Aphone Aphorismen (10): Lüttje Lage


Dieser Satz ist kein Bonmot, keine Satire. Sondern eine empirisch überprüfbare These.

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Hier die Belege für Zerfall und Zerrüttung des Kaputtalismus in seinem Triumph resp. Finale – die Schlagzeilen des Tages an einem Januarsonnabend im Online-Portal der „Zeit“.

Nur mit einem SPD-Finanzminister
Soll die SPD in Koalitionsverhandlungen gehen? Nicht bedingungslos. Wenn die Union Kanzlerin und Finanzminister stellt, gibt es keinen europäischen Aufbruch.
Ein Gastbeitrag von Gesine Schwan
Zeit.de, 20.1.2018

Augen auf beim Sex
Eine Frau stürzt vom Balkon, eine bekannte Architektin verschwindet spurlos und unter der Dusche wird’s klebrig. Die Kölner „Tatort“-Ermittler gehen dahin, wo es wehtut.
Aus der Serie: Tatort-Kritikerspiegel
Zeit.de
, 20.1.2018

Nutzer sollen bewerten, welchen Medien sie vertrauen
Im Kampf gegen Fake News will Facebook künftig Nutzer befragen. Sie sollen bewerten, welche Nachrichtenquellen sie für glaubwürdig halten. Das sei eine objektive Lösung.
Zeit.de, 20.1.2018

Erdoğan verkündet Bodenoffensive gegen syrische Kurden
Die Türkei hat begonnen, die syrisch-kurdische Miliz YPG auch auf dem Boden zu bekämpfen. Die USA hatten Ankara vor einem Militärschlag gewarnt.
Zeit.de, 20.1.2018

Die USA stehen still
Ausgerechnet zum Jahrestag von Donald Trumps Amtsübernahme fehlt vielen Bundesbehörden der USA die Finanzierung. Der Shutdown wird für einen politischen Kampf genutzt.
Zeit.de, 20.1.2018

Von Trump verlassen
US-Präsident Trump wollte die Stahl- und Kohlejobs zurückbringen. In Ohio ist davon nichts zu sehen. Trotzdem müssen Gewerkschafter gegen seinen Heldenmythos kämpfen.
Zeit.de, 20.1.2018

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Andererseits höre ich vorhin auf NDR Info, im allabendlichen „Echo des Tages“ (Mo. bis So. um 18.30 Uhr) einen arttypischen „Hauptstadtjournalisten“ namens Jörg Seisselberg über die Zerrissenheit der SPD in der Frage einer neuerlichen Großen Koalition berichten.

In der Einleitung seines Dreieinhalb-Minüters (im Podcast ab 10‘17“) bemüht Seisselberg, der sein Handwerk als Sportreporter, hüstel, lernte, eine Metapher, die ebenso verlogen wie vergammelt, gleichermaßen voreingenommen und kitschig ist (ich habe die betreffende Stelle kursiviert):

Eine weitere Marathonwoche liegt hinter ihm. […] Auf die Frage, wie es ihm gehe, kurz vor dem Showdown, sagt Martin Schulz: „Gut!“ […] ‚Herz oder Kopf‘ ist die Frage in Bonn, wenn die SPD darüber entscheidet, ob sie einen weiteren Schritt in Richtung Große Koalition geht oder nicht. Das Herz – die Emotion – sagt nein zur Groko […]. Auch Parteichef Schulz wirbt für eine pragmatische Entscheidung – für Kopf statt Herz.

Die Vernunft, so lernen wir, wohnt bei jenen, die Marathon laufen, damit sich bitte nix bewegt. Seisselberg, der Politik so pseudokritisch, pseudoironisch betrachtet wie vordem den Profisport, kommt nicht mal auf die Idee, daß die innerparteilichen Gegner einer weiteren Großen Koalition aus rationalen Gründen Widerstand üben. Das leuchtet dem Seisselberg in den neoliberalen Schatten seines Geistes nicht ein, dafür ist er von seiner eigenen Schlauheit viel zu stark geblendet. Das Herz sagt nein, der Kopf aber nickt – an den Bildern, die sie sich nicht vorstellen können, sollt ihr sie erkennen, die Schmöcke, die Koofmichs, die Kasperlefiguren: Das hat Karl Kraus neben vielem anderen gültig gelehrt.

