Aphone Aphorismen (3): Ozymandias gewidmet

Eventuell besteht das letzte Problem, das der Kunst zu lösen bleibt, darin, einen Müllhaufen schön aussehen zu lassen. Und zwar nicht, indem sie den Unrat so lange arrangiert und ausleuchtet, bis er sich in ein Objet trouvé verwandelt, sondern indem sie ihn nimmt, wie er ist. Keine Romantik, kein Pathos, keine Provokation: Das hatten wir alles schon, und der Erkenntniswert hielt sich in Grenzen. Die Spezies legt höchsten Wert darauf, Spuren im Kosmos zu hinterlassen, dafür hat sie sich Kultur und Kunst angeschafft. Doch wenn die Menschheit irgendwann verschwunden ist, wird nichts von ihr bleiben als die Verwüstung, die sie global betrieben hat, eine Vernichtungsorgie, die zuletzt auch gegen alles sich richten dürfte, was die Schöpfungskraft der Spezies dokumentiert.

Einzig dieses Weltkulturerbe wird Jahrmillionen überstehen: Niemals kann die Ökosphäre der Erde sich erholen von unserem Talent zum Zermalmen und Zerstören. Der Genpool des Planeten für immer kastriert und defekt, die Ozeane stinkende Kloaken, die Kontinente überzogen mit Schutthaufen und radioaktiven Wüsten – ein ordentliches Spektrometer dürfte noch am anderen Ende des Spiralarms offenbaren, welchen Eifer, wieviel Ingenium wir entfesselt haben, um die Erde nach unserem Bilde zuzurichten. Aber von uns wird niemand mehr da sein, um dies gewaltigste Zeugnis menschlichen Strebens zu würdigen. Darum tut eine Kunst not, die sich dem Müll anverwandelt, die heute schon in Schönheit das beispiellos Häßliche zeigt, das die Spezies um Äonen überdauern wird. Aber wer könnte solche Kunst ansehen, ohne dabei allein Müll zu erblicken und sich entsetzt abzuwenden? Und vielleicht ist der Dreck, der rasend, planlos, fern jedes ästhetischen Strebens produzierte Dreck bereits die Kunst, die dabei versagt, ihn darzustellen.

Nachschrift. Hier stand bis vor kurzem eine Flachdachbaracke, gerade mal groß genug für eine Aldi-Filiale und eine Münzwäscherei, scheußlich wie nur je ein Gewerbebau. Mußte wirklich nicht bleiben.

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