Hoch lebe die / Synästhesie


Der größere Teil der Osdorfer Feldmark
ist eingezäunt, damit die neurotischen Polo- und Polizeipferde, die hier zu Hause sind, nicht vom Pöbel belästigt werden, wenn sie stumpfsinnig um die Weidenwüste kreisen. Außer Maulwürfen, Krähen, Elstern, Möwen und Löwenzahn verirrt sich auf diese Klepperwiesen kein Leben, das sich selber gehören darf. Bloß ein Schamrest des „Landschaftsschutzgebiets“ besteht aus altem holsteinischen Knickgelände, und gäb‘s den NABU nicht, wären sogar diese paar Hektar längst erschlossen, das heißt, verödet. Nur hier kann der Spaziergänger die Promenade mal verlassen und fünfhundert Meter weit querfeldein wandern.

An einer dieser raren offenen Stellen latsch ich auf die Wiese, setze die Kopfhörer auf und wähl im Player den Eröffnungssatz der Siebten von Bruckner; ein Stück Musik, das ich seit 30 Jahren irgendwie irre finde bzw. nicht begreife. Die musikalische Spätromantik in einer Nußschale, die gigantische Orchestermaschine des ausgehenden 19. Jahrhunderts in höchster Lärmentwicklung, und das sehr, sehr seltsame Verhältnis Bruckners zur realen Welt in lauter widerstreitenden, vibrierenden, selbstherrlich auftrumpfenden Holz- und Blechchorälen eingefangen. Ich weiß nicht, wie oft ich dieses Allegro moderato schon gehört habe, aber beim Gang durch die Feldmark hatte ich es noch nie dabei. Und nun brummt und drommetet die Symphonie los wie eine Mammutherde im Pleistozän.

Ich setze meine Schritte vorsichtig: Da sind lauter Trittlöcher, und ich hab keine Lust, mir den atherosklerotischen Haxen zu verstauchen. Obwohl der feudale Krach der Bruckner-Kapelle mir die Ohren zustopft, höre ich von weit oben den Ruf eines Mäusebussards, sehe hoch, finde den Vogel, und, meine Fresse: Die fette Musik paßt zu diesem heroischen Anblick wie geschnitzt.

Auf halbem Weg zur Promenade auf der Westseite der Feldmark fällt mir auf, daß sich zwischen Bäumen und Hecken, etwa fünfzig Meter entfernt, mehrere Rehe verbergen. Also bleib ich stehen, zieh die Knipse aus dem Rucksack und hoffe, daß die Tiere mich nicht bemerken. Vergebens: die Rehe – ich zähle zehn – schauen mich an und sind im Nu auf und davon, fliegen in wundersam graziösen Bögen über Gebüsch und Feld, verharren kurz vorm nächsten Knick und sind gleich darauf so schnell verschwunden wie ein guter Gedanke. Derweil schieß ich quasi aus der Hüfte ein paar Photos / das endlose Hauptthema des Bruckner-Allegros röhrt in den H-dur-Nachsatz / der Bussard miaut abermals / meine Augen tränen vom Sonnenlicht, doch nicht nur davon / und ich schwitze ein bißchen unter den Achseln.


Dieses Zusammenspiel von Musik und Natur war, wie ich etwas später begreife, ein Glück, das sich (wie jedes Glück) nicht erzwingen läßt. Und nie wieder werde ich Bruckners Siebte hören können, ohne an diese verzauberte Szene zu denken. Es gibt – ich kenn mich aus – üblere Synästhesien. Und schlechtere Symphonien. – Danke, Toni, du Kauz!


Mittwoch, 27. Februar 2019 21:05
Abteilung: Musicalische Ergetzungen, Selbstbespiegelung, Stadtstreicherei

2 Kommentare

  1. 1

    Vielen Dank für diesen zauberhaften Bericht! Keine Ahnung, ob ich Bruckners 7. schon mal gehört habe, aber ich werde zeitnah testen, ob sie gegen Güllegestank hilft – das einzige, was hier beim Überlandradeln zZt für Synästhesien sorgt – harrumpf.

    Nein, gegen Gestank hilft Bruckner nicht, leider. – Gegen hirnlose Autokorrekturprogramme auch nicht. *Zwinkersmiley“. KS

  2. 2

    Das klingt nach einem wahrhaft surrealen Moment, und schön beschrieben, danke dafür! Wenn man sich dann noch vorstellt, daß dies Meisterwerk aus nichts als abstrakten schwarzen Zeichen und feinen Linien auf weißem Papier besteht, die erst durch 120 Musiker zu einem unfaßbar strahlenden, lebendigen Klanggebäude werden, kann man nur dankbar staunen. Plötzlich erscheint die Welt nicht mehr ganz so grauenvoll, weil es in ihr Menschen gibt, die so etwas hervorbringen können.

    Ja. Genau. Merci für diese warmherzige Anmerkung! KS

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