The age of assholes

Sonntag, 12. Juli 2015 22:31

Seit einigen Tagen fummle ich mit wenig Eifer und viel Verdruß an einer Polemik. Es soll darin um die Mobilisierung ganz alter deutscher Feindbilder gehen, um einen Pöbel, dem die Demütigung Griechenlands noch lange nicht genügt: Man hat nun Blut geleckt und will mehr davon saufen, am liebsten welsches. Das Problem beim Verfertigen der Glosse besteht allerdings nicht so sehr im Wissen um die Vergeblichkeit, um die Unsichtbarkeit solcher Texte in einer medialen Öffentlichkeit, die den ökonomischen Vernichtungskrieg gegen Griechenland verkauft wie eine moralische Pflicht und den Feldherrn Schäuble dafür feiert, daß er am liebsten Puerto Rico gegen den unterworfenen Staat, diese Nation renitenter Schmarotzer eintauschen würde.

Das Problem für den Blogger liegt in der kalten Schnauze, dem unverhohlenen Chauvinismus, dem offenen Rassismus, die vom Reichssiggi Gabriel über Mietmäuler wie Rolf-Dieter Krause bis hinab zum Ottonormalen mit Inbrunst geübt werden. Wie ungebrochen eine Tradition, die 1871 begann, weiterhin in Deutschland waltet und wie – und daß – sie abermals triumphieren darf … Das überrascht selbst einen altgedienten vaterlandslosen Gesellen wie mich, überrascht mich wie ein Hieb in den Magen. Da bleibt einem bekanntlich die Luft weg und werden die Augen trüb, fast so trüb wie die weiteren Aussichten für Europa.

Zum Glück gibt es Jan Böhmermann und Klaas Heufer-Umlauf. Sie haben den Schneid, das, was Bild, Focus, Welt, FAZ, Stern und der öffentlich-rechte Schmerzkeks Nuhr an Diffamierungen, Unterstellungen und Geifer verbreiten, als genau das kenntlich zu machen und das eingeborene Publikum zu mahnen, sich „ausnahmsweise nicht wie Arschlöcher“ zu benehmen. Diese brillanten 174 Sekunden wiegen mindestens zehn ellenlange „Abfall“-Postings auf, und ich kann mich bei Böhmermann und Umlauf nur hochachtungsvoll dafür bedanken, daß sie ihre Aufgabe weit besser erfüllen als ich.

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Eure Rede aber sei nein, nein

Sonntag, 5. Juli 2015 16:09

Stimmzettel für das Tsipras-Referendum

Stimmzettel für das Tsipras-Referendum

Kai Pichmann, deriseit einigen Wochen mit ebenso klugen wie angenehm zu lesenden Kommentaren dieses Blog bereichert, schrieb mir zu Beginn der Woche aus dem Auge des Hurrikans, der wahrscheinlich die Europäische Union zerschmettern wird, diese interessanten Zeilen:

Ich bin übrigens immer noch in Athen. Hier wehen inzwischen keine Tränengasschwaden mehr durch die Straßen, wie ich es von früheren Aufenthalten her kenne, und es werden auch keine Bankfilialen-Schaufenster mehr eingeworfen von wütenden jungen Anarchisten. Die Banken sind ja seit eben geschlossen, und die Anarchisten sind wahrscheinlich alle grad im Urlaub oder einfach furchtbar gelangweilt von den Sorgen der kleinen Leute um ihre kargen Euro-Ersparnisse. Und so lümmelt die örtliche Polizei vor ihren blauen Bussen herum, spielt mit ihren Smartphones und langweilt sich auch fast zu Tode. Die kleinen Leute langweilen sich nicht, die vertreiben sich die Zeit mit genervtem Schlangestehn vor den Geldautomaten und heben an Euros ab, was sie haben kriegen können und (derzeit noch) kriegen dürfen.

