Trumpology (2)

Washington D. C., Lafayette Square, 30.1.2017


Die Katastrophe namens Trump übertrifft solche Desaster wie „Dubya“ Bush auch deshalb um mindestens eine Potenz, weil Trump jede Kritik an seiner Politik als Herausforderung versteht, die Politik nicht etwa zu überdenken, sondern sinnlos zu verschärfen. Der Tölpelpräsident zog sich 2000–2008 bei Kritik lieber zurück und ließ Cheney und Rumsfeld machen, was dann zwar bestimmt nicht gut, aber annähernd kalkulabel war. Nicht mal „Darth Dick“ wäre eingefallen, die US-Justiz an sich in Frage zu stellen. Verarschen, ja, korrumpieren und ignorieren, ja, ja, ja – aber zerstören?

Drumpf, dieser geistig weder subtile noch intakte Alphaprimat bildet sich auf seinen Intellekt Dinge ein, die er auf Nachfrage gar nicht benennen (geschweige erklären) kann, und das ist leider nicht das einzige, was er mit faschistischen Führern früherer Epochen gemein hat. Eitelkeit ist keine Sünde, sondern menschlich; aber Eitelkeit, die sich als Charakterstärke spreizt, führt sicher in den Wahn und, je mächtiger die eitle Person ist, in großes Verderben für alle.

Wenn solch ein Kerl, dem alles fehlt, was an Menschen bewunderungswürdig ist (Altruismus, Integrität, Selbstironie), Bewunderung für seine Verkommenheit erntet, wird er seine Soziopathie nicht mehr bloß für normal, sondern ideal halten, und die Hooligans, die ihn bewundern, werden sich diebisch freuen, wie ihr Vorbild die Bosheit, die sie am lebenden Leib verzehrt, zum Elixier seiner Existenz macht. D. J. Trump strahlt seit Ende Januar eine Vitalität aus, die andere siebzigjährige Männer nur mit harten Drogen erlangen.

Woher aber kommen das zugleich Sklavische und Herrische, die Amoral und Superethik der Hardcore-Trumpisten? Abel Cohen hat im Counterpunch eine Theorie entwickelt, für die es höchste Zeit wurde, denn sie berücksichtigt den Einfluß evangelikaler Gehirnwäsche (und ist außerdem brillant formuliert). Zunächst macht Cohen darauf aufmerksam, welch eine rassistische Gang sich vor drei Wochen im Weißen Haus etablierte:

Photos of the new leader of the free world at work show rooms full of hovering wasps, smiling gleefully as he does his damnedest to sign away 60 years of social and civil rights progress for everyone else. Not a black, latino, muslim, jew, or asian among them. Edelweiss.

(Um dieses Absatzschlußwort, diese grandiose Pointe werde ich Abel Cohen ad morbus Alzheimer beneiden. Aber größere Sätze kommen:)

And they [Trumps Tea-Party-Fans] really will believe almost anything. Like there’s an invisible man in the sky. […] Who can do and knows everything. But has nothing better to do with his infinite time than worry about what we’re doing within the restrictions of our own.
Today’s neomuscular christians are particularly prone to mockery. Because their martyr is in his own words an antiwar, anarchopacifist activist who hung out exclusively with sex slaves, the working class, and criminals. And was only once in his life ever righteously angry.

Der Kenner bemerkt sofort die Spuren, die George Carlin, der größte amerikanische Philosoph seit Herman Melville, in Cohens Polemik hinterlassen hat. Und weil es im Zusammenhang mit dem akuten Triumph der Tea-Party-Faschisten nichts zu lachen gibt, schalte ich nun einen Videoclip zwischen, der Carlin, den Weisen, am Werk zeigt. Er zertrümmert darin die frömmelnde Vorstellung eines „sorgenden“ Höchsten Wesens gründlicher, prägnanter als jeder Religionskritiker vor ihm (ab 3‘04); und um die Punchline hätte ihn sogar Sokrates beneidet:

War, disease, death, destruction, hunger, filth, poverty, torture, crime, corruption and the „Ice Capades“ – something is definitely wrong. This is not good work. If this is the best that God can do, I am not impressed.

(Diese famose, unvergleichlich kluge Polemik wider den Kuhdung namens Religion enthält übrigens eine Passage (ab 4‘05), die mich nachhaltig überzeugte, ein „sun worshipper“ zu werden, aber das ist ein anderes Thema.)

