Snail‘s wale

Schnecken-Aufmacher_(c)_Kay_SokolowskyEs gibt Themen, zu denen jeder eine Meinung hat und bei Gelegenheit ausführlich äußert – Fußball z. B., Wetter oder Vegetarismus. Auf meine Toplist der Smalltalk-Topics kann ich mittlerweile einen weiteren Punkt setzen: Nacktschnecken. Über bzw. gegen diesen fleischgewordenen Ekel, diesen Rotz mit Fühlern, diesen Fluch des Botanikers kann offenbar alle Welt was erzählen. Das zeigen die Kommentare, die ich auf meinen Regenbogen-Hymnus vom 12. Juli erhielt.

In dem Posting schimpfte ich beiläufig auf die „Spottgeburten aus Matsch und Scheiße“, die im Schlammsommer 2016 geradezu aus dem Boden quellen und alles attackieren, was wir Sokolowskys mühsam aus Saatgut und Zwiebel päppelten: Gurke, Paprika und Kürbis, Rauke, Kartoffel und Bohne, Dahlie, Rose und, bestimmt nicht zuletzt, Erdbeere. Nur das Zeug, das die meiste Arbeit macht bei der Gärtnerei, also den Farn, das Moos, den Löwenzahn, die Brennesseln – das rühren die Mistviecher natürlich nicht an.

Ich bin noch neu im Geschäft der Ackerbestellung. Vielleicht ist meine Wut auf den Zerstörungsdrang der Nacktschnecke deshalb auch etwas heißer als bei Veteranen im ewigen Gartenkrieg wie etwa meiner Martina. Sie wird vor allem traurig angesichts ausgesogener Früchte, skelettierter Blätter, verdorbener Triebe. In mir hingegen brodelt seit einigen Wochen Mordlust, die ich mir altem Bücherwurm gar nicht zugetraut hätte, glüht eine Wut auf höheres Leben, die ich vorher gar nicht kannte, nicht mal im Kampf gegen Stubenfliegen und Stechmücken.

Doch wer je im Vorfrühling auf der beheizten Fensterbank aus Pflanzensamen zarte Köpfchen zog und circa dreimal am Tag besorgt überprüfte, ob die Welpen sich gesund entfalten –: Der wird, glaube ich, meinen roten Zorn begreifen. M. Lund, ein erprobter Leser dieses Blogs, weiß jedenfalls, welch extreme, sadistische Formen die Rache an der gehäuselosen Schnecke annehmen kann bzw. dem Gärtner annehmbar erscheint:

Nach der Romantik kommt Pragmatismus.
Zwei Probleme mit einem Erstschlag lösen
Zu wenig Bienen und aber zuviel Nacktschnecken? Hier ein Mad-Max-Honig-Rezept:
In den Meßbecher einen Liter ca. 1/3 Bierschnegel, 1/3 Schwarze Wegschnecken und 1/3 Tigerschnecken. Danach mit 400 g Zucker für 5 Min. scharf auf größter Drehzahl in den Mixer und fertig ist der Endzeit-Honig. Muß aber im Kühlschrank aufbewahrt werdeni

Klingt wie ein guter, ein befriedigender Plan! Allerdings würde ich den Mixer nie wieder für was anderes benutzen wollen, selbst wenn ich ihn hinterher dreimal sterilisierte, wie man es mit Arztbesteck tut. – Und dies Horrorpüree im Kühlschrank? Gleich neben Käse, Eiern und Mettwurst …? Nee, laß man.

Das ist was für Typen wie Rüdiger Nehberg, für Survival-Experten, die sich zur Not aus Wundeiter und geraspelten Fußschwielen eine Tarte zubereiten. Leute wie ich, die sogar das selbstgezogene Gemüse (das bißchen, das die Schnecken übrig ließen) gründlich abspülen, sind etepetete und sagen: „Bäääh!“ (Außerdem haben wir neben Kohorten von Nacktschnecken zum Glück und dank Insektenhotel sowie ausgewogener Bepflanzung viele wilde Bienen und freundliche Hummeln auf dem Stück Grund. Und Schmetterlinge, die ich bis vor kurzem gar nicht kannte!)

