State of the Union, Vol. 2

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Bert Brecht wußte alles voraus, was uns Zeitgenossen entsetzt, und zwar bereits vor 86 Jahren, nämlich in Aufstieg und Fall der Stadt Mahagonny. BB kannte den Trump längst, als der noch nicht mal ein Glitzern im Auge seines Vaters war:

Erstens, vergesst nicht, kommt das Fressen,
zweitens kommt der Liebesakt,
drittens das Boxen nicht vergessen,
viertens Saufen, laut Kontrakt.
Vor allem aber achtet scharf,
daß man hier alles dürfen darf.
(Wenn man Geld hat.)

Der Dichter sah den US-Wahlkampf 2016 vorher mit allen bestialischen Parolen:

FÜR DIE FREIHEIT DER REICHEN LEUTE
FÜR DIE TAPFERKEIT GEGEN DIE WEHRLOSEN
FÜR DIE EHRE DER MÖRDER
FÜR DIE GRÖSSE DES SCHMUTZES
FÜR DIE UNSTERBLICHKEIT DER GEMEINHEIT
FÜR DEN FORTBESTAND DES GOLDENEN ZEITALTERS

Und wie die Sache ausgehen würde, mit einem unberechenbaren Narzißten am Roten Knopf statt einer Frau, die kommt, sieht, sterben läßt, auch das prophezeite das Genie Brecht präziser als sämtliche Meinungsforschungsinstitute*:

Denn wie man sich bettet, so liegt man,
es deckt einen da keiner zu,
und wenn einer tritt, dann bin ich es,
und wird einer getreten, dann bist du‘s.

Die Dunkelheit aber, die jetzt von den USA aufsteigt wie der Qualm eines Schwelbrands und die Welt zu ersticken droht, faßte Bertolt Brecht in vier Zeilen, die alles auf den richtigen Reim bringen:

Wir brauchen keinen Hurrikan,
wir brauchen keinen Taifun,
denn was er an Schrecken tuen kann,
das können wir selber tun.

Wäre ich Theaterintendant, ich ließe die Mahagonny-Oper sofort inszenieren! (Und ich laß mir den Tipp gern honorieren: „Für Geld gibt‘s alles / Und ohne Geld nichts / Drum ist‘s das Geld nur, woran man sich halten kann.“)

* Um es bei dieser Gelegenheit loszuwerden: Wenn die Demoskopen ihre haarsträubenden Polls damit erklären, sie seien von den Teilnehmern der Umfragen belogen worden, sollten die Auguren der Politik konsequent sein und ihre Institute zusperren. Dann ist alles, was sie erforschen, wegen vorausgesetzter Fehlerhaftigkeit keinen Cent wert. Ob sie das bedacht haben bei ihrer ebenso hilflosen wie peinlichen Ausrede?

Photo: Bundesarchiv, Bild 183-W0409-300 / Kolbe, Jörg / CC-BY-SA 3.0,
[CC BY-SA 3.0 de],
via Wikimedia Commons

5 Kommentare

  1. 1

    Den folgenden Kommentar hatte ich mir eigentlich für „State of the Union (Vol. 1)“ ausgedacht, aber hier paßt er ebenso gut, nicht nur wegen Bertolt Brecht, der mir übrigens auch gleich in den Sinn kam. Was sicher kein Zufall ist.
    Also: Die Kälber haben gewählt und den Schlächter gekriegt, nicht die Schlächterin. Daß es der dumpfe Trump ist, der demnächst das Fleischermesser schwingen wird, und nicht die eiskalte Lady – who the fuck really cares? Das stereotype Wehklagen in den (hiesigen) Medien darüber, daß nun bald die unberechenbar fiese Charybdis statt der berechenbar fiesen Scylla ins Weiße Haus einziehen wird, kann ich jedenfalls inzwischen nur noch schwer ertragen, fast so schwer wie die Dumpfheit des frisch gekürten US-Führers. Den Kapitalismus hat er allerdings nicht gemacht, und er kann auch nichts dafür, daß das Kapital, wenn es nicht vor der Zeit in die Binsen gehn will, seinen Schlachthausbetrieb zwangsläufig nach faschistischen Regeln organisieren läßt. Für solche Organisation ist Trump allerdings genau der richtige Mann.
    Man sollte aber nicht vergessen, daß der Kapitalismus selbst in seiner Blütezeit, also lange vor Mussolini, Hitler & Co, für Millionen von Ausgebeuteten die Hölle auf Erden war, ein Paradies allenfalls für die Minderzahl, in deren Taschen der erbeutete Mehrwert landete. Und kann es den Verdammten dieser Erde nicht überhaupt ziemlich wurscht sein, ob ihnen zukünftig nach neoliberalem oder faschistischem Rezept das Fell über die Ohren gezogen wird? Davon abgesehen, daß letzteres ja nie wirklich vom Tisch war, auch nicht im „Land der Freien“. Dazu hab ich aus gegebenem Anlass was (wieder)gelesen: Reinhard Lettaus USA-Report „Der tägliche Faschismus“. Der erschien Anfang der 1970er. Und wenn seitdem wirklich irgendwas ernsthaft besser oder freier oder menschenwürdiger geworden sein sollte für die Mehrzahl der Bewohner der Freien Welt, dann hab ich wahrscheinlich irgendwas nicht mitgekriegt. Von der Dritten und Vierten Welt will ich lieber gar nicht erst anfangen, sonst kann ich nämlich überhaupt nicht mehr aufhören.
    Nur noch das: Ich denke, das Schlachten wird weitergehn, im übertragenen Sinn wie im wörtlichen. Und den Hinterbliebenen der nächsten syrischen oder irakischen oder jemenitischen oder afghanischen Familie, der eine Bombe aufs Haus fällt, wird es egal sein, ob der Absender Obama, Clinton oder Trump heißt. Vom deutschen Anteil an der Schlächterei ließe sich ebenfalls etliches sagen. Mit dem Teil fang ich jetzt aber auch nicht mehr an, wegen Nicht-Aufhören-Können. Ich erwähne ihn bloß, damit keiner mutmaßt, daß ich etwa meine, die bösen Amis würden das globale Schlachthaus ganz allein betreiben. Wir Deutschen sind nämlich auch ganz gut, wenn’s ums Organisieren geht.

