Zeuge der Geschichte (7)


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Gleich nachdem ich vom Tod des unerschrockenen Antiimperialisten Fidel Alejandro Castro Ruz erfuhr, habe ich nachgezählt, wie viele US-Präsidenten er im Amt bzw. buchstäblich überlebt hatte (9 bzw. 6) und wie viele CIA-Direktoren (15 bzw. 6). – Da bin ich nicht mehr so traurig gewesen und habe zu Ehren eines tapferen Revolutionärs Rum getrunken.

Und dann noch einen und danach einen dritten usw. Sonst hätte ich die Nachrufe in unseren Qualitätsmedien kaum ertragen.

Photo: „Cuba.FidelCastro.01“ by Ricardo Stuckert/PR (Agência Brasil [1])
[CC BY 3.0 br], via Wikimedia Commons

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Samstag, 26. November 2016 23:15
Abteilung: Kaputtalismus, Qualitätsjournalismus, Zeuge der Geschichte

20 Kommentare

  1. 1

    Die Heinz-Erhardt-Methode?
    https://www.youtube.com/watch?v=BATX8W9grn0
    Die Leber bedankt sich!
    Keine Castro-Nachrufe lesen ist gesünder.

    Man kann es natürlich auch mit Korn probieren, aber davon muß ich immer kotzen. – Mit dem zweiten Punkt haben Sie freilich unbedingt recht. KS

  2. 2

    Mit Verlaub (und auf die Gefahr hin, mich hier unbeliebt zu machen): Korn bräuchte ich gar nicht zu kennen, um nach Betrachten des verlinkten Erhardt-Videos zu kotzen. Solches im Zusammenhang mit der Aussage des Bloggers, er hätte anläßlich des Todes von Castro Rum getrunken?

    Lieber Karsten, ich glaube nicht, daß Arno Matthias eine böse Absicht verfolgte. Ich bin sogar sicher. Aber das kann er, wenn er mag, ja selber erläutern. – Peace! KS

  3. 3

    Ich verstehe nicht, wie man in meinem Beitrag eine böse Absicht erkennen kann. Daher weiß ich auch nicht, was es zu erläutern gäbe.

    Herr Wollny – nun sind Sie wieder dran. Ich eß derweil Erdnußflips und freu mich über einen – hoffentlich gesitteten – Streit wg. gar nix. KS

  4. 4

    Und ich freu mich derweil der Tatsache, daß ich so alt bin wie die kubanische Revolution. Und umgekehrt.

    Ich wiederum würde mich freuen, wenn Sie noch älter werden – und außerdem die kubanische Revolution noch älter wird, und umgekehrt. KS

  5. 5

    Ich bitte um Entschuldigung!
    Ich habe weder eine böse Absicht gesehen noch wollte ich eine unterstellen.
    Ich hatte schlechte Laune wegen ganz was anderem und erfahre mal wieder, daß ich dann nicht kommentieren darf.
    Wenn es jemanden interessiert, dann erzähle ich noch, was für Gedanken der Anblick Erhardts bei mir auslöste.
    Ich bin mir aber gerade nicht sicher, ob das nicht zu viel „wg. gar nix“ wäre.

    Lieber Karsten, ich würde sehr gern erfahren, was Dich an Heinz Erhardt ausrasten ließ. – Und ich denke, daß Du völlig im Recht warst, Dich aufzuregen. Arno Matthias nimmt Deine Empörung ja auch ganz gelassen. KS

