Mit großer Verspätung: Kniefall vor Kirk

Eine lebende Legende im März 2011


Als der eminente Schauspieler Kirk Douglas
am 9. Dezember 2016 seinen 100. Geburtstag beging, war unter den ehrenden Gästen auch Steven Spielberg. Der mächtigste Regisseur, der je gelebt hat, verneigte sich vor dem würdigen Greis so tief, wie es nur geht, als er in seiner Laudatio erklärte:

I wanted to come here and say I‘ve been shooting movies and television shows for now 47 years and I‘ve worked with the best of them and you’re the only movie star I ever met.
[The Telegraph, 10.12.2016]

Douglas verdiente die Huldigung vollauf. Als Darsteller und Produzent hat er dem diabolischen Studiosystem des alten Hollywood Spielfilme abgetrotzt, deren Eindringlichkeit Douglas‘ physischer Präsenz vielleicht noch mehr zu verdanken ist als der Integrität der Inszenierung.

Wenige Filme zeichnen Verkommenheit und Blutgier des Boulevardjournalismus so scharf wie „Ace in the Hole“ (1951). Grandezza und Gemeinheit der Traumfabrik von Beverly Hills sind selten so mitreißend dramatisiert worden wie in „The Bad and the Beautiful“ (1952) – einer der Lieblingsfilme von Martin Scorsese, übrigens. Ähnlich prächtig wie in „Man without a Star“ (1955) ist der Mythos vom einsamen Cowboy mit goldenem Herzen kaum je gefeiert und ähnlich liebevoll niemals auseinandergenommen worden.

Und dann die beiden Kollaborationen mit dem Nachwuchsgenie Stanley Kubrick. „Paths of Glory“ (1957) ist einer jener raren Antikriegsfilme, die den Begriff tatsächlich verdient haben. Die stille Verzweiflung und der Weltekel, die Kirk Douglas hier mimt, scheinen ins Gesicht gekerbt wie das berühmte Grübchen im Kinn: zweifellos die eindrucksvollste Leistung seiner Kunst, ein Muster für Wirkung, die durch Reduktion und den Verzicht auf Grimassen entsteht.

Die allergrößte seiner Rollen aber war die des Titelhelden von „Spartacus“ (1960). Indem Douglas den verfemten Szenaristen Dalton Trumbo fürs Skript engagierte, beendete er nicht nur den Bann, den der Faschist McCarthy über die „Roten“ von Tinseltown verhängt hatte. Dank Trumbo wurde „Spartacus“ überdies zu einem Spielfilm, der die zentrale These des Kommunistischen Manifests („Die Geschichte aller bisherigen Gesellschaft ist die Geschichte von Klassenkämpfen“) überwältigend illustriert, sie mit Blut, Schweiß, Tränen, kurz: Leben füllt. Niemand außer Kirk Douglas hätte diesen scheiternden Helden, dieses In- und Vorbild mitfühlender Männlichkeit darstellen können.

Das Monument, das er gemeinsam mit Kubrick und Trumbo dem antiken Revolutionär errichtete, wird niemand je anpissen können, ohne dabei selbst naßzuwerden. Ich bin recht sicher, daß ich erst durch „Spartacus“ auf die Idee kam, das lehrplantreue Marx-Bashing meiner Gymnasiallehrer zu hinterfragen. Dafür werde ich Kirk Douglas – neben den ästhetischen Wonnen, die seine bedeutenden Spielfilme bereiten – stets dankbar sein. Und darum möchte ich von den (leider zahlreichen) verunglückten Stücken in Douglas‘ Schaffen jetzt und fortan nit reden, nicht mal von dem unfaßbaren Scheißdreck „Young Man with a Horn“ (1950).

Sondern lieber von einem bezaubernden, ebenso respektvollen wie witzigen Interview-Porträt, das Hadley Freeman am 12. Februar zu Ehren Kirk Douglas‘ im „Guardian“ veröffentlichte. Dies ist Celebrity-Journalismus der schönen, das heißt, idealen Art. Freeman hat mich, erstens, daran erinnert, welch eine Ausnahmeerscheinung Douglas bietet; wie tröstlich, zweitens, es ist, daß er noch lebt; und hat mich, drittens, derart zum Lachen gebracht, wie man sich‘s in diesen dunklen Tagen nur wünschen kann. Die folgende Anekdote hat Douglas selbst überliefert (und damit belegt, daß die wahrhaft Großen an ihrer Selbstironie zu erkennen sind):

He had, he writes, „a mother complex“: „I constantly sought from the women around me a mother substitute.“ His search certainly was constant: from Rita Hayworth to Marlene Dietrich, it is hard to name a famous actress from the mid-20th century who wasn’t seduced by Douglas. At one point he fretted to his analyst that he thought he might be impotent after a disappointing encounter the night before.
„You tell me that you had sex 29 nights in a row with different girls. On the 30th, you say you’re impotent,“ his doctor replied drily. „You know, even God rested after six days.“

Einen Hausarzt mit so viel Humor hätte ich auch gern. Eine Ehefrau, die so viel Humor hat wie Anne Buydens, Kirk Douglas zweite und bis heute Angetraute, muß ich mir zu meinem Glück nicht mehr wünschen. Obwohl … Ich habe meine Martina niemals nur im Ansatz dermaßen auf die Probe gestellt wie Kirk seine Anne (wie denn auch: ich hab ja nicht mal ein Grübchen im Kinn).

