Director’s Cut (5): Sein letzter Böller

Die Serie „Director‘s Cut“ versammelt Texte von mir, die bereits vor Jahren, aber nie in ihrer ursprünglichen Form erschienen sind. Hier sind sie endlich so zu lesen, wie sie mal gedacht waren, bereichert um Szenen oder Exkurse, die einst an den engen Grenzen des Layouts scheiterten, beschnitten um Sätze und Formulierungen, die dem Autor heute eher peinlich sind. Für jede Neupublikation gibt es einen Grund – heute ist es das, was Jungs zu Silvester am meisten Spaß macht. In diesem Sinne:
Komm‘ Se jut rin!

Manchmal träumte Uwe von Atompilzen. In diesen Träumen hörte er ein Donnern, das von Horizont zu Horizont rollte. Es grollte hinauf bis in den Weltraum und hinab in den glühenden Kern der Erde. Ein Knall, der nie verhallte, ein Geräusch, laut genug, um alle Katzen, Hunde und alten Knacker der Welt in einen Schrecken ohne Ende zu versetzen. Für einen Jungen von elf Jahren waren das recht ungewöhnliche Träume. Kurz vor Silvester hatte Uwe überhaupt keine anderen Träume mehr. Da war jedesmal ein Blitz, den Blinde sehen, ein Krach, den Taube hören konnten, und wenn er aufwachte, hatte Uwe etwas Feuchtes in der Pyjamahose, das er für Pipi hielt.

Während andere Kinder sich auf das Ende des Jahres vor allem wegen Weihnachten freuen, fieberte Uwe allein dem letzten Dezemberabend entgegen. Wenn die Luft vibrierte vom Dauerknattern der Böller und erfüllt war von Schwefelgestank und blaugrauem Rauch, spürte der Junge ein Glück, das er sonst nicht mal erlebte, wenn er Ameisen mit der Lupe verbrannte. Mit acht durfte Uwe zum ersten Mal selbst einen Chinakracher anzünden. Er hatte eine Mordsangst. Doch zum Glück ging alles gut; und zur Belohnung hatte sein Vater ihn eine Woche lang nicht verhauen. Kurz darauf war Papa ausgezogen. Uwe sah ihn nie wieder. Mama weinte seither viel, wenn das Jahr wechselte. Sie kümmerte sich dann kaum darum, was ihr Sohn trieb. Manchmal dachte Uwe, daß sie froh war, wenn sie ihn nicht sah. Aber das war ihm nur recht.

Er strolchte auf den Straßen herum und beobachtete die angetrunkenen Großen beim Abbrennen des Feuerwerks. Als sie weiterzogen, sammelte er rasch die Blindgänger ein. Es gab immer welche. Lunten wurden naß, weil es regnete oder der Schnee so hoch lag. Oft fielen sie einfach aus der Sprengstange heraus. Auf zehn Chinakracher, schätzte Uwe, kam einer, der nicht hoch ging. Den sammelte er auf – und dann den nächsten und danach den übernächsten; so lange, bis Uwe vor Kälte und Müdigkeit nicht mehr konnte. Am Neujahrsmorgen – seine Mutter lag im Bett und hatte schlimmes Kopfweh – ging er die Strecke ein zweites Mal ab und sammelte weitere Krepierer. Die Beute lagerte er in einer dunklen Kellerecke und ließ sie dort trocknen, bis sie zu knistern schien. Dann schnitt er die verreckten Böller auf und ließ das Schwarzpulver in eine Blechdose rieseln. Uwe sammelte den Sprengstoff für höhere Zwecke.

Seine erste selbstgebastelte Bombe riß den Briefkasten von Frau Carstens entzwei. Die zweite – er war zehn und hatte einiges dazugelernt – blies das Gewächshaus im Garten der Ockerts in Stücke. Der Superböller, den er in diesem Jahr gebastelt hatte, sollte den Müllcontainer des Supermarkts zerfetzen. Mit etwas Glück würden außerdem ein paar Fensterscheiben draufgehen. Aber Uwe mußte natürlich auch ans nächste Jahr denken. An den Treppenaufgang im „Haus Lebensabend“, wo seine Mutter putzen ging, an die herrlichen Echos dort und an all die schreckhaften alten Knacker!

Also schlich er an diesem Silvesterabend wieder durch die Straßen, beobachtete, wie die Betrunkenen ihr Feuerwerk verschleuderten, und sammelte ein, was sie achtlos hinter sich ließen. Uwe klaubte gerade einen C-Böller aus dem Schneematsch. Er war so in seine Aufgabe vertieft, daß er nicht die schweren Schritte hörte, die sich ihm näherten. Aber er hörte die Stimme. Sie klang wie ein Kanonenschlag im Gulli. Uwes Hand fror ein. Der Rohrkrepierer in seinen kalten Fingern wog plötzlich Tonnen. Die Stimme brummte: „Bumm. Erwischt. Rotzbengel.“ Der Junge wagte nicht, sich umzudrehen.

„Blindgänger sammeln, was? Kleiner Bombenbastler, wie?“ Die Stimme klang überhaupt nicht freundlich. Uwe merkte, wie es zwischen seinen Beinen feucht und erst warm, doch im nächsten Moment eiskalt wurde. Diesmal war es tatsächlich Pipi. Er sagte nichts. „Ein Vorschlag, Jungchen“, sagte die Stimme. „Ich geb dir einen Böller, wie ihn noch keiner gehabt hat. Den Kracher aller Kracher. Aber dafür verlang ich was.“ Uwe flüsterte: „Was?“ Die Stimme erwiderte: „Deine Hände.“ Uwe sagte: „Erst will ich den Böller sehen.“

Etwas Großes klatschte zu Boden und bespritzte den Jungen mit Dreck und Eis. Es war ein Kanonenschlag, glutrot, dick wie ein Männerschenkel, mit einer langen wasserfesten Lunte. Uwe hatte von diesen Höllenknallern auf dem Schulhof gehört, wenn die Großen sich unterhielten. Sie sprachen von „Witwenmachern“ oder „Atomiks“. Die Stimme sagte: „Irrtum, Jungchen. Das ist kein Polenböller. So was kriegst du auf der ganzen Welt nicht noch mal. Also? Steht unser Handel?“ Uwe lief etwas Spucke aus dem Mund. In seinem Kopf war ein Blitz, der Blinde blendet, ein Knall, der Tauben in den Ohren klingt, und er wußte kaum noch, was der Fremde von ihm verlangte. Sein Handy? Er hatte doch gar keins. Aber egal, er würde eins besorgen. „Ich hab nicht ewig Zeit“, dröhnte die Stimme. „Wie ist es?“ Uwe nickte.

Und im nächsten Moment gehörte ihm der mächtigste Silvesterkracher der Welt. Leider hatte er keine Hände mehr, um ihn anzuzünden.

 

Erstmals erschienen am 4. Januar 2010 in der Taz

 Photos: Wikimedia commons/Scott Meltzer
Wikimedia commons/Thomas Hawk


Montag, 31. Dezember 2012 12:00
Abteilung: Director's Cut, Erzählungen

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