  6. 6

    (Also doch nicht „gar nix“? Ich werde das Gefühl nicht los, daß Du, lieber Kay, schon weißt oder zumindest ahnst, was ich jetzt sagen werde.)
    Ich habe nicht wirklich etwas gegen Heinz Erhardt. Jeder Künstler darf so harmlos sein, wie er will. Und manch Gedicht von Erhardt bringt mich zumindest zum Schmunzeln. Wenn ich mir ihn allerdings als einen DER Repräsentanten der deutschen „Wirtschaftswunderzeit“ vor Augen halte, dann wird es eng, besonders, wenn der erste Kommentar zum Text anläßlich Castros Tod in diesem Blog mit Erhardt daherkommt.
    Erhardt hatte seine ersten großen Erfolge am Ende der fünfziger Jahre im Kino. Er ist eines DER Gesichter der deutschen Gemütlichkeit – dieser Harmlosigkeit, die keine ist. Und das zu einer Zeit, als die Deutschen einen der widerlichsten Sprüche der Nachkriegszeit zu ihrem „Lebensgefühl“ machten: „Wir sind wieder wer!“
    In einer Zeit, als die BRD mit dem Marshall-Plan aufgepäppelt und für den Kampf gegen die Sowjetunion in Stellung gebracht wurde, steht Heinz Erhardt mit einem Humor vor der Kamera, der dem Humor, mit dem sich Heinz Rühmann durch das dritte Reich gescherzt hat, extrem ähnlich ist. „Harmlos“ und „gemütlich“.
    Und zur selben Zeit findet die kubanische Revolution statt.
    Nicht daß ich mißverstanden werde. Es hätte der Erhardt nicht „politisch“ sein müssen – aber: Näh! Wenn der Blogger vom Rum schreibt, den er trinkt, dann ist das ein spirituelles Getränk, das der Denkende zu sich nimmt. Der Korn aus dem verlinkten Erhardt-Video ist schlichte Volksbelustigung, die mir an diesem Punkt völlig fehl am Platze erscheint.
    (Und während mir dies alles noch im Kopf herumgeht, finde ich auf der „Nachrichtenseite“ meines Emailanbieters eine Schlagzeile, die mich auf etwas aufmerksam macht.
    Wer noch etwas ganz und gar beschissenes zu Kuba lesen will, der schaue sich diese Seite an:
    https://www.lambertz.de/shooting-lambertz-fineart-kalender-2017/
    Da bastelt eine Firma, die Schokoladenprodukte herstellt, einen Kalender. Und womit wird Schokolade am besten beworben? Na klar! Mit „schoko-“ und „kaffeebraunen“ Models. Woher? Aus der Karibik natürlich! Und wo? In Kuba natürlich! Weil wir Männer ja doch immer nur vom Gleichen träumen und weil da jetzt endlich wieder Freiheit herrschen wird. Schon gehört, Leute? Das Bordell wird endlich wiedereröffnet!)

    Lieber Karsten, ich habe nur soviel geahnt: Daß Du genauso traurig bist wie ich über den Tod Fidels. Und die Trauer teilt – auch wenn er nicht Deine Abneigung gegen Heinz Erhardt empfindet – sicherlich auch Arno Matthias. – Danke für Deine kluge Erklärung! KS

  7. 7

    Die Art und Weise, wie der „Lambertz Fineart Kalender 2017“ von der Propagandaabteilung der deutschen Printenklitsche beworben wird, kann einen wirklich zum Kotzen bringen. Das schaffen aber auch manche Sätze aus deren „Erfolgsgeschichte“, Beispiel: „Mit der Gründung der Lambertz Polonia Sp. z o.o. in Polen starteten wir unseren internationalen Expansionskurs.“ Da hat wohl jemand an eine andere deutsche Erfolgsgeschichte gedacht. Ich als alter PR-Hase hätt’s noch kürzer und eingängiger formuliert: Printen müssen rollen für den Sieg! Die Dinger sind zwar eckig, aber wir Deutsche haben schon ganz andere Sachen ins Rollen gebracht.

  8. 8

    K. S.: „Da bin ich nicht mehr so traurig gewesen und habe zu Ehren eines tapferen Revolutionärs Rum getrunken. Und dann noch einen und danach einen dritten usw.“
    H. E.: „Immer wenn ich traurig bin, trink ich einen Korn. Wenn ich dann noch traurig bin, trink ich noch’n Korn. Und wenn ich dann noch traurig bin, trink ich noch’n Korn…“
    Nur um diese Parallele ging es.
    An dem vorstehenden Beitrag von K. W. kritisiere ich, daß er einzelnen Künstlern vorwirft, nicht das System umgeworfen zu haben. Rühmann und Erhardt haben ihre Talente zum Broterwerb genutzt; das sei ihnen doch gegönnt. Für genau so falsch halte ich Personenkult. Castro hat dazu beigetragen, ein Dreckssystem zu zerschlagen; nicht weil er ein „Held“ war, sondern weil die Umstände es erlaubten: weil er der richtige Mann zur richtigen Zeit am richtigen Ort war. „Es ist nicht das Bewußtsein der Menschen, das ihr Sein, sondern umgekehrt ihr gesellschaftliches Sein, das ihr Bewußtsein bestimmt.“

    Ich finde Personenkult okay, so lange die Leute immer schön mich verehren. – Was nun aber Leute wie Rühmann und Erhardt betrifft: Sie haben sich Brot erworben, indem sie in Goebbels‘ Auftrag die totalen Krieger bei guter Laune hielten. Das sei ihnen eben nicht „gegönnt“, sondern reingerieben. Niemand konnte im Dritten Reich „saubere“, „unpolitische“ Unterhaltung abliefern. Das wußten natürlich auch Rühmann und Erhardt; sie haben es nur nie zugegeben. KS
    PS. Über Castros Heldentum könnte man streiten. Seinen Mut freilich sollte niemand bezweifeln. Welche Attentate die CIA gegen ihn verübte, hat Jeffrey St. Clair in „Counterpunch“ übersichtlich zusammengefaßt. (Auch der lange Rest seiner „Roaming Charges“ lohnt die Lektüre, wie fast immer in diesen wöchentlichen Einlassungen zum Zustand der US of A.)

