Hundstage (3): Konsonantenkommune

Freitag, 21. August 2015 23:09

Mein guter Freund Eberhard Kehrer, der ein Lehnsherr des Layouts und ein Phürst der Photographie ist1, hat vor kurzem ein Graffito gesichtet und dokumentiert, das, finde ich, einen der schönsten Beiträge zur Befriedung des Klassenkampfes darstellt, die ich je ––

Aber gucken Sie selbst:

Pozilei_(c)_Eberhard_Kehrer

Wie entspannt das doch klingt: Pozilei! Wie possierlich und putzig kommt uns der Pozilist entgegen … Mit was für einem Vergnügen betrachten wir den pozileilichen Wassersprenger (0,1 bar) … Und mit welch elterlichem Stolz stehen wir vorm Pozileipräsidium (aus „Minecraft“-Steinen). „Hat die Nachhilfe in Menschen- und Bürgerrechten doch was gebracht!“ denken wir behaglich und drücken dem ersten Pozilisten, der aus dem Tor rollert, einen Euro oder so für Naschis in die weiche warme Hand.

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Hundstage (2): Kubikparadoxon

Donnerstag, 20. August 2015 9:00

Neyisse_Ausschnitt_(c)_Lucyin

Ziemlich symbolisches Photo

Was ich von Dortmund halte, welche mehr oder weniger lichten Momente ich dort hatte, können Sie seit ein paar Monaten in diesem Weblog nachlesen.

Wo Dortmund richtig düster ist, finster wie ein Windhundarsch, hat Wolfram Götz mir gestern abend im Deutschlandfunk geschildert. „Warum Dortmunds brauner Sumpf nicht austrocknet“, heißt Götz‘ ebenso lesens- wie hörenswerter „Hintergrund“ über den Einfluß, die Anführer und die Motive der bekennenden Nazis in der Stadt.

Bemüht, polemische Töne zu vermeiden und sich auf die Beschreibung zu beschränken, unterläuft Götz allerdings eine Formulierung, auf die ich im Leben nicht gekommen wäre. Sie betrifft Dennis Giemsch, für den braunen Haufen „Die Rechte“ als Nachfolger des rasch gescheiterten Borussenfrontlers Siegfried („SS-Siggi“) Borchardt in den Dortmunder Stadtrat eingerückt. Giemsch sei in den Stürmerreihen der „Rechten“ deren, Achtung –:

intellektueller Kopf

Das muß Weltrekord sein: drei Paradoxa in zwei Wörtern! Dergleichen kommt wahrscheinlich davon, wenn eins mit Nazis objektiv und fair umzugehen versucht: Man verheddert sich in lauter Widersprüche. (Sonst jedoch ist, siehe oben, dem DLF-Autor ein braves Stück gelungen.)

Photo: Neyisse by Lucyin (Ausschnitt),
via Wikimedia commons (CC BY-SA 3.0)

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Hundstage (1): Der Hl. Franz predigt den Katzen

Montag, 17. August 2015 9:00

Francesco_Katzenpredigt_Aufmacher_01_(c)_Kay_Sokolowsky(Melodie: Robert Gernhardt)


Hört mal bitte auf zu schnurren,
unterlaßt einmal das Murren,
lauscht nicht auf der Tauben Gurren,
faucht nicht, wenn die Hunde
knurren!

Denn ich will euch jetzt was sagen
(Gründe gäb‘s viel mehr zu klagen),
und das müßt ihr stumm ertragen,
nein, ich dulde keine Fragen.

Folgendes will ich verkünden:
In dem Katalog der Sünden
eurer Art ist das Verschwinden
ziemlich obenan zu finden.

Dauernd seid ihr weg. Entlaufen,
mal zum Sport, das heißt, zum Raufen,
mal zum Lustgeschrei und Schnaufen,
mal zum heimlich Kuhmilchsaufen.

Doch der Weg, den ihr genommen,
um ein Vöglein zu bekommen,
ist auf einmal ganz verschwommen.
Klar sehn bloß, mit GOtt, die Frommen!

Weiterbeten

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Es wird wieder Ernst

Donnerstag, 13. August 2015 14:14

HSV-Grabmal_(c)_Kay_SokolowskyHolger Gertz hat einen Tag, bevor der HSV sich zur Eröffnung der neuen Bundesliga-Saison von BayerniMünchen mit ca. 13:0izerlegen lassen wird, deniTrauerfall der schwarzweißen Raute sehr trefflich in der Süddeutschen Zeitung beschrieben. Der Artikel gefällt dem Blogger umso mehr, weil darin die zweitschönste von Kay Sokolowskys herzblutwarmen Happel-Anekdoten ausführlich zitiert wird. Was Sokolowsky – der genauso lang auf der Welt ist (verdient) wie der Hamburger Sport-Verein in der Ersten Liga (unverdient) – außerdem zu seinem Leiderlieblingsklub zu bemerken weiß, können Sie hier, hier und hier nachlesen.

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Dalí lebt (und Uhren schmelzen wirklich)!

