Postdemokratie wird Präfeudalismus

Biedermeier_Fliegende_by_Goerdten_Wikimedia

Idealbürger, Spon-Version


Der Frankreichkorrespondent von Spiegel online, Nils Minkmar, machte sich am Sonntag seine Art Gedanken über die Massaker in Paris und den „Preis der Freiheit“. Ich erspare Ihnen viel, indem ich den Gesinnungsaufsatz zum größten Teil überspringe und mich auf den letzten Absatz beschränke. Darin meditiert Minkmar über den Selbstmord der Demokratie zwecks Abwehr von Selbstmordattentätern (die Hervorhebungen sind von mir):

Nach der Französischen Revolution, nach Napoleon und dem Ende der alten europäischen Ordnung gab sich Europa auf dem Wiener Kongreß eine neue Gestalt. Sie hielt sehr lang, es folgte vielleicht nicht die glanzvollste, aber auch nicht die übelste unserer historischen Epochen. So werden wir einen Ausweg aus diesem Elend suchen müssen: Mit Ausdauer, klaren Werten und flexiblen Mitteln.

Der Druck des Abgabetermins und eine verständliche Ratlosigkeit angesichts des Blutbads vom Freitag reichen nicht aus zur Erklärung, warum Minkmar der Politik und dem Publikum den Überwachungsstaat, die Schlafmützengesellschaft, die Untertanennation wie eine Erlösung empfiehlt. Bei diesem demokratiefeindlichen „Ausweg aus dem Elend“ ist auch Überzeugung am Werk. Die „klaren Werte und flexiblen Mittel“, von denen NilsiMinkmar schwärmt, stammen direkt aus dem Handbuch der feudalen Repression.

Egon Friedell, ein irgendwelcher Sympathien für die Linke unverdächtiger Autor, bemerkt in seiner Kulturgeschichte der Neuzeit* über die Restaurationszeit nach dem Wiener Kongreß (1814-15):

(Das) europäische Staatensystem (bildet) eine einzige zusammenhängende Front, die sich nach innen richtet. Der Gegensatz lautet jetzt nicht mehr: Ostmächte und Westmächte, sondern: Regierung und Volk.

Heute: sowohl als auch.

Eine der ersten Regierungshandlungen des restituierten Königs von Spanien war die Wiedereinführung der Inquisition; in mehreren Ländern wurde der Zopf, das Symbol der Gegenrevolution wieder obligat (…). In Piemont war sogar der Analphabetismus zum Teil Untertanenpflicht, denn die Erlaubnis zur Erlernung des Schreibens und Lesens war an ein Mindesteinkommen von 1.500 Lire geknüpft.

Da sind wir weiter: Heute sorgt die Presse für den Analphabetismus; und ohne Privatunidiplom wird bereits ein Job mit Mindesteinkommen fast unerreichbar.

In Lombardo-Venetien herrschte der österreichische Stock, il bastone tedesco; Zensurschikanen, Hausdurchsuchungen, Verletzungen des Briefgeheimnisses –

– also lauter Beschneidungen des Bürgerrechts, wie Kriegsherr Francois Hollande sie institutionalisieren möchte, vorerst „nur“ für drei Monate, aber Hollande hat eine nachhaltige Lösung im Blick –

– heimliche Überwachungen durch „Spitzel“ und „Vertraute“ (…). (…) auch in Preußen, wo Egmont, Wilhelm Tell und die Räuber, ja sogar Fichtes Reden an die deutsche Nation und der Prinz von Homburg verboten waren (…).

Hier gibt es 2015 einige Änderungen. Fichte darf wieder. Eine Zensur findet nicht statt, bloß eine Streichung der Subventionen. Die Überwachung geschieht unverhohlen, die Schnüffler fordern sogar die „Kooperation“ der Bespitzelten ein, anders diese sich erst recht verdächtig machten. Und nun zitiert Friedell den Freiherrn vom Stein (†i1831), einen Preußen wie aus dem Schönebilderbuch:

„Wir werden von besoldeten, buchgelehrten, interesselosen, ohne Eigentum seienden Büralisten regiert. (…) (Sie) schreiben, schreiben, schreiben im stillen, mit wohlverschlossenen Türen versehenen Büro, ohnbekannt, ohnbemerkt, ohnberühmt, ziehen ihre Kinder wieder zu gleich brauchbaren Schreibmaschinen auf und sterben ohnbedauert.“

Davon abgesehen, daß die Bürokraten heute wenigstens auf Facebook oder Instagram ein bissel bekannt werden möchten und die Türen in modernen Angestelltenzwingern meistens offenstehen oder gleich aus Glas sindi–:iPaßt diese Beschreibung des typischen preußischen Beamtentyps nicht wie angegossen auf jene Schattenwesen, die sich einen vitalen Stadtteil nach dem anderen unterwerfen und mit ihrer Ödnis überziehen, bis das Quartier so fad ist wie sie selber? Wirkt zumal des Freiherrn Bannfluch von der Aufzucht „gleich brauchbarer Schreibmaschinen“ nicht geradezu prophetisch, heute, da die Kinder der Gentry Terminkalender führen wie Vorstandsvorsitzende und derart viel um die Ohren haben, daß sie nicht mehr wissen, wo ihnen der Kopf steht und ob er überhaupt ihr eigener ist? – Friedell referiert nun die Zustände im frühkapitalistischen England:

Die englische Handelsflotte war 1815 um ein Viertel stärker als die gesamte festländische; aber die wirtschaftliche Blüte war durch ungeheures Elend der Enterbten erkauft: es galt schon als großer Fortschritt, als das Mindestalter der Fabrikskinder auf neun Jahre und die Arbeitszeit auf zwölf Stunden bestimmt wurde (wobei jedoch Überstunden erlaubt waren), und noch im ersten Viertel des Jahrhunderts stand auf Diebstahl die Todesstrafe.