Die USA sind trotzdem – noch – nicht, was der geniale Satiriker verkündet, was Trump, Pence, Bannon und ihre rasenden Unterstützer sich wünschen. Die USA behalten eine Chance, im Kreis der zumindest partiell aufgeklärten Staaten zu verbleiben, so lange die Mehrheit der US-Bürger sich ekelt vor dem Asshole-in-chief und so lange wahre amerikanische Patrioten tiefe Scham empfinden für den Schindluder, den Trump und seine Junta und jeder Redneck hinter ihnen mit dem Sternenbanner treiben. Denn das große Versprechen der USA an die Welt, die kupfern klingenden Verse, welche Emmy Lazarus angesichts der Freiheitsstatue dichtete –

Give me your tired, your poor,
Your huddled masses yearning to breathe free,
The wretched refuse of your teeming shore.
Send these, the homeless, tempest-tost to me.

– diese schönen Worte sind braven Yankees weiterhin heilig, weil sie den guten Teil ihrer Religion gelernt haben, also die Tugenden der Nächstenliebe, Vergebung und Geschwisterlichkeit, und die abergläubischen Abscheulichkeiten vergessen.

Auftritt Erin H. Leach-Ogden. Gleichfalls bei Counterpunch hat die Armeeveteranin am 1. Februar einen Brief an den Unhold veröffentlicht, aus dem Oliver Stone einen Spielfilm machen könnte wie „Born on the 4th of July“. Es spricht das gute Amerika:

As a great many veterans and military members did, I signed an enlistment contract with the intent of serving my country and protecting the values we consider most sacred. I was naïve in many ways, and my experiences in Afghanistan showed me that, but my original intention was rooted in service to country and to others.

Aber jetzt hat das da das Sagen, das Ungetüm, der lügende Antichrist, und das da verstößt gegen jede Tradition, die Leach-Ogden aus der Sonntagsschule kennt:

For someone who has never witnessed war, you are awfully quick to speak of dropping bombs. For someone who used veterans as a regular prop in your campaign, I’m hard pressed to find a single shred of evidence that you ever spent time in a VA hospital or visited troops in a combat zone.

Hier spricht das Kanonenfutter, das Trump und seine Klassenkameraden verheizen und vergessen, sobald die tief an Seele und Leib Versehrten in ihre Slums heimgekehrt sind:

For someone who professes to be a Christian, you blatantly ignore the overarching and continual theme of the Bible which is to show love and compassion for those most in need, especially to those in poverty, those being oppressed, and those considered immigrants.
Refugees are all of those things, and should be receiving the best help America can offer.

Und wie um seine sadistische, selbstherrliche Gleichgültigkeit gegen die Expendables zu demonstrieren, seine Verachtung für das Kroppzeuch, das die Schuld, mit der es stellvertretend für die Oligarchen beladen ward, massenhaft durch Selbsttötung sühnt –: befahl der Maniac-in-chief am 1. Februar 2017 im Jemen einen Terrorangriff durch Spezialeinheiten des US-Militärs, der glatter Mord an Unschuldigen und auch an den Mördern in Uniform war:

A new investigation into the special forces raid targeting Al-Qaeda militants in Yemen has found the the operation went „dreadfully wrong,“ killing nine children under the age of 13, with the youngest victim a three-month-old baby.
In the first military operation authorized under President Trump, U.S. commandos launched a raid on an Al-Qaeda in the Arabian Peninsula stronghold (AQAP) in the al-Bayda province, leaving at least 25 civilians dead, as well as a U.S. soldier.

Und der Scharfrichter mit dem Toupet eines Narren entschied diesen Massenmord zwischen Suppe und Dessert:

Trump, who ordered the mission over dinner […].
[Newsweek, 2.2.2017]

Das Gedicht zu Füßen der Freiheitsstatue, dieser Widerspruch gegen eine Welt der Unterdrückung, hat – neben dem Kino und dem Jazz – mir die Vereinigten (sic!) Staaten von Amerika immer so teuer gemacht, daß ich bis heute nicht begreife, wie ein denkender Mensch antiamerikanisch sein kann. Und, ich geb‘s zu und gern: Ich bin ein großer Fan von John Wayne.