  9. 9

    Nee, Kay, so ist das nicht.
    Ich bin nicht traurig über Castros Tod. Der Mann war steinalt und der Tod war absehbar.
    Ich bin traurig über den Zustand der Welt.

    Dann mach es wie der Erzähler von „Die Insel des Doktor Moreau“ und verleg Dich auf die Astronomie. Denn – ich kann das nicht oft genug zitieren -: „(In) den ungeheuren und ewigen Gesetzen des Stoffs … muß für das, was mehr als Tier in uns ist, Trost und Hoffnung liegen.“ Die Venus z. B. steht zur Zeit so hell und schön am Abendhimmel wie seit langem nicht; bereits in der Dämmerung läßt sie sich im Südwesten bestaunen. KS

  10. 10

    Und ich hab den lieben halben Nachmittag damit verbracht, an einem elend langen Kommentar herumzubasteln, in dem es u. a. um die Ehrenrettung eines Aachener Kekskonzerns ging und darum, warum Fidel Castro nicht das Bundesverdienstkreuz bekommen hat, Hans Globke aber schon. Die Venus in der Dämmerung hab ich dabei komplett ignoriert. Und deshalb – Strafe muß sein – verbiete ich mir jetzt, diese knapp 3500 Zeichen hier auch noch einzufügen.

    Ich erlaube es Dir aber für morgen. (Venus wird noch einige Tage funkeln. Näheres zum Adventsabendhimmel inkl. Sichelmond in der vorzüglichen DLF-Dauerkolumne „Sternzeit“:
    http://www.deutschlandfunk.de/huebsche-begegnung-am-abendhimmel-mondsichel-bei-dicker.732.de.html?dram:article_id=372976
    Ad astra! KS

  11. 11

    Also bitte, das Thema ist ernst! Dass Castro mutig war (und Gelegenheit hatte, dies vor den Augen der Welt zu beweisen), hat er sich ja nicht selbst ausgesucht (vgl. https://de.wikipedia.org/w/index.php?title=Attributionsfehler). Wenn einer feige ist, wie Rühmann und Erhardt, auch nicht. Und wieso ist Astro-Eskapismus dem Kalauer-Eskapismus Erhardts moralisch überlegen? „Hab Erbarmen, das Leben ist schwer genug.“ (K.T.)
    Führerkult und Heldenverehrung und die darunterliegende hierarchisch-autoritäre Grundhaltung sind der Hauptgrund für den todtraurigen Zustand der Welt (s. zB. https://www.youtube.com/watch?v=fd61HhrckFQ).
    In einem Obrigkeitsstaat wie Kuba können sich die Menschen seelisch nicht weiterentwickeln; sie bleiben religiös, homophob, patriarchalisch usw. Wenn wieder ein Batista kommt, machen wieder alle mit. „Kaufen, was einem die Kartelle vorwerfen; lesen, was einem die Zensoren erlauben; glauben, was einem Kirche und Partei gebieten. Beinkleider werden zur Zeit mittelweit getragen. Freiheit gar nicht.“ (K.T.)
    Im Übrigen stimme ich K.W.s letztem Beitrag völlig zu.