Weil‘s aber zu M. Lunds Anregung so gut paßt, werden gleich, das heißt, weiter unten Rezeptbilder für Bierbrühe mit Schneckeneinlage erscheinen, die Sie, glaube ich, anderswo nicht so bald zu sehen bekommen. Falls Sie dergleichen Wirbellosenküche entsetzlich finden, gebe ich Ihnen, werte Leserin, geneigter Leser, nun Gelegenheit, an einen der – wirklich vielen – tierfreundlichen Orte in diesem Blog zu klicken, mit dem Anblick einer der wenigen Nutzpflanzen in Erinnerung, die der Schleimerinvasion auf Parzelle 73 widerstanden haben, und zwar der Schwarzen Erbsen von Frau Freitag:

Schwarze_Erbsen_(c)_Kay_Sokolowsky


Und hier kommt Menüvorschlag No. 1:

Schnecken_Lavendel_Suppe_(c_Kay_Sokolowsky

Biersuppe mit Schnecken und Lavendel


Menüvorschlag No. 2:

Schnecken_Kartoffel_Suppe_(c_Kay_Sokolowsky

Biersuppe mit Schnecken und Kartoffelgrün


Und Menüvorschlag No. 3:

Schnecken_Wildgras_Suppe_(c_Kay_Sokolowsky

Biersuppe mit Schnecken und wilden Gräsern


Immer noch nicht satt? Dann nehmen Sie doch davon:

Letzte_Schneckenruhe_(c)_Kay_Sokolowsky

Nachschlag mit Schaumkrone


Dienstag, 19. Juli 2016 22:33
Abteilung: Bored beyond belief, Parzelle 73, Unerhört nichtig

8 Kommentare

  1. 1

    Okay, jetzt verrate ich, was ich mit den Schnecken angestellt habe, als ich noch gärtnerte. Zuerst die appetitlichen Bierfallen, klaro. Als aber, jenen zum Trotze, das in einem früheren Kommentar schon einmal erwähnte delikate Dillpflänzchen über Nacht zum ohnmächtigen Opfer der mampfenden Magenfüßler wurde, verwandelte ich mich in den schlimmen Schneckenschlitzer; eine alte Gartenschere war das Mordwerkzeug, mit dem ich, schnipp-schnapp, gnadenlos jede Schnecke ins Jenseits beförderte, die mir in den Weg kam. Ohne schlechtes Gewissen.
    Als Kind und Teenager war ich allerdings Schneckenretter gewesen. Zur garantiert unbändigen Freude aller örtlichen Gärtner schmiss ich damals Schnecken, die sich während des Regens auf Gehweg und Straße verirrt hatten und vom sicheren Austrocknungstod bedroht waren, zurück in die Gärten, denen sie entkrochen.
    Vielleicht kann man auf der Geschichte ja ein Karmasüppchen kochen.

    Mal den Dalai Laber fragen? KS

  2. 2

    Menüvorschlag No. 4 (Nachschlag) scheint mir doch arg lieblos komponiert; das Ganze sieht ziemlich nach Großküche aus, Menüvorschlag No. 3 dagegen durchaus wie etwas, das in einem guten französischen Gasthaus als soupe du jour serviert werden könnte. Schon die Wahl des Suppengeschirrs mit dem angenehm unaufdringlichen Kahlbaum-Motiv zeugt von sicherem Geschmack. Und trügt mich mein morgendlich verklebtes Auge, oder schwimmen da nicht sogar ein paar leckere Gehäuseschnecken drin?

    Nein, es trügt nicht – leider. Gehäuseschnecken mag ich nämlich (allerdings nicht als Mahlzeit). Anders als ihre nackten Verwandten machen sich die Hausträger im Garten sogar nützlich. An der betreffenden Stelle werde ich deshalb nie wieder eine Bierfalle plazieren. Großes Massenmörderehrenwort! KS

  3. 3

    Yack! Uuäärckx! Das ist sogar mir als Freund eines gepflegten Torture-Porn-Splatterfilms zu viel. Da kann man ja zum Vegetarier werden.