Mittwoch, 29. Juli 2015 22:47

 

Dali-Uhr_02_(c)_Kay_Sokolowsky

„Brandblasen-Uhr (El reloj con la quemadura)“

Ein Bild kommt noch

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Meine Party mit Anita

Freitag, 24. Juli 2015 0:00

Anita_O'Day_Tokio_1963_Vidcap_01Dies alte Sehnen, dieses alte Gefühl,
so jung in mir, wie ich längst nicht mehr bin.
So viele Runden um den Heimatstern
zu überstehen, Stücker zweiundfünfzig,
das heißt, das ordinäre Lebensjahr
per Zahlenzauber in das größere,
das Jahr des Lebens zu verwandeln.
Und jedes Annum schrumpft zur Woche –
die Zeit vergeht im Alter schaurig schnell.
(Und was folgt nun? Verlängerung?
—————————-aaaDie zweite Halbzeit? Eher nicht.)

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Abteilung: Discovery Channel, Lieder ohne Werte, Musicalische Ergetzungen, Per sempre addio, Selbstbespiegelung | Kommentare (3)

Mensch Yanis

Donnerstag, 16. Juli 2015 16:08

„Der Euro-Gipfel betont, dass als Voraussetzung für eine mögliche künftige
Vereinbarung über ein neues ESM-Programm das Vertrauen in die griechische Regierung unbedingt wiederhergestellt werden muß.“ [Hervorhebungen: K. S.]
Erklärung des Euro-Gipfels, Brüssel, 12. Juli 2015

„Der Grieche hat jetzt lange genug genervt.“
Thomas Strobl, stellv. CDU-Vorsitzender, 14. Juli 2015


Zur Einstimmung auf diesen Blogpost sollten Sie sich bitte einen Videoclip des erstaunlichen Jan Böhmermann ansehen. Falls Sie die Sache schon kennen – sie ist auch beim zweiten und dritten Mal eminent unterhaltsam, und beim vierten Abspielen fällt einem überhaupt erst die technische Meisterschaft dieser Glam-Hardrock-Ballade und ihrer Inszenierung auf:


Der Held – und ich meine: Held – meines Postings heißt also Yanis Varoufakis. Der emeritierte griechische Finanzminister war in dem Schurkenstück, das seit Februar von Schäuble und seinen Capos aufgeführt wurde, der einzige integre Charakter; der einzige echte Mensch im Kreise der Amtskollegen, dieser Lemuren mit Schlips und Bügelfalten. Varoufakis‘ Klugheit und Sachverstand, seine angenehm zwischen Ironie und Nüchternheit oszillierende Rhetorik und zumal seine Unerschrockenheit vor den Erpressern haben ihm die Sympathie jedes unverblendeten Zuschauers eingetragen. Und die Feindschaft aller, die ihm Eloquenz, Witz, Aufrichtigkeit, Expertise und nicht zuletzt seine Männlichkeit so innig neiden wie sie den Griechen insgesamt ein Leben nicht gönnen.

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The age of assholes

Sonntag, 12. Juli 2015 22:31

Seit einigen Tagen fummle ich mit wenig Eifer und viel Verdruß an einer Polemik. Es soll darin um die Mobilisierung ganz alter deutscher Feindbilder gehen, um einen Pöbel, dem die Demütigung Griechenlands noch lange nicht genügt: Man hat nun Blut geleckt und will mehr davon saufen, am liebsten welsches. Das Problem beim Verfertigen der Glosse besteht allerdings nicht so sehr im Wissen um die Vergeblichkeit, um die Unsichtbarkeit solcher Texte in einer medialen Öffentlichkeit, die den ökonomischen Vernichtungskrieg gegen Griechenland verkauft wie eine moralische Pflicht und den Feldherrn Schäuble dafür feiert, daß er am liebsten Puerto Rico gegen den unterworfenen Staat, diese Nation renitenter Schmarotzer eintauschen würde.

Das Problem für den Blogger liegt in der kalten Schnauze, dem unverhohlenen Chauvinismus, dem offenen Rassismus, die vom Reichssiggi Gabriel über Mietmäuler wie Rolf-Dieter Krause bis hinab zum Ottonormalen mit Inbrunst geübt werden. Wie ungebrochen eine Tradition, die 1871 begann, weiterhin in Deutschland waltet und wie – und daß – sie abermals triumphieren darf … Das überrascht selbst einen altgedienten vaterlandslosen Gesellen wie mich, überrascht mich wie ein Hieb in den Magen. Da bleibt einem bekanntlich die Luft weg und werden die Augen trüb, fast so trüb wie die weiteren Aussichten für Europa.

Zum Glück gibt es Jan Böhmermann und Klaas Heufer-Umlauf. Sie haben den Schneid, das, was Bild, Focus, Welt, FAZ, Stern und der öffentlich-rechte Schmerzkeks Nuhr an Diffamierungen, Unterstellungen und Geifer verbreiten, als genau das kenntlich zu machen und das eingeborene Publikum zu mahnen, sich „ausnahmsweise nicht wie Arschlöcher“ zu benehmen. Diese brillanten 174 Sekunden wiegen mindestens zehn ellenlange „Abfall“-Postings auf, und ich kann mich bei Böhmermann und Umlauf nur hochachtungsvoll dafür bedanken, daß sie ihre Aufgabe weit besser erfüllen als ich.

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Abteilung: Kaputtalismus, Man schreit deutsh, Qualitätsjournalismus | Kommentare (2)