    Sie irren Punkt für Punkt, lieber Arno Matthias.
    1.) Castro hat es sich sehr wohl ausgesucht, mutig zu sein, indem er sich gegen die imperialistische Politik der USA stellte. Die CIA hat ihn doch nicht ermorden wollen, weil er so gern Zigarren rauchte. (Daher ist Ihre Unterstellung eines „Attributionsfehlers“ selbst fehlerhaft.)
    2.) Rühmann und Erhardt hätten sich nicht in die Propagandadienste Goebbels‘ stellen müssen, niemand hat sie dazu gezwungen. Sie haben nicht nur aus Feigheit (vor dem Dienst an der Front) kollaboriert, sondern weil sie es wollten, weil sie ihre Schützenhilfe fürs Regime als harmlos erachteten.
    3.) „Astro-Eskapismus“ kann nur einer schreiben, der von Naturwissenschaften keine Ahnung hat noch haben will. Ich hätte einem wie Ihnen so viel Arroganz nie zugetraut. Erlauben Sie mir ein Geräusch des Verdrusses: pfff.
    4.) Der Hauptgrund für den „todtrauigen Zustand der Welt“ sind nicht „Führerkult und Heldenverehrung“, sondern die Eigentumsverhältnisse. Ich meinte, Sie wüßten das. Aber wahrscheinlich halten Sie das für „Marxo-Eskapismus“. (Und wenn Sie ein 69 Minuten langes Video verlinken, schadet es gewißlich nicht, die Stelle anzugeben, auf die es Ihnen ankommt. Ich hab sie nicht gefunden.)
    5.) „In einem Obrigkeitsstaat wie Kuba“ entwickeln die Menschen sich also „seelisch“ nicht weiter? Und woher kommen dann die vielen Dissidenten und Bürgerrechtler auf der Insel, weshalb hat sich dort zumal beim Abbau homophober Repression in den vergangenen Jahrzehnten mehr als bloß ein bißchen getan? Wie Sie z. B. hier nachlesen können:
    https://en.wikipedia.org/wiki/Human_rights_in_Cuba#Recent_changes
    Ist das alles vom Himmel gefallen, in den wir „Astro-Eskapisten“ gucken? (Und in dem Fidel Castro ganz sicherlich nicht gelandet ist.)
    Im übrigen stimme ich Ihrem Kommentar völlig zu. KS

  12. 12

    Ihre Erwiderung, Herr KS, hat erschreckend wenig mit meinen Aussagen zu tun. Was der „fundamentale Attributionsfehler“ ist, haben Sie nicht verstanden. „Astro-Eskapismus“ bezog sich offensichtlich auf Ihren Rat an KW, wenn ihn der Zustand der Welt traurig macht, doch die Venus zu bestaunen. Mit Naturwissenschaften (von denen ich sicher mehr verstehe als Sie) hat das nichts zu tun. Und worauf bitteschön beruhen denn die von Ihnen völlig zu Recht beklagten Eigentumsverhältnisse? Usw. Mir ist das jetzt aber zu anstrengend, jeden Ihrer Denkfehler zu diskutieren.

    Meine Erwiderung hat so „erschreckend wenig“ mit Ihren „Aussagen“ zu tun, Herr AM, weil Sie Ihnen nicht rechtgibt, stimmt’s? Das eine habe ich gleich gar „nicht verstanden“, vom anderen verstehen Sie „sicher“ mehr als ich, und die Eigentumsverhältnisse beruhen – niemand außer Ihnen versteht das richtig – auf Personenkult und Heldenverehrung. „Denkfehler“ auf „Denkfehler“, und nicht einer ist die Anstrengung wert, diskutiert zu werden. Es wäre mir auch zu hoch, nicht wahr?
    Ihnen weiterhin viel Vergnügen mit den schönen alten Heinz-Erhardt-Filmen! Usw. KS

  13. 13

    Ich find’s ein bißchen traurig, daß sich zwei kluge Leute hier grad derart in die Haare gekriegt haben. Auch wenn ich die die Bemerkungen des Blogherrn zur Sache unterschreiben kann und die seines Widerparts nicht, fänd ich es doch schade, wenn letzterer sich aus dem Abfall verabschiedete. Ich seh allerdings ein, lieber Kay, daß es nicht ganz leicht ist, Argumente auszutauschen mit jemanden, der sicher meint, von der Sache mehr zu verstehen. Wenn ich Part und Widerpart trotzdem was empfehlen darf – wahrscheinlich ist es eh zu spät dafür, dennoch –: Ginge es nicht eventuell auch, hart zu bleiben in der Sache, aber verbindlich im Ton?
    Aber nun komm ich zur Sache, ich bin ja schließlich kein Mediator oder so was: Den elenden Zustand dieser Welt einzig ihren Besitzverhältnissen zuzuschreiben ist schon eine Vereinfachung. Aber wenn man schon vereinfachen will, dann ist diese Zuschreibung die einzig akzeptable. Führerkult und Heldenverehrung ergeben sich aus diesen Verhältnissen wie sämtliche anderen Spielarten der Dumm- und Gemeinheit. Alle Gesellschaftsformen, die auf dem Privateigentum an Produktionsmitteln und der Besitzlosigkeit der übergroßen Mehrzahl beruhen, befördern per se und zwangsläufig auch noch die allergemeinste Dummheit, die des Einzelnen so wie die der Massen, einfach um weiter bestehen zu können. Ein Diktator wie Batista hatte sich solcher Förderung verschrieben, sein Nachfolger Fidel Castro nicht. Und Witzfiguren wie Rühmann haben wenig mehr als Schleim produziert, der das blutige Getriebe noch ein bißchen effektiver laufen ließ. Daß man wenigstens versuchen konnte, Sand in dieses Getriebe zu streuen, hat Kurt Tucholsky gezeigt; er hat sich die Freiheit genommen, seinem Gewissen zu folgen. Falls der Rühmann je eins gehabt haben sollte, dann war er so frei, es an der Hintertür zu Goebbels‘ Ministerium abzugeben.
    PS. Ich weiß, wie verdammt leicht es fällt, es im Nachhinein besser zu wissen bzw. andere für ihr Tun und Lassen zu beurteilen bzw. über sie zu richten. Dafür weiß ich nicht genau, wie ich mich verhalten würde, falls irgendwann demnächst AfD-Fackelzüge durchs Brandenburger Tor marschieren; völlig ausgeschlossen ist das ja nicht. Ganz sicher aber würd ich diesen Leuten keine Festreden zur Machtübernahme dichten oder ihnen sonstwie den Hofnarren machen. Wie Rühmann hab ich nicht das Zeug zum Helden, also würd ich wahrscheinlich versuchen, mich rechtzeitig vom braunen Acker zu machen, wie Tucholsky.

