Aufgelesen (2): (Halb) Hamburg hat gewählt

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Angewandte Postdemokratie (Symbolphoto)

Die Aussicht, künftig einen sprechenden Honigkuchen als Zweite Bürgermeisterin ertragen zu müssen, ist keine schöne. Aber ich habe einen ertappten Kokser mit Neigung zum Größenwahn überstanden, dann sollte eine mopsfidele Nichtraucherin gerade noch zu schaffen sein. Das denkt der Scholzomat ebenfalls, und deshalb will er mit niemand sonst über eine Koalition reden als mit den Dümmsten, Schmiermittelkompatibelsten, und das sind, trotz harter Konkurrenz durch das Suding-Syndikat, nachweislich die Grünen.

Es brauchte nämlich nur ein paar Minuten nach der ersten Hochrechnung, bis die Bundesvorsitzende des Freundeskreises Poroschenko, stop, Quatsch, der Grünen, Simone Peter, ins Mikrophonbüschel quakte: „Wir werden uns nicht billig verkaufen.“ Hier werden ökonomische und politische Sphäre nicht vermischt, sondern vereint. Trotzdem dürfte Frau Peter ihr Armutszeugnis für ein trotziges Statement halten. Im Selbstbetrug lassen sich die Grünen nun mal von keinem was vormachen; außer, vielleicht, von ihren Wählern. Wo die parlamentarische Demokratie vergammelt, wo republikanische Werte begeistert der Verwertung zugeführt werden, ist nichts leichter (und billiger) zu kaufen als eine Partei. Den aktuellen Tarif entnehmen Sie demnächst der Tagespresse.

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Die rotgrüne Liebe übersteht erste Zerreißproben (Symbolphoto)

Colin Crouch orakelte vor sieben Jahren über den Finalzustand der von ihm so benannten „Postdemokratie“: „Wenn dieser Prozeß vollkommen entfaltet ist, werden wir in einer politischen Verfassung leben, in der Parteipolitik nur noch die vordemokratische Aufgabe erfüllt, den Mitgliedern der eigenen Gruppe zu Verwaltungs- oder politischen Ämtern zu verhelfen.“ Und deshalb wird Katharina Fegebank sehr schnell mit OlafScholz handelseinig werden undsich anschließend ganztollsupistolz zeigen, weil er für der Grünen Zustimmung zum Ausbaggern der Elbe ein Krötenmoor am Oberlauf der Alster schlucken muß.

„Nicht billig verkaufen“? Für Diäten, Dienstwagen und einen Schreibtisch im Rathaus würden die Fegebänkler ihr komplettes Parteiprogramm verramschen. Würden? Werden. Denn das sind die Gesetze der vermarkteten Politik, amen.

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Der Scholzomat hat auch Bewunderer, zum Beispiel Gerd Nowakowski vom Tagesspiegel. Als echter Qualitätsjournalist hält Nowakowski sich an das erste Gebot der Zunft – „sei niemals schlauer als deine Leser“ – und empfiehlt des Bürgermeisters neoliberale Nichtpolitik als leuchtendes Beispiel für Berlin. Ich erkenne meine Stadt in der Beschreibung Nowakowskis zwar kaum wieder, doch beim Tatort geht’s mir selten anders.

Sogar ein jahrelang auf Elastizität getrimmter Qualitätsjournalist könnte allerdings ohne Aufwand herausfinden, daß die Elbphilharmonie unter Scholz lumpige 252 Millionen Euro teurer als vor seinem Amtsantritt wurde. Und würde sich anschließend allenfalls nach Einnahme großer Mengen Alkohols denken: Da kann mal einer mit Geld umgehen – den brauchen wir am Willy-Brandt-Fluchhafen! Nowakowski aber ist nüchtern und glaubt, was er sagt; welch Segen liegt wie Himmelsglanz / auf unbefangner Ignoranz!

Aber sollen er und die Hunderte ihm gleichgestimmten Seelen den Scholzomaten gern hinwegloben in die Reichshauptstadt, fort zu seinen mordsgescheiten Bewunderern! – Ich sah den Fachmann für kaputte Städte gegen 20 Uhr am Sonntag feixen, im Rahmen seiner mimischen Möglichkeiten, und ich dachte augenblicks: Diese Studie in Verkniffenheit will ich nicht mehr in den Amtszimmern sehen müssen. Diese durch einen Wall von verschluckten Gefühlen gepreßte Stimme, dieses nölige „Politik der ruhigen Hand“-Gemöhre, dieses maximal bleistiftbreite, gegen eine störrische Technokratengesichtsmuskulatur wie unter Qualen erzeugte Grinsen – das brauch ich nicht die nächsten fünf Jahre. Die Berliner können ihn gern haben.

