Sail away, HLG

Hermann L. Gremliza ist tot. Diesen Verlust fühlen nur jene nicht, die es sich gerichtet haben mit unserem Staat, seinen Einwohnern und Medien und anderen Anmaßungen, Belästigungen, Gemeinheiten.

Hermann L. Gremliza ist tot. Mit ihm geht der Welt ein begnadeter Stilist abhanden, ein Mann von echtem, gänzlich undeutschem Esprit. Ein dichtender Denker, der bei aller Verachtung für die Deutschen und ihr Tum seiner schönen Mutter Sprache viel Freude bereitete. Und der die mißratenen Blagen, die Edelfedern, die Stilblütenpresser, die Korrumpels für ihre Vergehen an der deutschen Sprache unermüdlich abwatschte, der Mutter zu Ehren.

Hermann L. Gremliza, der unter allem anderen auch ein großer Box-Experte war, ist tot, und es trifft mich wie ein Leberhaken und ein Uppercut zugleich. Die Luft bleibt weg, die Worte haben keinen Ton und ein Schmerz wühlt sich dumpf ein, der lange, lange nicht verschwinden wird. Gremliza und ich waren nicht befreundet, aber wenn wir uns trafen – was in den vergangenen Jahren leider viel zu selten vorkam –, freute auch er sich. Glaube ich.

Hermann L. Gremliza ist tot und mit ihm eine Instanz der Wahrheitsfindung. Gewiß, er irrte sich manchmal. Doch nie, wenn er den Nudeln des Literatur- und Journalbetriebs in wenigen Worten und mit gesalzenen Pointen nachwies, was sie sind: laberige Beilage eines unappetitlichen Menüs. (Er, der begnadete Hobbykoch, hätte mir das Bild evtl. durchgelassen.)

Geschissen auf die Nachrufe der bourgeoisen Presse! Gepfiffen auf die Bosheiten, die seine zahlreichen Hasser nun ausjauchen! Gewichst auf die Wichser, die jetzt so tun, als hätten sie ihn immer bewundert, nachdem sie ihn jahrzehntelang nicht mal dem Namen nach kannten. Haltet, bitte, die Fresse, ihr freiwilligen Sklaven der Mediengaleere, wenn es um Gremliza geht. Ihr habt all die Jahre weder seine Leitartikel noch irgendwas aus seiner Zeitschrift zitiert, ihr habt diesen Mann wie einen Toten behandelt, als er noch lebte, ihr seid den Dreck nicht wert, den er nie unter den Fingernägeln hatte. Der bigotte Sound der Nachrufe in den Qual.medien belegt posthum, warum Gremliza die bürgerliche Presse völlig zu Recht unentwegt verhöhnte – all die opportunistischen Gernegroße, die Pseudodenker, die Speichellecker des Status quo.

Hermann L. Gremliza ist tot. Ich kann auf die Schnelle nicht sagen, wieviel ich ihm verdanke. Sehr viel. – Der Teufel weiß, was aus mir geworden wäre, hätte ich nicht vor mehr als drei Jahrzehnten den fabelhaften Satiriker, Polemiker, Aphoristiker Gremliza entdeckt. Was hätte ich sein können, wäre Gremlizas KONKRET nicht gewesen –? Vielleicht wäre was Brauchbares und Biegsames aus mir geworden. Bestimmt hätte ich mich bis zur Selbstzerstörung mißbraucht und verbogen.

Was bleibt von HLG? Mehr, weit mehr, als alle Nachrufe, sogar die klügeren, ahnen. Es bleibt zum Beispiel seine Abrechnung mit Günther Wallraff anläßlich des – von Gremliza gestifteten – Karl-Kraus-Preises 1987. Die Preisrede ist eine der brillantesten Polemiken deutscher Sprache, auf jeden Fall die stärkste und eleganteste seit Karl Kraus. Ich weiß nicht, wie oft ich dieses Musterstück studiert habe.

