Doktor Lügners feine Freunde

Mittwoch, 1. November 2017 19:56


Es geht ein stilles Walten, eine heilige Nemesis durch die Weltgeschichte;
und die Vergangenheit ruft es der Zukunft zu: „Fürchtet Gott und übet Gerechtigkeit!“
Wilhelm Zimmermann


Warum die herrschende Klasse der beherrschten, welcher sie sonst keinen Bissen Brot, zum Reformationsjubiläum einen dienstfreien Tag gönnt –, weshalb sie Martin Luther dem viel größeren Reformator Thomas Münzer vorzieht, hat Friedrich Engels schon vor anderthalb Jahrhunderten gültig analysiert.
Die Regentschaft schätzt am Mann, der als Revolutionär antrat und sich bei der ersten Probe auf die eigene Lehre selbst verleugnete, der überdies all jene verleumdete, ja, verfolgte, die seine frühen Schriften ernster nahmen als deren Verfasser es wagte –, die Machthaber also schätzen am „Doktor Lügner“ (Münzer) genau dies: Unterwürfigkeit, Verrat, „Tellerleckerei“ (Engels).

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Doktor Lügners Ehrentag

Dienstag, 31. Oktober 2017 0:00



Heute begeht die protestantische Kirche das 500. Jubiläum des Thesennagelns zu Wittenberg. Es ist der Höhepunkt des sogenannten „Lutherjahrs“. Obschon der 31. Oktober in vielen evangelisch dominierten Bundesländern seit langem kein gesetzlicher Feiertag mehr ist, geben heuer ausnahmsweise und bundesweit die Landesregierungen den Untertanen frei, „mit Blick auf die welthistorische Bedeutung der Reformation“ (Luther2017.de).

So erfreulich ein Mußetag stets ist – der Blick aufs Welthistorische usw. scheint der Regentschaft nur deshalb eine Pause von der üblichen Fron wert, weil sie in Luther vor allem den vorbildlichen Opportunisten schätzt, den Revolutionär, der ganz schnell abschwur, seine eigene Klasse verriet und ohne Zwang zum brutalen Apostel der Zwingherren wurde.

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Willkommen im Neo-Pliozän

Montag, 30. Oktober 2017 17:25


Der CO2-Gehalt in der Erdatmosphäre ist so hoch wie seit drei Millionen Jahren nicht mehr. 2016 lag der globale Durchschnittswert der Kohlendioxid-Konzentration bei 403,3 ppm (parts per million), eine Steigerung um 3,3 ppm verglichen mit dem Vorjahr. Diese neueste Schreckensnachricht der World Meteorical Organization (WMO) 
ist keiner einzigen Website der deutschen Qual.medien einen Aufmacher, vielen von ihnen nicht mal eine Meldung wert. Wo die Hiobsbotschaft doch erwähnt wird, garniert der Qual.journalist sie sogleich mit Flüchtigkeitsfehlern, etwa hier bei Tagesschau.de:

Das Kohlendioxid-Niveau ist im Jahr 2016 auf den höchsten Stand seit 800.000 Jahren gestiegen.

Tatsächlich ist der Pressemitteilung der WMO zu entnehmen:

Over the last 800.000 years, pre-industrial atmospheric CO2 content remained below 280 ppm […].

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Media Lyrics

Sonntag, 29. Oktober 2017 16:03



Die nachstehenden Vierzeiler dürfen als Fußnoten zu Kay Sokolowskys soeben erschienener Konkret-Kolumne über das peinliche Selbstlob der Qual.journalisten angehörs der „Lü-gen-pres-se!“-Brüller verstanden werden.
Gez. „Abfall“-Admin

———————♦♦♦

Gestern sah ich fern und sah
gar nix, was mir wichtig war.
Heute seh ich fern und seh
alles, was ich gern verschmäh.

