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Postdemokratie wird Präfeudalismus

Dienstag, 17. November 2015 0:22

Biedermeier_Fliegende_by_Goerdten_Wikimedia

Idealbürger, Spon-Version


Der Frankreichkorrespondent von Spiegel online, Nils Minkmar, machte sich am Sonntag seine Art Gedanken über die Massaker in Paris und den „Preis der Freiheit“. Ich erspare Ihnen viel, indem ich den Gesinnungsaufsatz zum größten Teil überspringe und mich auf den letzten Absatz beschränke. Darin meditiert Minkmar über den Selbstmord der Demokratie zwecks Abwehr von Selbstmordattentätern (die Hervorhebungen sind von mir):

Nach der Französischen Revolution, nach Napoleon und dem Ende der alten europäischen Ordnung gab sich Europa auf dem Wiener Kongreß eine neue Gestalt. Sie hielt sehr lang, es folgte vielleicht nicht die glanzvollste, aber auch nicht die übelste unserer historischen Epochen. So werden wir einen Ausweg aus diesem Elend suchen müssen: Mit Ausdauer, klaren Werten und flexiblen Mitteln.

Der Druck des Abgabetermins und eine verständliche Ratlosigkeit angesichts des Blutbads vom Freitag reichen nicht aus zur Erklärung, warum Minkmar der Politik und dem Publikum den Überwachungsstaat, die Schlafmützengesellschaft, die Untertanennation wie eine Erlösung empfiehlt. Bei diesem demokratiefeindlichen „Ausweg aus dem Elend“ ist auch Überzeugung am Werk. Die „klaren Werte und flexiblen Mittel“, von denen NilsiMinkmar schwärmt, stammen direkt aus dem Handbuch der feudalen Repression.

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Thema: Kaputtalismus, Qualitätsjournalismus, Undichte Denker | Kommentare (3) | Autor:

Heiteres Ratespiel für die gebildeten Stände (5)

Sonntag, 1. November 2015 13:20

Finden Sie den Fehler? (Ein Tip: Er steht gleich zweimal da!)

Thinkfarm_SPON_31-10-15

Spiegel online, 20.10.2015

 

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Thema: Bored beyond belief, Kaputtalismus | Kommentare (2) | Autor:

Der schreckliche Iwan (18): Ein Riesenfall

Dienstag, 27. Oktober 2015 0:08

Putin_Gazprom_(c)_Kay_Sokolowsky

Putin nagt an den Resten seiner Macht (Symbolphoto)

Benjamin Bidder, Rußland-Korrespondent von Spiegel online, hat es nicht leicht. Seitianderthalb Jahren versucht er, den kryptofaschistischen Putsch in der Ukraine schönzureden und simultan das Ende der Regentschaft Wladimir Putins zu beschwören. Beides gelingt ihm partout nicht. Denn inzwischen glauben nur mehr Vollidioten sowie Marieluise Beck, die Ukraine sei heute demokratischer als vor dem Euro-Maidan und eine nazifreie Zone (bis auf den Donbass). Und der Weltfeind Putin? Sitzt fester auf seinem Thron denn je.

Doch Bidder, mit 34 Jahren noch voller Saft, wenn schon nicht Klugheit, bleibt unbeirrt. Was bislang mißriet, könnte eines Tages vielleicht doch Erfolg haben: steter Tropf usw. Deshalb verbreitet er heute in seinem Premiummedium folgende Geschichte:

Russischer Konzern Gazprom: Niedergang eines Giganten

Nanu? Ist Putins Leibfirma pleite? Oder wenigstens kurz davor? Das wäre in der Tat eine Sensation, zudem weltexklusiv vermeldet von Bidder und Spon. Im Vorspann geht es derart weiter:

Gazprom wollte seinen Marktwert als erster Konzern auf mehr als eine Billion Dollar steigern. Stattdessen bricht die Förderung ein, und es mehren sich Forderungen, den Gasriesen zu zerschlagen.