Daher auch halte ich das vielbeschimpfte aktuelle Cover des Spiegel für ausgezeichnet und zwar zumal, weil es ein Ami angefertigt hat, ein klassischer US-Amerikaner. Edel Rodriguez kam als Kind aus Kuba ins Home of the Brave. Rodriguez hat die Verheißung der Madam Liberty tief in einem Herzen, das bei den Hatespeech- und Alternative-facts-Hinterwäldlern bestenfalls aus Stein ist (doch in keines Holländermichels bzw. Dutch-Mikes Höhle schlägt ein Gegenstück aus Fleisch). Sie, die Trumpisten, sind nicht zu retten, sie wollen auch nicht gerettet werden, sie wünschen sich nur, daß ihre Lebenshölle aller Menschen Inferno werde.

Das Monstrum und seine Creampuff-Kamarilla sind die Repräsentanten dieser verkorksten Kreaturen. Die Seelenkrüppel sind aber nicht die Vertreter der USA. Sie sind bloß verbitterte, verwirrte, haßerfüllte Schlechtmenschen, und von denen ist auch Deutschland voll. Weder die häßlichen Amis noch ihre Freunde bei der AfD hielten es aus, träte eine luftig bekleidete Französin in ihre Sports-bars oder Bierschwemmen und riefe:

Send these, the homeless, tempest-tost to me.

Sie würden, in transatlantischer Freundschaft, das dreiste Weib schänden und brutal erschlagen. Rodriguez‘ Spiegel-Titel liegt komplett richtig.

Daher zum Schluß wieder etwas Positives von mir betr. Trump: Diese Witzfigur, über die niemand mit Gefühl mehr lachen kann, belegt, ohne Camouflage, daß die unverschämt Reichen der übelste Abschaum sind. Deshalb:

Unite! Resist! Beziehungsweise:

From her beacon-hand
Glows world-wide welcome; her mild eyes command
The air-bridged harbor that twin cities frame.


Photo:Angry Googly Eyes sign”, by Lorie Shaull from Washington,
United States [CC BY-SA 2.0],
via Wikimedia Commons

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Freitag, 10. Februar 2017 3:44
Abteilung: Die beste aller Welten, Ironie off, Kaputtalismus

8 Kommentare

  1. 1

    Wunderbar aufgeschrieben. Eigentlich hätte ein Zitat gereicht (»Trump, who ordered the mission over dinner«). Wäre andererseits aber auch schade gewesen!

    Danke fürs Kompliment, lieber Fred! Und natürlich hast du recht: Dieses Zitat genügt schon, um zu wissen, was für ein Kerl das ist. KS

  2. 2

    Furios geschrieben, so daß ich beinahe vergesse, das Lob auf die bürgerliche Moral zu kritisieren.

    Lieber Fabian, ich bedanke mich für die Blumen! Sie haben allerdings nicht „beinahe“, sondern gänzlich vergessen, das Lob auf die bürgerliche Moral zu kritisieren. Diese Kritik würde mich ernsthaft interessieren. Also: nur zu! KS

  3. 3

    Ich finde weder Altruismus noch Integrität beeindruckend, noch halte ich die Tugenden der Nächstenliebe, Vergebung und Geschwisterlichkeit für mehr als den Versuch, Solidarität im Mikrokosmos zu rechtfertigen (siehe Hayek) und zugleich im Makrokosmos ignorieren zu können (oder auch schon im Angesicht der Supermarktkassiererin). Sicher ist bürgerliche Moral im Zweifelsfalle immerhin harmloser als Faschismus, aber Ilse Bindseil schrieb völlig richtig, „daß der Faschismus ein ebenso fragloser Bestandteil der als bürgerlich definierten materiellen Verhältnisse ist wie die höchsten Ideale des philosophischen Zeitalters oder der bürgerlichen Klassik und damit eine latent ständig vorhandene Seite der parlamentarischen Demokratie, in die er durch Umverteilung von Kosten und Rationalisierung von Irrationalismen politisch jederzeit zurückgezwungen werden kann.“

    Ich ahne, was Sie meinen. Aber: Hat die Bourgeoisie die Begriffe Nächstenliebe, Altruismus, Geschwisterlichkeit usw. nicht einfach GEKAPERT? Sind diese Werte bloß deshalb entwertet, weil korrupte Eliten sie für sich vereinnahmen? – Die weitere Debatte überlasse ich meinen Lesern. – Und ich danke Ihnen, Fabian, dafür, daß Sie mir die Aufklärung geliefert haben, um die ich Sie bat. KS

  4. 4

    Ergänzend: An Abel Cohens Text hat mir ganz besonders das gefallen – wie er aus dem Normalzustand der amerikanischen Gesellschaft heraus die gar nicht so unwahrscheinliche Ausnahme Trump erklärt, statt, wie deutsche Medien, ihn zu skandalisieren, und dabei den christlich-liberalen Normalzustand als Ideal oder auch nur als kleineres Übel zu rechtfertigen.

