Schlz und der Wettkönig


Die Aggressivität der Hauptstadtkorrespondenten wird immer irrationaler.
Sie haben ein anderes Ergebnis vorhergesagt. Und sie haben ein anderes gefordert.
Doch die Mehrheit der SPD-Mitglieder wollte nicht folgen. Dafür werden sie jetzt
mit „Analysen“ bestraft.

Timo Grunden via Twitter, 1.12.2019


Ich hab also recht behalten, mal wieder. Anders als meistens bin ich diesmal zufrieden mit meiner Rechthaberei. Der von allen Qual.medien ausgemachte Favorit und Retter Schlz samt seiner Alibifrau Geywitz haben es trotz einer konzertierten Kampagne der Seeheimer Kreisritter mit den staatstragenden Medien nicht gepackt, den SPD-Vorsitz an sich zu raffen.

Ob Saskia Esken und Norbert Walter-Borjans der Sozialdemokratie das Soziale und die Demokratie wieder beibringen können, ob die Verlierer der Stichwahl sich fair verhalten und auf dem Parteitag am kommenden Samstag den Willen der Basis respektieren werden – das will ich ein ander Mal betrachten. (Ich erwarte wenig Erfreuliches.)

Einstweilen ergötze ich mich deshalb an der beleidigten Visage Schlzens und der Blamage der selbsternannten Durchblicker in Presse, Funk & Fänsän. Pars pro toto sei hier der nicht unsympathische, aber regelmäßig danebenliegende Schnacker Albrecht von Lucke zitiert. Weil seine Verbindungen in die öffentlich-rechtlichen Sendeanstalten über die Jahre richtig dicke gewachsen sind, schadet es ihm bestimmt nicht, daß er so was von keine Ahnung hat. Peinlich sollte Lucke dennoch sein, was er am 29. November, einen Tag vor der Niederlage Schlzens, beim NDR rausblies:

Ich gehe sehr fest davon aus, dass am Ende Olaf Scholz und Klara Geywitz gewinnen werden. […] Die Rechnung, auch der Jusos, daß sich am Ende die linken Stimmen alle hinter der Paarung Saskia Esken und Norbert Walter-Borjans versammeln würden, ging [sic!] nicht auf. Ich glaube, daß die großen Fehler, auch gerade von Walter-Borjans, dazu geführt haben [sic!], daß die Mitglieder der SPD doch eher ins Scholz-Lager getrieben wurden [sic!].

Schon bzw. schön blöd, daß die Mitglieder der SPD einfach nicht auf Fachleute wie Lucke hören wollten.

Auf mich wiederum hört in den Qual.medien keiner. Was zwar meine Eitelkeit, aber weit mehr noch die Kompetenzbehauptung der „vierten Gewalt“ ankratzt. „Ja, hättet ihr mal lieber mich gefragt“, sage ich daher in gerechter Überheblichkeit, „dann würdet ihr jetzt nicht wie die letzten Deppen dastehen!“ Aber sie fragen mich nie, ganz gleich, wie oft ich recht habe. Blamiert zu sein ficht echte Qual.redaktoren und -törinnen nämlich nicht an. Sie bleiben ignorant und zum Lohn im Brot.

Falls Sie, liebe Leserin, werter Leser, nun vermuten, ich sei tatsächlich, wie der berühmte Menschenhasserkenner Broder meint, ein „vom Neid zerfressener Autor“, dann liegen Sie richtig. So richtig wie „Unlucky“ Lucke oder die stellvertretende Ressortleiterin Politik, Wirtschaft und Gesellschaft bei „Zeit online“ Lisa Caspari:

Ob Walter-Borjans und Esken es angesichts ihrer bisher gedämpften Performance dann in die Stichwahl schaffen, halten auch Unterstützer daher aktuell nicht für ausgemacht.
Zeit.de, 15.9.2019

Daß die grundfalschen, von Empirie unbefleckten Prognosen Lisa Casparis ihrer Karriere nicht schaden, sondern nutzen werden, halte ich für ausgemacht. – Ach! all die beflissenen Opportunisten, die gestern noch angaben zu wissen, welche Kleider der Kaiser heute trägt. Und dann zieht er blank. – Schon morgen jedoch werden die Angeber wieder das Blaue vom Himmel orakeln, und sie werden quakeln, als wär nichts und nie was geschehen, und nur im Abfall wird man noch sehen können, warum Hauptstadtkorrespondenten und andere Experten echt nicht das Gelbe vom Ei sind.

Mit Robert Walser zu seufzen:

Ich war ja selber oft schon schnoddrig und weiß aus Erfahrung, daß man absolut nichts denkt, wenn man sich gewagte Äußerungen herausnimmt.
Der Räuber

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Die große Schlz-Serie im „Abfall“:
Schlz der Retter (1 von 3)
Schlz der Retter (2 von 3)
Schlz der Retter (2 1/2 von 3)
Schlz und die Wettquoten
Schlz der Retter (3.1 von 3)

Photo (Ausschnitt): „Wuppertal, Marienstr. 108,
EG-Fenster, Gartenzwerg, Bild 2“, by ImFokus [CC BY-SA 4.0],
via Wikimedia commons


Dienstag, 3. Dezember 2019 22:48
Abteilung: Kaputtalismus, Qualitätsjournalismus, Selbstbespiegelung