Und möge (Achtung: ab jetzt Science Fiction!) bei Merkels Durchmarsch 2016 zur absoluten Mehrheit und ihrer ein Jahr später folgenden, ziemlich melodramatischen (NSA-Leak „Moerkel/FDJ“ oder so was in der Richtung), von diversen innereuropäischen Bürgerkriegen und Armutsrevolten überschatteten Abdankung samt Reichszepterübergabe an Volker Kauder, den leersten der Satrapen –– möge Olaf Scholz also der SPD solide 15 Prozent garantieren, damit ich bei der Zersplitterung meiner Stadt zumindest nimmer diese simultane Ungerührt-, Gereizt-, Verdackelt- plus Blasiertheit des strebsamen Parteioffiziers aus der Nähe verfolgen muß … Brrr und Doppelbrrr!

Als eine der Herkulestaten Scholz‘ rühmt Nowakowski auch dies: „Mit einem ehrgeizigen Programm soll der öffentliche Busverkehr schneller und attraktiver werden.“ Nun ist das „Busbeschleunigungsprogramm“ leider nicht, was es heißt, sondern eine lupenreine Geldvergeudung, wie jüngst der Hamburger Rechnungshof rüffelte: „Bei Bauvorhaben in Millionenhöhe muss die Angemessenheit des Mitteleinsatzes immer im Vergleich zum Nutzen nachgewiesen werden.“ Kein einziger Bus, da sind die unabhängigen gleichwie ungehörten Verkehrsexperten sicher, wird in der Feilen und Hanselstadt künftig „schneller und attraktiver“ fahren. Allein der private Autoverkehr sowie einige mutmaßliche Sponsoren des Hamburger Wahlkampfes profitieren von der ca. 260 Millionen Euro teuren Buddelei. (Bislang finden die Grünen die Beschleunigerei übrigens noch pfui, aber im offenen Gebiet der Bille gibt es bestimmt ein Tölpelreservat abzustecken.)

Bei mir um die Ecke etwa entsteht momentan eine vierspurige Rennstrecke, die das Viertel in zwei Achtel zerschneiden und in den kommenden Jahren eine Menge Blech- und Personenschäden verursachen wird. 49 stattliche Bäume sollen für den witzlosen Nonsens zu Mulch werden.

Kein Anwohner will den Dreck haben, niemand vermag einen Nutzen zu belegen, durchgezogen wird‘s trotzdem, gegen die Proteste der unmittelbar Betroffenen und wider besseres Wissen –: Dergleichen versteht Tiefdenker Nowakowski also unter „ehrgeizig“. Ich wiederum verstehe etwas klarer, warum in meinem Wahllokal nur 39 Prozent der Stimmberechtigten den Ehrgeiz hatten, auf- und anzukreuzen.

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Wer aber über die Postdemokratie nicht reden will, den laden sie in die Talkshows ein. Wo er dann, ohne es zu ahnen, postdemokratisch daherplaudert. Wie zum Beispiel Thomas Hahn von der Süddeutschen Zeitung. Er saß gestern abend zur, kicher, „Wahlanalyse“ bei NDR Info
und empfahl als Therapie gegen Wahlverdruß:


Das wird prima, wenn die Vize und der Scholzomat in den nahenden unruhigen Zeiten mehrere Amtsbezirke zu Gefahrengebieten erklären, weil deren Einwohner „eben im Verdacht stehen, möglicherweise
(sic!) nicht zur Wahl zu gehen“! Jene werden ihren Untertanen dadurch zwar nur nähertreten statt -kommen. Aber, und darauf kommt‘s an: Umgekehrt gilt das Gleiche. Da fällt mir auf … Sobald die Bornheide beschleunigt ist, passen die Wasserwerfer viel besser durch.

Nur gut, daß ich wählen war!

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Die waren bestimmt auch wählen


Dienstag, 17. Februar 2015 21:59
Abteilung: Kaputtalismus, Qualitätsjournalismus, Undichte Denker

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