    An dir ist ein UN-Generalsekretär verloren gegangen; das meine ich nur zur (besseren) Hälfte ironisch. Danke! für diese zivilisierte Version dessen, was ich Herrn AM hätte schreiben sollen, aber hier in meinem Blog bin ich „Projector, Protector, Rejector, Infector, Infrector, Injector, Defector, Rejector“ bzw. „I’m judge and I’m jury and I’m executioner too“.. – Ich glaube übrigens nicht, daß Arno Matthias ab sofort mein Feind ist. Ich bin ja auch nicht seiner; wir sind hier nicht in der Bibelgruppe.
    Nur eins noch zu Fidel und dem Personenkult: Man beachte den desperaten Versuch des „Tagesanzeiger“, auf Kosten der aufrichtig Trauernden irgendwie was Kritisches in die Meldung zu würgen. Das geht schon im Vorspann los. – Ja, ja, die Eigentumsverhältnisse und ihre Folgen im Überbau. KS

    PS (vom Admin) Der nächste genehmigte Kommentar wird übrigens ein kleines Jubiläum sein, nämlich die Nr. 600 unter den genehmigten Kommentaren. Evtl. ist der Blogger bereit, dem Einsender was Kleines zu schenken. Eventuell! Der Admin

  14. 14

    Na, das motiviert mich doch sehr, auch mal wieder was zu sagen. Mir fehlen im Moment leider Zeit und Muße, hier Substantielles beizutragen, dennoch verfolge ich den „Abfall“ mit großem Interesse. Vor allem aber muß ich ein großes Lob für den Hartz-IV-Artikel in der aktuellen Konkret anbringen: Ich habe selten etwas gelesen, das die Infamie dieses Systems besser erklärt. Vielen Dank dafür!
    Sollte dies hier wirklich Komentar No. 600 werden, bitte ich, eventuelle kleine Geschenke an einen regelmäßigeren Beiträger weiterzuleiten.
    Zu der bedauerlichen Erhardt-Debatte habe ich nicht wirklich was beizutragen, außer, daß meine erste unangenehme Assoziation, als bei Erhardts Kornliedchen die Menge mit einstimmte, der „Eisgekühlte Bommerlunder“ der Toten Hosen war. Der deutsche Frohsinn kennt eben keine Grenzen. *schauder*

    Sie haben oft genug hier kommentiert, lieber Thomas Küster, um ein Geschenk zu verdienen. Und meines an Sie geht so: Sie dürfen im „Abfall“ ein zur dunkelsten Jahreszeit besonders gut passendes Lied empfehlen, möglichst mit ein paar begründenden Worten, möglichst mit YouTube-Link. Na, wie isses? KS
    PS. Danke für das herzwärmende Kompliment!

  15. 15

    Oh ja, das Geschenk nehme ich sehr gerne an! Da muß ich mir allerdings ein paar Gedanken machen vorher, aber ich denke, mir fällt was ein.

    Lassen Sie sich Zeit (aber bitte nicht länger als bis zum 4. Advent)! Ich bin sehr ziemlich gespannt. KS

  16. 16

    Geil!
    Kay Sokolowsky verlinkt zu einem Metal-Video mit Simon Pegg als Schlagzeuger in einer seiner besten Rollen!
    Danke.

