Schnipsel: 21. November 2018


Nutz und Nullität der EEG-Diagnose
Im Radio erzählt mir ein Neurologe, daß chronische Schlafstörungen oft eine Depression zur Folge hätten und schon deshalb behandelt gehörten.

Was aber, wenn jemand nicht schlafen kann, weil er deprimiert ist?

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Zweihundertzweiundzwanzig Jahre nach Knigges Tod
Wie verängstigt manche Leute mich ansehen, wenn ich nett zu ihnen bin! Als fürchteten sie einen Haken, wenn ich ihnen die Tür aufhalte. Wenn ich eine aus ihrer Tasche gerutschte Münze aufhebe und überreiche. Wenn ich ihnen an der Kinokasse oder Bushaltestelle den Vortritt lasse. Wenn ich sie für einen Rempler um Entschuldigung bitte. Oder sonstwie die Reste meiner guten Manieren zusammenkratze. Weshalb, meine Güte!, haben diese Leute einen Panikglimmer in den Augen, wenn ich ihnen ein winzig bißchen helfe?

Weil ich so bedrohlich aussehe? Ich? Mit meinen 1,74 Meter im Schatten und 78 Kilo am Morgen und der Bücherwurmbrille auf der Nase? Welche, meines Erachtens, eine echte Bonhomie-Nase ist, ein Signum der Harmlosigkeit, sofern Cyrano de Bergerac, der von der Angelegenheit viel verstand, recht hat:

Eine große Nase ist das Zeichen eines geistreichen, ritterlichen, liebenswürdigen, hochherzigen, freimütigen Mannes und eine kleine ist ein Zeichen des Gegenteils.

Woher also dieser halb erschrockene, halb mißtrauische Blick mancher Menschen, wenn ich sie wie Menschen behandle? Weil sie dergleichen in der Hartz-IV-Gesellschaft schlicht nicht mehr gewohnt sind? Weil diese Höflichkeitsabwehrer sich selber unentwegt wie die letzten Kopeiken aufführen und jeden für einen Freak halten, der nicht so fies ist wie sie? Weil meine Schuhe dringend geputzt werden müßten?

Vielleicht weiß mein hochgescheites Publikum eine Antwort. Ich halte die Tür dafür auf.

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The Power of Laugh
Beim rituellen Spaziergang durch die Osdorfer Feldmark die Kopfhörer umgeschnallt, Anita O‘Day gehört und herzlich gelacht, als ich im Song „As Long as I Live“ diese Verse [von Harold Arlen] höre:

Eat an apple every day
and see the doctor anyway

Das ist, was ich an brillanten Witzen liebe: In elf Wörtern steht der ganze Schopenhauer (und außerdem alles, was eins über gute bzw. gut gemeinte Ratschläge wissen muß). Und dazu die Eleganz, der lässige Humor der Musik (an der Gitarre: the one and only Barney Kessel) – aaach!:


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What a Little Moonlight Can Do
Kürzlich sah ich mit der Liebsten „First Man“ („Aufbruch zum Mond“) von Damien Chazelle, und als wir aus dem dunklen Kinosaal in die dunklere Nacht zurückkehrten, fühlten wir uns beide, wie soll ich sagen? Verzaubert? – Tief gerührt jedenfalls, bewegt, begeistert, im schönsten Sinne verstört, weich bis ins Mark.

Da die Liebste und ich die erste Mondlandung als eine der großartigsten Erfahrungen unserer blutjungen Jahre im Gedächtnis haben, sind wir – auf unsere Art – recht kritisch in den Vorführsaal gegangen. Haben nicht erwartet, daß unsere Bewunderung für Neil Armstrong in Chazelles Film angemessen reflektiert wird. Sind aufs Dümmste und aufs Schlimmste gefaßt gewesen. Und wurden aufs schönste und schlauste eines Beßren belehrt.

„First Man“ ist die erste angemessene Hommage an den größten Abenteurer des 20. Jahrhunderts, an einen Helden, den unsereins Mondwanderer immer schon verehrten, und den wir – dank Ryan Goslings grandios zurückhaltender Schauspielerei – nun sogar lieben können.

Eine gute Stunde später, heimgekehrt, gehe ich auf den Balkon, um zu rauchen wie seinerzeit Jan Armstrong, die tapferste Frau der Welt, als ihr Mann mal wieder knapp dem Testflugtod entronnen war. Noch im Türrahmen rufe ich der Liebsten zu: „Komm mal her!“ Und dann schauen wir ehrfürchtig, wissend, glücklich hinauf zum platinblond leuchtenden Halbmond über den Bäumen. Und wir schwimmen im Meer der Stille, zwischen Himmel und Erde.

