Zeuge der Geschichte (18)


Als ich vom Tod des großen Künstlers Kirk Douglas las, verlor ich meinen Glauben ans ewige Leben, doch den an die Unsterblichkeit nicht.

Und weil ich mich in Fällen wie diesem sehr gern wiederhole, soll hier noch einmal stehen, was mir zu Douglas hundertstem Geburtstag einfiel.

***

Kniefall vor Kirk

Als der eminente Schauspieler Kirk Douglas am 9. Dezember 2016 seinen 100. Geburtstag beging, war unter den ehrenden Gästen auch Steven Spielberg. Der mächtigste Regisseur, der je gelebt hat, verneigte sich vor dem würdigen Greis so tief, wie es nur geht, als er in seiner Laudatio erklärte:

I wanted to come here and say I‘ve been shooting movies and television shows for now 47 years and I‘ve worked with the best of them and you’re the only movie star I ever met.
[The Telegraph, 10.12.2016]

Douglas verdiente die Huldigung vollauf. Als Darsteller und Produzent hat er dem diabolischen Studiosystem des alten Hollywood Spielfilme abgetrotzt, deren Eindringlichkeit Douglas‘ physischer Präsenz vielleicht noch mehr zu verdanken ist als der Integrität der Inszenierung.

Wenige Filme zeichnen Verkommenheit und Blutgier des Boulevardjournalismus so scharf wie „Ace in the Hole“ (1951). Grandezza und Gemeinheit der Traumfabrik von Beverly Hills sind selten so mitreißend dramatisiert worden wie in „The Bad and the Beautiful“ (1952) – einer der Lieblingsfilme von Martin Scorsese, übrigens. Ähnlich prächtig wie in „Man without a Star“ (1955) ist der Mythos vom einsamen Cowboy mit goldenem Herzen kaum je gefeiert und ähnlich liebevoll niemals auseinandergenommen worden.

Und dann die beiden Kollaborationen mit dem Nachwuchsgenie Stanley Kubrick. „Paths of Glory“ (1957) ist einer jener raren Antikriegsfilme, die den Begriff tatsächlich verdient haben. Die stille Verzweiflung und der Weltekel, die Kirk Douglas hier mimt, scheinen ins Gesicht gekerbt wie das berühmte Grübchen im Kinn: zweifellos die eindrucksvollste Leistung seiner Kunst, ein Muster für Wirkung, die durch Reduktion und den Verzicht auf Grimassen entsteht.

Die allergrößte seiner Rollen aber war die des Titelhelden von „Spartacus“ (1960). Indem Douglas den verfemten Szenaristen Dalton Trumbo fürs Skript engagierte, beendete er nicht nur den Bann, den der Faschist McCarthy über die „Roten“ von Tinseltown verhängt hatte. Dank Trumbo wurde „Spartacus“ überdies zu einem Spielfilm, der die zentrale These des Kommunistischen Manifests („Die Geschichte aller bisherigen Gesellschaft ist die Geschichte von Klassenkämpfen“) überwältigend illustriert, sie mit Blut, Schweiß, Tränen, kurz: Leben füllt. Niemand außer Kirk Douglas hätte diesen scheiternden Helden, dieses In- und Vorbild mitfühlender Männlichkeit darstellen können.

Das Monument, das er gemeinsam mit Kubrick und Trumbo dem antiken Revolutionär errichtete, wird niemand je anpissen können, ohne dabei selbst naßzuwerden. Ich bin recht sicher, daß ich erst durch „Spartacus“ auf die Idee kam, das lehrplantreue Marx-Bashing meiner Gymnasiallehrer zu hinterfragen. Dafür werde ich Kirk Douglas – neben den ästhetischen Wonnen, die seine bedeutenden Spielfilme bereiten – stets dankbar sein. Und darum möchte ich von den (leider zahlreichen) verunglückten Stücken in Douglas‘ Schaffen jetzt und fortan nit reden, nicht mal von dem unfaßbaren Scheißdreck „Young Man with a Horn“ (1950).

Sondern lieber von einem bezaubernden, ebenso respektvollen wie witzigen Interview-Porträt, das Hadley Freeman am 12. Februar zu Ehren Kirk Douglas‘ im „Guardian“ veröffentlichte. Dies ist Celebrity-Journalismus der schönen, das heißt, idealen Art. Freeman hat mich, erstens, daran erinnert, welch eine Ausnahmeerscheinung Douglas bietet; wie tröstlich, zweitens, es ist, daß er noch lebt; und hat mich, drittens, derart zum Lachen gebracht, wie man sich‘s in diesen dunklen Tagen nur wünschen kann. Die folgende Anekdote hat Douglas selbst überliefert (und damit belegt, daß die wahrhaft Großen an ihrer Selbstironie zu erkennen sind):

He had, he writes, „a mother complex“: „I constantly sought from the women around me a mother substitute.“ His search certainly was constant: from Rita Hayworth to Marlene Dietrich, it is hard to name a famous actress from the mid-20th century who wasn’t seduced by Douglas. At one point he fretted to his analyst that he thought he might be impotent after a disappointing encounter the night before.
„You tell me that you had sex 29 nights in a row with different girls. On the 30th, you say you’re impotent,“ his doctor replied drily. „You know, even God rested after six days.“

Einen Hausarzt mit so viel Humor hätte ich auch gern. Eine Ehefrau, die so viel Humor hat wie Anne Buydens, Kirk Douglas zweite und bis heute Angetraute, muß ich mir zu meinem Glück nicht mehr wünschen. Obwohl … Ich habe meine Martina niemals nur im Ansatz dermaßen auf die Probe gestellt wie Kirk seine Anne (wie denn auch: ich hab ja nicht mal ein Grübchen im Kinn).