Es bleibt sehr viel von HLG, seinen Gedanken und Sätzen, weil er nie nachgab und stets die Sprache vor das nichtige Tagesgeschehen setzte. Noch in den letzten Worten, die zu seinen Lebzeiten gedruckt wurden (in KONKRET 12/2019), ist nichts von Altersmilde zu spüren oder sonstigem Schwachsinn. Wie krank er auch gewesen sein mochte, sein Biß und sein Witz langten hin wie einst im Mai:

Funkes stellvertretender Leiter für das Mustergau Hamburg, ein Mann wie ein Koppelschloß, der den Einzug der Nazis in alle ostdeutschen Landtage mit der Fanfare
Ein Land rutscht nach links
begrüßt hat, ist wie andere Führer auch durchaus nicht frei von künstlerischen Ambitionen. Zwar malt er keine Postkarten voll, aber dafür will er, ganzseitig zum Tag des Herrn, wissen:
Wie lebt es sich so als Schriftsteller? Wie fühlt sich der erste
Buchvertrag an, die erste Verfilmung, der erste Flop?
Und erntet weder Ehre noch Treue noch ein paar Maulschellen, sondern:
Die drei Hamburger Autoren Simone Buchholz, Till Raether
und Stephan Bartels geben Einblick in ihre Poeten-Seele.

Woraufhin man von Simone Buchholz, Till Raether und Stephan Bartels, von denen man noch nie gehört hat, die Worte hört:
„Schreiben ist ein Knochenjob.“
Folgt die Öffnung zum Einblick in die Poeten-Seele. Es ist, als würde die Folie über einem vor drei Jahren abgelaufenen Fertiggericht abgezogen. Arno Schmidt, ein mehr oder weniger eifriger Hamburger Knochenjobber, hätte bei dieser Aussicht versucht, sich mit einer Überdosis von drei Familienflaschen Maggi-Würze das Leben, mindestens aber die Nachwelt zu nehmen.

Ich fange erst damit an, Hermann L. Gremliza zu vermissen. Darum höre ich jetzt auf. Tiefes Beileid fühle ich für seine Familie. Einen Trost, so gern ich ihn hätte, habe ich nicht für sie. Ich kann mich nicht mal selber trösten.

Ich habe bloß ein Stück Musik & Lyrik von einem der wenigen Künstler, die Gremliza – der so uneitel war, seinen eigenen Wert korrekt einschätzen zu können – über sich gelten ließ.

Gute Fahrt, lieber, verehrter Greml!


Dienstag, 24. Dezember 2019 15:46
Abteilung: Per sempre addio

13 Kommentare

  1. 1

    Herrmann L. Gremliza ist tot: tiefer Schmerz! Vielen Dank für Ihren wunderbaren Text, lieber Kay Sokolowsky!

    Liebe Beate Hugk, ich hätte gern etwas Besseres, Tiefergründiges geschrieben, aber es scheint, als hätte ich nicht alles falsch gemacht. KS

  2. 2

    „Ich kann auf die Schnelle nicht sagen, wieviel ich ihm verdanke. Sehr viel.“ – Dem kann ich, der ich HLG als Punk entdeckte und feststellte, dass seine Kolumnen fast immer mehr Punk im Sinne der Negation der falschen Verhältnisse waren, als alles was sich sonst gerne als Punk bezeichnete, nur zustimmen.

    Und dabei war der Lieblingsmusiker Gremlizas der Nichtpunk schlechthin, Mr. Frank Sinatra. KS