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Das vorstellbare Glück. Ein Geburtstagsgruß

Montag, 29. Juni 2015 23:25

Ror Wolf, der bedeutendste deutschsprachige Dichter unserer Zeit, begeht heute seinen 83. Geburtstag. Das ist für jeden, der sich aus Literatur etwas macht, eine Freude, und an einem Tag wie diesem, der vor Katastrophenmeldungen nachgerade dröhnt, sogar ein Trost. Wolfs Dichtung bietet einer Welt, die ihren Wahnsinn immer schlechter verbirgt, weiterhin die Stirn; und es besteht kein Zweifel daran, wer sich beim Zusammenstoß eine Beule holen wird. Obwohl Ror Wolf explizit politische Texte niemals verfaßt und seinen Abscheu vor jederlei Ideologie wiederholt erklärt hat, steht seine Kunst für das Unbestechliche, Eigenwillige, Integre, Widerständige, das in der Einen Welt der Neoliberalen immer seltener und daher immer nötiger wird. Es schadet niemandem, sich ein Beispiel an Wolfs Konsequenz, Mut und Souveränität zu nehmen.

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Du bist der Boß!

Dienstag, 16. Juni 2015 22:56

Rowohlt_Trauerkraehen_01_(c)_Kay_Sokolowsky

Spontane Trauerkundgebung für Harry Rowohlt in der Osdorfer Feldmark (Hamburg)

—-
Kein Bär von geringem, sondern einer von eminentem Verstand hat sich leider, leider für immer in den Hundertmorgenwald zurückgezogen. Er verstand ungewöhnlich viel, zum Beispiel vom Geschichtenerzählen. Doch am meisten von der Sprache, aus der die Poesie zieht, was Sprache werden soll. Harry Rowohlt konnte gegen gewaltige Kleinigkeiten wie ein Satzzeichen polemisieren wie hierzulande sonst nur Gremliza und Henscheid. Und wahrte dabei stets einen warmen Ton, so, wie man es sich von einem großen Bären wünscht.

Ich habe einige Male mit dem bedeutenden Mann geplaudert, nie sehr lange. Kollegial, weiter nichts. Und ich möchte mich jetzt backpfeifen dafür, Rowohlt nie gesagt zu haben, wieviel Spaß und Bewunderung mir seine Übertragungen der Robert-Crumb- und Gilbert-Shelton-Comics seit dreieinhalb Jahrzehnten bereiten, wie oft ich Wendungen daraus benutze, etwa diese: „Puha, der Kammerjäger muß auf die Pirsch!“ Versemmelt, Sokolowsky, setzen, sechs.

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Die Freibad-Saison ist eröffnet! (4)

Montag, 15. Juni 2015 10:00

Summer of Love

Badestelle_07_(c)_Kay_Sokolowsky

BADEMEISTER (für sich). Sie haben es nicht im Griff. Sie sind zu schwach,
zuiweich.iDer Druck ist stärker als sie. Auf jeden Schluck Wasser, den
sie trinken, kommen zwei Löffel Harn. Was sie fressen, fällt hinten
verdoppelt raus. Und sie lassen es einfach plumpsen und sinken,
weg damit! Dabei lachen sie. Reden von Notdurft, voller Blase.
Schlappschwänze. Kretins. Was ihre Gleichgültigkeit anderen zufügt,
sollte sie selbst hundertfach heimsuchen. Ich … muß … Ich muß etwas
unternehmen, ich –!

VEREHRER. Guten Tag!
BADEMEISTER. Habe die Ehre!
VEREHRER. Ich habe Sie dort stehen sehen, und ich dachte: ach, ein Bild
von einem Mann!

BADEMEISTER. Oh … Oh! Dankeschön! Das höre ich nicht jeden Tag …
VEREHRER. Schlimm genug! Wenn ich Sie sehe, dann denke ich …
BADEMEISTER. Was! Entschuldigung: was?
VEREHRER. Dann denke ich, daß Sie für einen gewißlich bescheidenen Lohn
jeden Tag mehr Gutes tun, als irgendsoein Aufsichtsrat im Leben könnte.
Und warum?