Wenn die öffentlich-rechtliche Journalistik sich so unverhohlen und dreist zur Vertretung bestimmter, merkelnaher Interessen macht und synchron so tut, als wäre sie objektiv (indem Seisselberg die SPD-Abweichler Bülow und Kühnert kurz und knapp zu Wort kommen läßt) – wenn, also, die Medien ihre eigene Ethik so sehr verraten, machen sie Meinung. Und weil die gebotene Neutralität und die etwas größenmwahnsinnige Parteilichkeit des Korrespondenten ums Verrenken nicht zusammenpassen, kommt ein schiefes Sprachbild heraus, solch eine Trivialität, so‘n Gewäsch:

Die Dynamik des Parteitages ist ungewiß. die Antwort auf die Frage ‚Herz oder Kopf‘ offen.

Merke: die Herrschaftshörigkeit einer „Reportage“ äußert sich im Kitsch ihrer Metaphern.

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Es gibt „sie“ nicht, die Bilderberger- oder die Zionistenverschwörung, es hat sie niemals gegeben. „Sie“, die allmächtigen Strippenzieher und Puppenspieler, die Masterminds, müssen ganz schöne Trottel sein, sieht man sich an, was ihre vermeintlichen Propagandisten darbieten. Das ist so dilettantisch, chaotisch, inkohärent wie die Sprache der Meinungsbildner – ein Sumpf, in dem die Phrasen blubbern. Das Herz des staatstragenden Journalisten mag eine Mördergrube sein, der Kopf ist Salat. (Um eine miese Metapher mal richtig zu quälen.)

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Was ich längst mal feststellen wollte und sollte –: Da draußen sind sehr, sehr viele Kolleginnen und Kollegen unterwegs, die sich selbst durchaus nicht so ernst nehmen wie ihre Themen, die zu ihrer schönen Mutter Sprache ein liebendes Verhältnis pflegen und die nachdenken, bevor sie was hinterlassen.

In einer meiner liebsten Radio-Ewigserien, dem „Zeitzeichen“ auf (schon wieder:) NDR Info (von Mo. bis Fr. um 20.15 Uhr, am Wochenende 70 Minuten früher) – in diesem „Zeitzeichen“ also wurde am Samstagabend (als wollte der Weltgeist mich versöhnen mit dem Zerfall der bürgerlichen Demokratie und deutschen Sprache) eine Würdigung der inkommensurablen Audrey Hepburn gesendet, aus Anlaß ihres 25. Todestages. (Mein Gott, so lange ist sie schon dahin!)

Verfaßt und gesprochen hat das Kalenderblatt Christiane Kopka, und sie erledigt ihren Auftrag respektvoll, kenntnisreich, inspiriert, wenn nicht gar: beseelt. Kein Klatsch oder Tratsch, sondern die Nußschale eines bedeutenden Lebens, besser: die Essenz eines außerordentlichen Menschen. Destilliert in goldrichtigen Worten und Zitaten. Zum Beispiel in diesen Sätzen, in denen Hepburn sich ihrer Jugend im Holland unter den Nazideutschen erinnert:

Die schrecklichen Dinge, die Sie über Nazis hören oder lesen, tun Sie die niemals als übertrieben ab. Es war noch viel schrecklicher, als Sie es sich vorstellen können.

Die Empfindsamkeit und die Liebenswürdigkeit dieser einzigartigen Frau verwandelten ihre Umwelt unmittelbar. Einer der großen Götter des Hollywood-Pantheons, Billy Wilder, erzählt:

Wenn Audrey kam, sprach keiner mehr ein dreckiges Wort. Jeder drückte sich dann gewählt aus – obwohl sie keineswegs prüde war.

Sofern es je eine Elfe gab im magischen Königreich des Kinos, dann war La Hepburn eine. Und mehr! Henry Mancini, der Ahnung hatte von so was, sagte über Hepburns Interpretation seines Schlagers „Moon River“:

Niemand hat diesen Song schöner gesungen als sie.

Siehe unten. – Es ist auf jeden Fall eine Kunst, ein Leben so sympathisch und eindrucksvoll zusammenzufassen, wie Kopka es in ihrem Zeichen der Zeit tut.