  3. 3

    Tja, was kann man sagen, das nicht Floskel wäre?
    Auf Twitter haben einige berichtet, wie wichtig für sie die Entdeckung der Konkret in ihrer Jugend war. Ich habe sie zwar auch zum ersten Mal mit 15 oder 16 gekauft, aber das war mir alles viel zu hoch. Dann gab es den netten ökobewegt-antiautoritären Nachbarn, auf den ich damals große Stücke hielt (zu Unrecht, wie sich herausstellte, aber das ist eine ganz andere Geschichte), der moserte, dem Gremliza sei nicht zu trauen, weil er Atomkraftwerke für sicher halte, wenn die DDR sie baue. Das pflanzte mir ein gewisses Mißtrauen ein, hielt mich aber nicht vom Kauf weiterer Ausgaben ab. Allerdings habe ich Gremlizas Kolumnen einfach nicht verstanden — und den Express fand ich zwar gut und witzig, aber auch ein wenig streng und kleinlich.
    Und dann kam recht bald die Ausgabe mit der Reportage über ein Gefängnis im Iran, in dem der Tenor des zitierten Aufsehers oder Direktors übernommen wurde, daß die dort eingesperrten jugendlichen Mullahgegner eine harte Hand ganz gut vertragen könnten. Das wars dann erstmal mit mir und Konkret.
    Erst Ende 1989 begann ich wieder, regelmäßig zu lesen, und fand das Gegengift gegen die allgemeine Jubelsoße bald unverzichtbar. Und weil offensichtlich so viel Richtiges im Blatt und auch in Gremlizas Kolumnen stand, war ich gezwungen, einige meiner Ansichten zu revidieren, nicht zuletzt zu Israel, gegen das ich, Sohn eines Spiegel-Abonnenten und daher Spiegelleser seit ich 9 oder 10 war, ursprünglich sämtliche standesüblichen Ressentiments hegte.
    Allein dafür kann ich nicht dankbar genug sein. Und ich habe auch irgendwann verstanden, daß Gremliza im Express nicht kleinlich war, sondern genau, und daß der deutsche Qualitätsjournalist noch gut bedient war mit Gremlizas strengen Worten (die er ja eh nicht gelesen hat.)
    Die letzte Auszeichnung für den Verstorbenen war wohl, daß die Tagesschau am Montagabend seinen Tod nicht für erwähnenswert hielt. Die werden Gremliza nicht vermissen. Ich dagegen sehr.

    Lieber Peter Remane, danke für diesen schönen, schön persönlichen Nachruf! KS

  4. 4

    Schön, im Netz EINE Stimme zu finden, die einem wohltut, die ein wenig trösten kann. (Das Kryptische an Dietmar Daths FAZ-Beitrag ist wohl diesem Medium geschuldet. Die SZ nutzt die Gelegenheit eines Nachrufs, auf „Konkret“ einzudreschen.)
    Wie sollte einer es nicht als schmerzhaften Verlust empfinden, wenn er jahrzehntelang Monat für Monat auf diesen Blick auf die Verhältnisse, auf den Klang dieser Stimme gewartet hat, die nun nicht mehr zu hören sein soll? Aber wie uns Karl Kraus, auch wenn er noch so eng an Zeitgenossen und –themen sich abgekämpft hat, über hundert weitere Jahre Lichter aufstecken konnte, so werden HLGs Worte wiederzulesen sein, weil die Anlässe nur Exempel für das leider Fortbestehende waren. Den Beweis zu führen, haben Sie ja bereits begonnen.
    (Außerhalb des Kommentars: Die Tippfehler ((„Tun“ im 2., „hätte“ im 6. Absatz)) sollten bei diesem Anlass jedoch getilgt werden.)

    Lieber Fred B., danke für Ihren netten Kommentar. Danke auch für Ihre freundlichen Korrekturhinweise. Allerdings: „Tum“ (statt „Tun“) ist schon richtig. Schauen Sie sich den Satz bitte noch mal an, dann werden Sie wissen, warum. KS

  5. 5

    Danke, lieber Kay, für diese Zeilen. Martin

    Und Dir, lieber Martin, danke ich für Deinen Gremliza-Nekrolog in der „Jüdischen Allgemeinen“ – der beste und würdigste, den ich gelesen habe. KS

  6. 6

    Lieber Kay Sokolowsky, Ihr Nachruf bewegt mich mehr als alle, die ich bisher gelesen habe. Mir geht es so wie Ihnen: Ich kann es immer noch nicht glauben, dass Hermann L. Gremzliza nicht mehr unter uns ist. „Konkret“ lese ich seit 1979, und Hermann war der Grund dafür, 40 Jahre „Konkret“ die Treue zu halten. Ich wusste, dass am jeden Monatsende ein besondere Lektüre anstand: die Kolumne des Herausgebers. Er war ein Solitär in seinem Metier, und obwohl ich ihn nie persönlich kennenlernen durfte, fühle ich mich berechtigt zu sagen: ein Genosse. Nichts, nichts kann in diesen trostlosen Zeiten über diesen Verlust hinwegtrösten.

