Das war’s. War’s das?


Still ist es hier gewesen übers Jahr. Es würde mich nicht wundern, wenn seit vielen Monaten kein Mensch mehr hat nachsehen mögen, ob es in diesem Blog was Neues zu lesen gibt. Nun ist nichts Falsches an der Stille, und ein Segen liegt auf der Ruhe, aber eine Art Notizbuch, in dem nichts notiert wird, hat in gewisser Weise keine Art.

Besser bzw. lauter wird’s trotzdem auf absehbare Zeit nicht werden, dazu fehlt es mir schlicht an Kraft und Zeit. Immerhin möchte ich nicht versäumen, kurz vorm Jahresfinale allen, die darauf lauern, zu versichern, dass sie hier niemals Interna aus der KONKRET-Redaktion lesen werden, denn so was gehört sich nicht und sowieso nicht hierher.

Stattdessen appelliere ich an Sie, liebes „Abfall“-Publikum (sofern es noch eines gibt), der Zeitschrift, für die ich arbeite, in einer ökonomisch äußerst heiklen Lage beizustehen. Wie Sie das können und warum die Situation so kritisch ist, mögen Sie bitte in einem Aufruf des Verlags nachlesen, dem ich nur so viel hinzufügen will: Etwas muss nicht erst verschwinden, damit man ahnt, wie sehr es fehlen könnte. Dass es mir an Zeit und Kraft fürs Bloggen mangelte, hat natürlich mit der Kraft und Zeit zu tun, die ich aufbrachte und -brauchte, um mein Teil zu einem relevanten KONKRET beizutragen. Es wäre wirklich ein Jammer, hätte ich demnächst wieder sehr viel Zeit und Kraft für dieses Weblog, statt sie in Glossen wie die folgende zu stecken:

Planet der Affen

Ohnehin sollte von Gerichten niemand erwarten, daß sie etwas anderes tun, als den Status quo zu beschützen. Besonders ungerecht behandeln sie zumal in Kriegszeiten jene, die bloß versuchen, in einer verkommenen Welt den Anstand zu wahren. Seit Beginn der russischen Mobilmachung im vergangenen Herbst wurden knapp 1100 Einberufene wegen Fahnenflucht oder Befehlsverweigerung angeklagt, und weil die Prozesse vor Militär- statt Zivilgerichten statthaben, sind sie kurz und schmerzvoll. Denn die Verfahren enden nicht mit Gefängnis-, sondern Bewährungsstrafen, was keineswegs milde, vielmehr für die Verurteilten schlimmer ist als jeder Knastaufenthalt. Die Kriegsdienstverweigerer können auf diese Art sofort an die Front zurückgeschickt werden.

Dort erwartet all die armen Teufel, die beim Töten nicht mitmachen wollen, vor allem der Tod, und nicht selten kommt er aus deutschen Waffenfabriken. Daß deren Mordsapparate zwischen Guten und Bösen nicht unterscheiden, daß außer priesterlichem nie ein Segen auf ihnen liegt, vergißt gern, wer sich auf der richtigen Seite wähnt. Wie zum Beispiel SPD-Jungspund Daniel Reissmann, der am 22. April via Twitter jubilierte: „Wenn wir noch einen endgültigen Beweis gebraucht haben, daß Rüstungsgüter und unsere Rüstungsindustrie unverzichtbar im Kampf gegen Imperialismus und Angriffe sind, dann liefert unsere militärische Unterstützung der Ukraine diesen Beweis jeden Tag.“ Vom selben Geist, nur unmißverständlicher formuliert ist eine Schlagzeile, die „Bild“ sechs Tage später herausschrie: „Deutscher Panzerstahl überlegen – Gepard läßt stolze Russen-Drohne einfach abprallen.“

Und jetzt stehen bitte alle auf und singen Horst Tomayers „35-Stunden-sind-genug-Lied der deutschen Rüstungsarbeiter“.

Zuerst erschien dieses – wenn Sie mir die Eitelkeit genehmigen – makellose Stück Prosa in den „Herrschaftszeiten“ von KONKRET 6/23; und allein wegen der Möglichkeit solcher Stücke spart am falschen Ende, wer kein Geld für dieses Magazin übrig hat.

Bei der Gelegenheit serviere ich Ihnen auch eine Glosse, die für die „Herrschaftszeiten“ im Januar ‘23 vorgesehen war, es aber aus Platzgründen nicht ins Heft schaffte. An ihrer Stelle stand dann eine Grütze, die im „Spiegel“ viel besser aufgehoben gewesen wäre, aber die Gründe für diese Entscheidung behalte ich für mich, weil: siehe oben.

Doppelwumms

Ich weiß nicht, was Steffen Klusmann, Chefredakteur des „Spiegel“, so trinkt, aber ich will nichts davon. Seit „Jahrzehnten“, leitet er am 9. Dezember seinen wöchentlichen Newsletter ein, kursiere „das Bonmot, der ‚Spiegel‘ sei das ‚Sturmgeschütz‘ der deutschen Demokratie“. Nach dem üblichen Eigenlob für den neuesten Blattschmarren nimmt Klusmann die Kurve zurück zum Anfang, doch derart geschmack- und besinnungslos, daß es ihn weit, weit hinausträgt: „(A propos) ‚Sturmgeschütz‘ … Beim ‚Deutschen Reporter:innenpreis‘ wurde Alexandra Rojkov ausgezeichnet für eine Reportage über einen ukrainischen Jungen, der seine Eltern verloren hatte.“ Und darum brauchen sich Qualitätsjournalisten „des Dienstes indes nicht zu schämen, den (sie) der Gesellschaft, dem Gemeinwesen leisten“ (Theo Sommer): Sie spiegeln das beste Deutschland, das sie je hatten, und wenn auch nie alles gut laufen tut, blamiert sich ein jeder, wie er nur kann.

