopie künftigen Sprechens. Wie etwa im Fall des anonymen Meinungsinhabers, der am 28. Mai 2014 im Leserforum von Zeit online seine Meinung abgab zu der ziemlich suspekten Entscheidung des Generalbundesanwalts, die Spitzeleien der NSA in Deutschlandnicht weiter untersuchenzu wollen.

Es brodelte in dem Schreiber vieles hoch – Paranoia, Antiamerikanismus, gerechte Wut. Und in der Erregung schalteten einige Hirnzellen aufs schönste quer. Und das hier kam dabei heraus:

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„Abgekatert“ – ich glaube, daß dies ein richtig schönes neues Synonym für „verlogen“, „betrügerisch“, „sinister“ werden könnte. Ich meine: Schauen Sie doch bloß mal zu, wie falsch und unberechenbar diese Kater sind! Wenn irgendwer ganz groß in Kartenhäusern ist, dann die – und ich möchte gar nicht von den besonders suspekten Kartäusern reden. Wie ließe sich satanische Durchtriebenheit besser beschreiben als mit diesem Wort:

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Und daß der Autor des Zeit online-Kommentars sich mit folgendem Namen maskiert –

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– das reicht mir als Beleg für ein kollektives Unbewußtes, das sich traumgleich an der Sprache zu schaffen macht. Und dafür sofort von der Sprache wieder in die Grenzen gewiesen wird, ironisch sogar: denkt an Katzen und nennt sich einen Hund … Psychotherapeuten machen aus weniger Indizien gleich eine zehnjährige Behandlung! Doch das ist ein ganz anderes abgekatertes Spiel.

Ein Kommentar

  1. 1

    Dazu fällt mir dieser Text mit dem Titel „Odyssee im Sprachraum“ ein, der, wenn ich mich recht entsinne, ursprünglich 2004 in der „Süddeutschen“ erschienen ist:
    http://www.sueddeutsche.de/kultur/rechtschreibung-odyssee-im-sprachraum-1.433736

    Leider habe ich heute erst bemerkt, daß dieser Kommentar im Spam-Ordner gelandet ist – weshalb auch immer. Ich bitte um Entschuldigung! KS

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