The age of assholes

Seit einigen Tagen fummle ich mit wenig Eifer und viel Verdruß an einer Polemik. Es soll darin um die Mobilisierung ganz alter deutscher Feindbilder gehen, um einen Pöbel, dem die Demütigung Griechenlands noch lange nicht genügt: Man hat nun Blut geleckt und will mehr davon saufen, am liebsten welsches. Das Problem beim Verfertigen der Glosse besteht allerdings nicht so sehr im Wissen um die Vergeblichkeit, um die Unsichtbarkeit solcher Texte in einer medialen Öffentlichkeit, die den ökonomischen Vernichtungskrieg gegen Griechenland verkauft wie eine moralische Pflicht und den Feldherrn Schäuble dafür feiert, daß er am liebsten Puerto Rico gegen den unterworfenen Staat, diese Nation renitenter Schmarotzer eintauschen würde.

Das Problem für den Blogger liegt in der kalten Schnauze, dem unverhohlenen Chauvinismus, dem offenen Rassismus, die vom Reichssiggi Gabriel über Mietmäuler wie Rolf-Dieter Krause bis hinab zum Ottonormalen mit Inbrunst geübt werden. Wie ungebrochen eine Tradition, die 1871 begann, weiterhin in Deutschland waltet und wie – und daß – sie abermals triumphieren darf … Das überrascht selbst einen altgedienten vaterlandslosen Gesellen wie mich, überrascht mich wie ein Hieb in den Magen. Da bleibt einem bekanntlich die Luft weg und werden die Augen trüb, fast so trüb wie die weiteren Aussichten für Europa.

Zum Glück gibt es Jan Böhmermann und Klaas Heufer-Umlauf. Sie haben den Schneid, das, was Bild, Focus, Welt, FAZ, Stern und der öffentlich-rechte Schmerzkeks Nuhr an Diffamierungen, Unterstellungen und Geifer verbreiten, als genau das kenntlich zu machen und das eingeborene Publikum zu mahnen, sich „ausnahmsweise nicht wie Arschlöcher“ zu benehmen. Diese brillanten 174 Sekunden wiegen mindestens zehn ellenlange „Abfall“-Postings auf, und ich kann mich bei Böhmermann und Umlauf nur hochachtungsvoll dafür bedanken, daß sie ihre Aufgabe weit besser erfüllen als ich.


Einige Informationen über die Entstehung des Films hat Rieke Havertz für Taz.de aufgeschrieben. Und wenn Sie, lieber Blog-Gast, schon einmal beim Lesen sind (nachdem Sie den Clip hoffentlich an 20 andere menschgebliebene Deutsche weiterempfohlen haben), sollten Sie auch „Der Raser“ studieren, ein vorzüglich recherchiertes Porträt der SYRIZA-Regierung und ihres Chefs Aleksis Tsipras von Constantin Seibt. So was werden Sie in bimbesdeutschen Qualitätsmedien nimmer zu Gesicht bekommen; dafür müssen Sie schon den schweizer Tages-Anzeiger bemühen.

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Sonntag, 12. Juli 2015 22:31
Abteilung: Kaputtalismus, Man schreit deutsh, Qualitätsjournalismus

2 Kommentare

  1. 1

    Daß das Internet als größte Partition der medialen Öffentlichkeit vor allem als riesige öffentliche Latrine funktioniert, ist ja nix Neues. Ebenso, daß eine Latrine per se jede Menge (geistigen) Dünnschiss und nur äußerst geringe Mengen an halbwegs vernünftig geschliffenen Edelsteinen enthält. Was es nicht ganz leicht macht, letztere zu finden – man muß dazu halt immer wieder tief in die Scheiße greifen –, aber unmöglich ist es nicht. Also: Ihre Blog-Texte sind nicht unsichtbar; wären sie es, dann könnte ich sie ja weder lesen noch darüber nachdenken noch sie gelegentlich eifrig kommentieren. Und ich könnte sie auch nicht meiner näheren Umgebung anempfehlen, was ich seit einiger Zeit tue und was unter anderem dazu geführt hat, dass man mich inzwischen doch tatsächlich für einen Hardcore-Kommunisten hält. Was mich übrigens nicht weiter stört, ich nehm’s einfach als Kompliment. KP

    Wie schnell man heutzutage zum Hardcore-Kommunisten wird … Ich hab mich bislang bloß für einen Anhänger der Kritischen Theorie gehalten. Aber es wird in der Medienlatrine ja auch gern von der „Sozialdemokratisierung der CDU“ geschwallt. Und die SPD hat einen „linken Flügel“. KS

  2. 2

    Zu dem Kommentar hier drüber fällt mir ein alter Spruch ein, den ich als Jugendlicher in den späten Sixties in der Zeit gelesen und den Walter Jens verfasst hatte:
    „Ein gescheites Wort und schon bist du Kommunist.“

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