Einen humaneren Film über die Mondlandung und den Ersten Mann dort oben hat es nie gegeben. Ich bin über die Maßen dankbar dafür, daß ein visuelles Genie wie Damien Chazelle, 16 [!] Jahre nach der Großtat geboren, sein Talent diesem Armstrong, diesem Höhepunkt menschlicher Möglichkeit gewidmet hat, ohne der Versuchung zu verfallen, bei der Gestaltung anachronistisch zu werden. Chazelle hat sich in eine Zeit, eine Gesellschaft eingefühlt, die weit vor seiner eigenen Geschichte lagen, er hat den Geruch einer Ära für die Nachgeborenen neu erzeugt. Und das ist vielleicht das Größte, was irgendein Künstler vermag. Sollte ich Mr. Chazelle mal begegnen, ich sänke auf die Knie, ergriffe seine Hand und stammelte: „Sie haben mir den Film gegeben, auf den ich seit 1969 gewartet habe. Sie haben verstanden, was die erste Mondlandung war.“

Nicht minder dankbar bin ich dem Kameramann Linus Sandgren, der uns die Klaustrophobie dieser lächerlich kleinen NASA-Kapseln so beklemmend fühlen läßt wie nicht mal sein Kollege Dean Cundey in „Apollo 13“. Sandgren rückt den Personen des Dramas dicht auf die Pelle, ohne sie und ihre Würde ein einziges Mal zu verletzen. Und er schafft es, die Anmutung dokumentarischer Filmbilder zu erzeugen und gleichzeitig eine Aura wie aus Götter- und Heldensagen über die Bilder zu legen. Sandgren, ein Genie wie sein Regisseur, geht mit der Kamera um, als wäre sie ein Auge ohne Körper, ein Werkzeug ohne Schwerkraft.

Die Faschisten Marco Rubio und Donald Trump haben ihren faschistischen Anhängern befohlen, „First Man“ zu meiden, weil darin nicht gezeigt wird, wie Neil und Buzz das Plastiksternenbanner in den armen alten Mond spießen. Weil überdies der Erste Mann von einem Kanadier dargestellt wird. Und da weder Rubio und Trump noch ihre Troglodyten einen Schimmer davon haben, was am Flug der „Eagle“ überwältigend, weltvereinend war, über alle Grenzen hinaus groß und schön, beschmutzen sie mit ihrer Polemik nicht nur Chazelles Meisterwerk, sondern zugleich die Mondmission selbst. Hätten sie den Film gesehen, was sie nicht taten, sie, diese gemeingefährlichen Menschenfeinde, sie hätten evtl. eine Ahnung bekommen, weshalb dies die nobelste Tat des US-Imperiums war, eine Apologie geradezu für den Yankee-Imperialismus.

Würden die faschistischen Evangelikalvollidioten sich für Wissenschaft interessieren (statt sie verächtlich zu machen), würden diese chauvinistischen Soziopathen die ideale Humanität, die in Armstrongs Spruch beim Betreten der Mondoberfläche konserviert ist, so ernst nehmen wie den lachhaften Scheiß der Mondbeflaggung … Nun, sie müßten sich selber in Stücke reißen wie das Rumpelstilzchen und in stinkendem Qualm vergehen.

Chazelle hat in seinem unerhört klugen Film das Amerika, das auch für mich mal „eine leuchtende Stadt auf dem Hügel“ (B. Obama) war, wieder erstehen lassen. Mein ideales Amerika. Meine idealen Amerikaner. Eine Utopie, die wahr wurde für einen magischen Tag, eine kostbare Stunde, eine Weltsekunde.

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Cumming-out
„Zeit online“ meldet am 16. November in dicken Lettern dies:


Mein erster Gedanke: „Öhm … Wann denn sonst?“ Mein zweiter: „Ist das die Erotik der Macht?“ Mein letzter: „Bin ich ein Schweinepriester – oder bloß der letzte Kerl, dem solche Schlüpfrigkeiten noch auffallen?“

U. A. w. n. g.

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Die Spezies im Extrakt
Neben allem anderen wird folgendes berichtet, als wär‘s kein Weltuntergang:

115 Plastikbecher, 25 Plastiktüten, Flip-Flops und Planen: An der Küste Indonesiens ist ein toter Pottwal gestrandet, der zuvor sechs Kilo Meeresmüll verschluckt hat.
Stuttgarter Nachrichten, 21.11.2018

Sollten irgendwann irgendwelche Aliens die verwüstete Erde besuchen und aus unseren Erbstücken rekonstruieren, wer bzw. was wir waren, werden sie wahrscheinlich in ihren Abschlußbericht schreiben: „Zwei Dinge konnten diese Wesen richtig gut – Lärm und Dreck.“

6 Kommentare

  1. 1

    Ich wollte Ihnen nur von ganzem Herzen danken für diese wunderbaren Essays, die nichts zu wünschen übrig lassen: Zuerst füllen sich meine Augen mit Tränen und ich stehe auf und giesse Kaffee nach, wische sie weg und lese weiter, dann werde ich mit gutem, deftigem Rant bedient und fühle mich stärker, zumindest aber gewappneter für Zumutungen des Alltags und zuletzt freue ich mich über Tips, was ich unbedingt hören sollte, jetzt und sofort.
    Zuletzt ein ungebetener Ratschlag, zufällig entdeckt (kennt sonst keiner). Ich habe in Nordafrika aus Solidarität immer den Ramadan mitgemacht, bin aber immer morgens wie üblich ausgestanden und habe versucht trotz Nicht-Trinkens und Hitze einen „normalen“ Tag zu leben (macht kein Nordafrikaner, sie sind ja nicht verrückt). Verblüffenderweise bekommt man dann am Nachmittag einen Schlafanfall, der jeder Schlaflosigkeit energisch die Türe weist. Anscheinend stellt der Körper auf Schlaf um, wenn er länger als 8 Stunden keine Flüssigkeit bekommt: Es funktioniert immer, man fällt praktisch ins Schlafkoma – allerdings nicht, wenn man Niere oder Blase hat. Dann nicht, dann rennt man noch im Traum zum Klo. Danke für alles, jede einzelne Zeile, jeden Gedanken, alles hier Offenbarte.