Aber jetzt ist es Zeit, ans Ende zu kommen, um ein halbwegs würdiges Ende des Jahres vorzubereiten. Ich verabschiede mich und bedanke mich für Ihr Wohlwollen, liebe Leserin, werter Leser, mit dem schönsten Lied, das mir 2023 begegnete. Es wäre nur halb so schön, hätte es nicht Jack Teagarden, der große Pionier der Jazzposaune, der Weggefährte Louis Armstrongs und Bix Beiderbeckes, gesungen. Über Teagardens Stimme bemerkte der Kritiker Will Friedwald einmal, sie sei „gealtert und verwittert wie guter Whisky – und tatsächlich durch Whisky“. Das ist nicht falsch, doch ein bißchen fies, und außerdem hätte kein Alkoholverächter auch nur halb so glaubwürdig diese Zeile singen können: „If you play the Blues, you never go wrong.“

In diesem Sinne alles Gute, Schöne, Blaue fürs neue Jahr!

Photo: Martina Sokolowsky

5 Kommentare

  1. jean-gert nesselbosch
    Sonntag, 31. Dezember 2023 18:56
    1

    Lieber Herr Sokolowsky,
    ich lese hier noch. Und ich bin auch treuer Leser und Abonnent der Konkret. Ich wäre wirklich bestürzt und verbittert, wenn Konkret verstürbe. Aber alle meine Appelle an Freunde, die Konkret doch bitte zu abonnieren, haben bisher nichts geholfen. Konkret will eigentlich keiner lesen. Zu kompliziert. Alles Gute für Sie, frohes neues Jahr !

    Lieber Herr Nesselbosch,
    danke für die guten Wünsche und auch für Ihr Engagement in Sachen KONKRET! „Zu kompliziert“ kann man – mit einer gewissen Snob-Attitüde – auch für ein indirektes Lob halten. Aber zum Snob fehlt es mir an großbürgerlichem Hintergrund. KS

  2. 2

    Lieber Herr Sokolowsky, wie schön, von Ihnen hier nochmal in diesem Jahr zu lesen. Ihnen und der Zeitschrift alles, alles Gute für 2024, und hoffentlich wird die konkret auch 2024 überleben, wichtig ist sie! Alles Gute also, L. W.

    Lieber Louis Wu, ich danke für Ihre schönen Wünsche! Und es freut mich aufrichtig, dass ein guter Leser wie Sie mich nicht abgeschrieben hat. KS

  3. 3

    Lieber Kay Sokolowsky,
    jetzt nötige ich Sie, Interna hin oder her, trotzdem, mich aufzuklären: ich dachte, wenn ich das Heft regelmäßig beim Zeitschriftenhändler kaufe, dann hat der Verlag doch mehr davon, als wenn ich es verbilligt abonniere und er die Versandkosten auch noch tragen muß. Was mir einleuchtet, ein Abonnement bedeutet eine berechenbare Einnahme, mit dem zufälligen Verkauf, auch wenn meiner zuverlässig ist, im Zeitschriftenhandel lässt sich nicht kalkulieren. Also wenn ich da falsch liege, abonniere ich, auch wenn mir das grundsätzlich sehr zuwider ist, allein das Wort Abonnent läuft bei mir unter den Pejorativa. Guten Rutsch und herzlichen Gruß, Ihr Udo Theiss

    Lieber Udo Theiss, Sie bringen es selber auf den Punkt: die Einnahmen durch Abonnements sind kalkulierbar zuverlässig, der Heftverkauf im Kiosk ist es nicht. Und wenn Sie selber nicht abonnieren mögen, dann verschenken Sie doch ein Jahres-Abo – vielleicht kennen Sie ja jemanden, der sich darüber freuen würde. KS

  4. 4

    Es würde mich nicht wundern, wenn seit vielen Monaten kein Mensch mehr hat nachsehen mögen, ob es in diesem Blog was Neues zu lesen gibt.

    Ach, RSS existiert. Ansonsten findet man die Verlautbarungen des Blogherrn ja auch in Printprodukten, bemerkte ich dieses Jahr als wahrscheinlich Letzter. Die Überbrückung war insofern leicht.
    Frohsneus!

    RSS und andere Spionageinstrumente sind mir ziemlich zuwider. Am Ende will ich auch gar nicht wissen, wie der „Traffic“ auf meiner Website aussieht. Ich mach‘ das hier immer noch in erster Linie für mich und nicht mit dem Ehrgeiz, ein großes Publikum zu bedienen. KS

  5. 5

    Lieber Herr Sokolowsky,
    Seit ca. 50 Jahren lesen mein Mann und ich die konkret. Seit ein paar Jahrzehnten sind wir Abonnenten und seit einigen Jahren bekommen wir Ihren „Abfall“. Nichts von all dem möchten wir missen!
    Liebe Grüße und Ihnen ein gutes Jahr 2024.

    Liebe Frau Schmidt, seien Sie herzlich bedankt für Ihre guten Wünsche und Ihre wärmenden Worte! Wenn’s nach mir geht, sollen Sie auch nichts „von all dem“ missen – und hoffentlich wird auch hier einmal wieder mehr los sein. KS

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