    Nun … Abel Cohen hat noch etwas mehr getan: Er hat die „neumuskulösen“ Christen, die Trump wählten, daran erinnert, wer dieser Christus aus ihrer Heiligen Schrift war, nämlich ein Kumpel der Huren, der Dropouts, der Müßiggänger und Verdammten und garantiert kein Freund der Bourgeois. DAS gefällt MIR an Cohens Glosse so gut. KS

  5. 5

    Was immer er sonst noch ist, The Donald ist sicherlich jetzt schon der Präsident mit den meisten Schmähnamen. Die beiden letzten, die mir unter die Augen kamen, sind „Short-Fingered Vulgarian“ (Vanity Fair) und „President Agent Orange“ (A Tribe Called Quest). Für mich ist diese Kreativität eines von vielen Zeichen dafür, daß er viele Menschen aus der Lethargie holt. Vielleicht gibt es mit einer People’s Party unter Bernie Sanders erstmals die Chance, daß sich eine dritte Partei Zugang zum Mainstream erkämpft. Das wäre sehr gut.
    https://www.youtube.com/watch?v=7f28dVrtEWA

    Anmerkung des Admin: Links auf „Russia Today“ sind im „Abfall“ nicht willkommen. Aber der hier geht ausnahmsweise durch. Ein letztes Mal. KS

  6. 6

    Naja, Christus hat die Händler ausgepeitscht und das Brot geteilt, und ein paar Jahre später schreibt Paulus, daß wer nicht arbeiten will, auch nicht essen soll. Das ist sicherlich eine „Kaperung“ durch die Bourgeoisie, aber die wäre nicht ganz so reibungslos verlaufen, wenn die ursprüngliche Predigt Jesu politisch statt bloß moralisch gewesen wäre.

    „Bloß“ moralisch? Wenn diese Ethik alles – außer dem Buddhismus und, vielleicht, der Stoa – überragt, was vor zweitausend Jahren an Moralität zu haben war? Sogar Schopenhauer, Marx und die Frankfurter Schulleiter hegten enormen Respekt vor der ebenso simplen wie universalen, empathischen Ethik des vonwemauchimmer erfundenen Zimmermanns. KS

  7. 7

    In ihren schwächeren Stunden sind auch Frankfurter Denkfabrikanten und englische Fabrikdenker mal auf die Ethik-Schiene gekommen, aber deutlicher schreiben sie doch, wenn sie schimpfen.
    Und – bei allem Respekt – die Stoa leistete damals gegen die materialistischen Erkenntnisse á la Epikur und Lukrez das, wofür der Wohlfühlbuddhismus heute gegen die Wissenschaften auch herhalten muss: ideologische Verdeckung, Rückschritt hinter das Erreichte.

    Respekt – Sie haben soeben zwei Jahrtausende europäischer Philosophie für nichtig erklärt („Ethik-Schiene“)! Ich fürchte allerdings, daß sie mit Verachtung der Schiene auf den Holzweg geraten sind. KS

  8. 8

    Ich halte diese Schiene tatsächlich für weder interessant noch hilfreich, seit aus dem guten Handeln, das „bloß“ moralische geworden ist. Bei Aristoteles hat Ethik als Philosophie des Handelns natürlich eine viel weitere Bedeutung. Und zum Glück gab es auch später in der europäischen Philosophie viele andere Schienen (und natürlich Heideggers Holzwege …) – Ontologie, Logik und Metaphysik zum Beispiel, um direkt mit den unbeliebten Lokomotiven ins Haus zu fallen, aber auch viele andere Gebiete könnte ich niemals für nichtig erklären.

    Ich fürchte, daß Sie die Philosophie mit dem Dogma verwechseln. Sonst aber sind wir einer Meise. KS

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