Die beste aller Welten (6)

Mittwoch, 23. April 2014 0:34

Aus einer Reportage – einem Meisterstück – von Christoph Hein in der FAZ:

„Das Essen war schrecklich. Jeden Tag der gleiche Brei. Oft war er verdorben“, erzählt Vasugi. „Manchmal fanden wir Kakerlaken darin. Manchmal haben die Männer ihre Zigarettenkippen hineingeworfen. Satt sind wir nie geworden.“ Vasugi war 13 Jahre alt, als ihr Vater sie einem Agenten der Textilfabrik übergab.

[…]

Die Fabrik ist von drei Meter hohen Mauern umgeben. Die Fenster zur Straße sind vergittert. Drinnen rattern unter dem fahlen Neonlicht Hunderte von Spindeln. Es ist mehr als 40 Grad heiß hier, laut. Gut 800 Menschen arbeiten in den Hallen. Vasugi wurde ihr Schlafplatz gezeigt, in einer der Baracken auf dem Hof. Zwölf Frauen in einem Raum voll Matratzen. „Im Monsun hat es hereingeregnet. Die Aufseher haben uns mit der Trillerpfeife geweckt. Für die Morgentoilette blieben uns fünf Minuten. Wir waren immer nach den Männern dran. Die haben sich einen Spaß daraus gemacht, uns beim Schlangestehen anzumachen, uns zu quälen.“

[…]

90 Prozent der Arbeiterinnen seien schon unterernährt, wenn sie kämen, sagt [der Arzt Jagadesh Kumar]. Viele hätten Tuberkulose und schon vorher Atembeschwerden, obwohl sie auf dem Land groß wurden. […] Und die Selbstmorde hinter den Fabrikmauern? „Nein, davon habe ich hier noch nichts gehört“, sagt der Arzt. Dann hat er es eilig, das Gespräch zu beenden.

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The Happy Eggheads in: Osterspaziergang

Sonntag, 20. April 2014 0:29

Easterparade_01_(c)_Kay_Sokolowsky

FRAU S. Guck mal! Nun guck doch mal!
HERR S. Was denn? Da ist doch nichts.
FRAU S. Da! Auf dem Löwenzahn!
HERR S. Oh. Ein Schmetterling.

Easterparade_02_(c)_Kay_Sokolowsky

FRAU S. Ein Pfauenauge ist das. Ein Tagpfauenauge!
HERR S. Woher willst du das wissen?
FRAU S. Das weiß man doch.
HERR S. Ah ja? Mir ist dieses Tier unbekannt.
FRAU S. Und deshalb weiß ich nicht, wie es heißt? Willst du das sagen?

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Popanz-Trio (3): Schmock ‚ n ‚ Schmoll

Dienstag, 15. April 2014 23:08

Das Problem im Umgang mit Popanzen ist der Umgang: Man sollte ihn gar nicht pflegen. Über sie bloß zu reden, gesteht diesen Gestalten eine Bedeutung zu, die ihnen nicht gebührt, denn außer im Gerede besitzen sie keine. Ihre Nullität verschwindet, sobald sie beachtet werden. Allein dieser paradoxen Quantenschweißphysik verdanken Nullsummen wie Alice Schwarzer oder Thilo Sarrazin eine Existenz in der veröffentlichten Welt.

Wenn ich also beim Spiel mitmische, das sie viel besser beherrschen als ich, beim großen Arschposaunen also, werden immer nur sie gewinnen, egal wie sehr ich mich bemühe, sie niederzuringen. Ich bin bloß der Spielverderber.

Henryk M. Broder beleidigte mich mal als „von Neid zerfressenem Autor“, nachdem ich ihn polemisch zergliedert hatte. Das haftet seither an mir wie Taubenscheiße, obwohl ich auf nichts weniger neidisch bin als auf die Existenz als Pausenclown, wie Broder einer ist. Mich gruselt‘s vielmehr davor, so zu werden – so vorhersehbar, so selbstzufrieden, so publikumsgeil wie die Popanze der hierzulande herrschenden Meinung.

Die polemische Auseinandersetzung mit den Vollpfosten, die für „streitbare Geister“ und womöglich Intellektuelle gehalten werden, obschon ein Intellekt sie niemals quälte, ist dennoch nicht verzichtbar. Denn am Ende geht es immer ums Publikum, das solche Vögel groß werden und sich von ihnen die Lieder krächzen läßt, die es am liebsten hört. Wenn ich also einen Popanz beschimpfe, dann meine ich damit immer auch die Hunderttausende, die die Buchstabensuppe dieser Hilfsköche lieber auslöffeln als, sagen wir mal, die erlesenen Speisen eines Hermann Gremliza, Eckhard Henscheid oder, äch-hämm, Gert Ockert.