    Da nich für. „Dirty Window“ ist – meiner fragwürdigen Meinung nach – das beste Stück Musik, um dieses ebenso junge wie verworrene 21. Jh. zu kommentieren. Inzwischen hat YouTube den Link, den ich hier setzte, wegen Urheberrechtzeugs lahmgelegt. Aber meine außerordentlich klugen Leser werden sich für das beste Stück Musik usw. gewißlich andere Wege der Annäherung ausdenken können. KS

  17. 17

    Spaß beiseite – ich versuch mal was:
    Als ich meinen ersten Kommentar zu Erhardt schrieb, wußte ich noch gar nicht, daß der Mann als Entertainer in der Truppenbetreuung unterwegs war.
    Mir ging es vor allem darum, wie der heutzutage betrachtet wird.
    Arno Matthias schreibt „An dem vorstehenden Beitrag von K. W. kritisiere ich, daß er einzelnen Künstlern vorwirft, nicht das System umgeworfen zu haben.“
    Das habe ich gar nicht getan, schrieb ich doch: „Ich habe nicht wirklich etwas gegen Heinz Erhardt. Jeder Künstler darf so harmlos sein, wie er will. Und manch Gedicht von Erhardt bringt mich zumindest zum Schmunzeln.“ Und: „Nicht daß ich mißverstanden werde. Es hätte der Erhardt nicht „politisch“ sein müssen…“
    Es ging mir gar nicht unbedingt darum, dem Erhardt mit seinen harmlosen Gedichtchen etwas vorzuwerfen. Das hat dann erst der K.S. (sehr gut) gemacht: „Sie haben sich Brot erworben, indem sie in Goebbels‘ Auftrag die totalen Krieger bei guter Laune hielten. Das sei ihnen eben nicht ‚gegönnt‘, sondern reingerieben.“
    Kai Pichmann schreibt darüber in seinem Kommentar und ich schreibe es jetzt: Ich weiß auch nicht, wie ich mich verhalten hätte. Aber darum ging es mir gar nicht.
    Mir ging es darum, wie diese Entertainer heute noch betrachtet werden, wie sie heute noch gefeiert werden.
    Das mag ein Beispiel veranschaulichen: 1937 kam der Film „Der Mann, der Sherlock Holmes war“ heraus. In diesem Film fahren zwei Hochstapler (Hans Albers und Rühmann), die sich als Holmes und Watson ausgeben, im Zug durch Belgien. Ich erinnere mich an diesen Film nur, weil ich mich daran erinnere, wie sehr ich vor zehn bis zwanzig Jahren davon abgestoßen war, wie in diesem Film geschildert wird, wie die beiden von allen, die sie treffen, katzbuckelnd hofiert werden, weil sie als Autoritäten wahrgenommen werden. Holmes und Watson eben.
    Das muß man sich mal auf der Zunge zergehen lassen! Zu einer Zeit, als die deutsche Bevölkerung in ihrer überwiegenden Mehrheit nichts anderes tat, als einem „Führer“ vorbehaltlos zu huldigen, machen die Filmemacher sich über die angebliche Autoritätshörigkeit einer Nachbarbevölkerung lustig. Das ist durch und durch widerlich. Ich dachte damals, beim letzten Sehen des Filmes, das grenze ja fast an Volksverhetzung.
    Und es wird noch heute kritiklos abgefeiert, als „urige“, „sympathische“, oder sonst was Komödie.
    Da habe ich aber einige Leute getroffen, die das Gefühl hatten, daß es doch „da mal was gab im deutschen Film“. „Wir konnten das damals nämlich auch!“ So völlig viel geiler, als in diesem „scheiß Hollywood“.
    Und es ist nicht zu fassen, wie sehr diese Leute nie kapieren, daß dieses Hollywood eben nicht immer und nur rein „amerikanisch“ war und ist, sondern sich aus allem speist, was mal woanders vielleicht vertrieben wurde, oder möglichst schnell selbst gesehen hat, sich vom Acker zu machen – wie zum Beispiel Billy Wilder. Und genau bei dem sind wir schon wieder bei diesen scheiß Deutschen, die etwas besser finden, wenn da was „deutsches“ dabei ist.
    Wie viele Leute habe ich getroffen, die „Eins, Zwei, Drei!“ für Wilders besten Film halten! Als hätte Wilder nicht außerdem (aber lassen wir das…)
    Die halten diese überdrehte Mauerkomödie für Wilders besten Film, weil – weil da „unser“ Horst Buchholz mitspielt. Weil es da um ein „deutsches“ Thema geht, weil Lilo Pulver in ihrem Polkadot–Dress so WAHNSINNIG Sexy ist („Nimm das, Marilyn!“).
    Und zwar wurde da in den Bavaria–Studios gedreht, aber sie denken BA-BELS-BERG.
    Es ist zum Fürchten.
    Und es war dann ja auch unheimlich super gigantisch toll, als Tarantino in Babelsberg gedreht hat.
    Da haben nämlich alle, die nicht sofort „Inglourious Basterds“ wegen der Darstellung der Deutschen oder wegen „Geschichtsverfälschung“ verdammt haben, sofort den „Filmstandort Deutschland“ gefeiert.
    Das war nicht „Wir sind wieder wer“, das war „Wir sind noch immer wieder wer.“
    Entsetzlich also.