    Wir sind sogar noch besser -: Wir erinnern den Protofaschisten Trump an höhere Werte, dieweil wir mit dem lupenreinen Faschisten Erdogan Petting treiben. In Scheinheiligkeit macht uns Deutschen echt niemand was vor. KS

  2. 2

    @ Kai Pichmann:
    Es gab aber in der Blütezeit des Kapitalismus, in der Hölle auf Erden für die Ausgebeuteten etwas, das es später so nicht mehr gab: echte Solidarität, eine echte Arbeiterbewegung. Howard Zinn beschreibt in „Eine Geschichte des amerikanischen Volkes“, wie da nach Zwangsräumungen die Kollegen aber alle sofort auf der Matte standen und die Möbel wieder ins Haus trugen. Die hatten sogar die Hardware für den Gasanschluß gleich mit dabei.
    Ich kann jetzt leider nicht auf die entsprechende Stelle bei Zinn verweisen (mein Gedächtnis), aber das Buch als Lektüre allemal sehr empfehlen.

    Der Empfehlung schließe ich mich ausdrücklich an, dies ist in der Tat ein außerordentliches Werk. Leider hat die deutsche Fassung einen Augenpulver-Satzspiegel, aber der kleine Nikol-Verlag mußte wohl knapp kalkulieren. (Daß ein klassenbewußtes Geschichtsbuch wie dieses nicht bei einem unserer großen Verlage erscheint, wundert mich übrigens nicht weiter.) KS

  3. 3

    Ich danke schön für die Empfehlung, ich werd mir das Buch besorgen. Und empfehle meinerseits, falls nicht längst bekannt, Robert Kurz‘ „Schwarzbuch Kapitalismus“ und „Zwischen Amok und Alzheimer: Zur Sozialpsychologie des entfesselten Kapitalismus“ von Götz Eisenberg. Was ich nicht empfehle: beide Bücher nacheinander zu lesen, das könnte selbst dem sonnigsten Gemüt die Petersilie verhageln.
    Stattdessen vielleicht lieber den grandiosen Mittelalterroman „Die Kinder der Finsternis“ von Wolf von Niebelschütz einschieben! Den hat der Herr des Blogs hier neulich empfohlen, und ich hab ihn inzwischen fast durch. Der Roman spielt in einer Zeit, die auch, aber anders, höllisch finster war. Nur gab es, anders als heute, im 12. Jahrhundert auch noch das Paradies, das damals noch gleich neben der Hölle lag und also leichter zu erreichen war. Die Arbeiterklasse gab’s damals natürlich noch nicht, sowas wie Solidarität aber schon. Und obwohl ich ein notorischer Nörgler und Pessimist bin, glaub ich doch, daß Solidarität eine grundlegende menschliche Eigenschaft ist. Die sich vielleicht irgendwann noch durchsetzen wird. Falls die Menschheit nicht vorher ihre komplette Selbstzerstörung hinkriegt, zu der sie ebenfalls grundsätzlich zu neigen scheint.

    Dein, lieber Kai, Glaube an die grundlegend menschliche Solidarität wird übrigens in einem weiteren großartigen, freilich unbekannten, Klassiker bestätigt. Er heißt „Gegenseitige Hilfe in der Tier- und Menschenwelt“ und wurde vor mehr als 100 Jahren von dem großen Zoologen und Anarchisten Peter Kropotkin verfaßt. Ich habe bei der Lektüre mehr als einmal vor Rührung geweint. Keine Übertreibung. KS
    PS. Ich freue mich (als alter Niebelschützianer) sehr, daß ein kluger Kopf wie Du „Die Kinder der Finsternis“ ebenso goutiert wie ich! (Und Kurz‘ großes Werk schätze ich nicht weniger hoch ein als Du. – Wir beiden Vornamensbrüder müßten ECHT mal zusammen hocken, rauchen und andere legale Drogen zu uns nehmen!)

  4. 4

    Du lieber Himmel! Schon wieder drei Bücher auf der Liste. Und den Eisenberg kann ich sowieso noch mal lesen.
    Aber wenn ich die durch habe, hocke ich mich gerne mit zusammen. Immerhin fängt mein Name auch mit „K“ an!

    À pro pos zusammenhocken: Ich hab Dich vorgestern vermißt, lieber Karsten. KS

  5. 5

    Das find ich aber auch, lieber Kay, daß es langsam mal Zeit wird zum Zusammenhocken! Und die Anwesenheit des klugen Herrn Wollny würd ich dabei keinesfalls als störend empfinden. Schließlich teilen wir drei nicht bloß das „K“ als Vornamens-Initial, sondern auch noch den zweiten Buchstaben! Und davon abgesehen noch so einiges mehr, da bin ich sicher.
    PS. Ich komm übrigens ziemlich bald für ein paar Tage nach Hamburg. Vielleicht klappt’s ja schon dann?

    Das wäre schön! Gib bitte bescheid. KS

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