Wahlticker Zwanzigdreizehn

Viele professionelle Beobachter der WAHL zeigen sich konsterniert vom Debakel der FDP (Symbolphoto)

 22.21 Uhr.
So, dann packen wir mal zusammen. Vielen Dank nach Berlin an Matthias Geissler für ebenso profunde wie luzide Anmerkungen zur WAHL! Vielen Dank auch an unsere vielen Millionen Leser, die in einem bemerkens-
werten Endspurt noch einmal alles gegeben haben. Es mag nicht gereicht haben für den Sturz der Kanzlerin, aber dafür ist Oliver Bierhoff immer noch Chef der FDP. Wir geben zurück an die Funkhäuser.

21.26 Uhr.
Ich hatte an der Uni auch mal was mit einer Frau. Leider nur ich mit ihr, nicht umgekehrt. Das war schon eine dumme Nuß, denke ich heute. Also, sie. Ich sowieso.

21.21 Uhr (Hauptstadtbüro Geissler).
Oliver Bierhoff soll – unberechtigten Gerüchten zufolge – beim DFB sein, und der ist ja wohl in Frankfurt. Warum bloggen wir hier noch mal?

20.54 Uhr.
Tja, ich denke mal, das war‘s. Ich müßte auch die Wäsche aufhängen. Und was geht ab in der Hauptstadt? Hat Oliver Bierhoff sich gemeldet?

20.53 Uhr (Hauptstadtbüro Geissler).
Vielleicht sind seelische Vorfälle ja auch gar kein Kontinuum, sondern mehr so wie Äpfel, die fallen MÜSSEN. Ich, ein Fatalist? Vielleicht. Aber vielleicht sehe ich das auch einfach sehr nüchtern.

20.51 Uhr (Hauptstadtbüro Geissler).
Anbieten, tja. Einmal hatte ich so ein Erlebnis, das man keinem wünschen möchte. Das war noch in Hamburg, also seit 2008 bin ich in Berlin, vorher waren es 20 Jahre Hamburg, 1988 – 1998 – 2008, so kann man sich das merken. Und ich hab an der Uni zu einer Kommilitonin gesagt, ich kannte sie ja kaum, „na, du Arschgesicht“, oder was man damals eben so sagte. Und später hab ich gemerkt, wie enttäuscht sie von mir war. Sie wollte wohl was von mir, und ich hab es nicht bemerkt.

20.44 Uhr.
Wo ist denn der Brüderle? Und Oliver Bierhoff vermisse ich auch bei der „Elefantenrunde“. Haben Sie Informationen, Herr Geissler?

20.42 Uhr (Hauptstadtbüro Geissler).
Ich mein, es ist doch so: Irgendwas muß man den Leuten doch auch anbieten. Man kann nicht immer nur weggucken. Sonst wird man irgendwann zu keiner Party mehr eingeladen.

19.54 Uhr. ### BREAKING NEWS ### BREAKING NEWS ###
Die WAHL-Torte ist fertig! Ein Kuchenauflauf Pfälzer Art mit grünem Porree, schwarzem Pfeffer, rotem Speck und gelbem Mürbeteig. Also ist die FDP wenigstens noch im Abendessen der Eheleute Sokolowsky enthalten. Solidarität mit den größten Losern, Arschkartenziehern, Lachnummern der Republik – das ist urdemokratisches Gebot!

19.38 Uhr (Hauptstadtbüro Geissler).
Vielleicht sollte man, denke ich manchmal, unserer Hauptstadt auch irgendeine Führungsqualität überantworten. Vielleicht kann man im Bereich Essens-Spezialitäten irgendwo vorne dabei sein, so wie die Bretagne mit ihren Crêpes, wahlweise leckere Cocktails. Oder Wäsche?! Dann wäre die Stadt auch für Frauen interessant.

19:23 Uhr.
Danke an Matthias Geissler in Berlin für diese ersten Einschätzungen. Wir machen jetzt wieder etwas Musik. Bis gleich!

19.22 Uhr (Hauptstadtbüro Geissler).
Die Lethargie unserer Hauptstadt bedingt sich, glaube ich, auch durch das Klima. Jetzt, draußen: Graue Wolkenschwaden bewegen sich von einem Schornstein zum nächsten. Leichter Fäulnisgeruch liegt in der Luft. Es riecht träge nach Pups.

