Da capo: Star Shaper


Dem New Yorker Astrophysiker und Erzcharismatiker Neil deGrasse Tyson habe ich hier schon einmal meine Verehrung bekundet. Es ist ein Plaisir, ihm nun ein zweites Mal Dank zu sagen, das Knie zu beugen, Lob zu hudeln, usw.

Denn Meister Tyson war Anfang Mai erneut in der „Late Night with Stephen Colbert“ zu Gast und warb für ein Buch, das es ziemlich sicher verdient hat, ein großes Publikum zu finden. Bereits der Titel ist unwiderstehlich: Astrophysics for People in a Hurry.

Im Gespräch mit Colbert – dessen Respekt vor Tyson weder gespielt noch übertrieben wirkt – spricht der Wissenschaftler u. a. von der niederschmetternden Größe des Universums. Von der narzißtischen Kränkung, die jeder Blick über den Horizont hinaus für uns bereithält, von der nicht leicht zu verkraftenden Erkenntnis, in einem Weltall zu leben, das sich bestimmt nicht um uns dreht. Und bietet dann eine Lösung für unsere Minderwertigkeitsgefühle an, die keine Religion zu liefern vermag, die viel erhabener und erhebender ist als sämtliche Märchen, welche Menschen erfunden haben, um sich für was Besseres bzw. auserwählt zu halten. DeGrasse Tyson nennt diesen Weg aus unserem eitlen Dilemma „die kosmische Perspektive“:

The atoms in your body, the molecules that comprise life are traceable to stars that manufactured those elements in the crucible of their core. […] We are participant in the unfolding of that great cosmic story. […] Maybe, you‘re special because you are the same. We are special because our ingredients are traceable across the universe.

Ich weiß nicht, ob es einen Gott gibt, werde es wie wir alle niemals wissen können. Doch wer braucht noch einen Gott bei dieser kosmischen Perspektive? Und (für die standhaft Religiösen): wie sollte ein Schöpfer sich eleganter manifestieren als in dem Holismus und der vollendeten Logik seiner Schöpfung? Und: hat es je einen überzeugenderen Propheten der materialistischen Metaphysik gegeben als Neil deGrasse Tyson? Falls ja, bitte ich um Hinweise.

Aber nun sehen und hören Sie die gottlose, obschon hochspirituelle Predigt bitte selbst. Sie werden dem menschlichen Vulkan Tyson bei der Eruption vielleicht ebenso fasziniert und eingeschüchtert zuschauen wie Stephen Colbert (der als gläubiger Katholik an den sinnlichen Offenbarungen des Universalgenies sichtlich zu knabbern hat, doch es schmeckt Colbert, irgendwie):


Abb.: „Observable universe logarithmic illustration”,
by Unmismoobjetivo (Own work) [CC BY-SA 3.0],
via Wikimedia Commons

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Samstag, 20. Mai 2017 21:49
Abteilung: Discovery Channel, Gute Nachrichten

3 Kommentare

  1. 1

    Das ist eine Buchpräsentation, ein elevator pitch on book selling, lieber Herr S., aber Ihre Begeisterung behagt einem verkappten Jesuiten wie mir und erklärt ihre seelische Verbundenheit mit Scorsese. „Ja, vielleicht sind wir alle nur dazu geboren, um ruhelos zu suchen bis zum Schluss …“ heißt es in einem der besseren Lieder von Hannes Wader. Sie postulieren das „Verkacken der Spezies“ rein apodiktisch, in der stillen Hoffnung, sich irgendwann selbst zu widerlegen? Auch das behagt. Kennen Sie den:
    Nach Stunden heißen Disputs zwischen einem Jesuiten und einem reformierten Pfarrer lenkt der Jesuit ein, indem er sagt: Wir wollen den Streit beilegen, mein Lieber. Sie dienen Gott halt auf Ihre Weise und ich auf seine.
    Und Sie auf Ihre, zu meinem fortgesetzten Vergnügen! Danke dafür.

    Und danke Ihnen, lieber Herr S., für einen der schönsten Leserbriefe, die ich kenne, mich betreffend. Bleiben Sie mir, bitte, gut! Sie halten mich im Spiel; und das ist, glaube ich, das beste, was Menschen einander schenken können … sich im Spiel halten.
    Und was Sie über meinen aufgebockten Nihilismus vermuten – ach!, da fühlt man sich durchschaut und sympathisch entlarvt! Vielen Dank dafür, Andreas Schmid!
    Und angemessen danken kann ich eigentlich nur mit einem Diebstahl bei Mozart:
    https://www.youtube.com/watch?v=wuUwdlSI4tw
    You made my day. KS

  2. 2

    Der Gedanke, daß die Atome meines Körpers im Inneren von Sternen entstanden sind, fasziniert mich schon seit vielen Jahren immer wieder. Möglicherweise seit ich vor ca. 40 Jahren Hoimar von Ditfurths „Kinder des Weltalls“ gelesen habe. Das war auch einer, der einen gehörig das Staunen lehren konnte. Zu einer Zeit nämlich, als im Fernsehen noch Zeit war, Dinge ausführlich zu erklären, was Ditfurth in seiner Sendung „Querschnitt“ auch immer wieder tat. Er mag aus heutiger Sicht etwas bieder wirken und so witzig wie Tyson war er auch nicht, aber immerhin …
    Auf jeden Fall bedanke ich mich für den Buchtipp. Da werde ich auch mal meine Abneigung, englisch zu lesen, überwinden.

    Hoimar v. Ditfurth war schon ein Großer, eine echte Bastion der Vernunft und Aufklärung. Mit ein BISSCHEN Glück wäre ich sogar mal Komparse in einem „Querschnitt“-Filmbeitrag geworden, mit 13, am Strand von St.-Peter-Ording. Aber Ditfurths Adlatus Volker Arzt hat sich dann doch für einen anderen Knaben entschieden. (Wir sollten nämlich erklären, wie Wolken entstehen. Ich habe völlig vergessen, was ich damals erzählte. Es war wohl dummes Zeug.) KS

  3. 3

    For the fanboy:
    https://wakelet.com/@NeildeGrasseTyson

    Lieber Arno Matthias, es macht mich immer wieder sprachlos, was Sie in der Riesenmüllhalde WWW an Kostbarkeiten aufspüren. Der Fanboy sagt Dank! KS

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