    Lieber Karsten Wollny – ich weiß bis heute nicht so recht, warum ich so viel Zeit in mein Weblog investiere. Aber dieser Kommentar von Dir gibt mir das schöne Gefühl: Die Zeit ist nicht verschwendet; meine Leser ergänzen mich vortrefflich. – Danke für diesen großartigen Text! KS

  18. 18

    Ich? Generalsekretär? Des Vereinten Überbaus? Pfff! Aber du hast schon recht: Ich bin gelegentlich wohl ein wenig zu harmoniesüchtig. Das ist jedoch bloß oberflächlich. Irgendwo in der Tiefe wohnt ein executioner, dem es manchmal gewaltig im Abzugsfinger juckt, wenigstens dem nationalen Überbau ein paar zusätzliche Arschlöcher zu verpassen. Das mein ich natürlich rein metaphorisch. Ich hab ja gar kein Schießgerät im Schrank, und er hat ohnehin schon mehr als genug Arschlöcher, der hiesige Überbau.
    PS. Zum „Tagesanzeiger“: Fidel Castro hat sich also tatsächlich alle posthumen Denkmälereien verbeten? Der Mann war noch klüger als ich dachte. Und grad frag ich mich, ob el Presidente de Alemania in seinem Testament gleiches verfügt hat. Die Frage ist natürlich rein rhetorisch.

    PS. Die Frage ist auch unangemessen. Weil bei uns hier im Westen ist Personenkult gut, weil hier alles in bester Ordnung ist. Deshalb regt sich Herr AM so über Castro auf und kriegt den Mund gar nicht geschlossener, wenn es um diese, seine Seite der Welt geht z. B. darüber, daß der Hamburger Flughafen demnächst auf den Namen „Helmut Schmidt“ hören wird.
    Falls AM sich noch mal meldet, kriegen wir wahrscheinlich einen weiteren unerklärten Wiki- und einen weiteren unkommentierten YouTube-Link hingeschmissen. Und wenn ich/wir das nicht kapiere/n, sind wir „erschreckend“ unverständig. – Ich, derweil, finde die Vorstellung sehr erfreulich, daß Du den UN-Generalsekretär machst. DAS könnte was werden! Und ich wär dann gern Dein Pressesprecher. KS

  19. 19

    Es sei mir bitte noch eine Bemerkung gestattet. Der Streit zwischen K. S. und A. M. über das Betrachten der Venus bzw. über das Verständnis von Naturwissenschaft scheint mir ein überflüssiger zu sein.
    Zwar habe ich in den letzten Wochen den Hamburger Himmel nur als sehr diesig und vom Großstadtlicht geflutet erlebt und deswegen kaum die Schönheit der Venus zu erleben versucht, aber ich kann mich erinnern. Ich erinnere mich an Nächte an verschiedensten Plätzen auf der Welt, an denen ich den Sternenhimmel in all seiner Macht erleben konnte. Ob es in Rajastan, Marokko, Dänemark oder Dithmarschen war, spielt keine Rolle. Es ist ein erhebendes Erlebnis, einen echten vollen Sternenhimmel erleben zu können. Es gibt nichts, aber wirklich rein gar nichts in der Kultur des Menschen, das diesem Anblick, dem Erleben dieses Anblicks auch nur nahe kommt. Keine Musik von Bach, Mozart, Miles Davis, Jimi Hendrix oder sonst wem vermag das Gefühl zu vermitteln, das mir unter dem Sternenhimmel kommt. Im Gegenteil. Jegliche Musik (und eben genau: Musik – die doch mit das Tollste ist, was wir haben) würde nur stören, denn der erhabene Himmel gebietet Stille. Und in der Stille wächst die Ehrfurcht, die eine spirituelle ist, aber keine religiöse sein muß. Das ist ein Krafttanken (kein „Astro-Eskapismus“) , das nur auf diese Art zu erleben ist. Das kann man natürlich mit dem „Heinz Erhardt – Eskapismus“ auf keinen Fall vergleichen, denn Heinz Erhardt ist ein Einzeller. Aber selbst Giganten wie Bach oder Mozart oder wer auch immer kommen nicht einmal in die Nähe dieser Erhabenheit.
    Es ist ganz klar, daß der Vergleich von A.M. völlig unangebracht ist.
    Aber auch der Hinweis von K.S. auf das Verständnis von Naturwissenschaften scheint mir hier fehl am Platze. Vielleicht hat der in Naturwissenschaften Bewanderte einen anderen Zugang, als der Ungebildete, aber am Ende staunt er auf die gleiche Art. Am Ende bleibt nur das reine Staunen. Egal, wie gebildet der Betrachter in welcher Disziplin auch immer ist.

