Man schreit deutsh (4): Zwischen Danzig und Gdansk

Montag, 18. Juni 2012 10:41

Oliver Fritsch hat für die Online-Ausgabe der Zeit aufgeschrieben, was seiner Ansicht nach von Lukas Podolskis Leistungen bei der Europameisterschaft zu halten sei („Mit Vollspann und Gangstafaust“). Ein Artikel aus dem Ressort Fußball-Feuilleton – viel Geraune, noch mehr Spekulation, reichlich Küchenpsychologie und das alles in einem Stil, der auf originell gebürstet ist und doch bloß Blüten treibt wie diese: „Podolski fällt manchmal in ein altdeutsch anmutendes Vollspanndasein zurück.“ Wieviel schöner dagegen das Vollpfostendasein eines neudeutschen Sportjournalisten!

   Aber es soll hier nicht um Fritsch und nicht einmal um Podolski gehen, sondern darum, wie schnell ein Online-Forum, das sich eigentlich dem Spieljubiläum des Fußballers und seiner Zukunft in Joachim Löws Mannschaft widmen sollte, zur Bühne für altdeutsch nicht bloß anmutendes Vollhorsttum, für erzteutonische Selbstgerechtigkeit, Geschichtsklitterung und Arroganz werden kann. Es beginnt mit einer etwas sauertöpfischen, doch berechtigten Kritik von „Wolfram W“:

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Man schreit deutsh (3): Letzte Worte zum Flaggezeigen

Sonntag, 17. Juni 2012 13:30

Aus Garth Ennis‘ exzellenter Comic-Serie The Boys den dritten Band Herogasm wiedergelesen und dabei respektvoll die Sätze aufgesammelt, die Mother’s Milk, mein liebster Boy, über die exzessive Verwendung von Nationalsymbolen äußert:

Je mehr man die Flagge schwenkt, desto weniger Bedeutung hat sie. Desto weniger denkt man darüber nach. Und nimmt man sie erst zum Einpacken oder trägt sie wie ’nen Scheißanzug … Shit. Dann bedeutet sie bald gar nichts mehr.

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Timmi und die Arkonigel (2)

Sonntag, 17. Juni 2012 0:15

Was bisher geschah.

Etwas ärgerlich weckte ihn Konrad. „Du bist mir ein feiner Komplize“, sagte er, und seine Piepsstimme klang erschreckend. (Nun ja, vielleicht für eine andere Maus.) „Was hast du mitgebracht?“ fragte Timmi, blitzschnell hellwach. – „Erst den Käse!“ – „Nein“, sagte Timmi, „erst das Buch!“ – „Den Käse!“ – „Das Buch!“

   So ging es einige Zeit und immer lauter hin und her, bis der Amselmann, der in der alten Eiche an der Straße wohnte, sich mit einem Zorngesang meldete, weil die Kraucher einen solchen Krach veranstalteten. Andere, ernsthafte Bürger müßten früh raus und hätten ja wohl verdient, in der Nacht ruhig schlafen zu dürfen! Konrad und Timmi pfiffen beziehungsweise schnauften zurück, der feine Herr solle bloß den Schnabel halten, es sei ja kaum auszuhalten, was er in letzter Zeit gesungen habe. Denn der Amselmann hatte kürzlich ein Faible für die Zwölftonmusik entdeckt, und mit solchen Tönen sind einfache Säugetiere maßlos überfordert.

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Man schreit deutsh (2): Die Tintenfahne

Samstag, 16. Juni 2012 14:00

Wo sitzt der Nationalist, wenn er sich auf die Nation verläßt? Richtig, in der Tinte. Wahrscheinlich geht dem Online-Versand Tinte.de die Subversion ab, an so was zu denken. Aber bei der aktuellen Werbe-Offerte dieses Shops für Druckerzubehör kommt ein vaterlandsloser Gesell wie ich gar nicht umhin, den Zusammenhang zwischen Chauvinismus und zäher Schmiere herzustellen:

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Alice in love

Samstag, 16. Juni 2012 13:30

Vor der Macht der Liebe sind auch die Mächtigen nicht gefeit: Alice Schwarzer, Andrea Nahles, Ursula von der Leyen, Margot Käßmann und Claudia Roth berichten, wie Amors Pfeil ihre Herzen verwundete. Als Ghostwriter der intimen Bekenntnisse war Kay Sokolowsky exklusiv für die „Taz“ dabei.

