The Shape of Things to Come

Es gibt gute Gründe, mit der Menschheit nichts mehr zu schaffen haben zu wollen. Man muß für seine Misanthropie nicht unbedingt Argumente – Kolonialismus, Weltkrieg, Holocaust – vortragen, die sich mit nichts widerlegen lassen, nicht mal mit Beethovens Siebter, dem König Lear oder Michelangelos Pietá.

Von der Spezies die Nase voll haben darf man bereits und zu Recht nach einer Visite des nächstgelegenen Baumarkts. Was sich da hinter gewaltigen Drahtwagen durch die Gänge schiebt, krönt eine Schöpfung, die vor circa drei Millionen Jahren völlig schief, das heißt, aufrecht gegangen ist. Alle Geistigkeit des Menschen, sein Intellekt, die grenzenlose Welt seiner Vorstellung, sie gipfeln hier, bei Obi, Hornbach, Praktiker, Max Bahr. Und nicht etwa in Armstrongs ersten Schritten auf dem Mond oder der kosmischen Physik Einsteins oder den Romanen Flauberts oder den Spielfilmen Scorseses. Erst hier, im Baumarkt, kommt die Menschheit tatsächlich zu sich selbst und stellt ihre gewaltigsten, kühnsten, Materie gewordenen Träume aus – die LED-beleuchteten Mischbatterien fürs Gästeklo, die Teakimitatpanele für den glaswoll-
isolierten Dachbodenausbau und zumal Zaunelemente sonder Zahl. Dies ist, was die Spezies ersehnt, nebst einem Auto, um den Plunder in ein Haus schaffen zu können, das leider auch nach erfolgter Installation ein Zuhause nicht und nicht werden mag. Und zurück geht‘s in den Baumarkt.

Schließlich locken dort, übrigens nicht nur vom 15. bis 20. Oktober, sondern das ganze Jahr über, aber speziell jetzt, und wer weiß schon, was morgen passieren wird –:

Von der Riesenfreude, die der Prospekt verheißt, ist auf den Gesichtern der Kundschaft leider nichts zu sehen. Statt dessen gnomenhafte Verbiesterheit und Aggression, die bereits vorwegnimmt, was nach Einbau des Krempels sich unweigerlich einstellen wird: das Gefühl, über den Rettich gezogen worden zu sein. Zu besichtigen ist außerdem die stupende Vielfalt menschlicher Geschmacksverirrung bei der Verhüllung des fellfreien Körpers. So viele Klumpfußsneaker, Beutelarschbluejeans, Augengiftshirts und Spitzbirnenbasecaps wie an der Kasse eines Baumarkts sieht man sonst nirgends in solcher Häufigkeit. Vielleicht ist es ein ungeschriebenes Gesetz, nur die allerscheußlichsten Klamotten überzuwerfen, bevor es hierher geht: um dem Mitmenschen zu signalisieren, daß man gleich anschließend loslegen und -kleben und -schrauben wird, ohne Rücksicht aufs Gewand. Ich fürchte allerdings, daß der archetypische Baumarktkunde überall so rumläuft. Selbstkritik, auch das macht die Spezies so widerlich, ist eine Tugend, zu der sie ein kritisches Verhältnis pflegt.

Und deshalb hat der Mensch von der eigenen Erscheinung ein viel liebenswürdigeres Bild als das, welches er abgibt. Der Baumarktkunde etwa sieht sich als nettes Kerlchen, das kein Wässerchen trüben, doch jederzeit zuschaufeln kann. Der Gartenzwerg, fleißig, freundlich, findig, ist die Apotheose des Heimwerkers, da darf man den Strategen des Marketing, die den „Max Bahr“-Prospekt entwerfen, ausnahmsweise mal glauben.

Wer so klein und harmlos ist, der hat freilich viel zu befürchten. Der Baumarktkunde lebt in einer Welt voller Bedrohungen und deshalb legt er in seinen Drahtwagen, was immer er finden kann an Bi-Xenon-Suchscheinwerfern, Hyperschall-Alarmanlagen, gußeisernen Gittern und daumendicken Außenjalousien. Er sperrt die Welt aus und sich ein, weil ihm schwant, daß dank des autodestruktiven Eifers seiner Spezies bald alles zerfallen wird, was er Wochenende für -ende tackert, nagelt, dübelt und leimt. Die Brüchigkeit all dessen, was jenseits des Jägerzauns ist, der Zerfall der bürgerlichen Gesellschaft und ihrer Institutionen, der Amoklauf der Akkumulation werden auch vor den Zylinderschlössern und elektromechanischen Riegeln seiner stahlplattenverstärkten Haustür nicht haltmachen. Die Zeichen stehen auf Krieg. Der Gartenzwerg muß sich wappnen.

Und aufs neue hilft der Baumarkt, mit einem Schnäppchen der Stufe A:

Sieben Langwaffen einschließlich Patronen (339 statt 399 Euro): Damit sollte die Zwergfamilie (Vater, Mutter, Sohn) die marodierenden Horden aufhalten können, bis das Militärrecht ausgerufen wird. Falsche Sparsamkeit ist nicht angebracht: Fünf Flinten (199 statt 235 Euro) reichen im besten Fall, um die Hungerleider aus der Mietskaserne zwei Straßen weiter aufzuhalten … Wie es ihm aber seit der Französischen Revolution immer und immer wieder unterlaufen ist, so achtet der Bürger auch diesmal nicht aufs Kleingedruckte:

Wo er schon mal im Baumarkt ist, nimmt er den Kasten dennoch mit, und wird sich bald was einfallen lassen, um nicht bloß das besonders teure Werkzeug provisorisch darin aufzubewahren. (Wenngleich sich mit einer Batterieheckenschere, einer Titanstahlaxt oder einer Dieselkettensäge einiger Schaden am Fleisch des Nächsten anrichten läßt.) Haben nicht schon unsere Ahnen Pflugscharen zu Schwertern geschmiedet? Kann es dann so schwierig sein, ein Luftgewehr aufzubohren, bis sich damit Menschen zerschroten lassen? Wozu, verdammt, steht denn seit Weihnachten die Drehbank in der Kellerwerkstatt?

Die Begleitmusik zur letzten Schlacht der Spezies, der, mit der sie sich, vom Misanthropen applaudiert, endlich selbst beseitigen wird diese Musik zu den „Things to Come“ stammt von Dizzy Gillespie, und besonders beeindruckend haben er und seine famose Bigband sie 1968 eingespielt:


So viel zum Klang. Die Gestalt aber dessen, was kommen wird, sie hat große Ähnlichkeit mit einem Waffenschrank. Vielleicht sollte der Gott, der dieses Unheil – uns – angerichtet hat, den gesamten Fehlversuch im Innenfach der Stufe B einschließen, den biometrischen Schlüssel in einer Supernova versenken, und, damit keine mitleidigen Aliens die Tür auflasern, ein Schild an den Griff hängen:

 

Alle Abbildungen – außer dem YouTube-Screenshot – stammen aus einem Werbewurfprospekt von Max Bahr, Hamburg. Sie werden hier aus Zitations-, nicht aus kommerziellen Gründen gezeigt.


Donnerstag, 1. November 2012 0:45
Abteilung: Kaputtalismus

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