19.10 Uhr (Hauptstadtbüro Geissler).
Im Grunde ist Berlin ein Füllhorn an Erfahrungen.

19.03 Uhr (Hauptstadtbüro Geissler).
Nun darf man Berlin natürlich nicht pauschal vorwerfen, daß es so verschlafen ist. Krieg, Wiederaufbau und Teilung sind die Erfahrungen dieser gebeutelten Stadt. Da kriegt man eben irgendwann nicht mehr alles mit.

19.02 Uhr.
Und jetzt bekommen wir wieder ein Signal aus Berlin. Matthias Geissler in Berlin – wie ist die Situation in der Hauptstadt an diesem WAHLabend?

18.53 Uhr.
Berlin? Hallo, Herr Geissler? Hallo? – Hm. Es sieht so aus, als wäre die Leitung zusammengebrochen. Wir machen erst einmal weiter mit Musik, bevor dann die große WAHL-Schlußkonferenz beginnt. Bleiben Sie dran!

18:31 Uhr.
Frage nach Berlin: Liegt bereits ein Statement von Oliver Bierhoff vor?

18.24 Uhr.
Was man heute abend nicht sein möchte: FDP-Mitglied. Möchte man aber auch sonst nicht sein.

18.09 Uhr (Hauptstadtbüro Geissler). ### BREAKING NEWS ###
Es passiert einfach nichts. Ein Blick nach draußen zeigt: Der Garten verwildert. Das Gras ist viel zu hoch, darin liegen nur ein paar alte Spielsachen und ein Teppichklopfer. Grauer Himmel bringt kühle Feuchtigkeit.

18.00 Uhr (Hauptstadtbüro Geissler).
Kehre gerade von einem kleinen Spaziergang zurück: Berlin scheint leer zu sein. Außer einer Wahlaufforderung von der SPD an meiner Türklinke kein Lebenszeichen.

17.59 Uhr. ### BREAKING NEWS ### BREAKING NEWS ###
Uns liegen die Ergebnisse der Wahlprognose noch nicht vor. Was gibt‘s in Berlin?

15.55 Uhr (Hauptstadtbüro Geissler).
Die Hauptstadt wirkt passiv.

15.48 Uhr.
Vollbracht. Die WAHL ist gelaufen. Jedenfalls für Kay Sokolowsky. Den ein schier euphorisches Gefühl von Macht durchwallte, als er vorm Eingang zu seinem WAHLlokal stand. Und das hier sah:

Wahllokal_01_(c)_Kay_Sokolowsky

Diese brave, absolut basisdemokratische Anmutung von Ärmelschonern und von Tesafilm, den man auch zweimal benutzen kann, wenn man sich Mühe gibt! Sieh hin, wie die Fenster blitzen und schimmern, gleich Juwelen aus den Minen Samarkands! Hier steht er, der Palast des mündigen Bürgers – hinein!

Wahllokal_02_(c)_Kay_Sokolowsky

Oha, höchste Zeit: Nur noch 232 Minuten, dann läuft hier nix mehr, dann kannst du noch so hektisch mit dem Wahlschein wedeln, deine Stimme ist verwirkt. Die Betriebsamkeit hält sich übrigens in Grenzen.
Bei der letzten BundestagsWAHL gaben nur 59,5 Prozent aller WAHLberechtigten Hamburger ihr Votum ab. Diese herrliche Metropole, immer auf der Jagd nach Schlagzeilen und Rekorden – sie peilt heute wohl die 50-Prozent-Marke an.

Wahllokal_03_(c)_Kay_Sokolowsky

Dieser Hund allerdings hätte sehr gern für eine bessere WAHLbeteiligung gesorgt. Aber man will seine Stimme nicht haben, so kräftig sie auch sei (keine Sorge, der bellt nur auf Kommando). Denn er ist noch keine 18 Jahre alt. Frauchen möchte das nicht einfach so hinnehmen und wartet jetzt, bis ihr Vierbeiner alt genug zum WÄHLEN ist. Welche Partei würde er denn unterstützen? Keine Antwort. Ist schließlich eine geheime WAHL! Auch seinen Namen will er nicht verraten. Bierhoff wäre ein hübscher Name.