    Sei bloß froh, daß Du das nicht LIVE sehen mußtest. Da wird einem erst recht ganz anders. KS

  4. 4

    Dann sei er dir verziehen, der Kollateralschaden bei den Hausträgern. Ich hab aber doch noch einen allerletzten Vorschlag bezügl. etwaiger Nacktschneckenexilierung; du selbst hast mich drauf gebracht: Schick die widrigen Schleimer doch einfach an Seine Heiligkeit, den 14. Dalai Lama! Der hat ja nicht nur ein großes Herz für alles, was hinieden kreucht und schleimt, sondern bestimmt auch einen schönen großen Gemüsegarten!
    Und jetzt hör ich wirklich auf mit dem gastropodischen Geschwafel – versprochen! Bevor du mich am Ende noch zur Schnecke machst …

    Ob’s jetzt besser bzw. humaner ist, die Nacktschnecken in meinen Bierfallen oder im „Ozean der Weisheit“ (Dalais Eigenbezeichnung) ertrinken zu lassen, will ich nicht entscheiden. Ich zöge das Bier vor. KS

  5. 5

    Kennt hier eigentlich jemand das Gefühl, bei einem netten Zusammensein in einem Garten zu sommerlicher Zeit barfuß unterwegs zu sein und Bekanntschaft mit JENEN zu machen?
    Schlimm ist das!
    Aber damit der liebe Herr Sokolowsky noch mal jemand kennenlernt (und sei es nur eine fiktive Person), dem es noch viel schlimmer ergeht, empfehle ich an dieser Stelle gerne und herzlich Karen Duves „Regenroman“, in dem die Nacktschnecken zwar nicht die Hauptrolle spielen, aber der Hauptrolle auf sehr schöne Art und Weise sehr übel mitspielen.

    Danke für die Empfehlung, aber das Buch lese ich lieber erst im Winter, aus Angst vor synästhetischem Feedback. KS

  6. 6

    Lob der Nacktschnecke
    Kleine weiche Laune der Natur!
    Mutige, weder durch Panzer noch Gift geschützte Kreatur,
    erfüllst du einen höheren Zweck,
    der sich dem ichverliebten, weiterem Horizont verschlossenen Dillzüchter nicht offenbart. Jeder Meter, den dein zartes Untere dem harten Schotter oder grobgegossenen Fliesen abringt, ist ein größeres Unterfangen als der zuchtversessene Kleingärtner je wagen würde.
    Wenn du kurz vor der Erfüllung deiner kosmisch-natürlichen Aufgabe, dich am Basilikum, dem Dill, der reifen Tomate zu stärken, um somit im ewigen Kreislauf einen kleinen unverzichtbaren Dienst zu leisten, von der Heckenschere eines unwissenden Mordbuben gemeuchelt wirst, wirst du metaphorisch erhoben als kleiner wirbelloser Held und gibst eine Ahnung von dem weiten Weg, den die Krone der Schöpfung, das Schwein, der Mensch noch zurückzulegen hat.
    Kleinstgärtner, wisse: Dem Erlöser war die Nacktschnecke näher als du!

    Deshalb geben wir uns auch so viel Mühe, sie ihm ganz nah zu bringen. Gottgefällig: KS

  7. 7

    Sollte ich es eines Tages ein für allemal leid sein, dem Geklapper der Heckenscheren im irdischen Jammertal zu lauschen – oder auch bloß dem meiner Laptop-Tastatur –, dann zöge ich es ebenfalls vor, in einem Ozean aus Bier erlöst zu werden. Und bloß nicht, ich bitt‘ recht schön: in einem der Weisheit. Prost!

    Es sollte aber ein Bier aus der Fränkischen Schweiz sein, am liebsten das von der Kathi-Bräu in Aufseß. A-hach! KS

  8. 8

    Da klicke ich voller Vorfreude auf „Kathi-Bräu Bier jetzt auch Online in unserem Shop bestellen“, und was muß ich dann lesen? „BIER ONLINE SHOP geschlossen“. Ich wollte ja gar keinen Ozean, bloß ein paar Fläschchen! Echt deprimierend, so was.

    Dann bleibt dir nur eine Reise nach Aufseß. Die ich aber so was von empfehlen kann! Sechs Brauereien hatte der schmucke kleine Ort bei meiner leider schon viel zu lange zurückliegenden letzten Visite (höchste Biersiedereidichte Bayerns!), eine so empfehlenswert wie die andere.
    Der Biergarten der „Kathi-Bräu“ ist aus dem Dorf schnell erreicht (über einen, hihi, „Wellness-Wanderweg“), und ich kann mir vorstellen, daß Du, sofern das Wetter mitspielt, erst gehst, wenn die nette Kellnerin Dich dazu zwingt. Ein Photo des paradiesischen Fleckens mit einem der größten Bierkenner der Republik findest Du hier. Prosit! KS

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