    Das Schöne an Kommentaren wie diesem ist, daß sie besser ausdrücken, was ich meine, als ich es selber vermag. Ich elender alter Brausekopf. – Ein großes Merci! KS
    PS. Als traurige Ergänzung zu Deinem Schwärmen über den Sternenhimmel nun aber noch dies:

    https://www.ndr.de/nachrichten/mecklenburg-vorpommern/Astronomen-wollen-Dunkelheit-der-Nacht-retten,sternenpark102.html

  20. 20

    Den Job kriegst du, wenn ich UN-Boß werde, versprochen! Und eigentlich wollte ich ja hier meinen Erste-100-Tage-als-Generalsekretär-Plan dafür vorstellen, welcher u. a. die längst überfällige Umsetzung des Morgenthau-Plans einschließen würde, unter dem Motto „Deutschland – keine Gefahr mehr für sich selbst und den Rest der Welt“. Aber das muß ich mir leider für ein anderes Mal aufheben, denn erst muß ich was korrigieren: meinen Kommentar zum Fall Rühmann. Dem ich wenigstens zum Teil unrecht tat. Der Mann hatte sein Gewissen nämlich doch nicht verkauft, jedenfalls nicht komplett.
    Drauf gekommen bin ich so: Gestern hab ich in Carl Zuckmayers „Geheimreport“ (Wallstein, 2002) herumgeblättert, in welchem der in die USA emigrierte Dramatiker anfangs der 1940er für den CIA-Vorgänger OSS die wenigen im Dritten Reich verbliebenen Größen (und die wesentlich zahlreicheren Mittelmaß- und Kleinstformate) des damaligen deutschen Kulturlebens – wenn man’s denn so nennen möchte – porträtierte. In diesem Report spielt natürlich auch der Rühmann eine Rolle. Der sich nicht 1933 und auch nicht 1935, nach der Verabschiedung der „Nürnberger Rassengesetze“, von seiner jüdischen Frau scheiden ließ, obwohl er’s hätte tun können und etliche andere genau das taten, um ihre jämmerlichen Karrieren nicht zu gefährden. Die Scheidung fand erst 1938 statt und erst nachdem Rühmann dafür gesorgt hatte, daß Maria Bernheim – die lt. Zuckmayer ein formidabler Weibsteufel gewesen sein soll – einen schwedischen Schauspieler heiraten konnte und so vor der Judenverfolgung sicher war. Und auch nachdem die von ihm Geschiedene 1943 nach Schweden emigriert war, unterstützte Rühmann sie weiter. Auch das hätte er nicht tun müssen.
    Daß das Geld dafür aus schmutziger Quelle kam, läßt sich allerdings nicht bestreiten. Auch nicht, daß Rühmann nach der Scheidung samt neuer Gattin in eine schicke Wannsee-Villa einzog, die er der Witwe eines jüdischen Kaufhausbesitzers zum Arier-Vorzugspreis abgeluchst hatte.
    Heinz Rühmann hatte wohl ein Gewissen, und er hat es sich in vielerlei Hinsicht abkaufen lassen. Aber eben nicht in jeder. Und immerhin das hat er etlichen seiner seinerzeitigen Künstlerkollegen voraus. Wenn man Carl Zuckmayer Glauben schenken darf, der Rühmann offensichtlich sehr schätzte.

    Deshalb durfte Rühmann auch den „Hauptmann von Köpenick“ unter Helmut Käutner spielen. – Gut, daß Du auf die noble Seite Rühmanns hingewiesen hast. Soviel Fairneß muß schon sein. Aber, um einen meiner Lieblingssprüche hier zu paraphrasieren: „Er ist wie einer von der Heilsarmee, der mit den Zuhältern zockt und dabei seine frommen Lieder singt.“ KS

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