Timmi und die Arkonigel (6)

Was bisher geschah.

Etwa zur selben Zeit tut ein anderer Igel, genauer gesagt: eine Igelin, das, was Igel in der Abendstunde normaler-
weise tun. Sie schnuppert mit ihrer hübschen Nase, die sich
wie ein Finger biegt und streckt, nach Leckereien und läßt sich nichts entgehen, was zu einem gesunden Frühstück gehört. Sie beginnt mit drei makellos mehligen Motten-
maden, findet anschließend eine Kreuzspinne, deren acht Beine angenehm den Gaumen kitzeln, und spürt etwas später eine Dämmerungsparty von Ohrwürmern auf, der sie ein grausiges Ende bereitet.

   Ohrwürmer sind bekannt dafür, ständig Partys zu feiern. Und selbst-
verständlich können Igel einer solchen Ansammlung von Naschzeug nicht widerstehen. Die Ohrwürmer wären also gut beraten, beim Feiern zurückhaltender zu sein, möchte man meinen. Sie sehen das freilich anders. Gerade weil der Tod ihnen jederzeit auflauert, möchten sie wenigstens in netter Gesellschaft sein, wenn‘s passiert.

   Außerdem haben sie zum Aufgefressenwerden ein erstaunlich ent-
spanntes Verhältnis. „Immer noch besser“, sagen sie, „im Darm eines hungrigen Tiers zu landen, als nutzlos zertrampelt zu werden.“ Die Ohrwürmer wissen nämlich, daß die meisten MENSCHEN sie abscheulich finden. Und weil sie unter diesem Ekel leiden, haben sie beschlossen, daß es eine gute Sache ist, zum Beispiel einer Igelin als Leibspeise zu dienen.

   Die ersten Sterne sind am dunkelblauen Himmel zu sehen, und über den schwarzen Baumwipfeln im Süden leuchtet der Mond wie das halb geöffnete Auge eines unfaßbar großen Vogels. Die Igelin schaut nicht hinauf. Sie macht sich nichts aus der Nacht und interessiert sich für die Lichter da oben so wenig, wie unsereins sich um Straßenlaternen kümmert. Allerdings nicht, weil sie fürchtet, beim Hochgucken vom Fuchs verschlungen zu werden.

   Marion – ihr habt bestimmt längst erraten, daß sie es ist, von der ich die ganze Zeit schreibe –, Marion kennt das Märchen vom Igel, der den Himmel durchlöcherte, gar nicht. Denn sie ist als Waise aufgewachsen – ohne eine Mama, die Gutenmorgengeschichten erzählt, und ohne einen Papa, der mollig müffelt wie alte Socken. Ihre allerersten Tage hat Marion vergessen. Vielleicht weil damals etwas Schreckliches passierte. Etwas so Entsetzliches, daß sie es lieber unter einer dicken Schicht aus Unwissen versteckt. Behalten hat sie bloß ihren Namen.

   Das Früheste, an das sie sich aus der Zeit danach erinnert, ist der Geschmack warmer Kuhmilch. Das Geräusch, das eine FRAU mit ihrer Stimme macht. Das Gefühl von Wolle unter dem Bäuchlein. Der Geruch von Kartonpappe. Sie war ein winziges Igelkind und wohnte in einer Burg von Riesen. Doch schnell begriff Marion, daß sie von den Ungetümen nichts befürchten mußte. Sie waren sehr laut, ja, und sie rochen seltsam, das auch – so, als hätten sie den Duft ihrer Haut von Fremden gestohlen.

   Aber sie waren gut zu ihr. Sie taten ihr nie weh. Und weil sie die Wolle in Marions Pappschachtelnest bald durch dicke Lagen Zeitungspapier ersetzten, hatte sie immer eine Menge zu lesen. Am besten gefielen ihr Geschichten, in denen MENSCHEN, die viel mächtiger und grausamer waren als die anderen, durch den Mut und die Klugheit vermeintlich Schwacher zu Fall kamen. Leider stehen solche Geschichten eher selten in der Zeitung.

   Deshalb begann Marion, als sie einige Wochen älter und ein ordent-
liches Stück gewachsen war, nach neuer Lektüre Ausschau zu halten. Der Keller, in dem sie schon so lange lebte, wie sie denken konnte (oder mochte), enthielt haufenweise bedrucktes Papier. Nicht annähernd so viel wie der Keller, aus dem Konrad gestern für Timmi das Perry Rhodan-Heft gemopst hat, doch immer noch genug für ein neugieriges Igelmädchen.

   Einer der Stapel bestand aus Zeitschriften, die Emma hießen. In denen las Marion sich fest. Sie erfuhr empörende Dinge. Manchmal wurde ihr davon regelrecht übel, und dann rührte sie das Katzenfutter, das sie inzwischen statt Milch serviert bekam und eigentlich sehr schätzte, nicht an. Jedenfalls nicht sofort.

   Sie las in Emma auch, wer an diesen empörenden Dingen die Schuld trage, an überhaupt allen Sachen, die schlecht und schrecklich sind: die Männchen. Sie lernte außerdem, wer allein fähig sei, die Welt zu einem schönen Ort für alle – außer für Ohrwürmer vielleicht – zu machen: die Weibchen. Marion, dieses ängstliche, einsame Igelkind, fühlte sich viel tapferer und geborgener, sobald sie sich hatte einreden lassen, daß sie als Mädchen automatisch zu den Guten gehöre und von Natur aus nicht in der Lage sei, etwas Böses zu tun.

   An diesem Glauben hält sie bis heute fest. Möglicherweise teilt der Regenwurm, den sie soeben wie eine Makkaroni runtergeschlürft hat, ihre Meinung nicht. Aber bevor er Marion das sagen kann, ist der Wurm schon Matsch in ihrem Magen.

Wird fortgesetzt.


Dienstag, 31. Juli 2012 21:45
Abteilung: Erzählungen, Timmi und die Arkonigel

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