15.33 Uhr (Hauptstadtbüro Geissler).
Im nieseligen
Berlin ist gelangweilte Ruhe. Keinerlei Information dringt ins Hauptstadtbüro, nicht mal Spam. Und die Frau redet nicht mehr mit mir.

15.10 Uhr (Hauptstadtbüro Geissler).
Im Internet ist wohl doch keine Graphik. Dafür erfahre ich, daß Oliver Bierhoff am 1. Mai 1968 geboren wurde – also praktisch genau wie die SPD, im übertragenen Sinne! Damals gab es ja noch viel Bewegung. Und heute? Quoten, Quoten, Quoten. Es ist zum Speien. Der Raab von gestern stößt mir immer noch sauer auf.

14.39 Uhr (Hauptstadtbüro Geissler).
Keine Bewegung im Hausflur. Ist die SPD handscheu geworden oder einfach nur feige? Sei‘s drum. Werde jetzt mal das Internet zum Thema WAHL durchforsten; es gibt wohl eine interaktive Graphik.

14.10 Uhr (Hauptstadtbüro Geissler).
Verdacht hat sich bestätigt: Wieder eine WAHLaufforderung von der SPD am Türknauf. Hab schon einen richtigen Stapel. Werd mich jetzt mal vor den Türspion setzen und lauern. Die SPD kann auch nicht einfach machen, was sie will!

14.00 Uhr (Hauptstadtbüro Geissler).
Übrigens beim WÄHLEN Nachbarn getroffen. Freundlich gegrüßt.

Schwellenangst vorm Wahllokal (Symbolphoto)

13.54 Uhr.
Es ist soweit. Das Ehepaar Sokolowsky rüstet sich zum WÄHLEN. Plötzlich ein furchtbarer Gedanke: Hat das überhaupt einen Sinn? Tanzen die Kandidaten nicht alle nach derselben Pfeife? – Ein ganz anderer, doch ebenso furchtbarer Gedanke sorgt für weitere Hemmung: Was, wenn diese eine, meine Stimme direkt in den Weltuntergang führt? Oder wenigstens einen Bürgerkrieg auslöst? Wäre möglich! Chaostheorie, Schmetterling, Wirbelsturm: Die Mechanismen sind bekannt. Sokolowsky beschließt, in Schlangenlinien zum WAHLlokal zu gehen. Zeit gewinnen! Nachdenken!

13.49 Uhr (Hauptstadtbüro Geissler).
„Ich sag immer so tolle politische Sachen und Du registrierst das überhaupt nicht“, sagt meine Frau. Ob sie sauer ist? Sie meint, das gehe die von Tengelmann überhaupt nichts an. Und irgendwas wegen Merkel-Raute. Meine Gedanken sind bei Bierhoff, der wurde ja erst nach seiner HSV-Zeit überhaupt erst zum Nationalspieler, anders als z. B. Kaltz.

13.45 Uhr (Hauptstadtbüro Geissler).
Das sehe ich jetzt erst: In dieser „Bild“-Ausgabe steht, daß Bierhoff, Beckenbauer und Lahm WÄHLEN gehen werden. Bierhoff habe ich noch 1988 im Volksparkstadion spielen sehen.

13.31 Uhr (Hauptstadtbüro Geissler).
Die SPD-Nachbarn haben meine Abwesenheit (war kurz WÄHLEN) eiskalt ausgenutzt und schon wieder so eine WAHLaufforderung an die Tür gehängt. „SIE haben es in der Hand“ steht drauf, und: „WÄHLEN gehen am 22.9.“ Und meine Frau will nicht mehr bei Tengelmann kaufen, wenn ich sie richtig verstanden habe.

12.42 Uhr.
Duschen oder Baden? Seife oder Gel? Heiß oder kalt? Nicht einmal im Badezimmer hat man seine Ruhe vor der WAHL. Aber ist ja bald vorbei.

12.10 Uhr (Hauptstadtbüro Geissler).
Berlin-Wilhelmsruh. Pause, weil wir zur Urne schreiten. Die letzte Mahnung unserer SPD-Nachbarn hat uns wachgerüttelt.