    Lieber Dieter Kötter, es ist wirklich schade, daß Sie Gremliza nie persönlich kennenlernen durften. Mit Ihrem Kommentar haben Sie ihm aber etwas berührend Persönliches geschenkt. Danke, daß ich Ihre Worte hier veröffentlichen darf! KS

  7. 7

    Ein so guter und wahrer Text … Anfang der 2000er habe ich ein Praktikum bei konkret gemacht. Am 24.12. bekam ich die Nachricht von seinem Tod und schaffte es bis immerhin nachmittags, nicht zu weinen. So einen Unbestechlichen und Unbeirrbaren findet man pro Jahrhundert nicht oft … ganz zu schweigen von seinem absolut genauen Umgang mit der Sprache.
    „Dieser ist unersetzlich.“

    Liebe Meggie Christoph, danke für Ihren schönen, bewegenden Kommentar! KS

  8. 8

    Lieber Herr Sokolowsky, danke für diesen Nachruf und das Sail Away, das HLG begleiten möge und uns trösten.

    Lieber Herr Laaß, ich habe Ihren Kommentar sacht korrigiert. Falls nicht in Ihrem Sinne, stoßen Sie mir bitte bescheid. KS

  9. 9

    Nach der riesigen Freude über die Handke-Ehrung jetzt dieser Verlust! Ein Jahr nach Wolfgang Pohrt fährt der letzte große Geist aus diesem Land und ist durch nichts wirklich zu ersetzen. Ich bin jetzt mal traurig und werde es lange bleiben.

    Ein großer Geist, ja, zweifellos. Aber der letzte? So pessimistisch bin ja nicht mal ich. KS

  10. 10

    Irgendwo habe ich einmal gelesen, das traurigste Überbleibsel eines verstorbenen Menschen seien dessen Schuhe, die ja nicht einfach verschwänden. Da ich Gremliza nicht persönlich gekannt habe (vielleicht auch besser so, wäre wahrscheinlich nervös geworden), fürchte ich mich vor allem vor dem Moment, wenn ich die nächste Konkret in den Händen halten werde, allerdings zum ersten Mal ohne Gremlizas Kolumne und Express. Da können einem auch aus der Ferne die Tränen kommen. Danke jedenfalls für den schönen Nachruf und den Newman-Song.

    Falls die Untröstlichkeit nicht zu ertragen ist – machen Sie’s wie ich und lesen Sie in den alten Heften (ich knöpfe mir gerade den 80er-Jahrgang vor). Da gibt es viel wiederzuentdecken und auch ordentlich Anlaß zum Staunen, wie oft HLG recht hatte. Und sogar wo er danebenhaute – es ist stets ein Vergnügen, ihm dabei zuzulesen! KS

  11. 11

    Lieber Kay, herzlichen Dank für den – noch vor Stefan Gärtner – wunderbar unfeuilletonischen Nachruf, der mich daran erinnert, wie ich vor rund 15 Jahren einmal von Medienleuten in einem Medienforum getadelt wurde, weil ich Gremliza zitiert hatte und konkret und Gremliza „doch nicht zitiert werden“, denn „das“ wolle man sich nicht zumuten. Ich war naiv und bin’s wohl weiterhin a bisserl, weshalb es umso schöner ist, dass es konkret mein ganzes Leben lang (bewusst seit 1985) gegeben hat und noch gibt, und umso schmerzlicher ist’s, dass es HL Gremliza nicht mehr gibt (wobei: in Texten ja noch und nöcher). Jetzt heißt’s: Musst du halt den Job machen! Allerbeste Grüße und ein – im Rahmen der Möglichkeiten – gutes Jahr. Peter K.

    Lieber Peter, wie schön, nach laaanger Zeit wieder von Dir zu hören/lesen! Und dann noch solch einen herzwärmenden Kommentar. Alles Gute auch Dir für 2020! KS

  12. 12

    Rest In Peace Herr Gremliza. Ihre Artikel haben mich jahrelang jeden letzten Freitag des Monats auf die ‚konkret‘ freuen lassen.

    Ich hoffe, daß Sie sich auch weiterhin auf das neue KONKRET-Heft freuen. Zum Glück war HLG nicht der einzige Autor, der die Lektüre lohnt. (Ich bin natürlich befangen, wenn ich so was schreibe.) KS

  13. 13

    möge die erde Dir leicht sein.

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