„I was a bad boy,“ [Douglas] admits, a little sorrowfully. „But Anne knew how to handle me.“
Indeed. Even before they married, Anne invited all the women she knew he had slept with to a party for him in Paris. „I couldn’t believe it when I walked in and saw the guests,“ he says, laughing. „Ah! She knows everything.“

Und lebt glücklich mit diesem Paradegockel seit 63 (!) Jahren. – Wann verfilmt das endlich mal einer?

Aaach… hoffentlich nie!

PS. Oh – soeben erst gesehen –: Anne Douglas‘ Geburtsname ist (man kann so etwas nicht verfilmen:) Marx.

Photo: „KirkDouglasZubinMehtaMar11“, by Angela George [CC BY-SA 3.0],
via Wikimedia Commons

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Dienstag, 14. Februar 2017 0:10
Abteilung: Aufgelesen, Moving Movies, Zeuge der Geschichte

3 Kommentare

  1. 1

    Ach, wenn die Welt so einfach wär‘! Vielleicht braucht ein Profi gewisse Wahrnehmungsfilter (RT = schlecht); es ist nun aber so, dass RT USA auch gute Leute beschäftigt (z.B. Lee Camp, den man vielleicht als juvenilen Jon Stewart einordnen kann) und auch Nachrichten bringt, die im Mainstream nicht vorkommen.

    Lieber Arno Matthias – „einfach“?! Nein, ich bilde mir nicht ein, daß die Welt einfach ist, und ich habe auch nicht den „Wahrnehmungsfilter“, den Sie mir, ich muß es leider so sagen, andichten.
    Ich gucke ja selbst alle Tage bei RT vorbei, und gelegentlich bereue ich das nicht. Trotzdem: RT ist eine der Hauptnahrungsquellen für AfD’ler, FN’ler, Trumpisten und all das üble Mistgabel-und-Fackelvolk, das sich einbildet, die Wahrheit gepachtet zu haben, auch wenn es sich dabei um nackte Lügen handelt. Von der antiisraelischen Propaganda des Putin-Programms gar nicht zu reden.
    Auf RT zu verlinken, kommt mir wie eine Zertifizierung dieses dubiosen „Anderen Parts“ vor, und daran habe ich aus o. g. Gründen überhaupt kein Interesse. Ich würde mich freuen, wenn Sie das nachvollziehen können. Sie müssen ja nicht mit mir einverstanden sein; aber vielleicht können Sie mich verstehen. KS

  2. 2

    RT Deutsch kenne ich nicht; vielleicht ist RT USA ja anders. Mir ist halt unwohl, wenn nicht die Nachricht zensiert wird, sondern der Sprecher, denn das ist eine Version des Ad-hominem-Fehlers. In den USA müssen Liberale gerade das Recht (hier: First Amendment) von Rechtsaußen wie Milo Yiannopoulos gegen Links-Autoritäre verteidigen.
    Gibt es denn überhaupt eine Nachrichtenquelle ohne bias und hidden agenda?
    P.S. Anscheinend ist mein Beitrag versehentlich in den Kirk-Thread gerutscht.

    Ist doch mal ein interessanter Kontrast. – Übrigens zensiere ich hier nach Herzenslust und -laune, gelegentlich sogar mich selbst. KS

  3. 3

    Mir kommt noch seine Darstellung des Vincent van Gogh in den Sinn – nach Ansicht mancher eine seiner größten Leistungen. Darüber, wie van Gogh in seiner Art, sich zu verhalten, zu bewegen, zu reden etc. wirklich gewesen sein könnte, hab ich mir nie Gedanken gemacht. Aber den Schauspieler bei seiner – wie soll man es nennen? – Aneignung zu beobachten, ist fast unheimlich. Für mich fängt die selten zu sehende Biographie, obwohl durchaus eine wuchtige Hollywood-Produktion mit allen drums und drans, in ihren Bildern und eben in dem, was Douglas da tut, wirklich etwas vom Wesen dieses Künstlers ein.

    Sie erwähnen und loben diesen großartigen Film („Lust for Life“) und seinen Hauptdarsteller völlig zu Recht. Auch hier – wie in „The Bad and the Beautiful“ – führte Vincente Minnelli Regie, einer der Hausgötter Martin Scorseses und zweifellos einer der bildmächtigsten Vertreter des klassischen Hollywood-Kinos. Sehr bedauerlich, daß der selbstbewußte Mr. Douglas und der nicht minder sture Mr. Minnelli sich nie wieder zusammenrauften! KS

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