Das klingt schon etwas weniger sensationell und mehr wie eine raffinierte Anspielung auf Gazprom-Buddy G. Schröders „Fördern und Fordern“. Hm. Und darunter, in Bidders Text, weht leider bloß noch heiße Luft (auch ein Gas). Denn es bricht, wie der Korrespondent selber ausführt, bei Gazprom keineswegs „die Förderung“, sondern der Absatz ein.

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Thema: Der schreckliche Iwan, Qualitätsjournalismus | Kommentare (1) | Autor:

Trefflich gescherzt (5)

Donnerstag, 26. März 2015 22:42

Florian Harms, Chefredakteur von Spiegel online, bloggt sich aus über die Stärken seines Schwätz-Shops, verglichen mit „einigen Angeboten“, in denen „elementare journalistische Standards vernachlässigt oder gänzlich ignoriert werden“ (neinnein, das war noch nicht die Pointe, es kommt gleich besser:)

[Guter] Journalismus macht keine Kompromisse. Er hat
P r i n z i p i e n. […]
Unser Anspruch ist es, jeden Tag, auch unter dem Zeitdruck eines minutenaktuellen Mediums, so exakt, ausgewogen, transparent und w a h r h a f t i g wie irgend möglich zu berichten.

(Ach, hörnse uff, Männecken, ick kannich mehr! – Kommse, eina jeht noch! – Na jut.)

In diesem Sinne berichten wir kritisch, aber fair, leidenschaftlich und mit dem M u t zu unkonventionellen Meinungen, dabei unvoreingenommen, u n a b h ä n g i g und unbestechlich und, w e n n  e s  d a s  T h e m a  z u l ä ß t , gern auch originell.

(Hamma, Meista! – Newahr?)

Alle Hervorhebungen sind von mir. KS

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Thema: Bored beyond belief, Qualitätsjournalismus, Undichte Denker | Kommentare (0) | Autor:

Aufgelesen (1): Reformalitäten

Montag, 5. Januar 2015 23:51

Gregor Peter Schmitz residiert als, hui!, „Europa-Korrespondent“ für Spiegel online in Brüssel und ist auch sonst ein Qualitätsjournalist wie aus dem Bilderbergerbuch. Das heißt: Er hat zwar zu allem eine vorhersehbare Meinung, aber weil der Kerl es mit der Sprache nicht so genau nimmt, weiß der Leser ebenfalls nicht so genau, was Schmitz denn gerade zur Meinung machen möchte.

Beispielsweise schreibt die Brüßlerspitzenkraft heute in einem Kommentar zum herbeispekulierten Austritt Griechenlands aus dem Euro-Imperium:

Reformhaus_SPON_05-01-15

Worum es sich bei diesen Aufgaben im Reformhaus wohl gehandelt haben mag? Dinkelvollkornmehl kaufen? Folsäuretabletten besorgen? Gesichtsschmiere ohne Zusatzstoffe erwerben? – Es ist schon ein Kreuz mit der großen Freiheit, welche die deutsche Sprache beim Bilden von Komposita gewährt, zumal wenn ein Neoliberaler sie wahrnimmt. Denn so, wie solche Masterminds das Wort „Reform“ mißbrauchen, straft die Sprache, die zwar jede Lüge erlaubt, nicht jedoch duldet, sie mit Blamagen ab, die sensiblere Menschen in die Nachsitzecke nötigten.

Ebenfalls heute prangt übrigens im Ressort „Gesundheit“ von Spon ein Artikel über die Emetophobie, also die Angst vor dem Erbrechen bzw. Erbrochenen (mit einem sagenhaft blöd ausgewählten Symbolphoto).

Schon frag ich mich, warum ich mindestens einmal am Tag bei der Zwillingsschwester von Bild.de ins Irreformhaus gucke. Ist dies nicht gleichfalls ein „Ekel, der das Leben beherrscht“? Allerdings mit Lust am Übergeben – also so etwas wie Emetophilie?

Und, im Ernst: Gibt‘s dagegen Präparate (möglichst ohne Wechselwirkung mit meinen Blutgerinnungshemmern)? Um Karatschläge wird gebeten.

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Thema: Aufgelesen, Kaputtalismus, Unerhört nichtig | Kommentare (0) | Autor: