Schwammintelligenz (1): Urknallköpfe

Wenn 1.000 Menschen sich versammeln, um ein Problem zu lösen, stehen 999 blöd rum und warten darauf, den einen, der die richtige Antwort findet, anzuspucken und in die Wildnis zu jagen. So geht das schon, seit wir aufrecht über den Planeten laufen. Die ungeheure Sturheit, mit der Menschen ihre Vorurteile und ihr Halbwissen verteidigen, wird allenfalls von der Ranküne übertroffen, mit der sie jeden verfolgen, der nicht so dumm und selbstzufrieden ist wie sie selbst.

Deshalb ist es kaum mehr als eine sympathische Schnapsidee gewesen, vom Internet zu erwarten, es würde die Weisheit der Spezies exponentiell mit jedem angeschlossenen User erweitern und den Traum der Aufklärer, das Mündigwerden des Menschen, endlich realisieren. Wie wir mittlerweile beobachten können, ist die Menschheit eher noch dämlicher geworden durch das weltweite Gewebe und Gewese. Wie sonst ließe sich etwa erklären, daß Ackermann und Spießgesellen nicht in einer Heringskonservenfabrik Fischaugen ausdrücken müssen, sondern nach dem von ihnen angerichteten Schaden noch frecher sich spreizen als zuvor? Obwohl Belege für die skrupellose Geschäftspraxis der Großbanken auf ca. 1 Mio. Servern weltweit geparkt und mit einem Rechercheaufwand von ca. 1 Sek. zu finden sind – wählen die Leute CDU oder Tories oder sonst wen, der alles dafür tut, daß gegen den Wahnsinn als System nichts getan wird. Denn der Mensch mit Maus sucht nicht nach Daten, sondern nach Pornos und Schnäppchen und garantiert erfundenen Klatschgeschichten.

Wenn 1.000 Menschen zusammenkommen und etwas erörtern, schreien 500 sich an, 498 nicken dazu, einer wartet auf seinen großen Auftritt als Demagoge und einer geht nach Hause, weil er sich von so viel Trottelei nicht anstecken lassen möchte. Das Konzept der „Schwarm-
intelligenz“ setzt voraus, daß die beste Lösung jeden Widerstand überwindet, weil sie im Interesse sämtlicher Schwärmer ist. An so was kann nur glauben, wer nie Bilder von einem Nazi-Reichsparteitag gesehen hat. Es genügt sogar schon, den Einsatz des „Publikums-Jokers“ bei „Wer wird Millionär?“ zu beobachten, um an dem Ganzen, das klüger sein soll als die Summe seiner Teile, erhebliche Zweifel zu entfalten. Es versteht sich von selbst, daß Technikbesoffene und Schaumschläger wie Sascha Lobo bis heute nicht kapieren wollen, was ein echtes Genie wie der Informatiker Joseph Weizenbaum bereits im Jahr 2000 erkannte: „Das Internet ist ein riesiger Müllhaufen, aber einer mit Perlen darin.“

Denen es freilich wie allen Perlen ergeht, die man vor die Säue wirft. Es ist bestimmt kein Zufall, daß die Ära der Postdemokratie und das Zeitalter des Internet simultan stattfinden. Gleichwie Julian Assange bloß das peinliche Zerrbild eines Revolutionärs abgibt, erzielt die Piratenpartei selbst in ihren besten Momenten nicht mehr als eine Travestie utopischer Politik; vielleicht hat sie deshalb so viele trübe Tassen in ihren Reihen. Die totale Verfügbarkeit der Informationen verschafft eben nicht den totalen Durchblick, so lange man zu faul, zu dumm oder zu selbstgerecht ist, Maßstäbe für die Relevanz einer Information zu entwickeln.

Wenn 1.000 Menschen sich treffen, haben 500 keine Ahnung, 400 ein Brett vorm Kopf, 50 etwas in den falschen Hals gekriegt, 40 den Willen, dazuzulernen, doch nicht die Geduld, fünf die Geduld, doch nicht den Verstand, vier den Verstand, doch nicht den Willen, und nur einer hat sowohl Willen, Geduld, Verstand als auch eine Ahnung, die er allerdings für sich behält, vorsichtshalber. Wenn Menschen intellektuelle Verbindungen bilden, addieren sie keineswegs ihre Intelligenz, sondern ihre psychischen Defekte, ihre emotionale Verblendung und soziale Verkrüppelung, zu meist grauenerregenden Resultaten. Als Beweis muß man gar nicht mal solche Extremisten des gemeingefährlichen Schwachsinns wie die Anhänger der „Tea Party“ oder der FDP anführen. In jedem Online-Forum jedes großen News-Portals ist jeden Tag zu beobachten, daß die allermeisten Menschen nicht nur nicht fähig, sondern auch ums Verrecken nicht bereit sind, die Dürftigkeit des eigenen Arguments einzusehen, einen Irrtum einzugestehen und gemeinsam mit den anderen Foristen ein stärkeres Argument zu erarbeiten. Statt dessen wird geschmollt und gepöbelt, ignoriert und nix kapiert, und zwar aus Überzeugung und mit Aplomb.

Der Kultur- und Spezieskritiker hat es dank des Internet so leicht wie noch nie, seine schlechte Meinung über die, neudoof zu reden: Teamfähigkeit der Menschheit zu belegen. (Dafür immerhin ist es gut!) Früher mußte man sich am Stammtisch auf die Lauer legen oder die paar Leserbriefe sammeln, die die Redaktionszensur passierten. Heute weiß man schon gar nicht mehr, wohin mit dem Himalaya von Blödigkeits-
dokumenten, der sich bereits beim ersten Surf-Gang des Tages auftürmt. Aber eine Auswahl davon soll künftig aufbewahrt werden, und zwar hier, in diesem Blog, das ja in erster Linie eine Art Notizbuch ist.

Und weil es viel zu einfach wäre, den Quatsch, den die Schwamm-
intelligenz aus sich herausquetscht, in Foren zu sammeln, die die Tagespolitik bekakeln, werde ich mich streng auf die, nun ja, Diskussionen beschränken, die sich an Meldungen aus der Welt der Wissenschaft entzünden. Denn der Nullchecker und der Troglodyt, der Halbalphabet und der Vollidiot nutzen sogar hier, wo gewisse Vorkenntnisse nötig wären, um sich nicht zu blamieren, die Möglichkeit, anonym Blech zu reden und, wenn das Gleichnis erlaubt ist, die Fackel der Aufklärung auszupissen.

 

Am 21. März 2013 veröffentlicht die ESA eine „Himmelskarte“, die aus Messungen des Satellitenteleskops „Planck“ entstanden ist. Sie zeigt die Verteilung der kosmischen Mikrowellen-Hintergrundstrahlung, also die letzten Reste jenes Lichts, das 380.000 Jahre nach dem Urknall das junge Universum erhellte. Die Karte bestätigt mehrere Hypothesen über den Aufbau unseres Kosmos, wirft zugleich jedoch neue Fragen auf: Grundlagenwissenschaft also, wie sie sein soll. Die Pressemitteilung der ESA ist der Redaktion von „Spiegel online“ einen Aufmacher im Ressort „Wissenschaft“ wert. Christoph Seidler referiert die Angelegenheit durchaus kundig und verständlich; der astrophysikalisch interessierte Laie darf den Erregungsschauder teilen, der Kosmologen durchzucken muß, wenn sie die „Planck“-Karte studieren. Das „SpOn“-Forum böte jetzt allen, die die Sache nicht recht durchschaut haben, aber kapieren wollen, eine gute Möglichkeit, um Rat und Belehrung zu bitten. Das ist die schöne Theorie. In der Praxis haben die Dampfplauderer und Vollhorste das Wort. Und weil es um die letzten bzw. ersten Dinge allen Seins geht, mischt sich sogleich ein ausgemachter Spinner ein:


Es mangelt „Urknallmarinchen“ zwar an Orthographie, aber nicht an Selbstbewußtsein: So hat man seine verkannten Genies gern. Auch Albert Einstein stand ja für Vorträge gern zur Verfügung, obwohl er „damals“ noch nicht erkennen konnte, welche Hirngespinste zumal im „interuniversen Bereich“ lauern. Nachdem sich einige Foristen, die halbwegs bei Groschen sind, sich über den Urknallkopf amüsiert haben, gibt der keineswegs klein bei, sondern legt nach:


Er weiß nicht, wovon er redet, und wünscht sich dafür ein Publikum: Mit solchen „Denkmodellen“ aus purem Größenwahn landete man einst in gewissen Institutionen, deren Wände gepolstert sind. Heuer gibt es zum Glück das „SpOn“-Forum. Wo der nächste Spinner sich angespornt fühlt, seine ungeheure Ahnungslosigkeit als Weltformel anzubieten:


Das muß dieselbe Logik sein, die den Klimawandel als Chimäre verspottet, weil Mitte März in Deutschland Schnee fällt. Wer sich jemals ernsthaft mit den kurrenten Spekulationen über parallele Universen und das Multiversum befaßt hat, wird den verantwortlichen Wissenschaftlern gewiß nicht unterstellen können, es am „Think big“ fehlen zu lassen. Jedenfalls sind sie gegen die Versuchung gefeit, die Distanz zwischen unserem und einem ganz anderen Kosmos mit einer so armseligen Einheit wie dem Lichtjahr zu bemessen und sich All-Welten als eine Art Klickermurmeln vorzustellen.

Inzwischen versammeln sich auf der „SpOn“-Agora die Herrschaften, die unbedingt den lieben Gott ins Spiel bringen wollen, weil sie das, was noch nicht erklärt ist, mit dem Unerklärlichen verwechseln. Den Kreationisten antwortet, auf ihre Art ebenso intolerant und dogmatisch, die Fraktion der Fundamentalatheisten. Man wäre froh, hielten beide Parteiungen die Fresse und läsen mal nach, was Immanuel Kant zu diesem Fall endgültig bemerkt hat: Daß es Menschen aufgrund unzureichender kognitiver Mittel und Methoden weder möglich ist, die Existenz Gottes zu beweisen, noch, sie zu widerlegen (Über das Mißlingen aller philosophischen Versuche in der Theodizee, 1791).

Aber das Online-Forum ist nun mal ein Biotop des Menschen-
schwamms, und deshalb will jeder mitblubbern, der nix zu sagen hat. Für klüger als ein ganzes Regiment Physiknobelpreisträger halten sich freilich nicht allein die multiversalen „m. E.“-Logiker. Ganz ausgemachte Schlaumeier recken ihr leeres Haupt, um den Nutzen der Grundlagen-
forschung per se in Frage zu stellen:


Wer so leichtfertig mit Dezimalstellen umgeht, dem ist natürlich alles Furz, was über seinen Horizont geht, und der erstreckt sich zweifellos nicht weiter als bis zu den Außenlinien eines Tennisplatzes. Ginge es nach Kerlen wie „Björn Borg“, müßte umgehend der Abakus als Rechen-
instrument rehabilitiert werden. Ob es hülfe, diesem Foristen und seinesgleichen die GPS-Smartphones zu verbieten, bis sie mal merken, was sie der „ahnungslosen“ Wissenschaft zu verdanken haben? Ach was. Sie sind sogar stolz auf ihre Ignoranz und ihre Dumpfheit, derart stolz, daß sie sich einer Lieblingsphrase des Paradetrottels Homer Simpson bedienen, wenn sie, die nichts wissen, denen, die nach Wissen suchen,
„Nichtwissen“ vorwerfen:


Nun allerdings wollen auch die Hobby-Kosmologen wieder was beitragen. Obschon oder gerade weil der größte Teil ihrer astrophysikalischen Kenntnisse auf der Ansicht von „Star Trek“-Episoden beruht, gehen ihnen Begriffe, zu deren Verständnis ein mehrjähriges Studium kaum ausreicht, mit einer Leichtigkeit über die Lippen bzw. die Tastatur, die den Dilettanten seit jeher auszeichnet:


Er muß das schwarze Loch meinen, das zwischen „Kickahas“ Schädel-
knochen wohnt. Wahrscheinlich hat so wenig Intelligenz, gepaart mit so viel Selbstüberschätzung, was Gebenedeites im Sinne Gottfried Benns: „Dumm sein und Arbeit haben, das ist das Glück.“ Kein Wunder, daß sich solche Produkte eines defizitären Bildungssystems und einer der allgemeinen Doofmacherei verpflichteten Gesellschaftsform in raren Momenten des Selbstzweifels für nicht viel mehr als eine Anhäufung binärer Zeichen halten:


Mit „Tatsachen“ dieser Art können sich Welterklärer offenbar leichter anfreunden als mit dem mühseligen Falsifikationsgeschäft der Wissenschaft. Kein Wunder, daß es der Esoterik-Branche so gut geht wie noch nie: Denn die Deppen werden nicht alle, und sie geben sich via WWW mächtig Mühe, daß wir bald alle werden wie sie. Sehr schwer fallen wird ihnen das jedoch bei dem einzigen hellen Kopf, der sich in das gigantische „SpOn“-Geschwätz einmischt. „Tadamtadam“ erteilt den Einfaltspinseln eine so witzige Replik, daß ich ihm die Schlußpointe mit Vergnügen überlasse:

 

 Photo/Vignette: Wikimedia commons/Joachim Spremberg

 


Sonntag, 24. März 2013 22:20
Abteilung: Schwammintelligenz, Undichte Denker

5 Kommentare

  1. 1

    Wie heißt es doch in „Men in Black“ so schön: „Ein Mensch ist intelligent, aber ein Haufen Menschen sind dumme hysterische gefährliche Tiere.“ Zu einem ähnlichen Schluß kam ein gewisser Platon vor etwa 2400 Jahren auch schon mal.
    Fazit: Die Agora hat sich geändert, die Menschen sind offensichtlich die gleichen geblieben.

    Ja, der Hegelsche Fortschrittsoptimismus kann einem sauer werden, bisweilen. KS

  2. 2

    PS. Um den Glauben an den Schwarm wieder zu erlangen, empfehle ich übrigens einen Blick in die Kommentare auf STANDARD.at – dort findet man teilweise sehr kluge und humorvolle, manchmal auch zynische Beiträge. Außerdem jede Menge Morbides (man ist schließlich in Österreich).

  3. 3

    Sehr schön! Der Urknall hat letztendlich bloß einen großen „Shitstorm“ zur Folge …

  4. 4

    Besonders bizarr und erheiternd wirds regelmäßig, wenn Medizin, Esoterik und „alternative“ Hitech aufeinandertreffen, wie gestern wieder:
    http://www.spiegel.de/wissenschaft/medizin/wind-turbine-syndrome-krank-vor-angst-vor-infraschall-a-890407.html

    Vielen Dank für diesen wertvollen Hinweis! Ein unfaßbar albernes Gebrabbel – das muß Teil 2 der Serie werden. KS

  5. 5

    Sehr amüsanter Text!
    Ob Sascha Lobo ihn inzwischen auch gelesen hat? Es könnte jedenfalls den Anschein haben, als ob er sich zu einer Stellungnahme aufgefordert gesehen hätte:
    http://www.spiegel.de/netzwelt/web/sascha-lobo-missverstaendnis-schwarmintelligenz-a-891986.html

    Liest Sascha Lobo mein Blog? Ich hab keine Ahnung und sag deshalb mal: Nö. – Jedenfalls bieten seine Einlassungen zur Schwarmintelligenz erneut diese unnachahmliche Lobo-Mixtur aus Halbgarem, Halbverstandenen und Vollaufgeblasenem. Der Duden als Beleg für die Schwarmintelligenz! Der Duden!!! Was für ein Stinkekäse. – Sobald ich wieder bei Kräften bin (gestern mal wieder „Angio“ gehabt), kümmere ich mich um den Fall. Vielen Dank für den Hinweis! KS

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