Aphone Aphorismen (9): Pippilotta Cosplay

Linie 21, 18.10 Uhr. Nah bei meinem alten Gymnasium besteigt ein Pärchen den Bus, das aus meinem Jahrgang sein könnte. Sie: die kupfernen Haare an den Schläfen zu Kleinemädchenantennen gezwirbelt, Klamotten am schlanken Leib wie für Hippies mit Bausparvertrag, vermutlich von Gudrun Sjödén in Taka-Tuka-Land fabriziert … Also, sie: die Augen geschminkt à la aufgerissen vor Lebenslust/Schalk/Neugier. Diese Frau ist Pippi Langstrumpf mit Mitte 50. trotz steigender Steifheit der Knochen immer noch raumgreifend beim Dauerquatschen und -kichern. Sie hat sogar – das stärkste Mädchen der Welt! – ihr treues Pferd auf dem Arm und trägt es rum, als wär es nicht mehr denn ein halber Dackel.

Nun ja, es ist nicht mehr als ein halber Dackel, und vielleicht heißt er Tommy Settergren. Interessanter noch als die gealterte Avantgardistin des „Cosplay“ kommt mir allerdings der Mann vor, der Madame Langstrumpf bei Fuß folgt.

Es ist der Herr Nilsson! Jenes Meerkätzchen bzw. Totenkopfäffchen, das die trüben Abende der Halbwaise mit Geschnatter und Gehampel aufhellt. – Nein, dieser ungewöhnlich schmale Mann trägt kein Tierkostüm. Er ist nicht mal entfernt so kindisch verkleidet wie die Anführerin, vielmehr in Bluejeans und Knitterhemd gehüllt, das stark bebrillte Woody-Allen-Gesicht absichtlich schlecht rasiert. Sein Kostüm könnte diskreter nicht sein. Er hat es verinnerlicht.

Wie er den Rücken biegt und in den Knien weich wird, damit die weit schwingenden Gliedmaßen mehr nach Meerkatze aussehen – das wirkt auf mich wie das seltsamste Opfer, das ein Liebender der Geliebten darbringen kann. Herr Nilsson wurde, was Mrs. Longstocking in ihm zu sehen verlangte, und er hat längst vergessen was er mal war und besser wäre. Sie hat ihn und er ist gern ein possierlicher Kamerad.

Nachschrift. Im leergeregneten Biergarten inspiziert ein Rotkehlchen das Gelände, experimentiert mit den Stühlen als Tropfenschutz oder Ersatznest, verschwindet verdrossen. Die Stühle sind festgebunden.

Photo: „Sweden. Doll 02”, by Albertyanks/Albert Jankowski (Own work) [Public domain],
via Wikimedia Commons


Samstag, 20. Mai 2017 1:58
Abteilung: Aphone Aphorismen, Stadtstreicherei

Ein Kommentar

  1. 1

    Das ist schön beobachtet von Ihnen. Man könnte den Mann auch als den aktiven Symbionten in dieser Beziehung mutmaßen. Mit seiner widerstandslosen Angepaßtheit und so aufreizend friedfertig, wie er alle ihre geheimen Bedürfnisse nach maskuliner Patronage unterläuft, treibt er sie zu der schrillen Zurschaustellung von autonomem Unbekümmertsein.
    Irgendwann lief irgendwo in Deutschland einmal ein älteres Paar an mir vorbei. Er ungefähr zwei Meter hinter ihr, alles an ihm hing resigniert herunter, Kleidung, Schultern, Arme, Kopf. Im Laufen, ohne auch nur den Kopf zu wenden, sagte sie, weniger zu ihrem Mann, eher zu einem unsichtbaren Zeugen ihres vergeblichen Kampfes mit der Dummheit der hinter ihr laufenden Elendsgestalt: Red du nur! Ich hör dir gar nicht zu!

    Und das jeden Tag, jede Nacht, und nicht mal der Gedanke an eine Flucht hellt dieses miserable Leben auf (ich meine das Leben beider Eheleute)! Wollte ich mal einen Horrorroman schreiben, dann stünde ein Paar, wie Sie es anschaulich schildern, im Mittelpunkt. Auf übernatürliche Monstren läßt sich dann gut verzichten. KS

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