———————♦♦♦

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Die Spezies hat‘s verkackt (8)

Freitag, 27. Oktober 2017 23:59




Kurz vor Sonnenuntergang ein schwefelgelber Himmel. Früher hätte ich die surreale Schönheit dieses Abendlichts bestaunt und mir gewünscht, so was malen zu können. Mittlerweile kommt mir dergleichen eher wie ein kosmisches Menetekel vor, wie Flammenschrift am Firmament, wie die Vorschau auf eine Welt, in der alles vergehen wird, sogar die Vergangenheit.

***

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Hey lieber Mann!

Donnerstag, 26. Oktober 2017 1:09


Vorbemerkung: Ich bin 54 Jahre alt. Ich bin glücklich verheiratet. Ich habe seit langer Zeit nicht mehr nach intimen Bekanntschaften gesucht, und ich suche weiterhin keine. Dennoch erreichen mich per E-Mail jeden Tag Avancen blutjunger, bildschöner Frauen, die teils in Osteuropa, teils in Ostasien zuhause sind und sich, ich weiß nicht warum, brennend für mich interessieren.

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Die Spezies hat‘s verkackt (7)

Dienstag, 24. Oktober 2017 22:37

Es gibt eine Notiz von Canetti: „Sich ausdenken,
was Tiere an einem zu loben fänden.“
Es ist eine ungeheure Vorstellung, läßt man sich
auch nur wenige Sekunden auf sie ein.

Jürgen Roth u. Thomas Roth: Kritik der Vögel


Nicht vor der Vielfalt der Nachrichten resigniere, nein, kapituliere ich immer öfter. Sondern vor der täglichen Gigatonne närrischer „News“, vor diesem Gebirge aus Promischrott und Politmüll, das alles in den Schatten stellt, was tatsächlich ins Licht gehörte. Mein Posting über die drohende Auslöschung der Insekten hat kaum angedeutet, wie grotesk, wie irrwitzig die „Top-Themen“ der Qual.medien mir erscheinen, gemessen am Weltuntergang, dessen Teilnehmer, nicht Propheten, wir inzwischen sind.

Angesichts einer Presse und eines Publikums, die den größten Teil ihrer Zeit mit sensationellen Nichtigkeiten vergeuden, während das bißchen Zeit davonrennt, in dem noch etwas bewahrt werden könnte vom kosmischen Wunder, das unsere Biosphäre, also das Leben an sich, darstellt –, angesichts einer Menschheit, die in der eigenen Scheiße erstickt und trotzdem immer mehr Scheiße produziert, nicht zum Zyniker und Misanthropen zu werden, fällt sehr schwer. Doch zum Haß auf die eigene Gattung fehlt mir die Bigotterie, zur Hoffnung, ein Killervirus oder dergleichen könnte unserer Art den Garaus machen, bevor wir die ganze Welt veröden, mangelt es mir an Hoffnungslosigkeit. Trotz allem.
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100 Jahr

Samstag, 21. Oktober 2017 23:59



Dizzy ist nicht nur ein Meistermusiker und der König der Trompete, er ist auch ein brillanter Mensch. Er sagt viele Dinge im Spaß, die einen enormen Tiefgang haben. Du kannst eine ganze Menge lernen, indem du ihm zuhörst. Nicht nur wenn er spielt, sondern auch wenn er spricht. Er kann dir viel sagen, wenn du gescheit genug bist, es zu verstehen.

Percy Heath

Am 21. Oktober 1917 kam in Cheraw, South Carolina, John Birks Gillespie zur Welt, eines der größten Genies des 20. Jahrhunderts, ein Solitär als Musiker wie als Komiker. Seinen Spitznamen „Dizzy“ – was „schwindelig“ heißen kann, „duselig“ oder „rammdösig“ – hatte sich Gillespie bereits als Junge erarbeitet. Bis zu seinem Tod trug der Mann den Witz mit Stolz und gab sich auch sonst Mühe, bloß nicht so ernst zu wirken, wie seine Kunst genommen werden muß.

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