Timmi und die Arkonigel (5)

Was bisher geschah.

Zweites Kapitel
In dem Marion sich sorgt, Robert einen Rat und Eddie Sprachunterricht erteilt

Timmi zuckt im Schlaf und plustert die Fellstacheln auf. Er grunzt und schnaubt, dann wälzt er den Wanst so heftig herum, daß es im Laubhaufen raschelt wie eine Windbö. Vielleicht träumt der Igel etwas Aufregendes? Von Weltraumraketen, die einen Schweif aus Atomfeuer hinter sich herziehen, und von Monddünen, die im Sternenlicht glitzern? Möglich. Es kann jedoch genauso gut sein, daß er eine nicht so gesunde Kellerassel gefressen und deshalb Bauchschmerzen hat. Wir werden es nie erfahren. Weil Igel hauptsächlich im Dunkel leben, können sie zwischen Traum und Wirklichkeit noch schlechter unterscheiden als Menschen. Wenn man sie fragt, was sie neulich geträumt haben, dann antworten sie meistens: „Wie bitte? Geträumt?“

   Und das ist noch nicht alles. Eine unter Igelmamas sehr beliebte Gute-
morgengeschichte – ihr könnt euch inzwischen selber denken, daß ein „guter Morgen“ für Igel dasselbe bedeutet wie eine „gute Nacht“ bei
uns –, also, eines der Märchen, die Mutter Igel den Kindern erzählt,
damit sie das Schnäuzchen halten, dreht sich ums Träumen. Die Geschichte geht etwa so: „Einst, vor vielen Jahren, es waren mindestens zehn, wenn nicht zwölf“ – schon an dieser Stelle halten die Igelchen staunend die Luft an, denn so viel Zeit können sie sich nicht annähernd vorstellen. Schließlich sind die allerältesten Igel, die sie kennen, ihre Großpapas und Urgroßmütter, und die sind höchstens sechs oder sieben, so wie ihr, ihr Racker … „Wenn nicht sogar vor hundert Millionen Jahren!“ (Igelmütter übertreiben gern wie alle Mamas, außerdem mögen sie Mathe nicht, das liegt in der Igelnatur.) „Nun, wann auch immer! Einst, das steht fest, gab’s einen Igel. Der hatte einen seltsamen Traum. Er träumte, wie er mit seinen Stacheln unzählige Löcher in den Himmel pikste. Und danach fiel durch diese Löcher – es waren tausend Millionen oder sogar fünf Dutzend! – Licht durch die Finsternis auf die Erde.“

   An dieser Stelle werden die Kinder still wie Steine, denn sie kennen den Sternenhimmel kaum, sie hocken ja dauernd in der Nesthöhle. Sie versuchen zwar alles, um die Nase hinauszustecken, aber sofort scheuchen die Alten sie zurück in den Bau. Timmi war es dennoch einmal gelungen, den Kopf durch die Tür zu drücken, und da sah er die Wunder der Nacht. Er sah eine gewaltige Leuchte, geformt wie der Schnitz eines silbernen Apfels, und die hing unter einer unermeßlich hohen Kuppel aus schwarzem Samt. Und er sah, wie über den Samt gewaltige Schatten glitten und wie es blinkte und funkelte aus fünf Dutzend oder tausend Millionen winzigen Löchern im Stoff des Himmels.

   Dann packte ihn seine Mutter, zerrte ihn zurück ins Nest, schimpfte furchtbar und erzählte ihm und seinen Geschwistern zur Mahnung das Ende der Geschichte: „Nachdem der Igel aufgestanden war, konnte er nicht aufhören, an seinen Traum zu denken. Und wie er so stand und nach oben starrte und die vielen Löcher zählte, die er in den Himmel gestochen hatte, kam ein Fuchs vorbei, überraschte den dummen Kerl und hat ihn aufgefressen, mit einem einzigen Haps.“ Timmi und seine Geschwister riefen im Chor: „O nein!“ Doch Mama nickte bloß, und es war Ruhe im Karton – Entschuldigung: im Bau.

   Dieses Märchen begleitet jeden Igel durchs Leben wie die Flöhe im Fell. Und darum hüten sich die Stachler vor Träumen, denn die finden selten ein gutes Ende. Nehmen wir also an, daß Timmis Laubhaus schwankt wegen einer verdorbenen Kellerassel und nicht wegen eines Alptraums. Irgendwann hört er auf, sich hin- und herzuwälzen, und schläft tief und fest. So bekommt er auch nichts mit von einer feigen Kiefernzapfen-
attacke auf Dagmar, die Singdrosseldame.

   Als der Tag wegdämmert, wird Timmi langsam wach. Er kriecht behäbig aus dem Laubhaufen, streckt die Beinchen und gähnt. Für einen Augen-
blick versteht man, warum Konrad ihn nie besuchen mag: was für Hauer! Welch ein Rachen! Timmi läßt die Kiefer wieder zusammenklappen und blinzelt in den Abendhimmel. Eine große Stille liegt über seinem Revier. Der Amselmann schweigt, wahrscheinlich um Maden zu suchen. Auch von Dagmar ist kein Ton zu hören, vielleicht ist sie mal wieder beleidigt. Rotkehlchen Lothar hält gleichfalls den Schnabel. Vermutlich lungert er mit den Tauben herum und späht die Geheimnisse der Militärakademie aus. Es würde Timmi nicht wundern, wenn der bekloppte Vogel dem-
nächst von allen verlangte, mit „Herr Major“ angeredet zu werden …

   Major? Timmi zuckt zusammen. Major Rhodan! Die vier Männer in der „Stardust“-Rakete! So flink, wie die Pfoten es erlauben, rennt der Igel zur Schatzkammer, um das Romanheft zu holen. Ihm ist plötzlich völlig egal, daß jetzt, bei Einbruch der Nacht, die Regenwürmer auf Wanderschaft gehen und die Mäuse den Igeln direkt ins Maul laufen. „Sie kamen aus den Tiefen der Galaxis“, flüstert Timmi, während er durch die Hecken flitzt. „Na, wenn mal nicht diese ‚sie‘ hinter dem Störsignal stecken, das die ‚Stardust‘ lahmgelegt hat!“ Er tippelt noch schneller. Denn wer so gern liest, wie Igel es tun, der vergißt bisweilen sich selbst und läßt schon mal das Frühstück ausfallen.

Wird fortgesetzt.


Mittwoch, 11. Juli 2012 21:00
Abteilung: Erzählungen, Timmi und die Arkonigel

Ein Kommentar

  1. 1

    Die „Gutenmorgengeschichte“ mit dem Sternenhimmel ging mir richtig ans Herz! Klasse Idee, die „Kiefernzapfenattacke“ (die Geschichte, die ich bei ‚Timmis Freunden‘ bereits gelesen habe und sehr lustig fand) zu erwähnen! Ich freue mich schon auf Folge 6!

    Und die wird kommen – mit einem sehr beeindruckenden Auftritt von Timmis Freundin Marion. Ende Juli, versprochen!

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