Meine Party mit Anita

Anita_O'Day_Tokio_1963_Vidcap_01Dies alte Sehnen, dieses alte Gefühl,
so jung in mir, wie ich längst nicht mehr bin.
So viele Runden um den Heimatstern
zu überstehen, Stücker zweiundfünfzig,
das heißt, das ordinäre Lebensjahr
per Zahlenzauber in das größere,
das Jahr des Lebens zu verwandeln.
Und jedes Annum schrumpft zur Woche –
die Zeit vergeht im Alter schaurig schnell.
(Und was folgt nun? Verlängerung?
—————————-aaaDie zweite Halbzeit? Eher nicht.)

Anita_O'Day_Tokio_1963_Vidcap_02Beim Blick ins Spiegelglas,
verdrossen beim Rasieren,
wirft mir ein seltsames Gesicht
den schiefen Blick zurück.
Es sieht so aus wie meins, nur grauer,
vergrabener, verhärmter,
enttäuschter und entsetzter
als damals, im August im Orwelljahr,
als ich – ein schmales Hemd mit Ambitionen
und Haaren bis zur Stirn, ein aufgeweckter
Junge,
in Norfolk, Bundesstaat Virginia,
im Schatten meines Schiffs und trotzdem grell
in einer Hose, blauer als der Himmel,
und einem Sakko, scharf aufs schmale Hemd gepaßt,
in wolkenweiß mit dünnen grauen Streifen –
als ich das Taxi enterte und orderte:
„Nach Washington, D. C. … Genau … In diesen Club.
Sie kennen ihn? Dann los!“
Es ging nach Georgetown, die gehobne Lage.
Den Namen des Lokals hab ich vergessen, komisch …
sonst aber nichts.

Anita_O'Day_Tokio_1963_Vidcap_03Sie trat da auf, die Liebe meines jungen
Lebens.
Die einzige,
die je mit ihrer Kunst
mein Herz gewann, mein Hirn und, hüstel,
meine Hoden,
die Muse aller Musen, Polyhymnia,
mein strahlendes Idol: Anita
O‘Day, die Heilige des Swing und Hardbop.
Das war in Georgetown im August im
Orwelljahr.
Die Tropenluft der Straße wehte fort,
als ich den Club betrat, die feuchten Achseln
ein wenig linkisch vor dem Publikum verbergend.
Die Kühlung lief auf 70 Fahrenheit, mehr nicht.

Anita_O'Day_Tokio_1963_Vidcap_04Ein Kellner in Livree wies mir ein Tischchen
zehn Meter von der Bühne zu.
Ein Schlagzeug und ein Gitarristenstuhl und
daneben
ein Hocker für die Bar und vor ihm
ein hochgestecktes Mikrophon:
für sie.
Ich fühlte mich so stark, so ausgewachsen,
so vorbereitet auf das Leben, so unsterblich,
und saß an meinem Tisch, den ersten Set
erwartend, aufgeregt und jedenfalls
der jüngste Mann im ganzen Raum.
Es galt Verzehrzwang, also wählte
ich Rindvieh mir ein Steak
und kaute noch auf langen Fasern,
als meine Muse
den Raum betrat,
zur Bühne glitt,
mit ihren 64 Jahren
noch immer eine schöne Frau, noch immer
begehrenswert, noch immer
Anita, mein Entzücken und mein Glück.
Und dann,
und dann,
und dann
die Stimme, diese Stimme.
Dies Reiben, dieses samtrot Ausgelegte,
dies süße Kieksen und vergnügte Hauchen,
dies Lispeln, dieses Lallen und dies pumahafte Purren,
o diese Stimme, deren Bann ich früh erlag
(und niemals mehr entkommen will),
sie klang nun auf, die tief betörende,
zum ersten Mal nach Jahren ferner Liebe
ganz nah, als wäre
Anita nur für mich erschienen,
verschenkend all den Zauber ihrer Töne
allein an mich und meine roten Jungmannohren.
Vom Teller aß ich weiter nichts.

Anita_O'Day_Tokio_1963_Vidcap_05Beim zweiten Set geschah ein Wunder.
Anita sang, ich weiß es noch genau,
„Peel me a grape“ und, ach, ich wollte gern
mehr als bloß ein Früchtchen mit ihr teilen,
mit dieser Frau, die jede Note, alle Silben
liebkoste, daß es fast zuviel war
für einen Burschen meiner Jugend.
Und dann,
ja, dann,
dann fiel
ihr leuchtend grüner Blick
auf mich und
prüfte mich, verhielt und
funkelte in meinen Augen, und
sie lächelte mir zu. Die Muse
gewährte mir die höchste Gunst
in Georgetown im August im Orwelljahr.
So was vergißt eins einfach nicht.

Anita_O'Day_Tokio_1963_Vidcap_06Und ob schon das Gesicht in meinem Spiegel
ein andres ist als seinerzeit,
ermüdet von den vielen hundert Nächten,
die ich auf meinen Touren um die Sonne
wachte,
erschöpft von ungezählten Kämpfen
um meine Würde und die Wörter –
Die Muse aller Musen, Miss O‘Day,
verhext auch den zersplißnen Kay.
Sie, meine erste, längste Narrenliebe,
begegnet mir erneut
in einem Film aus jenem Jahr,
in welchem ich beschloß, die Welt
zu sehen und ihr Schönes,
ihr inkommensurabel Schönes zu bestaunen,
das selten ist wie keine Perle.
Sie singt auch diesmal nur für mich, ich weiß es.
Es ist mein Tag und sie ist mein Geschenk –
diese heitere Wehmut, Anita,
Dies alte Sehnen, dieses alte Gefühl,
so jung in mir, wie ich längst nicht mehr bin,
doch du immer sein wirst.


Vidcaps: Anita O‘Day: „That old feeling“ (Text ausgeliehen bei Frank Sinatra.)

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3 Kommentare

  1. 1

    Das liest sich ja ganz so, als ob Sie sich eben selbst zum Geburtstag gratuliert hätten; sollte dem so sein, schließe ich mich der Gratulation von Herzen an! Soweit meine blutjunge endvierzigjährige Wenigkeit sich diese Beurteilung erlauben darf, haben Sie sich bisher im Kampf um Worte und Würde ausgesprochen gut gehalten. Das schaffen ja nun nicht viele; grämen Sie sich also bitte nicht allzu sehr übers gelegentlich verdrossene Rasierspiegelgesicht, zeigen sie der schaurig schnellen Zeit und ihren diversen Enttäuschungen und Entsetzlichkeiten einfach immer mal wieder den schlanken Mittelfinger Ihrer Schreibhand und machen Sie’s auch weiterhin so gut! KP

    Bei solch netten Glückwünschen kann man ja gar nicht anders als weiter durchhalten. Danke! KS

  2. 2

    Mannomann, es gibt heutzutage so viele Kanäle, um seine Geburtstagsglückwünsche zu übermitteln, fast ist man geneigt, es ganz sein zu lassen. In diesem Fall dann aber doch nicht, daher erst einmal hier: Alles Liebe, alles Gute, und herzliche Grüße von der Ostsee auch an die Liebste sendet Volker.

    Und sehr herzlich dankt: Kay (Schöne Tage weiterhin!) KS

  3. 3

    Ich wünsche Ihnen alles Gute zum Geburtstag und viel Kraft und Durchhaltevermögen (beides ehrlicherweise nicht ganz uneigennützig, da ich noch viele, viele Texte von Ihnen lesen möchte).

    Das haben Sie sehr schön gesagt. Tut gut. Dankeschön! KS

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