Timmi und die Arkonigel (2)

Was bisher geschah.

Etwas ärgerlich weckte ihn Konrad. „Du bist mir ein feiner Komplize“, sagte er, und seine Piepsstimme klang erschreckend. (Nun ja, vielleicht für eine andere Maus.) „Was hast du mitgebracht?“ fragte Timmi, blitzschnell hellwach. – „Erst den Käse!“ – „Nein“, sagte Timmi, „erst das Buch!“ – „Den Käse!“ – „Das Buch!“

   So ging es einige Zeit und immer lauter hin und her, bis der Amselmann, der in der alten Eiche an der Straße wohnte, sich mit einem Zorngesang meldete, weil die Kraucher einen solchen Krach veranstalteten. Andere, ernsthafte Bürger müßten früh raus und hätten ja wohl verdient, in der Nacht ruhig schlafen zu dürfen! Konrad und Timmi pfiffen beziehungsweise schnauften zurück, der feine Herr solle bloß den Schnabel halten, es sei ja kaum auszuhalten, was er in letzter Zeit gesungen habe. Denn der Amselmann hatte kürzlich ein Faible für die Zwölftonmusik entdeckt, und mit solchen Tönen sind einfache Säugetiere maßlos überfordert.

   Jetzt mischte sich der Hund vom Grundstück schräg gegenüber ein und brüllte mit seiner Feldwebelstimme, wenn hier nicht bald Stille einkehre, werde er aufräumen, daß es sich gewaschen habe, jawohl! Lichter gingen an im Haus, der MANN und die FRAU regten sich hinterm Fenster, und auch in anderen Häusern flammten Lampen auf. Sofort verstummten Timmi und Konrad, der Amselmann drückte bang den Kopf ins Gefieder, und nur der Köter blaffte weiter, irgendwas von „Sauerei“ und „verdammte Habenichtse“ und „in Stücke reißen“, bis sein HERRCHEN noch lauter brüllte als er, und dann kehrte wieder Ruhe in der Nachbarschaft ein.

   Timmi merkte, daß er es übertrieben hatte, und schämte sich ordentlich für sein unwürdiges Feilschen. Wortlos schob er Konrad den sensationell vor sich hin stinkenden Käse zu und nickte ein wenig. Die Hausmaus nickte zurück und schob dem Igel ebenfalls etwas zu. Es war kein Buch, sondern … Ein Groschenheft, wie Timmi sofort erkannte. Seine Mutter hatte heimlich Arztromane gelesen, und jedesmal wenn sein Vater sie dabei erwischte, regte Papa sich fürchterlich auf. Wie eine intelligente Igelin solchen Schund lesen könne! Als Timmi größer wurde, fand er in der alten Truhe seines Vaters mehrere stark zerlesene Bücher von Tom Clancy, und seitdem nahm er das Geschrei über Groschenromane nicht mehr sonderlich ernst. So wie er seinen Vater insgesamt nicht mehr so ernst nahm – da sind sich Knaben aller Arten sehr ähnlich.

   Das Heft, das Konrad besorgt hatte, sah allerdings komplett anders aus als die Bergdoktor- und Krankenschwesterfetzen von Timmis Mutter. Allein das Bild auf dem Titel! Drei MENSCHENMÄNNER in Overalls und mit albernen, zur Hälfte durchsichtigen Kugelgebilden über den Köpfen und gelben Zylindern auf dem Rücken, rannten über eine wüste Ebene zu einem Fahrzeug, das Timmi an einen Panzer erinnert haben würde, wenn er jemals einen gesehen hätte. Noch weiter weg stand ein kiefernnadelspitzes Ding, das Konrad, vorsichtig flüsternd, als „Rakete“ identifizierte. Der Mäuserich hatte einige Zeit lang im Lagerschuppen eines Pyrotechnikers gewohnt und kannte sich seither mit solchem Zeug hervorragend aus. Einer der MÄNNER auf dem Heftchenbild schaute zurück und Timmi grimmig an. Vielleicht war der MANN sauer, weil man ihm diese bescheuerte Kugel über den Kopf gestülpt hatte? Vielleicht auch, weil die Landschaft, durch die er und seine Kollegen liefen, so kahl und grau war, und die Berge, die alles einschlossen, noch viel spitzer und höher aufragten als die Rakete. Am dunklen Himmel über der abweisenden Gegend hing ein Mond, der viel größer schien als der Mond, den Timmi kannte und zu dem er ganz gern hinaufschaute, wenn er sich mit Marion aus der Eichendorffstraße zu einem Mitternachtsspaziergang traf. Bedauerlicherweise hatte Marion für den Mond gar nichts übrig. Sie las Bücher von Alice Schwarzer und Charlotte Roche und noch dümmeres Zeug, und eigentlich hielt Timmi sie für eine wahnsinnige Nervensäge. Aber Marion trug das schönste Stachelkleid, das er je gesehen hatte, und dafür verzieh er ihr alles.

(c): Pabel-Moewig Verlag GmbH, Rastatt; Illustration: Johnny Bruck – www.perry-rhodan.net

 

   „Der Mond ist viel zu groß gemalt“, sagte Timmi mit jenem Kennerblick, den Igel gern aufsetzen, denn Igel sind wie alle Bücher-narren ausgemachte Klugscheißer. Konrad schüttelte den Kopf über so viel Ahnungslosigkeit. Im Fernsehkasten des Pyrotechnikers waren pausenlos Dokumentarfilme über Weltraummissionen gelaufen, und besonders oft Filme über die Mondlandung. Konrad war sich ziemlich sicher, daß jedes dieser Videos gefälscht war. MENSCHEN konnten gar nicht in den Weltraum fliegen, niemand konnte das, da ließ die Hausmaus sich nichts sagen. Sie würden mit ihren albernen Raketen an der dicken Glaskuppel zersplittern, die die Erde einhüllte und verhinderte, daß Luft in die endlose Leere zwischen den Planeten entwich. (Konrad war ein ausgezeichneter Quantenphysiker, aber in Astronomie hatte er Nachholbedarf.)

   „Nein, nix Mond, du Dussel! Das ist unsere Erde“, sagte Konrad und grinste ganz schön überheblich. „So, wie sie vom Mond aus zu sehen wäre.“ Timmi öffnete vor Staunen das Mäulchen. MENSCHEN auf dem Mond, im Weltraum, zwischen den Sternen! Eine tiefe Erregung packte ihn und seine Stacheln richteten sich auf. „He!“ sagte Konrad, der sich gepikst hatte, „paß doch auf!“ Timmi bat um Entschuldigung mit einem Schniefen und starrte wieder das Groschenheft an. Endlich las er auch, was um das spektakuläre Bild herum gedruckt stand: Perry Rhodan – der Erbe des Universums. Und weiter unten: Unternehmen „Stardust“. Und noch weiter unten: Sie kamen aus den Tiefen der Galaxis – nie hatte man mit ihnen gerechnet …

Wird fortgesetzt.


Sonntag, 17. Juni 2012 0:15
Abteilung: Erzählungen, Timmi und die Arkonigel

2 Kommentare

  1. 1

    Timmi wird mein neuer Liebling, ich warte schon gespannt auf die Fortsetzung. Wunderbar!

  2. 2

    Bitte noch mehr Abenteuer von Timmi und Konrad!

    Schon in Arbeit! Derweil erleben auch „Timmis Freunde“ nervenzerfetzende Abenteuer – zum Beispiel Dagmar, die Singdrossel, in „Endlich Sommer!“

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