BADEMEISTER. Weil Geld den Charakter verdirbt?
VEREHRER. Ah, sehen Sie, deshalb sind Sie mir so sympathisch – man muß
mit Ihnen nicht über Selbstverständlichkeiten reden!

BADEMEISTER. Sie machen mich ganz verlegen.
VEREHRER. Gans verlegen?
(Gelächter außerhalb der Szene.)
BADEMEISTER. Okay. Ich hab um 16 Uhr Feierabend. Zieh bitte was
Schmutzabweisendes an.

VEREHRER. Du bist mir aber ein Schlimmer!

Badestelle_08_(c)_Kay_Sokolowsky

(Geschnäbel, schneller Vorhang.)

Das ganze Drama
I – Die Liebenden
II – FKK-Strand
III – Die Bruderschaft
IV – Summer of Love
V – Revue

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Die Freibadsaison ist eröffnet! (3)

Sonntag, 14. Juni 2015 11:00

Die Bruderschaft

Badestelle_05_(c)_Kay_Sokolowsky

OBERMAAT. Seht ihr das auch? Ich seh wohl nicht richtig. Seht ihr das nicht,
Kameraden?
BOOTSMANN. Was haben die denn hier verloren?
HEIZER. Gustav und seine häßlichen Bälger. Ausgerechnet jetzt. Wo Daisy
auch hier ist. Das wußte er doch, dieser Saftsack!
OBERMAAT. Daisy ist auch hier? Wo? Oh, da hinten. O je.
HEIZER. Solche Typen wie die brauchen wir gar nicht. Nicht an unserem See!
KADETT. Stimmt – die sind hier offensichtlich gans falsch.
(Keine Reaktion.)
KADETT (unverdrossen). Die sollten besser gans woanders sein.
(In den Blättern lispelt der Wind.)
KADETT (tapfer). Sonst werden wir gans böse.
(Das Wasser schleckt an den Ufersteinen.)
BOOTSMANN. Fertig?
KADETT. Ja. (Trotzig.) Gans und gar! Gans und gar!
DIE BRUDERSCHAFT (lacht wie nicht gescheit). Hast du den …! – Ich könnt mich
wegschmeißen! – Gans und gar – ein Hammerwitz! – Und ich dachte,
deriKleine hätts gar nicht drauf! – Gans … und … gar …! Ich … kann …
nicht … mehr!
GUSTAV (ruft). Reißt ruhig eure dreckigen Witze über mich und die Meinen!
IhriBanausen!
HEIZER. Was willst du eigentlich hier, du Lackaffe? Hier gibts keine Losbude.
BOOTSMANN. Und mit Wünschelruten grillen wir bestenfalls!
GUSTAV. Wir haben genauso für den Eintritt bezahlt wie ihr. Das ist kein
Privatgelände!
HEIZER. Du und bezahlt!
GUSTAV. Es war ein ehrlicher Gewinn bei einer Tombola.
HEIZER. Erzähl mal Daisy was von ehrlich!
OBERMAAT. Und paß auf deine Gamaschen auf, du Fatzke!
KADETT. Ha! Jetzt ist er gans still.
(Es ist auch sonst still.)
KADETT (unverzagt). Da ist er gans baff.
(Man hört, wie Löwenzahnsamen zusammenprallen.)
KADETT (nachdrücklich). Vielleicht will er es gans genau wissen.
(Wassermücken sirren.)
BOOTSMANN. Fertig?
KADETT. Ja … Voll und gans! Voll und gans!
DIE BRUDERSCHAFT (explodiert in Gelächter und Jubelgeschrei). Was hat er
gerade gesagt … Voll und gans? – Im Ernst? Was ein Spaß! – Dieser kleine
Scheißer tut immer so brav! – Und dann haut der so ein Ding raus! –
Gansinebenbei!

Badestelle_06_(c)_Kay_Sokolowsky

(Noch mehr Geschnatter, langsamer Vorhang, Gustav wendet sich ab.)

