Alle Jahre bieder (3)

So wie die Welt mit jedem Jahr globaler Marktwirtschaft immer schöner und gemütlicher wird, so wird auch und erst recht mein Deutschland immer heimeliger, seit es eine Agenda hat sowie einen zuverlässigen Haufen Weihnachtsmänner in Politik und Medien, Wirt- und Wissenschaft.

Denn was wäre die Heilige Nacht, stünden nicht an jeder Eck Leute, die kein Dach über dem Kopf finden? Richtig: traditionsfeindlich – unchristlich wäre sie! Es muß erbärmliche Gestalten geben, damit das Erbarmen nicht ins Leere zielt.

Darum ist die folgende Meldung aus dem MieterJournal 4/2013 mit Abstand das Weihnachtlichste, was ich in diesen Adventstagen zu lesen und zu sehen bekommen habe: „In Deutschland waren im Jahr 2012 rund 284.000 Menschen ohne Wohnung. 2010 lag ihre Zahl noch bei 248.000. Für (…) 2016 prognostiziert die Bundesarbeitsgemeinschaft Wohnungslosenhilfe einen weiteren Anstieg um circa 30 Prozent auf dann 380.000 Menschen.“

Menschen wie dich und mich. „Laßt mich ein, ihr Kinder, ist so kalt der Winter“: Das könnten die 284.000 Unbehausten doch mal gemeinsam singen vor der Privatwohnung von Angela Merkel und anschließend der von Sigmar Gabriel. Wird zwar am Koalitionsvertrag gar nichts ändern. Aber was für eine Show das wäre! Wieviel Luft aus dem allwiderwärtigen neoliberalen Gelaber dieser GroKo-tzler von SPD und CDUCSU abgelassen würde!

Ach ja … Weihnachten, die Zeit der Träume! Aber so ernst wie unsereins Agnostiker hat leider noch nie ein Christ seine Bibel genommen.

PS. Die Meldung im MieterJournal endet übrigens mit folgenden romantischen Sätzen: „Als Ursachen für die steigende Zahl der Wohnungslosen nennt die Bundesarbeitsgemeinschaft unter anderem hohe Mieten, Verarmung und Fehlentscheidungen bei Hartz IV. Dazu kommt ein unzureichendes Angebot an preiswertem Wohnraum.“ — Und wenn wir Loser jetzt singen, egal wo: „Öffnet mir die Türen, laßt mich nicht erfrieren!“ –: wetten, daß keine Sau uns reinläßt? ‘Lujah!

Photo: By Oxfordian Kissuth (Own work) [CC-BY-SA-3.0 (http://creativecommons.org/licenses/by-sa/3.0)], via Wikimedia Commons


Dienstag, 17. Dezember 2013 2:26
Abteilung: Adventskalender, Kaputtalismus

2 Kommentare

  1. 1

    In jeder deutschen Stadt, in beinahe jedem Dorf sogar steht mindestens eine Kirche, in der am heiligen Abend wieder die Geschichte von einem vorübergehend obdachlosen Pärchen erzählt wird, das das Erlöserkindlein beinahe auf der dreckigen Straße zur Welt gebracht hätte. Einige Kirchen öffnen in dieser Zeit sogar ihre Türen für heutige Obdachlose, um ihnen ein einfaches Mahl in beheizten Räumen zu gewähren – und sie nach dem letzten Bissen eilig wieder in die Kälte hinauszuwerfen. In den Kirchensälen und Gemeindehäusern wäre genug Raum, um jedem Obdachlosen jede Nacht eine warme Unterkunft zu bieten, jedoch: In den Herzen der steuerfinanzierten Botschafter des Herrn ist für so viel Nächstenliebe kein Platz.

  2. 2

    Das Singen der Unbehausten vor den Privatwohnungen der Politiker-Darsteller ist eine wunderbare Idee! Außerdem könnte noch vor Moscheen, Kirchen, „Taz“- oder „Konkret“-Redaktion oder vor den Wohnungen der sich ungefragt als Anwälte der Entrechteten sich präsentierenden Hochmoralapostel gesungen werden. Oder lieber nicht?

    Immer wieder lustig: Wenn der Bourgeois, der doch sonst die Moral gepachtet hat, sich über „Moralapostel“ beschwert. – Daß „Konkret“ verantwortlich ist für die steigende Zahl der Obdachlosen, halte ich übrigens für eine sehr steile These. KS

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