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Bored beyond belief (2): Onkel Emma

Freitag, 15. Juni 2012 10:59

Meine Lieblingsladenwerbung im Hamburger Westen schmückt ein Haus an der Schenefelder Landstraße. Die Reklame ist auf den Fallwimpel einer blauweiß gestreiften Segeltuchmarkise gepinselt, die den Eingang zu einem nicht besonders großen, nicht besonders modernen Kiosk vor der berüchtigten Hamburger Sonne schützt. Gegenüber residiert der FTSV Komet Blankenese, der trotz imposanter Trainingsanlage noch keinen einzigen berühmten Fußballer hervorgebracht hat, dafür aber ordentlich Laufkundschaft in den Laden schwemmt.

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Man schreit deutsh (1): Die Bier-Bewegung

Donnerstag, 14. Juni 2012 12:00

Hat das ZDF die Übertragungshoheit für den EM-Spieltag inne, ist dem Dreck nicht zu entkommen. Nein, ich meine nicht die Müller-Hohenstein mit ihrem schaumweinsauren Dauerfrohsinn oder ihren mühsam die Nullworte zwischen den Bulldozerkiefern zermalmenden Kompagnon Kahn, obwohl die Zumutung durch dieses dämonische Duo eine der ärgsten ist. Der echte Dreck kommt vom Megasponsor Bitburger und versammelt so ziemlich alles, was es mir unmöglich macht, mich über Siege der deutschen Nationalmannschaft zu freuen. Obwohl ich gegen dieses Team inzwischen, nach drei Jahrzehnten Abscheu, gar nichts mehr habe – polyglott und arschgeigenarm, wie es sich heuer präsentiert, mindestens eine Million Lichtjahre entfernt von Knüppeln wie Andreas Brehme und Hans-Peter Briegel, von Unsportsmännern wie Harald „Toni“ Schumacher und Paul Breitner.

   In dieser Mannschaft läuft niemand herum, den ich hassen könnte oder anspucken möchte, und wenn sie gewinnt, dann nicht aus Dusel oder dumpfem Wahn, sondern einfach, weil sie es draufhat. Aber zwischen meine Sympathie für das Spiel, das Joachim Löw ihnen beigebracht hat, und für die freundlichen Auskünfte, die die Spieler erteilen, stellt sich weiterhin das Gehabe der Fanatiker, das Dauergekeif eines Béla Réthy, das Schwarze, das Rote und das Goldene. Und genau darauf, aufs Eklige am deutschen Fußball, hebt der EM-Werbespot von Bitburger ab.

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Alfred Brehm beschreibt den Dachs

Sonntag, 10. Juni 2012 14:54

DACHS (MELES TAXUS) […] Er lebt einsam in Höhlen, welche er selbst mit seinen starken, krummen Krallen auf der Sonnenseite bewaldeter Hügel ausgräbt, mit vier bis acht Ausgängen und Luftlöchern versieht und innen aufs bequemste einrichtet. Die Haupt-wohnung im Baue, der Kessel, zu welchem mehrere Röhren führen, ist so groß, daß er ein geräumiges, weiches Moospolster und das Thier selbst nebst seinen Jungen aufnehmen kann. […]

   Vorhölzer, welche nicht weit von Fluren gelegen sind, ja sogar unbewaldete Gehänge mitten in der Flur werden mit Vorliebe zur Anlegung dieser Wohnungen benutzt; immer aber sind es stille und einsame Orte, welche der Einsiedler sich aussucht. Er liebt es, ein beschauliches und gemächliches Leben zu führen und vor allem seine eigene Selbständigkeit in der ausgedehntesten Weise zu bewahren. […]

   In diesem Baue bringt der Dachs den größten Theil seines Lebens zu, und erst, wenn die Nacht vollkommen hereingebrochen ist, verläßt er ihn auf weitere Entfernung. In sehr stillen Waldungen treibt er sich während des Hochsommers auch wohl schon in den späteren Nachmittagsstunden spazieren gehend außen umher, und ich selbst bin ihm in der Nähe von Stubbenkammer auf Rügen am hellen, lichten Tage begegnet; solche Tagesausflüge gehören jedoch zu den Ausnahmen. […]

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