Noch also ist der Zerfall nicht überall! Noch ist Trost. Da und dort.

Sie müssen nur hinhören! Zwischen all diesem Geräusch, diesem Geschrei (demnächst an dieser Stelle: eine Würdigung der „Löwin“ A. Nahles; d. Admin), diesem Knirschen des Apparats.

Hören und sehen Sie einfach mal hin! Ach, schmacht: 

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Dienstag, 23. Januar 2018 21:08
Abteilung: Aphone Aphorismen, Die Spezies hat‘s verkackt, Kaputtalismus

2 Kommentare

  1. 1

    Audrey Hepburn ist eine wunderbare Frau. Und „Moon River“ hat sie ganz wunderbar gesungen. Für die Holly Golightly in der Verfilmung von „Breakfast at Tiffany’s“ war sie allerdings nicht die ideale Besetzung. Da stimme ich Truman Capote zu, der für die Rolle lieber Marylin Monroe gehabt hätte. Die hätte auch meiner Meinung nach besser gepaßt, weil sie weniger zart und elfenhaft war, manchmal sogar ganz schön hexenhaft. Capotes Holly Golightly war nämlich ein ziemlich wildes Mädchen! Ich glaube jedenfalls, daß der Film mit der Monroe ein ganz anderer geworden wäre. Und, wir werden’s nie rausfinden, vielleicht sogar ein besserer. Was nichts daran ändert, daß die Hepburn eine ganz und gar zauberhafte Person gewesen ist. Und alles andere als bloß ein süßes Dummchen, wie ihr Kommentar zu den Nazis zeigt.
    Apropos Dummchen. Bzw. apropos dumm, denn der Diminutiv passt hier nicht so gut. Andrea Nahles? Himmel hilf! Wie konntest du nur das kreischstimmige Trampeltier aus der Eifel in einem Absatz nennen mit der graziösen Audrey? Und überhaupt: Willst du sie wirklich einer Analyse würdigen, die „Löwin“ (hihi) des desolaten Sozen-Rudels? Diesen unverdaulichen Absud aus hysterischer Tantenhaftigkeit, geheucheltem Optimismus und geschwätzigem Selbstbetrug? Denk ich an Nahles‘ jüngste Auftritte im Bundestag, fallen mir gleich noch mehr Fragen ein: Fängt das Tourette-Syndrom an, wo das Nahles-Syndrom aufhört, oder gibt es Überschneidungen? Könnte ein guter Therapeut der armen Frau noch helfen? Oder hülfe Baldrian? Valium? Ritalin? Oder hülfen doch nur schalldichte Wände?
    O je, ich glaub, das war jetzt schon eine kurze Analyse, wenn auch eine mit einigen Fragezeichen. Aber braucht’s denn wirklich eine ausführlichere? Sollte man über derart Schauriges nicht besser den Mantel des Schweigens breiten?
    Andererseits – wenn diese Dame eins nicht kann, dann ist es es: die Klappe halten. Oder darüber schweigen, worüber sie nicht (vernünftig bzw. ehrlich) reden kann. Was ja so ziemlich alles wäre. Insofern hätte sie ein entsprechendes Echo natürlich schwerstens verdient. Und darauf bin ich, ich geb’s zu: gespannt.

    PS.
    Andrea Nahles soll lt. Wikipedia in der Abiturzeitung ihres Jahrgangs als Berufswunsch „Hausfrau oder Bundeskanzlerin“ angegeben haben. Da ich mir kaum vorstellen kann, daß irgendwer dieses Frauenzimmer auf Dauer im Haus haben möchte, fürchte ich nun das Allerschlimmste. Nochmals: Die Nahles? Himmel hilf!

    Du hast absolut recht: Audrey Hepburn und Andrea Nahles in einem Absatz zu verbinden, gehört sich nicht. Ich bitte um Pardon. KS
    PS. Nahles‘ Ehemann hat sich nach nur sechs Jahren in die blökfreie Komfortzone verzogen. Ich verstehe ihn so was von gut.

  2. Stefan Zimmermann
    Sonntag, 28. Januar 2018 13:58
    2

    Danke für diese so treffende wie berührende Sonntagslektüre.

    You’re welcome. KS

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