5 Kommentare

  1. 1

    Die deutsche Wirtschaft reagiert schockiert auf die Nominierung – schreibt die „Welt“.
    Werden deshalb vllt. die wenigen Tage bis zur Wahl genutzt, die Journaille in Stellung zu bringen und aus allen Rohren dagegen zu feuern (Entschuldigung für die milit. Metapher)? Zu meiner (!) Überraschung beteiligte sich sogar das bisher von mir als sehr kritisch und aufklärerisch gewertete TV-Magazin „frontal 21“ gestern an dem allgemeinen Borjans/Esken-Bashing. Da war man allerdings so geschickt und ließ einen Prof. Walter Merkel als Mietmaul die angeblichch persönlichen Unzulänglichkeiten über Frau Esken absondern.
    Ab Min. 3:00:
    https://www.zdf.de/politik/frontal-21/spd-regierung-oder-opposition-100.html
    Bei so einer kampagnenförmigen Art der Meinungsmache kann man schon fast von einer Gleichschaltung der Leitmedien reden. Ich glaube, dass H. Gremliza einmal dazu schrieb, dass die Pressemeute sich weder abspricht noch im Auftrag schreibt, geschweige denn, dass es sich um eine Verschwörung handelt. Derartige Elaborate werden aus tiefster innerer Überzeugung verfasst.
    Bei dieser Gelegenheit auch mal ein Dankeschön für die zeitnahen ausführlichen und gut recherchierten Texte zu diesem Thema einschließlich der richtigen, wenn auch für mich bis dato zweifelhaften, Prognose. Ich kann mich noch gut an Wochen des Stillstandes auf diesem Blog erinnern, als sich bei mir schon Entzugserscheinungen bemerkbar machten. 😉

    Schön wär’s ja, wenn Saskia Esken über Wolfgang Merkel im ZDF so abledern dürfte wie dieser opportunistische Laberkopp über sie. „Wolfgang Merkel wirkt auf mich wie die Symbolfigur deutscher Universitätspolitologie: einfältig, verkatert, ahnungslos, uncharismatisch, ideenfrei, insgeheim selbstverhaßt. Nur mein Eindruck!“ – Danke für den Hinweis! KS

  2. 2

    Die Historiker müssen’s jetzt richten.
    Im Interview mit der Neuen Zürcher sagt der deutsche Historiker Jürgen Kocka heute: Die Wahl von Saskia Esken und Norbert Walter-Borjans sei «ganz sicher» auch Ausdruck eines generellen Misstrauens gegenüber professionellen Karrierepolitikern, was, so weit man diese am Werk sieht und so weit man den Begriff „professionell“ in seinem Zwielicht belässt, nicht falsch sein mag. Und weiter meint Kocka mit feiner Ironie: «Mir scheint, dass das Leben abseits der Macht für viele Sozialdemokraten noch immer eine attraktive politische Existenzform darstellt.» Wie viel Nähe zur „Macht“ wäre aber noch erforderlich, damit „viele“ nicht ins Abseits geraten? Unsere Historiker verstehen es, in Widersprüchen zu denken.

    Gut, daß Kocka nicht mehr unterrichten und prüfen darf. Was für ein aufgeblasener, von keiner Ahnung befleckter Schwafelhannes! Würde Kocka sich für die Realität außerhalb der Zeitungen interessieren, wüßte er, daß das „generelle Mißtrauen“ gegen „professionelle Karrierepolitiker“ nicht einfach deren Professionalität gilt.
    In der Postdemokratie kann kein Politiker Profi werden und Karriere machen, ohne sich einem System der Bestechung und Speichelleckerei zu unterwerfen. DAHER rührt das Mißtrauen. – Prof. Kocka weiß weniger über das waltende System als Millionen nichthabilitierte Nichtwähler. Die, da bin ich sicher, nichts dagegen hätten, Macht zu haben, oder wenigstens die Hoffnung, irgendwann mächtig zu sein. KS

  3. 3

    Alle Ihre Texte über die aktuelle Lage der SPD habe ich komplett durchgelesen und ich lebe nicht mal in Deutschland. Und das liegt selbstverständlich an Ihnen und nicht an der SPD. Sie könnten auch über Fusspilz schreiben und es wäre lesenswert.

    Sie verstehen es, einem Autor zu schmeicheln. Vielen Dank dafür, ich bekomme nie genug von Lob, zumal so schön formuliertem wie Ihrem! – Über Fußpilz werde ich allerdings nicht so bald schreiben. Vielleicht über Hühneraugen. KS

  4. 4

    Lieber Herr Sokolowsky, in Ihrer Nachbemerkung zu Kommentar Nr. 2 versuchen Sie sich mit dem Gedanken daran zu trösten, dass Jürgen Kocka nicht mehr unterrichten und prüfen darf. Schön wär’s! Doch leider bleibt Ihnen auch dieser äußerst schwache Trost verwehrt: Kocka ist zwar inzwischen Emeritus, darf als solcher an seiner Universität aber nach wie vor – so er es möchte – Vorlesungen halten und Menschen zu Doctores machen, dass die Schwarte kracht. Ob er’s tatsächlich tut, weiß ich nicht, aber ich fürchte, dass ihm die Fähigkeit, es auch mal gut sein zu lassen, ebenso abgeht wie den meisten gelahrten Feuilletonlieblingen dieses Schlages.

    Lieber Herr Lenhardt: Es ist oft nicht angenehm, der Wahrheit ins Gesicht zu sehen, aber ich danke Ihnen, daß Sie mir diesen Anblick nicht erspart haben. Da Sie sich ja offenbar auskennen, eine Frage: Müssen die Prüflinge den emeritierten Prof. denn auch akzeptieren? KS

  5. 5

    Komisch,bei mir wäre es eher umgekehrt…ich würde Deutschland durchaus wegen der SPD verlassen, keinesfalls aber Ihretwegen…tzzz,tzzz..so sind die Menschen verschieden

    Ich steh vielleicht ein bißchen auf dem Schlauch, aber … Ich verstehe Ihren Kommentar auch beim dritten Lesen nicht. Bitte um Aufklärung! KS

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