Erzähle mir niemand, ich hätte Halluzinationen, wenn ich mir vorstelle, wie die großen Oligarchen der EU ziemlich energisch auf solche Verhältnisse hinarbeiten! Und sich ordentlich einen genehmigt haben, nachdem sie z.iB. in bulgarischen Sweat shops, spanischen Gewächshäusern, griechischen Häfen oder deutschen Schlachtbetrieben ordentliche Erfolge verbuchen konnten. Minkmar träumt von einer Zukunft, die längst begonnen hat. Aber als Qualitätsjournalist muß einer die Realität nicht kennen, die er verändern will; er nimmt grundsätzlich nie wahr, was passiert, sondern nur, was darüber hinterher behauptet wird.

Egon Friedell beendet seine Betrachtung der Metternich-Ära mit dem Philosophen Edmund Burke,

– der 1790 in seinen Reflections on the Revolution in France die These aufstellte, der Staat sei kein Mechanismus, sondern ein von mystischen Kräften beseelter Organismus, dem die Staatskirche die religiöse Weihe gebe.

Und weil sich Geschichte bloß als Farce wiederholen kann (Marx, Brumaire), verschwindet der heilige Staat im profanen Markt, und dieser Markt ist nicht von mystischen Kräften, er ist von gar nichts „beseelt“, und er hat auch keinen Segen von ganz oben: Etwas Transzendenteres als Geld kennt der Neoliberalismus nämlich nicht (und weiß zumindest dabei die Naturwissenschaft auf seiner Seite).

So aber sind die Zustände, die der Premiumdenker Nils Minkmar uns schmackhaft machen will: Krieg den Hütten, damit vor den Palästen aRuahis und einer wie Georg Büchner niemals den Büchnerpreis bekommt.

PS. Ich weiß grad nicht, in welche Unterabteilung des Qualitätsjournalismus ich den eifrigen Minkmar eingliedern soll …: Meinungsmache? Meinungsvormache? Minkmaristik? – Vielleicht haben Sie einen Vorschlag (Four-letter words restricted); ich laß mir gern auf die Sprünge helfen.

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* Egon Friedell: Kulturgeschichte der Neuzeit. Diogenes Verlag, Sonderausgabe, Zürichi2009. Viertes Buch (Romantik und Liberalismus), Erstes Kapitel (Die Tiefe der Leere), S.i1115-1117


Illustration:
„Bildnis Gottlieb Biedermaiers aus den Münchener ‚Fliegenden Blättern‘ Scan“ /
Das Original wurde von Goerdten in der Wikipedia auf Deutsch hochgeladen
[Public domain], via Wikimedia Commons


Dienstag, 17. November 2015 0:22
Abteilung: Kaputtalismus, Qualitätsjournalismus, Undichte Denker

3 Kommentare

  1. 1

    Der Wiener Kongreß war der Sonnenuntergang in Europa. So gründlich und haßerfüllt hatte bis dahin noch keine Konterrevolution gewütet. Die ganze, jede Gottvorstellung sarkastisch kommentierende Fürchterlichkeit des 20. Jahrhunderts nahm hier ihren Anfang. Ein unterlassener Waldbrand und die Befehlstreue eines Marschalls haben Europa den Weg in die Finsternis gewiesen.
    „Hoffnung ist eine Konzentrationsschwäche“, sagte Heiner Müller einmal. Wer hat die Chuzpe, dem zu widersprechen?
    Zu Minkmar: Ich bin dafür, einen Blödian auch so zu nennen. Was braucht es neue Begriffe für opportunistische Blödheit mit so langer Tradition?

    Ja, das hat was. Zumal wenn man die hübschen Smalltalks bedenkt, die sich daraus ergeben -: „Und was machen Sie so beruflich?“ – „Ich bin bei ‚Spiegel online‘.“ – „Ach ja? Und als was?“ – „Ich bin der Blödian“.
    In Sachen Hoffnung ergänzt den Herrn Müller übrigens der Herr Göthe: „Die Hoffnung wie die Furcht sind zwei leere Wesen.“ KS

  2. 2

    Ich bin für „Metternichel“. Funktioniert im oben imaginierten Smalltalk auch genau so schön.

    Stimmt. Klingt in jeder Lebenslage angemessen: „Heute begrüßen wir im ‚Presseclub‘ von ‚Spiegel online‘ den Metternichel.“ KS

  3. 3

    So, jetzt muß ich allgemein lobhudeln (und mich über mich selbst etwas ärgern).
    Ersteres, weil ich mich jetzt ein bißchen durch dieses famose Blog durchgezappt habe und begeistert bin, eine rare Stimme der Humanität zu vernehmen, noch dazu eine, die schreiben kann. (Das war Absicht.)
    Zweiteres, weil ich das längst hätte haben können, da ich als Konkret-Abonnent natürlich schon öfter unter Ihren stets gern gelesenen Beiträgen den Hinweis auf dieses Blog gelesen habe. *handgegendiestirnschlagemoticon*
    Ganz besonderen Dank für den Harry-Rowohlt-Anti-Nachrufer-Nachruf, den ich gerade mit Verspätung aber Gewinn gelesen habe.

    Lieber Thomas Küster – für so viele schöne Worte, die den Autor freuen und den Menschen rühren, lasse ich Ihnen alles durchgehen, sogar das Emoticon. Vielen Dank! KS

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