Das ganze Drama
I – Die Liebenden
II – FKK-Strand

III – Die Bruderschaft
IV – Summer of Love
V – Revue

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Die Freibadsaison ist eröffnet! (2)

Samstag, 13. Juni 2015 22:02

K-Strand

Badestelle_03_(c)_Kay_Sokolowsky

POSER 1. Ich glaub, da spannt einer.
POSER 2. Wo?
POSER 1. Da drüben.
POSER 2. Wo denn?
POSER 1. Nee, nicht da! – Da!
POSER 2. Wo „da“? Ach, da. Ach ja. Ja, seh ihn.
POSER 3. Und jetzt macht der auch noch Photos!
POSER 2. Ja ja, reg dich ab.
POSER 3. Bitte? Der knipst uns, und morgen holen sich auf der ganzen Welt
irgendwelche Notgeile einen auf uns runter!
POSER 2. Oh, komm, bild dir doch nix ein.
POSER 3. Sag mal, hast du was genommen? Der Spanner da filmt uns, und ich
soll mich nicht aufregen?
POSER 2. Genau.
POSER 3. Aber das ist nicht in Ordnung, so was. Das verletzt meine … meine …
POSER 2. Intimsphäre?
POSER 3. Ja! Janee, das nicht … Meine … meine …
POSER 2. Deine informationelle Selbstbestimmung?
POSER 3. Genau! – Meine was?
POSER 2. Das Recht auf deine Daten und wie sie verwendet werden.
POSER 3. Also darf ich dem Spanner ein paar aufs Maul hauen?
POSER 2. Ja. Aber mach die Kamera nicht kaputt.
POSER 3. Klar, ich weiß, Beweismaterial!
POSER 1. Nee, Quatsch, du Brathahn! Für das Teil kriegen wir einen Grünen.

Badestelle_04_(c)_Kay_Sokolowsky
(Geschnatter, schneller Vorhang.)

Das ganze Drama
I – Die Liebenden
II – FKK-Strand
III – Die Bruderscbaft
IV – Summer of Love
V – Revue

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Die Freibadsaison ist eröffnet! (1)

Donnerstag, 11. Juni 2015 23:37

Dem guten Zeichner gewidmet.

Die Liebenden

Badestelle_01_(c)_Kay_Sokolowsky

DAISY. Nun sieh dir das an – alles belegt.
DONALD. Ach, bitte! Da ist noch Platz für eine ganze Fußballmannschaft.
DAISY. Ich bin aber nicht zum Fußballspielen hier. Du hast mir versprochen,
daß es total romantisch und kuschelig und so wird. „Nur du und ich,
die Sonne, der Wind und die Wolken, quak quak quak!“
DONALD. Ich finde, daß Du –
DAISY. Daß ich was? Mich nicht so haben soll? Den Schnabel halten? Grütze
schlucken?
DONALD. Wir können auch nach Hause gehen, wenn dir das lieber ist.
DAISY. Das würde dir so passen! Erst schleifst du mich mich hierher, und
kaum sind wir angekommen, willst du schon wieder abhauen?
Du mußt wohl wieder zu deinem Onkel? Dich zum Deppen machen
und nach irgendwelchen Schätzchen suchen!
DONALD. Schätzen …
DAISY. Was?
DONALD. Du hast „Schätzchen“ gesagt. Aber mein Onkel sucht nach richtigen
Schätzen.
DAISY. Als wüßte ich nicht, was ich sage – Schätzchen, jawohl! Ich kann mir
gut vorstellen, was ihr Filous treibt, wenn ihr unterwegs seid!
DONALD. Bitte, Schatz … Die gucken schon alle …
DAISY. Solln sie doch! Die haben hier eh nix verloren, diese Tagediebe!
Und sag nicht Schatz zu mir!
DONALD. Ja, Schätzchen.

Badestelle_02_(c)_Kay_Sokolowsky

(Geschnatter, schneller Vorhang.)


Das ganze Drama
I – Die Liebenden
II – FKK-Strand
III – Die Bruderschaft
IV – Summer of Love
V – Revue

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