„I was a bad boy,“ [Douglas] admits, a little sorrowfully. „But Anne knew how to handle me.“
Indeed. Even before they married, Anne invited all the women she knew he had slept with to a party for him in Paris. „I couldn’t believe it when I walked in and saw the guests,“ he says, laughing. „Ah! She knows everything.“

Und lebt glücklich mit diesem Paradegockel seit 63 (!) Jahren. – Wann verfilmt das endlich mal einer?

Aaach… hoffentlich nie!

PS. Oh – soeben erst gesehen –: Anne Douglas‘ Geburtsname ist (man kann so etwas nicht verfilmen:) Marx.

Photo (Ausschnitt): „Actor Kirk Douglas‘s star
on the Walk of Fame in the Hollywood neighborhood
of Los Angeles, California LCCN2013631458.tif“,
by Carol M. Highsmith [Public domain],
via Wikimedia commons


Donnerstag, 6. Februar 2020 19:54
Abteilung: Moving Movies, Zeuge der Geschichte

6 Kommentare

  1. 1

    Als Kind hatte mich The Vikings, als er im TV lief, stark beeindruckt. Vor allem weil ich in meiner kindlichen Naivität gesehen habe, dass der “Bösewicht” Kirk Douglas gar nicht so böse war.
    Welcher Douglas Film mir bis heute noch am meisten gefällt ist There Was a Crooked Man… (der dt.Verleititel verrät schon die Pointe), da hat Kirk wirklich mal ein charmantes, verlogenes Charakterschwein dargestellt bei dem man immer schwanken musste und sich gefragt hatte: “Ist das bei dem Charmebolzen jetzt verwerflich oder ist er einfach nur ein rücksichtsloses Arschloch?”
    Zusammen mit einem anderen “Giganten”, Henry Fonda, konnte das auch nur ein guter Film werden.

    Und dieses Stück kenne ich noch gar nicht – danke für den Tip! – Daß die Helden, die Douglas darstellte, nie ohne Makel waren und zugleich von übermenschlicher Tatkraft, superviril einerseits, andererseits voller Selbstzweifel – das macht Kirk D. so besonders unter den Leinwandhelden der 1950er und -60er. Allein Burt Lancaster hatte diese Ambiguität ähnlich überzeugend drauf (und deswegen haben die beiden so gern miteinander gespielt, glaube ich). KS

  2. 2

    Danke für einen weiteren wunderbaren Artikel, und auch für die Erinnerung daran, welche Filme ich mir unbedingt noch ansehen sollte.
    LW

    Ich wünsche Ihnen viel Vergnügen bei der Besichtigung (und beneide Sie darum, diese Meisterwerke ERSTMALS zu sehen). KS

  3. 3

    Schönen Tag,
    2 Künstler aus Tinseltown in ihrem Element 1958.
    https://www.youtube.com/watch?v=ta-0orf0jtg
    Ihre Selbstironie celebrierten Douglas/Lancaster 1986 in
    „Archie&Harry“ im Original „Tough Guys“ nochmals.
    Kein künstlerischer Anspruch, aber ein gelungener Gute-Laune-Film.
    Beste Grüße

    Liebe/r Hagnum – der Youtube-Link funktioniert leider nicht. Schauen Sie doch bitte mal, was da falsch läuft, ich pflege die Korrektur gern ein. – Ihre Bewunderung für das Duo Douglas/Lancaster teile ich übrigens vollauf (s. meinen Kommentar zum Kommentar von Fred). KS

  4. 4

    Es gibt einen Megaklassiker, bei dem Kirk Douglas und Burt Lancaster gemeinsam brillieren: Zwei rechnen ab (Gunfight at O.K.Corral) unter der Regie von John Sturges. In dem Film passt einfach alles – die Charaktere,die Ausstattung, die perfekt besetzten Nebenrollen, die Filmmusik von Tiomkin – einfach perfekt !

    Ich gäbe Ihnen gern recht – aber das Drehbuch hat einige Löcher, die größer sind als der Grand Canyon. Sonst freilich bin auch ich ein Bewunderer dieses Westernfilms und besonders der Schlußsequenz – da ist alles drin, was Sergio Lone ein paar Jahre später für seine Stücke herausholt. KS

  5. 5

    Schönen Tag,
    es handelt sich um das Duett “ It’s great not to be nominated!“
    https://youtube.com/watch?v=ta-0orf0j7g
    Jetzt sollte es aber hinhauen.
    Beste Grüße

    Haut hin und ist ein großer Spaß. Danke für das Fundstück! KS

  6. 6

    Das Geheimnis der großen Stars ist schwer zu beschreiben. In diesem Beitrag kommen Sie dem aber ziemlich nahe. Dennoch – ein Geheimnis ist ein Geheimnis ist ein …
    „Spartacus“ und „Paths of Glory“ haben mich enorm beeindruckt.
    Ich erlaube mir hier mal ganz OT, auf einen ähnlich herausragenden Film mit Burt Lancaster hinzuweisen, nämlich „Local Hero“.
    An dieser Stelle höre ich lieber auf, damit ich nicht wieder in die Gefahr gerate, vor lauter Begeisterung Nacherzählungen abzuliefern. Bitte nichts für ungut, Kay Sokolowsky!

    Nein, schon in Ordnung, das paßt alles sehr gut hierher. Burt Lancaster kann sowieso nie genug gelobt werden. KS

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