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Dich singe ich, Frühling!

Montag, 14. April 2014 23:56

Der Sänger im Lenz und die Dornen der Dichtkunst (Symbolphoto)

Der Sänger im Lenz und die Dornen der Dichtkunst (Symbolphoto)

Wenn sich „Schnee“ auf „passé“ reimt, „atemlos“ auf „Augen groß“, „Schatz“ auf „Katz‘“, „Dach“ auf „Krach“ und „Luft“ auf „ruft“, dann ist man entweder auf einen Poetry-Slam geraten oder ins örtliche Anzeigenwochenblatt, die Luruper Nachrichten. Auf Seite 10 der Ausgabe vom 9. April legen zwei Herren, Doktoren gar, sich mit dem Grundgesetz des Dichtens an, das wie folgt lautet: Man kann es oder man kann es sein lassen. Und sie scheitern natürlich dabei.

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Der schreckliche Iwan (5): April, April! – Oder?

Mittwoch, 2. April 2014 0:35

Dahinter steckt immer ein, äh, Kopf (Symbolphoto)

Aprilscherze waren, seit es sie gibt, noch nie zum Lachen. Zum Heulen sind sie, wenn Journalisten sich ihrer annehmen und – einer sehr überflüssigen Tradition folgend – die Zeitungen damit bestücken.

Manchmal kann man diese Scherze sogar zum Kotzen finden. Etwa gestern, am 1. April 2014, als Berthold Kohler, Mitherausgeber der FAZ, notierte, warum Wolfgang Schäubles Warnung vor Wladimir Putin als Wiedergänger Adolf Hitlers erstens gar kein Vergleich des einen Unholds mit dem anderen gewesen und zweitens falsch gewesen sei. Und zwar deshalb:

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Abteilung: Der schreckliche Iwan, Man schreit deutsh | Kommentare (1)

Warum Tobacco und Alcohol des Teufels sind …

Sonntag, 30. März 2014 23:40

… und wie mich heute abend ein Tankstellenkassenbon darauf aufmerksam machte:

Doch was hab‘ ich daraus gelernt? Genau. Ich geh jetzt eine rauchen. Prost!

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Der schreckliche Iwan (4): Es wirkt bizarr

Donnerstag, 27. März 2014 1:29

Schwarzweißdenken im DSCHUNGEL (Sympholboto)

Nein, die folgenden Kursivsequenzen stammen nicht aus der Welt. (Die sich neulich nicht zu blöd war, das widerwärtige Mord- und Brandgeifern der sauberen Frau Timoschenko mit Hinweis auf die Verschlagenheit des Putin-Russen zu relativieren: „Das Gespräch wird jetzt ohne Zweifel von russischen Medien genutzt, um unter den Russen in der Ukraine Stimmung gegen Timoschenko und die neue Regierung in Kiew zu machen.“)

Die folgenden Zitate stehen vielmehr in einer Wochenzeitung, die sich selber eine „linke“ nennt, obwohl einigen ihrer Autoren und Redakteure dies eher peinlich sein dürfte. Kenner der Melodie werden den Verfasser schnell erraten, alle anderen dürfen sich über eine ordentliche Ladung übler Nachrede freuen, die genauso auch von Elmar Brok, Marieluise Beck oder Sigmar Gabriel stammen könnte:

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Der schrecklich kluge Iwan

Samstag, 22. März 2014 2:00

Eddie versucht vergeblich, wie Putin auszusehen (kein Symbolphoto)

Als einsame Stimme der Vernunft unter lauter Eiferern fiel Iwan Rodionow, Chefredakteur der russischen Nachrichtenagentur Ruptly, vor einigen Tagen in der Krawall-Show Hart aber fair angenehm auf. Konfrontiert mit diesem ebenso unaufgeregt wie durchdacht argumentierenden Mann, erwies Frank Plasberg sich als ein Moderator, neben dem Markus Lanz geradezu wie ein Moderater wirkt. (Das „Propagandaschau“-Blog des Freitag hat die Fisimatenten und Fiesheiten der Sendung ordentlich detailliert und außerordentlich angeekelt beschrieben.)

Plasberg jemals wieder für einen objektiven Journalisten zu halten, sollte spätestens jetzt jedenfalls nur noch anderen objektiven Journalisten gelingen. Solchen etwa wie dem Lakaien von Bild.de, der seine Sendungskritik derart überschrieb: „Russen-Journalist blamiert sich bei Plasberg“. (Rodionows „Blamage“ bestand darin, die Begeisterung der Krimbewohner für einen Anschluß an Russland mit dem Ruf der Ostdeutschen 1989 nach der Wiedervereinigung zu vergleichen. Es gehört sich natürlich nicht, slawische Untermenschen mit unsereins zu vergleichen.)

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