    Und ich bedanke mich für dieses sehr große, sehr angenehme, sehr ermunternde Kompliment! – Ihren Ratschlag für Schlaflose sollten Sie sich patentieren lassen; ich werde ihn mir jedenfalls merken. KS

  2. jean-gert nesselbosch
    Donnerstag, 22. November 2018 10:48
    2

    Hab mich auch schon gefragt, warum Leute irritiert sind, wenn man freundlich zu Ihnen ist. Habe mich aber erst mal mit der verwandten Frage, nämlich, warum Leute so zwanghaft unfreundlich zu einem sind, beschäftigt. Eine Antwort: sie haben kein Selbstvertrauen, keine Souveränität. Freundlich zu sein, um Entschuldigung zu bitten, heißt ja: sich einen Augenblick zurückzunehmen, die Anliegen des Anderen wichtiger zu nehmen als die eigenen. Wenn auch nur als Geste. Das aber ist vielen nicht möglich, da sie vielleicht denken: „Wenn ich mich jetzt zurücknehme, meine Anliegen zugunsten des anderen hintanstelle, hält mich der andere für einen Knecht. Und das kann ich nicht aushalten.“ Oder auch so: wenn ich jemandem den Vortritt lasse, hält mich dieser (und alle die das sehen) für einen Lappen. Sind wohl alles Varianten der Nichtbeherzigung des „Honi soit qui mal y pense“.

    Der Typ, den Sie so treffend beschreiben, ist übrigens der reine Katzbuckel, wenn er mit Menschen zu tun hat, die in der Hierarchie über ihm stehen. Die Verachtung fürs Nette, das nicht berechnend ist, kennzeichnet den autoritären Charakter (neben anderem). Solche üblen Gesellen mögen übrigens auch keine Hummeln. KS

  3. 3

    Ich fand den nachfolgend verlinkten Text, insbesondere den 2. Teil zu dem Volksverblöder Dieter Nuhr, dermaßen aussagekräftig und gut, dass es mir schwer fällt, einen Aufhänger zu finden, hier einen Link zu hinterlassen:
    https://meedia.de/2018/11/19/diesel-depression-in-der-faz-und-dieter-nuhrs-hohn-gipfel-in-der-ard-themenwoche-gerechtigkeit/
    Aber vielleicht gestattet mir der Hausherr, das Thema „ARD Themenwoche Gerechtigkeit“ unter dem Abschnitt „Zweihundertzweiundzwanzug Jahre nach Knigges Tod“ zu subsumieren. Im äußersten Fall OT, aber auf jeden Fall ein Lesegenuss, der nach Verbreitung schreit. Versprochen.

    Sie (wie alle Leser) dürfen gern am Blogpost vorbeikommentieren und alles empfehlen, was eine Empfehlung verdient hat. Und Thomas Fischers Abrechnung mit dem schrecklich unkomischen Nuhr ist auf jeden Fall die Lektüre wert. KS

  4. 4

    Vielen Dank für diese wunderbare Rezension. Hat mich als Kind der Siebziger dazu veranlasst, den Film im Kino anzuschauen. Ich habe es nicht bereut.
    Und musste gleich auch darüber schreiben.

    Lieber Stefan, Ihre „First Man“-Kritik ist das mit Abstand beste, was ich über Chazelles Film bislang lesen mußte/durfte. Danke Ihnen! Und weil Ihr Weblog auch sonst ein Ort der Gescheitheit und der schönen Sprache ist, steht er ab jetzt in meiner Blogroll. So wie ich mein Publikum kenne, ist das nicht für die Katz. – Merci abermals für Ihren vorbildlichen Text, er überragt meine Chazelle-Huldigung bei weitem! KS

  5. 5

    Zu Merkels (ganz sicherlich verdrängter) „Erotik“ fällt mir noch das zu ein:
    http://blog.herold-binsack.eu/2013/08/2722/
    P.S. Sie sind vermutlich dann doch noch nicht ganz der „Letzte“, dem solche Schlüpfrigkeiten einfallen.
    Grüße, H. B.

    Einen schönen Text haben Sie da verfaßt; ich empfehle ihn gern weiter. – Ich bin tatsächlich bei solchen Dingen eher nicht DER Letzte. DAS Letzte aber hoffentlich doch. KS

  6. 6

    Zum Cumming-out: Du bist nicht der letzte Kerl, dennoch: Ferkel!
    Danke, Merkel!

    Lieber Volker – das hast Du doch bloß geschrieben wg. des Reims. Gib’s zu! KS

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