11.13 Uhr.
Tee oder Kaffee? Wurst oder Marmelade? Kochei oder Rührei? Auch am Frühstückstisch dominiert die WAHL alles. Zum Glück weiß der WÄHLER schon seit Ewigkeiten, was ihm schmeckt; und was er nicht kennt, das frißt er auch nicht. Sokolowsky überlegt, ob er daraus eine große politische Theorie ableiten soll. Entscheidet sich dann jedoch für Räuchermakrele. Mjamm-mjamm!

10.34 Uhr (Hauptstadtbüro Geissler).
Noch immer sitzt mir die WAHLsendung mit Stefan Raab im Nacken. Ein findiger Zeitungsredakteur würde jetzt titeln: „Es kam zu heftigem Stillstand.“ Aber die einzige Zeitung in dieser Wohnung, eine „Bild“-Umsonstsonderabgabe, verlangt: Ab ins WAHLlokal! Und Kai Diekmann persönlich fleht: Bitte, gehen Sie WÄHLEN. Er hat jetzt einen Bart.

10.22 Uhr (Hauptstadtbüro Geissler).
Die Hauptstadt liegt diesig danieder. Fahler Film im Gestrüpp, glanzlose Gräue allüberall. Es ist WAHLtag.
Ein Nachbar kam und lieh sich verwundert unseren Teppichklopfer. Und SPD-Frank hat schon wieder so ein „WÄHLEN gehen“-Dings an unsere Tür gehängt. Um 18 Uhr wird er schön gucken! Bis dahin bleibt es vielleicht diesig, also draußen.

6.40 Uhr.
Kay Sokolowsky ist eingeschlafen, weil lesen ohne Lampe schnell müde macht.

6.32 Uhr.
Kay Sokolowsky kann nicht einschlafen. Möchte lesen. Licht würde Martina evtl. wecken. Sokolowsky muß eine WAHL fällen zwischen ihrem und seinem Eigennutz. – Lösung: Lesen ohne Nachttischlampe.

6.12 Uhr.
Bestialischer Druck auf der Blase. Kay Sokolowsky hat die WAHL zwischen liegenbleiben und aufstehen. Er trifft eine vernünftige Entscheidung.

Sonntag, 22. September, 0.01 Uhr.
Der Tag der WAHL hat begonnen. Blütenträume werden welken, Gesichtszüge entgleisen, Arme gereckt, böse Wörter mühsam hinuntergeschluckt werden. Aber vorher gehen auch die Kanzlerin und ihr Herausforderer in die Heia. Gute Nacht!

Samstag,
21. September,
20 Uhr.

Nur noch 22 Stunden, bis Merkel wieder Kanzlerin ist! Eine ungeheure Spannungs-
losigkeit liegt über der Republik, und daran können gerade Internetmedien nicht achtlos vorbeigehen. Sondern müssen die Angelegenheit noch öder, noch apolitischer, noch demokratiesimulativer gestalten. Da machen wir doch gerne mit – wir: Kay Sokolowsky und, aus der Hauptstadt zugeschaltet, Matthias Geissler. Sie können das Mittagessen verpassen, den Waldspaziergang, den Besuch bei Omi, Sie können sogar die „Berliner Runde“ sausen lassen. Aber den „Wahlticker Zwanzigdreizehn“ dürfen Sie nicht einmal ignorieren! Brillante Beobachtungen, monumentale Momentaufnahmen, astreine Analysen und garantiert kein Gewinnspiel: Das können Sie hier finden! Also, eventuell. Mal gucken. Man weiß ja nie, was kommt. Wir versprechen vorsichtshalber nichts, dem Vorbild der Kanzlerin treu verpflichtet.

Photo:
Telegraph: By Goldfinger at sr.wikipedia [CC-BY-SA-3.0-rs (http://creativecommons.org/licenses/by-sa/3.0/rs/deed.en)], from Wikimedia Commons


Sonntag, 22. September 2013 22:21
Abteilung: Bored beyond belief, Man schreit deutsh, Unerhört nichtig

Ein Kommentar

  1. 1

    Der beste Ticker des Wahlsonntags! Das Ziel, „die Angelegenheit noch öder, noch apolitischer, noch demokratiesimulativer“ zu gestalten, habt Ihr allerdings nicht erreicht. Die Elefantenrunde der ARD lag in allen drei Punkten klar vorne. Dafür hatten die dort kein Eichhörnchenbild.

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